Ausgezeichneter Journalismus

Der Fall Mollath und die Krise des Pressewesens

Otto Lapp vom Nordbayerischen Kurier "hat wesentlich zur Aufklärung des Falles Mollath beigetragen". So begründete jüngst eine handverlesene Jury des medium magazins im Rahmen der Preisverleihung "Journalist des Jahres 2013" Lapps 3. Platz in der Kategorie Reporter Regional. Die Auszeichnung des Chefreporters aus Bayreuth könnte kaum widersprüchlicher zur Zielsetzung der Preisverleihung sein. Mit der Wahl hat die Fachzeitschrift für Journalisten eine Berichterstattung ausgezeichnet, die eher für die Krise des Journalismus steht denn für Qualität: Public Relation statt Information, Boulevardisierung statt Kritik, Meinungsmache statt Kontrolle der Macht. Wie konnte es zur Auszeichnung kommen? Und: Was sagt das über den Qualitätsjournalismus aus?

Besonders frappant ist die Begründung der rund 80-köpfigen Jury. So habe Lapp "wesentlich zur Aufklärung des Falles Mollath beigetragen. Dabei reproduzierte er nicht das Klischee des unschuldig Verurteilten, sondern breitete die komplexe Geschichte eines Querulanten aus, der so massiv mit dem System kollidierte, dass dieses seine Schwächen offenbarte."

Die Jury und damit das medium magazin schaffen es, in einer gerade ein mal 38 Wörter umfassenden Begründung, ein mutmaßliches Justizopfer zu pathologisieren, zu stigmatisieren und herabzuwürdigen. Sind Querulanten per se schuldig? Oder ist es bei Querköpfen weniger wichtig, ob sie tatsächlich schuldig sind, schließlich haben sie sich des Verbrechens des "Störens" schuldig gemacht? Und obwohl die rechtliche Klärung des Falles noch nicht abgeschlossen ist, schafft es die Jury dennoch ein Urteil zu fällen. Lapp habe nicht das Klischee des unschuldig Verurteilten reproduziert. Nur was ist, wenn Mollath im juristischen Sinne unschuldig ist? Welches Klischee hat er dann produziert?

Auch dass es sich bei Gustl Mollath um einen Querulanten handeln soll, ist eine bemerkenswerte Meinung einer Jury, die Qualitätsjournalismus auszeichnen möchte.

Andrea Dinger und Uwe Koch halten in ihrer Studie zu "Querulanz in Gericht und Verwaltung" fest:

Mit der Bezeichnung als Querulant wird das Problem personifiziert, individualisiert und allein auf Seiten des Rechtsuchenden gesehen.

Und das, obwohl in den wenigsten Fällen geklärt werden kann, "ob die beobachteten Verhaltensauffälligkeiten nicht gerade Folge der häufigen juristischen Auseinandersetzungen sind." Genau diese Klärung wäre Aufgabe von Qualitätsjournalismus gewesen, den die Jury als solchen auszeichnen möchte. Zumal Dinger und Koch festhalten:

Die Verwendung des Begriffs hat sicherlich im Alltag von Juristen und Psychiatern eine gewisse Entlastungsfunktion, sie dürfte aber auch häufig verhindern, daß der betroffene Rechtsuchende mit seinen Anliegen die ihm zustehende Aufmerksamkeit und Berücksichtigung erfährt, vielmehr wird er in eine Rolle gedrängt, aus der er sich kaum noch selbst befreien kann.

Während Gustl Mollath seit Jahren um Gerechtigkeit kämpft, wurde ihm dieses Verhalten seitens Justiz und Psychiatrie als Querulanz ausgelegt und er mit den bekannten Folgen psychiatrisiert. Dabei klingen die Beschreibungen Dingers und Kochs wie eine Schilderung des Falles Mollath. Was könnte hier Aufgabe eines auszuzeichnenden Qualitätsjournalismus sein?

