Ausgezeichneter Journalismus

Fragwürdiges Wahlverfahren

Die Vorschläge mit Begründungen fließen in eine alphabetische Nominierungsliste pro Kategorie ein. Alle "medium magazin"-Juroren erhalten diese umfangreiche Nominierungsliste (Stichtag: 15.11.). Im Sinne der Transparenz für alle Jurymitglieder kann die Wahl kann (sic!) ausschließlich aus dieser allen zugänglichen Liste mit den anonymisierten Begründungen der Jurymitgliedern (sic!) und Quellen-Verweise auf potentiell preiswürdige Einzel-Beiträge getroffen werden. Sie sowie eigene Recherchen der Juroren zur Meinungsbildung bilden die Grundlage für die Entscheidung der Jury, die jeweils drei Kandidaten in jeder Kategorie auf die Plätze 1 bis 3 wählen.

medium magazin

Die Juroren nominieren also nicht nur die Auszuzeichnenden, sondern sie schreiben auch gleich noch die Begründung dafür selbst und versehen diese am Besten ferner mit Quellenverweisen auf Einzelbeiträge. Das erscheint auf den ersten Blick vielleicht plausibel, auf den zweiten Blick hingegen ist dieses Verfahren durchaus anfällig. Bei den Hauptpreisen und Hauptkategorien mag dieses Vorgehen kein Problem sein. So sind Holger Stark und Marcel Rosenbach vom Spiegel die Journalisten des Jahres 2013 geworden. Ihre Rechercheleistungen sollen den "Scoop zum Konfliktstoff des Jahres" geliefert haben: die NSA-Affäre. Bei diesen und vielen anderen ausgezeichneten Journalisten bedarf es keines besonderen Begründungstextes. Die Artikel bzw. Arbeiten der jeweils Nominierten haben die Jurymitglieder im Laufe des Jahres gelesen und können so die besondere Leistung entsprechend würdigen. Nur, wie sieht das in einer weniger bekannten Kategorie aus?

Wie viele Jurymitglieder haben sich die Mühe gemacht, auch die Beiträge eines geringfügiger prominenten Kandidaten, der für ein Medium mit vornehmlich lokaler Reichweite schreibt, zu lesen? Zumal sich ein Großteil der Artikel auch noch hinter einer Paywall verbirgt. Es liegt die Vermutung nahe, dass in solchen - zugegebener Maßen seltenen - Fällen lediglich, die Referenzartikel gelesen werden.

Durch dieses Verfahren kann der Begründungstext eine entscheidende Rolle spielen. Wie im obigen Zitat erwähnt, obliegt es den Jurymitgliedern selbständig zu recherchieren. Nur ist der Stichtag für die Nominierungen der 15. November und Ende Dezember ist die Wahl bereits abgeschlossen. Ausgezeichnet wurden 2013 rund 100 Journalisten. Wie vielen potentiellen Preisträgern wird hinterher recherchiert? Wie viele Artikel werden gelesen? Wie viel Zeit nehmen sich die Juroren über Weihnachten?

Auf Nachfrage bei einigen Jurorinnen und Juroren ergibt sich ein uneinheitliches und wenig aussagekräftiges Bild. Ganz nach der Logik des sozialadäquaten Antwortverhaltens wird darauf verwiesen, allen Nominierten nachrecherchiert zu haben. Zumindest einen Nachmittag lang. Lediglich Honorarprofessor Axel Buchholz konstatiert:

ich habe das so gemacht: 1. Wenn mir in einer Kategorie die Kompetenz fehlte, habe ich kein Votum abgegeben. 2. Wenn ich nicht ganz sicher war, habe ich Kollegen/innen um Rat gebeten, die ich einschlägig für besonders kompetent hielt.

Axel Buchholz

Ohne die Antwort über zu bewerten, kann sie dennoch als Anzeiger für das besondere Problem der Kategorie Reporter Lokal bzw. Regional dienen. Da für diesen Bereich möglicherweise weniger Expertise vorhanden ist, wird auch nicht auf die profunde Entscheidung einer 80-köpfigen Jury zurückgegriffen, sondern die Wahl unterliegt zahlreichen Verzerrungen.

