Ausgebrannte Presse – oder wenn der Journalist zum Aktivisten wird

Teile der Bewegung legen Wert darauf, nicht rechts zu sein. Hier muss die Kritik an der fehlenden Abgrenzung ansetzen. Foto: photoheuristic.info /

Corona-Proteste: Trotz mancher Bedrohung sollten Journalisten differenziert über Beteiligte und Beweggründe berichten. Kritik an fehlender Abgrenzung nach rechts setzt genau das voraus

Unter dem Hashtag #AusgebranntePresse wurde kurz vor Jahresende über die Übergriffe auf Journalistinnen und Journalisten auf Demonstrationen von Kritikern der Corona-Maßnahmen gesprochen. Auch wurden auch Videos über solche Angriffe veröffentlicht. Es ist richtig und notwendig, dass Medienvertreter unterstützt werden, wenn sie solchen Angriffen ausgesetzt sind, egal, woher sie kommen. Doch auffallend ist, dass sich die Diskussion fast ausschließlich auf Angriffe aus dem Spektrum der Corona-Proteste beschränkt.

Zum Thema "ausgebrannte Presse" würden einem doch auch die miserablen Arbeitsbedingungen einfallen. Schließlich ist der Mediensektor ein role model für prekäre und schlecht bezahlte Arbeit. Davon könnten gerade freie Journalisten und Fotografen sicher viel berichten. Doch genau diese Arbeitsbedingungen im Mediensektor sind hier allenfalls ein Randfaktor. Dabei könnte doch hier auch ein Grund liegen, warum die Journalisten und Fotografen immer wieder auf diesen Aufmärschen anwesend sein müssen, wo sie dann angegriffen werden.

Wenn man ihre Statements liest, hat man den Eindruck, dass sie die Arbeitsbedingungen ausblenden. Es wird kaum thematisiert, dass Journalismus eben ein Beruf ist, in dem viele der Kolleginnen und Kollegen im prekären Sektor nicht in der Lage sind, einen guten Preis für ihre Arbeitskraft zu erzielen.

Bei manchen Beiträgen hat man allerdings den Eindruck, dass die Journalisten nicht vor Ort sind, weil sie mit den Berichten und Fotos ihr Geld verdienen, sondern weil sie es als ihre Verpflichtung ansehen, das Treiben der Corona-Maßnahmenkritiker immer wieder an die Öffentlichkeit zu bringen. Das wird schon in der Erklärung des italienischen Fotografen Resi Lucetti deutlich, die am Anfang von #AusgebranntePresse stand.

Da berichtete er über die verschiedenen Angriffe, denen er ausgesetzt war, aber auch über die Härte des prekären Journalistenlebens. Seine Kollegen und er seien geleakt worden, mit körperlichen Konflikten konfrontiert und könnten eigentlich nur noch mit Begleitschutz auf Demos gehen. "Wir kompensieren das teilweise mit Alkohol oder Drogen. Wir brennen aus und es ist kein Ende in Sicht." Da hätte man sich einen Blick auf die Arbeitsbedingungen gewünscht, die es dem Kollegen nicht möglich machen, eine Auszeit zu nehmen. Stattdessen kommt am Ende ein klar politisches Bekenntnis:

Ich werde gegen euch weiterhin ankämpfen. Und ich werde euch für diese Scheiße niemals in Ruhe lassen. Das schwöre ich euch aus meinem tiefsten Herzen. Sobald dieser Schrott vorbei ist, ist es unsere gemeinsame Aufgabe dafür zu sorgen, dass diese Menschen nie wieder Fuß fassen.

Resi Lucetti, Fotograf / #AusgebranntePresse

Wieviel Aktivismus verträgt kritischer Journalismus?

Das liest nun in der Tat nicht wie das Lamento eines prekären Journalisten, der darüber klagt, dass er aus beruflichen Gründen gezwungen ist, ständig auf "Querdenker"-Demonstrationen aufzulaufen, obwohl er nicht dort sein will und dort auch nicht gern gesehen wird. Das Statement liest sich wie das Bekenntnis eines Aktivisten, der alles tun will, um solche Demonstrationen zu verhindern. Aber kann genau das die Aufgabe eines Journalisten sein?

Nun soll hier nicht plötzlich da Loblied auf einen objektiven Journalismus gesungen werden, den es nie gegeben hat. Aktivismus und Journalismus sollen hier nicht als absoluter Gegensatz dargestellt werden. Es ist völlig richtig, dass Medienvertreterinnen und -vertreter auch eine gesellschaftspolitische Rolle haben und diese wahrnehmen.

Wenn jemand diese Art Proteste gegen die Corona-Maßnahmen für falsch und gefährlich hält, soll das auch in seinen Beiträgen darüber zum Ausdruck kommen. Aber dann soll es eine journalistische Kritik sein und nicht einfach ein Bekenntnis, alles zu tun, damit diese Bewegung endet. Wie ein Künstler hat auch ein Journalist spezifische Mittel, mit denen er arbeiten kann.

In diesem Fall ginge es eben darum, mit journalistischen Mitteln herauszuarbeiten, was das besonders Gefährliche an der Bewegung sein soll. Das kann nicht einfach durch das Bekenntnis, dass man die Bewegung hasst, ersetzt werden.

Erst wahrnehmen, was die Bewegung ist, dann Kritik üben

Gerade nicht bei einer solch diffizilen Bewegung, wie es die Gegner der Corona-Maßnahmen sind. Wenn man die Bekenntnisse eines Resi Lucetti liest, hat man den Eindruck, er spricht von einer reinen Neonazi-Demonstration. Aber genau damit wird er der Bewegung nicht gerecht. Es ist ja gerade das Kennzeichen dieser Bewegung, dass Leute aus der "Mitte der Gesellschaft" sowie aus dem Alternativmilieu neben erklärten Rechten laufen.