Einige Journalisten sehen ihre Aufgabe darin, dem Anliegen des Rechtsuchenden die notwendige Aufmerksamkeit zu verschaffen. Nur so kann ein mögliches Unrecht überhaupt überprüft werden. Ohne die entsprechende mediale Aufmerksamkeit bleibt es bei der Zuschreibung Querulant mit all seinen juristischen und psychiatrischen Folgen. Lapp hingegen, der im Fall Mollath immer wieder für den Nordbayerischen Kurier berichtet hat, übernimmt lediglich das offizielle Narrativ.

Im April 2013 schreibt Lapp den pejorativen Bericht "Mensch Mollath" (Paywall).

Was ist, wenn Gustl Mollath doch nicht nur dieser Sturkopf ist, sondern wirklich gemeingefährlich? Können sich so viele Ärzte, Pfleger und Gutachter über sieben Jahre immer wieder irren?

Otto Lapp

Können sich viele Menschen über Jahre irren? Wozu noch Journalismus, wenn man doch Plausibilitätserklärungen bei der Hand hat. Es klingt sofort schlüssig: Es muss wahr sein. Hier wird nicht informiert, hier soll umgewertet werden. In dem Artikel heißt es weiter:

Was ist, wenn das Urteil fehlerhaft zustande gekommen ist, vielleicht sogar falsch ist. Aber die Diagnose stimmt. Dann käme ein gefährlicher Mensch aus der Unterbringung ...?

Otto Lapp

Ausgezeichneter Journalismus im Jahr 2013 kümmert sich nicht um ein Fehlurteil. Grundsätze der Rechtstaatlichkeit spielen keine Rolle, wenn es sich um "gefährliche Menschen" handelt. Was scheint einen Reporter schon ein Einzelschicksal zu kümmern, wo man doch alle Menschen boulevardesk in Angst und Schrecken versetzen kann. Hier wird offen mit den Befürchtungen der Bevölkerung gespielt.

Was allerdings noch weitaus mehr zu erschrecken vermag, als die Manipulation der Lesermeinung, ist das Welt- und Menschenbild, welches sich hinter solchen Fragen verbirgt. Letztlich ist es demnach nämlich egal, ob sich jemand etwas zu Schulden hat kommen lassen, es muss sich nur jemand finden, der die entsprechende Diagnose stellt. Dann kann tatsächlich jeder weggesperrt werden. Natürlich nur aus Gründen der Sicherheit. Schließlich können sich viele Menschen nicht irren.1 Ist das tatsächlich eine ausgezeichnete Leistung?

Wie kommt es überhaupt zu den Begründungen, zur Nominierung und zur Platzierung Otto Lapps? Und was sagt das über den Qualitätsjournalismus aus, der hier ja ausgezeichnet werden soll?

Der Journalistenpreis des medium magazins

Das medium magazin, gegründet unter anderem von Stefan Kornelius, dem der Journalismusforscher Uwe Krüger eine besondere Nähe zu gesellschaftlichen Eliten attestiert (Journalismusforschung:"Ganz auf Linie mit den Eliten"), verlieh den Preis zum 10. Mal für Journalisten, die "Meilensteine" gesetzt haben. Es ist einer von hunderten Preisen, mit denen sich die Medienbranche und deren wichtigste Finanziers gegenseitig ihrer Bedeutung und Qualität versichern.

Preise für "guten Journalismus" gibt es wie Sand am Meer. Da ist es auch nicht überraschend, dass die Ehrungen teils nicht unterschiedlicher sein könnten. Olaf Przybilla und Uwe Ritzer von der Süddeutschen Zeitung erhielten 2013 den Wächterpreis der Tagespresse für ihre Artikelserie zum so genannten Fall Mollath. Auch das medium magazin zeichnet die beiden Journalisten für ihre Recherchen zum Fall Mollath als Sieger in der Kategorie Reporter national aus. Die beiden Report Mainz-Autoren Monika Anthes und Eric Beres sind gerade für einen "Spezial-Preis für die nachhaltige Recherche zum Fall Mollath" vom Grimme-Institut nominiert worden. Und gleichzeitig erhält Otto Lapp die Auszeichnung des medium magazins als Drittplatzierter in der Kategorie Reporter Lokal.