Es scheint zumindest eine nicht geringe Wahrscheinlichkeit zu bestehen, dass ein gut formulierter Begründungstext zusammen mit ein, zwei ausgewählten Artikeln den Ausschlag für die Platzierung geben kann. Die Chefredakteurin des medium magazin bemerkt allerdings:

Wir - d.h. das redaktionelle Team, das die Wahl seit Jahren organisiert - sind seit Jahren bemüht, mit akribischer Sorgfalt die Jury-Angaben zu den Preisträgern zu verifizieren bevor sie in die 2. Nominierungsphase gehen und letztendlich in die Preisbegründungen einfließen.

Es ist davon auszugehen, dass dies mit größter Aufmerksamkeit tatsächlich geschieht. Aber auch hier gilt: Wie viel Zeit und Energie wird in die Verifizierung einer gut geschriebenen Begründung gesteckt? Vor allem, wenn der Nominierte von mehreren, vielleicht sogar besonders prominenten Juroren vorgeschlagen wurde.

Der Begründungstext der Jury für die Wahl bzw. Platzierung der Ausgezeichneten ist eine Zusammenführung der Nominierungsbegründungen, so Milz.

…hat wesentlich zur Aufklärung des Falles Mollath beigetragen. Dabei reproduzierte er nicht das Klischee des unschuldig Verurteilten, sondern breitete die komplexe Geschichte eines Querulanten aus, der so massiv mit dem System kollidierte, dass dieses seine Schwächen offenbarte.

Anette Milz

Dass Otto Lapp wesentlich zur Aufklärung des Falles Mollath beigetragen hat, ist schlichtweg falsch und eine maßlose Übertreibung. Falsch ist es, weil der Fall Mollath noch gar nicht aufgeklärt ist. Falsch ist es, weil gänzlich andere Journalisten wesentlich dazu beigetragen haben, den Fall Mollath überhaupt erst zu einem solchen zu machen. Die ebenfalls vom medium magazin ausgezeichneten Journalisten Przybilla und Ritzer von der Süddeutschen Zeitung, die bereits erwähnten Beres und Anthes von Report Mainz oder Michael Kasperowitsch von den Nürnberger Nachrichten haben sich hier verdient gemacht. Lapp springt erst auf die Berichterstattung auf, als diese längst in anderen Medien breit diskutiert wird. Was ist dann die Leistung Otto Lapps gewesen? Wofür wurde er genau ausgezeichnet?

Seriöser Journalismus?

Otto Lapp hat einen ganz wesentlichen Beitrag geleistet. Er hat "der Gegenseite", wie es sein Chef Joachim Braun formuliert, Gehör verschafft. Das wäre ein Beitrag gewesen, der ganz sicher auszuzeichnen wäre. Schließlich kommt die Gegenseite viel zu wenig zu Wort, was allerdings wohl auch dem Umstand geschuldet ist, dass einige Protagonisten "der Gegenseite" nur mit ausgewählten Journalisten reden wollten. So seien allen voran die Journalisten der Süddeutschen Zeitung verhaftet in der "Opfer-Logik". "Seriös geht anders", weiß der Chefredakteur des Nordbayerischen Kuriers über seine Konkurrenz zu urteilen.

Das wäre dann ein möglicher Grund, warum Otto Lapp nominiert und ausgezeichnet wurde. Es könnte die scheinbar seriöse und vorbildliche Art sein, mit der Lapp recherchiert hat und mit der er der Gegenseite eine Stimme verliehen hat, die bei den "Mainstream-Medien", so Braun, "wenn überhaupt, nur in wenigen Zeilen zu Wort [kommt] oder mit dem Hinweis, dass keine Auskunft zu bekommen sei."

Seriöser Journalismus im Sinne des Nordbayerischen Kuriers klingt gänzlich anders:

12. April 2013

"Der Leiter der Forensik in Bayreuth ist sehr vorsichtig bei Äußerungen. […] Er könnte schon etwas sagen - wenn er dürfte. Schweigepflicht."

"Der Betreuer sagt nichts, Schweigepflicht."