Diese fehlende Distanz nach Rechtsaußen wurde auch immer von journalistischen Beobachtern angesprochen, die deshalb nicht die gesamte Bewegung in die rechte Ecke stellten. Sie haben damit eigentlich die prägnanteste Kritik an der Bewegung geäußert, weil sie zunächst ihre Heterogenität wahrgenommen und darauf ihre Kritik aufgebaut haben.

Hier sei an die Reportage von Susann Witt-Stahl über einen Aufmarsch der Maßnahmen-Kritiker in Hamburg erinnert, die im Neuen Deutschland erschien. Dort kommen unterschiedliche Postionen von der Demonstration zu Wort, sowie Positionen von Linken, die nie auf diese Demonstration gehen würden, aber bestimmte Kritikpunkte nachvollziehen können.

Dann wird klar die mangelnde Bereitschaft zur Abgrenzung nach rechts herausgearbeitet. Ähnlich hat Gerhard Hanloser in Beiträgen für Telepolis, in der Wochenzeitung Freitag und im Neuen Deutschland über verschiedene Aktivitäten der Maßnahmen-Kritiker in den letzten beiden Jahren berichtet. Dabei war kennzeichnend, dass Hanloser eine Neugier hatte, wer auf diese Demonstrationen geht.

Auch bei seiner grundsätzlichen Kritik am Konzept der Aufmärsche war er interessiert daran, was die Menschen zu sagen haben, was sie bewegt. Das muss die Aufgabe eines kritischen, auch aktivistischen Journalismus auf solchen Demonstrationen sein.

Distanz zum Staat

Ein Journalist sollte deren Demonstrationen nicht wie eine feindliche Aktivität verstehen, die er verhindern will. Ein Journalist ist weder Soldat noch Polizist. Dieses Rollenverständnis vermisst man in den Diskussionen, die der Hashtag "Ausgebrannte Presse" ausgelöst hat. So schreibt die Journalistin Sarah Ulrich in der taz über die Rolle der Medien bei den Corona-Protesten:

Die Journalist:innen sind dort, um das zu tun, was Presse tun sollte: Über Gefahren für die Demokratie berichten. Denn die Gefahren für die Demokratie lauern in Städten wie Bautzen, Freital oder Eisenach. Wo 50, 100 oder 200 Menschen unangemeldet zu „Spaziergängen“ zusammenkommen und die Polizei manchmal gar nicht erst auftaucht.

Sarah Ulrich, taz

Hier werden die Aktivitäten von Kritiker der Corona-Maßnahmen nur noch unter dem Stichwort "Gefahr für die Demokratie" gesehen – und die Presse soll der Warnmelder sein. Unter Linken gab es in den 1980er-Jahren den polemischen Begriff des "Staatsschutzjournalismus", wenn damals Medienvertreter in der Berichterstattung über linke Aktivitäten sich kaum von Stimmen des Verfassungsschutzes unterschieden.

Heute besteht die Gefahr, dass diese Staatsschutzlogik auch bei großen Teilen selbst linker und linksliberaler Medien gar nicht mehr hinterfragt wird. Dass es sich erst mal um Aktivitäten handelt, die unter das Versammlungsrecht fallen, fällt dann ganz unter dem Tisch. Die Polizei wird kritisiert, weil sie nicht schnell und energisch genug eingreift. Wer wird da noch kritisch darüber berichten, wenn die Polizei die Demonstration behindert. Genau darüber zu berichten, war noch vor 20 Jahren ein wichtiger Bestandteil einer kritischen Gegenöffentlichkeit und eines aktivistischen Journalismus.

Wenn Fotos nicht das gewünschte Ergebnis bringen

Wohin es führt, wenn man nicht mehr mit einer gewissen Offenheit auch die Corona-Proteste journalistisch begleitet, berichtet der bekannte Schweizer Fotograf Maurice Weiss von der Agentur Ostkreuz in einem Interview in der Wochenzeitung Freitag:

Ich habe bei der ersten großen Corona-Demo am 18. November 2020 Fotos gemacht, nicht am Brandenburger Tor, wo die rechten Schläger waren, sondern an der Marschballbrücke, wo sehr durchschnittlich wirkende Leute von der Polizei weggetragen wurden. Sie zeigen oberflächlich etwas, das wir seit den 1960ern kennen: David gegen Goliath, hier friedliebende Bürger, dort die brachiale Staatsmacht. Erlebt habe ich etwas anderes. Das Aggressionspotenzial der Demonstranten wird nicht sichtbar. Ich habe die Bilder daher nicht freigegeben. Irgendwann möchte ich bei Ostkreuz zur Diskussion stellen, was wir damit machen.

Maurice Weiss, Fotograf

Dabei wäre es doch gerade interessant gewesen, die Corona-Proteste in ihrer Unterschiedlichkeit zu zeigen und auch zu kritisieren. Die Menschen, die an der Marschallbrücke von der Polizei weggetragen werden, gehörten genau so zur Realität der Demonstration wie die erwähnten Rechten.

Wenn solche Bilder nicht mehr gezeigt werden, aus Angst, man würde die Demonstration dann nicht gefährlich genug präsentieren, dann ist das eine problematische Form von Selbstzensur und vielleicht ein Symptom einer ausgebrannten Presse. Wenn dann beispielsweise die hessische Landesregierung mit Verweis auf den Schutz der Presse das Demonstrationsrecht einschränken will, ist es höchste Zeit für kritische Journalisten, klarzustellen, dass man sich hier von keiner Seite instrumentalisieren lässt.

(Peter Nowak)