Ausgezeichnet werden solche Journalisten und Journalistinnen, die auf besonders nachdrückliche Weise Themen und Trends aufgegriffen sowie gesetzt haben und die mit Recherche, Tiefgang, Ausdruckskraft, Humor oder redaktionell-strategischer Leistung geglänzt haben.

medium magazin

Die Jury des medium magazins zur Wahl des "Journalisten des Jahres" setzt sich aus Leitern "wichtiger journalistischer Ausbildungsstätten" (wie z.B. Henri-Nannen-Schule, Axel Springer Akademie), "professionellen Medienbeobachtern aus der Tagespresse, elektronischen Medien und Branchendiensten (wie z.B. Spiegel, Focus, Süddeutsche Zeitung, DeutschlandRadio, taz, meedia), Journalistinnen und Journalisten, die in ihrer langjährigen beruflichen Laufbahn ausgewiesen für ein hohes journalistisches Qualitätsniveau stehen" zusammen. Darüber hinaus werden die ersten "Preisträger und Preisträgerinnen des vorangegangen Jahres jeder Kategorie" Mitglied der Jury. 2013 wurden auch erstmals "die Nachwuchstalente 'Top 30 bis 30' des Jahres 2013" in die Jury aufgenommen.

Das klingt zwar nach einer ausgewogenen Jury, wie diese ausgewählt wird, also nach welchen Kriterien die Jurymitglieder eingeladen werden, ist hingegen nicht nachvollziehbar. Schaut man sich die Liste der Jurymitglieder an, fällt auf, dass diese weit weniger diversifiziert ist, als die reine Aufzählung der Kategorien, aus denen sich die Jury zusammensetzt, den Anschein vermittelt.

Im Zentrum steht Sebastian Turner als Gründer des medium magazins. Nebenbei ist er auch noch Aufsichtsrat der Mediengruppe Dieter von Holtzbrinck DvH Medien GmbH (Zeit, Handelsblatt, Tagesspiegel). Damit nicht genug, hat er am Tagesspiegel auch gleich noch zum 1. Januar 2014 20 Prozent Anteile erworben, wodurch er Mitherausgeber wird. Der andere Herausgeber ist bekanntlich Giovanni di Lorenzo, der wiederum Chefredakteur der Zeit ist. Holzbrinck, Tagesspiegel, Zeit, Handelsblatt, medium magazin. Allein daraus setzt sich etwa ein Drittel der Jury zusammen. Es kann dann auch nicht wirklich verwundern, dass überproportional viele Jurymitglieder Ehemalige der Henri-Nannen-Schule sind, die unter anderem vom Zeitverlag getragen wird.

Das heißt nicht, dass es hier Absprachen gibt. Aber von besonderer Vielfältigkeit der Jury kann auch keine Rede sein. Vielmehr wurde von dem ehemaligen Propagandisten der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft Sebastian Turner ein nicht unerheblicher Teil der Jury zusammengestellt, dessen habituelle Nähe zum Merkelvertrauten (äußerst lesenswerter Beitrag der Kontext: Wochenzeitung) gesichert scheint. Dies muss dann auch nicht für die gesamte Jury gelten, es reicht ein Kern Gleichgesinnter. Ein Netzwerk von Medienschaffenden, die sich über ihre Ausbildungsstätte, ihre gemeinsamen Erfahrungen, ihren gemeinsamen Chefredakteur oder Herausgeber miteinander identifizieren.

Selbstverständlich ist das statthaft und es ist auch nicht im Geringsten gesagt, dass es so zwangsläufig zu einer Beeinflussung der Jury kommt. Vielmehr werden die Entscheidungen sicherlich völlig frei getroffen. Alles andere würde die Integrität des Magazins und des Wahlverfahrens auch irreparabel beschädigen. Die Chefredakteurin Annette Milz versichert denn auch, dass kein "Übergewicht einer bestimmten 'Fraktion' entsteht. Im Gegenteil! Wir erleben sogar immer wieder, dass Juroren, die im ersten Wahlgang 'eigene' Leute ins Rennen schicken (was absolut legitim ist), im 2. Wahlgang sogar für jemand anders stimmen, den sie gar nicht auf der eigenen 'Liste' hatten."