26. April 2013

"Die damals zuständige Rechtsanwaltskanzlei in Waldshut-Tiengen beruft sich auf ihre Schweigepflicht und sagt nichts."

"Von ihr gibt es keinen Kommentar dazu."

"Weitergehende Auskünfte verbiete ihm die Schweigepflicht."

Und selbst beim Interview mit der "Gegenseite": "Jetzt spricht sein Gutachter" (Paywall), wird nichts über den Fall gesagt, denn zu jeder inhaltlichen Frage kommentiert Leipziger: "Das kann ich wegen der Schweigepflicht nicht beantworten."

Das klingt nicht viel seriöser. Auch Lapp bekommt also letztlich keine Auskunft zum Fall. Wenn, ja wenn da nicht die anonymen Hinweisgeber wären:

12. April 2013

...sagt ein mit dem Fall befasster Jurist. Das sagen einige, die an seinem Fall beteiligt sind.

…sagt ein Gutachter.

Ein beteiligter Psychologe deutet das so…

25. April 2013

…sagt ein Sprecher des Oberlandesgerichtes.

26. April 2013 …sagt ein HVB-Banker

…so ein Beteiligter

10. Juni 2013

Das bestätigen dem Kurier auch Zeugen, die nicht aus der Familie stammen.

Ein Zeuge gegenüber dem Kurier…

…sagte gestern ein Sprecher des Oberlandesgerichtes Nürnberg.

11. Juni 2013

Ein Kunde, ein Handwerker aus Heroldsberg, erinnert sich … 9. Juli 2013

Eine Freundin weigerte sich…

Auch das ist nicht seriös, denn niemand kann nachvollziehen, woher die Informationen stammen. Dass manchmal Informationen nur von anonymen Hinweisgebern zu erhalten sind, ist selbstverständlich. Da es bei Otto Lapp hingegen Methode hat, verkommen die Informationen auf das Niveau von unbestätigten Gerüchten.

Aber auch das ficht weder den Nordbayerischen Kurier noch die Jury des medium magazins. Schließlich habe sich Lapp einerseits verdient gemacht, den Fall wesentlich aufzuklären und andererseits habe er die komplexe Geschichte eine Querulanten jenseits von Klischees aufbereitet.

Dabei zeichnet sich Lapps Darstellung nicht gerade durch Komplexität aus, geschweige denn durch eine differenzierte Darstellung. In nahezu allen relevanten Artikeln von Lapp, egal wie nichtig der Anlass der Berichterstattung auch ist, erwähnt er die angebliche Allgemeingefährlichkeit Mollaths.

  • 9 Mal am 12. April 2013
  • 1 Mal am 13. April 2013
  • 7 Mal am 18. April 2013 in zwei Artikeln
  • 1 Mal am 25. April 2013
  • 1 Mal am 26. April 2013
  • 1 Mal am 10. Juni 2013
  • 1 Mal am 11. Juni 2013
  • 1 Mal am 15. Juni 2013
  • 1 Mal am 19. Juni 2013
  • 1 Mal am 8. Juli 2013
  • 2 Mal am 9. Juli 2013
  • 1 Mal am 11. Juli 2013
  • 8 Mal am 19. Juli 2013 (im Interview mit Leipziger, wobei das Interview keinen anderen Hintergrund hat, als Mollath mit dem Attribut gefährlich zu versehen.)
  • 1 Mal am 07. August 2013

Schließlich urteilt das Bundesverfassungsgericht am 26. August 2013, das sich aus dem Sachverständigengutachten Friedemann Pfäfflins "gerade keine sehr hohe Wahrscheinlichkeit künftiger rechtswidriger Taten ergibt". Darüber hinaus haben die mit der Unterbringung befassten Gerichte nicht einmal eine ausreichende "Konkretisierung der vom Beschwerdeführer ausgehenden Gefahr künftiger rechtswidriger Taten" angeführt. Kurzum: Es gibt seit spätestens 2011 keine begründete Annahme der Allgemeingefährlichkeit Mollaths. Wenig überraschend ist hingegen, dass der Nordbayerische Kurier diese in ansonsten allen Medien breit veröffentlichte wirkungsmächtige Nachricht lediglich als dpa Meldung verbreitet.

