Ausgelaugt und überlastet: Menschen in der deutschen Arbeitwelt

Wann endlich stellt eine Bewegung den Widerstand gegen Leistungsdruck und Verschleiß von Lohnabhängigen ins Zentrum ihrer Politik?

Die Überlastung und Auslaugung von Menschen in der deutschen Arbeitswelt beschäftigt die Öffentlichkeit gegenwärtig weit weniger als die Belastung und Inanspruchnahme der nichtmenschlichen Natur. Viele Arbeitende stehen unter ständigem Stress, die Arbeitsanforderungen zu schaffen.

Ihre Fähigkeiten, ihre Energien und ihre Aufmerksamkeit werden ausgepresst wie der Saft einer Zitrone. An Personal gilt es allenthalben zu sparen, bei den Arbeitsanforderungen gibt es von Seiten der Unternehmens- und Organisationsleitungen tendenziell kein "genug".

Das Ausmaß der Zumutungen

Die Konsequenzen sind drastisch:

Mehr als ein Drittel der Beschäftigten fühlen sich am Ende eines normalen Arbeitstages zu erschöpft, "um noch irgendetwas tun zu können, was mir Freude macht" (DAK Gesundheitsreport 2012). […] Mit arbeitsbedingter Erschöpfung verbunden ist die Unfähigkeit vieler Menschen, nach der Arbeit abschalten zu können: Hiervon betroffen sind 32 Prozent aller Erwerbstätigen (Vorwerk Familienstudie 2012). Die Zahlen nehmen seit Jahren zu. In der Informationstechnologie (IT-)Branche gaben 2001 noch 40 Prozent der Beschäftigten an, nach Dienstschluss nicht abschalten zu können, 2009 waren es 71 Prozent (IAQ-Report 2010). […] 68 Prozent der Betriebsräte von in Deutschland angesiedelten Unternehmen gaben in einer Umfrage an, Leistungsdruck und allgemeiner Stress habe seit der Wirtschaftskrise 2008/2009 deutlich zugenommen.

Joachim Bauer (2015, 72)

Selbst die 30-jährige CDU-Bundestagsabgeordnete Diana Kinnert sagt: "Meine Generation kennt nur die Disruption. Wir arbeiten projektbasiert und befristet, was zu einer Art Selbstausbeutung führt. […] Viele junge Menschen fühlen sich ausgeliefert und wissen keinen Weg, sich zur Wehr zu setzen" (taz, 29.9.2021).

Dass die Erhöhung des Renteneintrittsalters keinen Aufstand auslöst, ist ein Symptom. Alle, die für diese Erhöhung eintreten, zeigen praktisch, wie sie es mit der allgemein befürworteten Maxime halten, der zufolge "der Mensch im Mittelpunkt stehen" soll. Judith Wiese, die Personalchefin von Siemens, sagt mit größter Selbstverständlichkeit1:

Meine Kinder haben 50 Jahre Berufsleben vor sich, und es ist sehr wahrscheinlich, dass ihr Beruf sich mehrfach ändert und mehrfach neu erlernt werden muss. Deshalb führen wir bei der Jobsicherheit oft die falsche Diskussion: Wir sollten weniger versuchen, Dinge vor der Veränderung zu beschützen. Wir müssen viel mehr investieren, um die Menschen stark zu machen und für 50 Jahre Berufsleben relevant zu halten.

Menschen sind die abhängige Variable, die es "relevant zu halten" gilt für die jeweils neuen Anforderungen der Wirtschaft. Nicht die Arbeitssituation soll an die Menschen angepasst werden, sondern umgekehrt. Soweit der Klartext. Die Selbstdarstellung von modernen Unternehmen lautet beispielsweise: "Wir bei Peek & Cloppenburg wissen: Was wirklich zählt, sind die Menschen, die in unserem Unternehmen arbeiten" (Karrieremagazin von Peek & Cloppenburg 2013, S. 3).

Was für das Unternehmen zählt, ist, dass die Arbeitenden sich voll einbringen, mit all dem, was sie zu bieten haben, und nichts der Verwertung vorenthalten. Das gegenwärtige Management redet viel vom Selbständigkeit und Kreativität der Arbeitenden. Zugleich gibt es bei aller Dezentralisierung und Teilautonomie von Arbeitsbereichen harte Vorgaben in Bezug auf die Produktivität und Rentabilität der Arbeit.

An Reichtum fehlt es nicht

Die Logik des kapitalistischen Betriebs - möglichst viel Profit bei möglichst geringen Arbeitskosten - greift auch auf andere Bereiche (z. B. das Gesundheitswesen) über. Und wenn dies nicht direkt geschieht (z. B. in privaten Krankenhäusern), dann stehen die unprofitablen Bereiche der Gesellschaft ("öffentlicher Dienst") im Kapitalismus unter Druck, möglichst wenig kosten zu sollen.

Die Ideologie "es ist nicht genug Geld da" hat viele Anhänger. Das wird so lange andauern, wie nicht von relevanten Teilen der Bevölkerung begriffen wird, dass die kapitalistische Ökonomie eine große Quelle von Verschwendung bildet. Sie findet statt z. B. infolge des geplanten Verschleißes bzw. der künstlichen Verkürzung der Lebensdauer von Produkten. "Müssten die Verbraucher nicht ständig neue Produkte kaufen, weil die alten zu früh kaputtgehen, blieben ihnen im Jahr 100 Milliarden Euro übrig" (Süddeutsche.de, 20.3.2013).

So das Ergebnis der 2013 erschienenen Studie "Geplante Obsoleszenz. Entstehungsursachen - Konkrete Beispiele - Schadensfolgen - Handlungsprogramm" von Stefan Schridde und Christian Kreiß, die im Auftrag der Bundestagsfraktion der Grünen erstellt wurde.

Praxisnah über die verschiedenen Dimensionen des geplanten Verschleißes informiert der Ingenieur Stefan Schridde (2014). Diese Verschwendung kann in einer nachkapitalistischen Gesellschaft entfallen. Die kapitalistische Ökonomie orientiert sich zudem an der Produktion von Gütern, deren Kauf infolge herrschender gesellschaftlicher Rahmenbedingungen nahe liegt, obwohl gesamtgesellschaftlich andere, kostengünstigere Mittel existieren.

Ein Beispiel: Mobilität erfordert keine Dominanz des Autoverkehrs. Ein Verkehrswesen, in dem der öffentliche Personenverkehr, Sammeltaxis, Car-Sharing u. ä. das Primat haben, ist kostensparender als der motorisierte Individualverkehr. Autos, in denen eine Person fährt und die 23 Stunden am Tag stillstehen, stellen eine gigantische Verschwendung von Arbeit, Ressourcen und Geld dar.

Es ist in unserer Gesellschaft genug Reichtum da, um das Arbeiten menschlicher zu gestalten. Am mangelnden Reichtum liegt es nicht, dass Altenpfleger in Altenheimen so gehetzt arbeiten müssen, dass ihnen nur zwei Minuten Zeit bleibt, um sich von einer von ihnen betreuten Person zu verabschieden, wenn sie gestorben ist.

Es gibt viele Beispiele, an denen die Perversion der Überbeanspruchung von Arbeitenden in einer reichen Gesellschaft deutlich wird. Umso mehr bedrückt es, dass daraus keine Bewegung entsteht, die massiv gegen die Überforderung und Auslaugung der Menschen in der Arbeitswelt eintritt und dies ins Zentrum der politischen Auseinandersetzung stellt.