Manipulation oder Beeinflussung sind bei dem besonderen Wahlverfahen des medium magazins auch weder sinnvoll noch notwendig.

Von Ende Oktober bis Mitte November sind alle Jurymitglieder aufgefordert, ihre jeweiligen Favoriten mit Begründungen einzureichen. Parallel dazu wird der entsprechende Fragebogen auch auf www.mediummagazin.de veröffentlicht: Dort kann jede/r Interessierte ebenfalls Vorschläge zur Wahl der "Journalisten des Jahres" in allen Kategorien einreichen.

medium magazin

Es sind also im Wesentlichen die Jurymitglieder, die die "Schlaglichter" des Qualitätsjournalismus empfehlen. Da mag es nicht mehr verwundern, wie Otto Lapp auf die Nominierungsliste gekommen ist. Ist doch Joachim Braun, der Chefredakteur des Nordbayerischen Kurier, durch seine Auszeichnung im Jahr 2012 selbst Mitglied der Jury. Laut Milz wurde Otto Lapp jedoch von mehreren Jurymitgliedern nominiert. Auch das ist wenig überraschend, bedenkt man, wie sich etwa ein Drittel der Jury zusammensetzt.

Gerade Zeit und Tagesspiegel hatten sich hervorgetan mit einer undifferenzierten Berichterstattung im Fall Mollath. Für die Zeit hat es dabei zumindest zu einer Missbilligung des Presserates gereicht. Da auch Mitarbeiter von Spiegel und Spon in der Jury vertreten sind, ist eine Mehrfachnominierung sogar zu erwarten gewesen. Schließlich hat auch der Spiegel teilweise eine beachtliche Berichterstattung gepflegt. Und nicht zu vergessen Helmut Markwort, der Herausgeber des Focus, der sich in besonderer Weise verdient gemacht hat, bei der Aufklärung des Falles Mollath: "Jetzt reden wir übers Wetter."

Bei dieser Jury ist die Nominierung Lapps konsequent. Allerdings erklärt das nicht seine Platzierung. Dazu bedarf es eines genaueren Blicks auf das Wahlverfahren.

Fragwürdiges Wahlverfahren

Die Vorschläge mit Begründungen fließen in eine alphabetische Nominierungsliste pro Kategorie ein. Alle "medium magazin"-Juroren erhalten diese umfangreiche Nominierungsliste (Stichtag: 15.11.). Im Sinne der Transparenz für alle Jurymitglieder kann die Wahl kann (sic!) ausschließlich aus dieser allen zugänglichen Liste mit den anonymisierten Begründungen der Jurymitgliedern (sic!) und Quellen-Verweise auf potentiell preiswürdige Einzel-Beiträge getroffen werden. Sie sowie eigene Recherchen der Juroren zur Meinungsbildung bilden die Grundlage für die Entscheidung der Jury, die jeweils drei Kandidaten in jeder Kategorie auf die Plätze 1 bis 3 wählen.

medium magazin

Die Juroren nominieren also nicht nur die Auszuzeichnenden, sondern sie schreiben auch gleich noch die Begründung dafür selbst und versehen diese am Besten ferner mit Quellenverweisen auf Einzelbeiträge. Das erscheint auf den ersten Blick vielleicht plausibel, auf den zweiten Blick hingegen ist dieses Verfahren durchaus anfällig. Bei den Hauptpreisen und Hauptkategorien mag dieses Vorgehen kein Problem sein. So sind Holger Stark und Marcel Rosenbach vom Spiegel die Journalisten des Jahres 2013 geworden. Ihre Rechercheleistungen sollen den "Scoop zum Konfliktstoff des Jahres" geliefert haben: die NSA-Affäre. Bei diesen und vielen anderen ausgezeichneten Journalisten bedarf es keines besonderen Begründungstextes. Die Artikel bzw. Arbeiten der jeweils Nominierten haben die Jurymitglieder im Laufe des Jahres gelesen und können so die besondere Leistung entsprechend würdigen. Nur, wie sieht das in einer weniger bekannten Kategorie aus?