Da gibt sich Otto Lapp alle Mühe 2013 ein knappes halbes Jahr lang in fast jedem seiner Artikel über Mollath dessen Allgemeingefährlichkeit zu betonen und dann stellt sich genau das heraus, was kritischere Journalisten bereits seit Ende 2011 hervorheben: es gibt erhebliche Zweifel an Mollaths behaupteter Gefährlichkeit.

Doch auch das kann einen "Reporter des Jahres" nicht erschüttern. Schließlich zahlen sich "Beharrlichkeit und das konsequente Hinter-die-Kulissen-Blicken" aus. Mollaths behauptete Gefährlichkeit ist denn auch nur ein Strang der Lappschen Argumentation. Hinzu kommen Mollaths Glaubwürdigkeit und, als alles nicht zu fruchten scheint, wird das potentielle Opfer schlichtweg für seine Lage selber verantwortlich gemacht. Dies ist eine spezifische Form des bullying: victim blaming.

Der Qualitätsjournalismus zeichnet sich also nicht dadurch aus, dass investigativ oder zumindest kritisch mögliche Täter beleuchtet werden, sondern das Opfer wird zum Täter gemacht. Selber schuld. Irgendetwas muss doch dran sein an den Behauptungen Mollath sei ein gefährlicher Irrer.

Lapp schafft es, die Krise von Politik, Justiz und Psychiatrie ohne weiteres auch auf die Medien zu erweitern. Mit ihm wird ein Journalist ausgezeichnet, dem es gelingt, selbst bei kurzen Artikeln noch negative Konnotierungen und abfällige Attribuierungen unterzubringen. Am 11. Juni 2013 erscheint der Artikel "Mollath auf dem Weg nach München", in dem Lapp die Fahrt (!) Gustl Mollaths zum Untersuchungsausschuss für berichtenswert erklärt. "Wortlos steigt Gustl Mollath (56), wie immer bei öffentlichen Auftritten in der gleichen ärmlichen Kleidung, in den grauen VW-Bus der Polizei, der ihn nach München zum Untersuchungsausschuss bringt."

Was erklärt dieser Qualitätsjournalismus? Es sagt nicht das Geringste über den Protagonisten des Artikels aus: Gustl Mollath. Aber es sagt sehr viel über Otto Lapp aus. Und in der Konsequenz auch sehr viel über den deutschen Journalismus, wenn diese Art ausgezeichnet wird.

Was hätte Mollath denn tragen sollen, damit Otto Lapp die Kleidung nicht als ärmlich identifiziert? Und ist es außergewöhnlich, dass jemand der seit sieben Jahren inhaftiert ist, keine große Auswahl an Lapp-genehmer Kleidung aufzuweisen hat? Natürlich geht es darum gar nicht. Lapp will schlichtweg Inszenierung unterstellen (Paywall). Alles sei ein Arrangement. Nichts ist wahr. Aber es verbleibt auf dem Niveau der Unterstellung bzw. der Behauptung. Wieviel Kleidung steht Mollath zur Verfügung? Hätte er andere anziehen können? Hängen in seinem Spind in der Psychiatrie Armani-Anzüge? Das hätte ein Qualitätsjournalist recherchiert. Und hätte er herausgefunden, dass Mollath absichtlich, die "ärmlichste" Kleidung trägt, hätte er darüber berichten können. Aber wie hätte Lapp dies herausfinden sollen?

"Fotograf und Reporter des Nordbayerischen Kurier würdigt er mit keinem Blick." So wird es natürlich schwer, von Mollath Informationen zu erhalten. Und weil Lapp abgeschnitten ist von Primärinformationen seitens Mollath, verfällt er ins abschätzige Spekulieren. Das ist natürlich weitaus mehr Boulevard als Qualitätsjournalismus. "Mollath, der sonst keine Gelegenheit auslässt, über seinen Fall zu sprechen." Lapp schafft es tatsächlich jemandem, der um sein Recht kämpft, genau dieses vorzuwerfen.

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