Wie viele Jurymitglieder haben sich die Mühe gemacht, auch die Beiträge eines geringfügiger prominenten Kandidaten, der für ein Medium mit vornehmlich lokaler Reichweite schreibt, zu lesen? Zumal sich ein Großteil der Artikel auch noch hinter einer Paywall verbirgt. Es liegt die Vermutung nahe, dass in solchen - zugegebener Maßen seltenen - Fällen lediglich, die Referenzartikel gelesen werden.

Durch dieses Verfahren kann der Begründungstext eine entscheidende Rolle spielen. Wie im obigen Zitat erwähnt, obliegt es den Jurymitgliedern selbständig zu recherchieren. Nur ist der Stichtag für die Nominierungen der 15. November und Ende Dezember ist die Wahl bereits abgeschlossen. Ausgezeichnet wurden 2013 rund 100 Journalisten. Wie vielen potentiellen Preisträgern wird hinterher recherchiert? Wie viele Artikel werden gelesen? Wie viel Zeit nehmen sich die Juroren über Weihnachten?

Auf Nachfrage bei einigen Jurorinnen und Juroren ergibt sich ein uneinheitliches und wenig aussagekräftiges Bild. Ganz nach der Logik des sozialadäquaten Antwortverhaltens wird darauf verwiesen, allen Nominierten nachrecherchiert zu haben. Zumindest einen Nachmittag lang. Lediglich Honorarprofessor Axel Buchholz konstatiert:

ich habe das so gemacht: 1. Wenn mir in einer Kategorie die Kompetenz fehlte, habe ich kein Votum abgegeben. 2. Wenn ich nicht ganz sicher war, habe ich Kollegen/innen um Rat gebeten, die ich einschlägig für besonders kompetent hielt.

Axel Buchholz

Ohne die Antwort über zu bewerten, kann sie dennoch als Anzeiger für das besondere Problem der Kategorie Reporter Lokal bzw. Regional dienen. Da für diesen Bereich möglicherweise weniger Expertise vorhanden ist, wird auch nicht auf die profunde Entscheidung einer 80-köpfigen Jury zurückgegriffen, sondern die Wahl unterliegt zahlreichen Verzerrungen.

Es scheint zumindest eine nicht geringe Wahrscheinlichkeit zu bestehen, dass ein gut formulierter Begründungstext zusammen mit ein, zwei ausgewählten Artikeln den Ausschlag für die Platzierung geben kann. Die Chefredakteurin des medium magazin bemerkt allerdings:

Wir - d.h. das redaktionelle Team, das die Wahl seit Jahren organisiert - sind seit Jahren bemüht, mit akribischer Sorgfalt die Jury-Angaben zu den Preisträgern zu verifizieren bevor sie in die 2. Nominierungsphase gehen und letztendlich in die Preisbegründungen einfließen.

Es ist davon auszugehen, dass dies mit größter Aufmerksamkeit tatsächlich geschieht. Aber auch hier gilt: Wie viel Zeit und Energie wird in die Verifizierung einer gut geschriebenen Begründung gesteckt? Vor allem, wenn der Nominierte von mehreren, vielleicht sogar besonders prominenten Juroren vorgeschlagen wurde.

Der Begründungstext der Jury für die Wahl bzw. Platzierung der Ausgezeichneten ist eine Zusammenführung der Nominierungsbegründungen, so Milz.

…hat wesentlich zur Aufklärung des Falles Mollath beigetragen. Dabei reproduzierte er nicht das Klischee des unschuldig Verurteilten, sondern breitete die komplexe Geschichte eines Querulanten aus, der so massiv mit dem System kollidierte, dass dieses seine Schwächen offenbarte.

Anette Milz

Dass Otto Lapp wesentlich zur Aufklärung des Falles Mollath beigetragen hat, ist schlichtweg falsch und eine maßlose Übertreibung. Falsch ist es, weil der Fall Mollath noch gar nicht aufgeklärt ist. Falsch ist es, weil gänzlich andere Journalisten wesentlich dazu beigetragen haben, den Fall Mollath überhaupt erst zu einem solchen zu machen. Die ebenfalls vom medium magazin ausgezeichneten Journalisten Przybilla und Ritzer von der Süddeutschen Zeitung, die bereits erwähnten Beres und Anthes von Report Mainz oder Michael Kasperowitsch von den Nürnberger Nachrichten haben sich hier verdient gemacht. Lapp springt erst auf die Berichterstattung auf, als diese längst in anderen Medien breit diskutiert wird. Was ist dann die Leistung Otto Lapps gewesen? Wofür wurde er genau ausgezeichnet?

Seriöser Journalismus?

Otto Lapp hat einen ganz wesentlichen Beitrag geleistet. Er hat "der Gegenseite", wie es sein Chef Joachim Braun formuliert, Gehör verschafft. Das wäre ein Beitrag gewesen, der ganz sicher auszuzeichnen wäre. Schließlich kommt die Gegenseite viel zu wenig zu Wort, was allerdings wohl auch dem Umstand geschuldet ist, dass einige Protagonisten "der Gegenseite" nur mit ausgewählten Journalisten reden wollten. So seien allen voran die Journalisten der Süddeutschen Zeitung verhaftet in der "Opfer-Logik". "Seriös geht anders", weiß der Chefredakteur des Nordbayerischen Kuriers über seine Konkurrenz zu urteilen.

Das wäre dann ein möglicher Grund, warum Otto Lapp nominiert und ausgezeichnet wurde. Es könnte die scheinbar seriöse und vorbildliche Art sein, mit der Lapp recherchiert hat und mit der er der Gegenseite eine Stimme verliehen hat, die bei den "Mainstream-Medien", so Braun, "wenn überhaupt, nur in wenigen Zeilen zu Wort [kommt] oder mit dem Hinweis, dass keine Auskunft zu bekommen sei."

Seriöser Journalismus im Sinne des Nordbayerischen Kuriers klingt gänzlich anders:

12. April 2013

"Der Leiter der Forensik in Bayreuth ist sehr vorsichtig bei Äußerungen. […] Er könnte schon etwas sagen - wenn er dürfte. Schweigepflicht."

"Der Betreuer sagt nichts, Schweigepflicht."

26. April 2013

"Die damals zuständige Rechtsanwaltskanzlei in Waldshut-Tiengen beruft sich auf ihre Schweigepflicht und sagt nichts."

"Von ihr gibt es keinen Kommentar dazu."

"Weitergehende Auskünfte verbiete ihm die Schweigepflicht."

Und selbst beim Interview mit der "Gegenseite": "Jetzt spricht sein Gutachter" (Paywall), wird nichts über den Fall gesagt, denn zu jeder inhaltlichen Frage kommentiert Leipziger: "Das kann ich wegen der Schweigepflicht nicht beantworten."

Das klingt nicht viel seriöser. Auch Lapp bekommt also letztlich keine Auskunft zum Fall. Wenn, ja wenn da nicht die anonymen Hinweisgeber wären:

12. April 2013

...sagt ein mit dem Fall befasster Jurist. Das sagen einige, die an seinem Fall beteiligt sind.

…sagt ein Gutachter.

Ein beteiligter Psychologe deutet das so…

25. April 2013

…sagt ein Sprecher des Oberlandesgerichtes.

26. April 2013 …sagt ein HVB-Banker

…so ein Beteiligter

10. Juni 2013

Das bestätigen dem Kurier auch Zeugen, die nicht aus der Familie stammen.

Ein Zeuge gegenüber dem Kurier…

…sagte gestern ein Sprecher des Oberlandesgerichtes Nürnberg.

11. Juni 2013

Ein Kunde, ein Handwerker aus Heroldsberg, erinnert sich … 9. Juli 2013

Eine Freundin weigerte sich…

Auch das ist nicht seriös, denn niemand kann nachvollziehen, woher die Informationen stammen. Dass manchmal Informationen nur von anonymen Hinweisgebern zu erhalten sind, ist selbstverständlich. Da es bei Otto Lapp hingegen Methode hat, verkommen die Informationen auf das Niveau von unbestätigten Gerüchten.

Aber auch das ficht weder den Nordbayerischen Kurier noch die Jury des medium magazins. Schließlich habe sich Lapp einerseits verdient gemacht, den Fall wesentlich aufzuklären und andererseits habe er die komplexe Geschichte eine Querulanten jenseits von Klischees aufbereitet.

Dabei zeichnet sich Lapps Darstellung nicht gerade durch Komplexität aus, geschweige denn durch eine differenzierte Darstellung. In nahezu allen relevanten Artikeln von Lapp, egal wie nichtig der Anlass der Berichterstattung auch ist, erwähnt er die angebliche Allgemeingefährlichkeit Mollaths.

  • 9 Mal am 12. April 2013
  • 1 Mal am 13. April 2013
  • 7 Mal am 18. April 2013 in zwei Artikeln
  • 1 Mal am 25. April 2013
  • 1 Mal am 26. April 2013
  • 1 Mal am 10. Juni 2013
  • 1 Mal am 11. Juni 2013
  • 1 Mal am 15. Juni 2013
  • 1 Mal am 19. Juni 2013
  • 1 Mal am 8. Juli 2013
  • 2 Mal am 9. Juli 2013
  • 1 Mal am 11. Juli 2013
  • 8 Mal am 19. Juli 2013 (im Interview mit Leipziger, wobei das Interview keinen anderen Hintergrund hat, als Mollath mit dem Attribut gefährlich zu versehen.)
  • 1 Mal am 07. August 2013

Schließlich urteilt das Bundesverfassungsgericht am 26. August 2013, das sich aus dem Sachverständigengutachten Friedemann Pfäfflins "gerade keine sehr hohe Wahrscheinlichkeit künftiger rechtswidriger Taten ergibt". Darüber hinaus haben die mit der Unterbringung befassten Gerichte nicht einmal eine ausreichende "Konkretisierung der vom Beschwerdeführer ausgehenden Gefahr künftiger rechtswidriger Taten" angeführt. Kurzum: Es gibt seit spätestens 2011 keine begründete Annahme der Allgemeingefährlichkeit Mollaths. Wenig überraschend ist hingegen, dass der Nordbayerische Kurier diese in ansonsten allen Medien breit veröffentlichte wirkungsmächtige Nachricht lediglich als dpa Meldung verbreitet.

Da gibt sich Otto Lapp alle Mühe 2013 ein knappes halbes Jahr lang in fast jedem seiner Artikel über Mollath dessen Allgemeingefährlichkeit zu betonen und dann stellt sich genau das heraus, was kritischere Journalisten bereits seit Ende 2011 hervorheben: es gibt erhebliche Zweifel an Mollaths behaupteter Gefährlichkeit.

Doch auch das kann einen "Reporter des Jahres" nicht erschüttern. Schließlich zahlen sich "Beharrlichkeit und das konsequente Hinter-die-Kulissen-Blicken" aus. Mollaths behauptete Gefährlichkeit ist denn auch nur ein Strang der Lappschen Argumentation. Hinzu kommen Mollaths Glaubwürdigkeit und, als alles nicht zu fruchten scheint, wird das potentielle Opfer schlichtweg für seine Lage selber verantwortlich gemacht. Dies ist eine spezifische Form des bullying: victim blaming.

Der Qualitätsjournalismus zeichnet sich also nicht dadurch aus, dass investigativ oder zumindest kritisch mögliche Täter beleuchtet werden, sondern das Opfer wird zum Täter gemacht. Selber schuld. Irgendetwas muss doch dran sein an den Behauptungen Mollath sei ein gefährlicher Irrer.

Lapp schafft es, die Krise von Politik, Justiz und Psychiatrie ohne weiteres auch auf die Medien zu erweitern. Mit ihm wird ein Journalist ausgezeichnet, dem es gelingt, selbst bei kurzen Artikeln noch negative Konnotierungen und abfällige Attribuierungen unterzubringen. Am 11. Juni 2013 erscheint der Artikel "Mollath auf dem Weg nach München", in dem Lapp die Fahrt (!) Gustl Mollaths zum Untersuchungsausschuss für berichtenswert erklärt. "Wortlos steigt Gustl Mollath (56), wie immer bei öffentlichen Auftritten in der gleichen ärmlichen Kleidung, in den grauen VW-Bus der Polizei, der ihn nach München zum Untersuchungsausschuss bringt."

Was erklärt dieser Qualitätsjournalismus? Es sagt nicht das Geringste über den Protagonisten des Artikels aus: Gustl Mollath. Aber es sagt sehr viel über Otto Lapp aus. Und in der Konsequenz auch sehr viel über den deutschen Journalismus, wenn diese Art ausgezeichnet wird.

Was hätte Mollath denn tragen sollen, damit Otto Lapp die Kleidung nicht als ärmlich identifiziert? Und ist es außergewöhnlich, dass jemand der seit sieben Jahren inhaftiert ist, keine große Auswahl an Lapp-genehmer Kleidung aufzuweisen hat? Natürlich geht es darum gar nicht. Lapp will schlichtweg Inszenierung unterstellen (Paywall). Alles sei ein Arrangement. Nichts ist wahr. Aber es verbleibt auf dem Niveau der Unterstellung bzw. der Behauptung. Wieviel Kleidung steht Mollath zur Verfügung? Hätte er andere anziehen können? Hängen in seinem Spind in der Psychiatrie Armani-Anzüge? Das hätte ein Qualitätsjournalist recherchiert. Und hätte er herausgefunden, dass Mollath absichtlich, die "ärmlichste" Kleidung trägt, hätte er darüber berichten können. Aber wie hätte Lapp dies herausfinden sollen?

"Fotograf und Reporter des Nordbayerischen Kurier würdigt er mit keinem Blick." So wird es natürlich schwer, von Mollath Informationen zu erhalten. Und weil Lapp abgeschnitten ist von Primärinformationen seitens Mollath, verfällt er ins abschätzige Spekulieren. Das ist natürlich weitaus mehr Boulevard als Qualitätsjournalismus. "Mollath, der sonst keine Gelegenheit auslässt, über seinen Fall zu sprechen." Lapp schafft es tatsächlich jemandem, der um sein Recht kämpft, genau dieses vorzuwerfen.

"Allgemeingefährlich, unglaubwürdig und selber schuld"

Was unterscheidet Lapps Argumentation und Berichterstattug vom offilziellen Narrativ? Die drei Stränge "allgemeingefährlich, unglaubwürdig und selber schuld" sind die gleichen Stränge, die die ehemalige Justizministerin Merk permanent vertreten hat. Es sind die vereinfachenden Argumentationsmuster der Forensiker und Gutachter, die in den Fall Mollath involviert sind und es ist die Argumentation von Mollaths Exfrau. Die gleiche Argumentation haben in Teilen Leitmedien wie Spiegel, Zeit und Tagesspiegel aufgegriffen. Nur, was ist daran Journalismus? Es ist die Verbreitung der offiziellen Meinung. So verkommt Journalismus zu Public Relation für Institutionen und Behörden. Propaganda für den Machterhalt bzw. für die behauptete Wahrheit.

Was der Soziologe Pierre Bourdieu bereits 1997 über den Journalismus gesagt hat, lässt sich auch auf die vorliegenden Zusammenhänge übertragen.

Da das Wissen dieser Journalisten über die politische Welt im wesentlichen auf persönlichen Kontakten und vertraulichen Mitteilungen beruht (oder sogar auf Klatsch und Gerüchten) und weniger auf der Objektivität einer Beobachtung oder fundierter Recherche, neigen sie dazu, alles auf eine Ebene zu ziehen, auf der sie die Experten sind. Und so interessieren sie sich mehr für das Spiel und die Spieler als für den Spieleinsatz…

Pierre Bourdieu

Es ist keine bezahlte PR, die hier eine Rolle spielt. Es ist die Nähe der Journalisten zu gesellschaftlichen Eliten, die aus Propaganda Nachrichten macht. Die Identifizierung mit Machtstärkeren bei gleichzeitigem Misstrauen gegenüber und mehr oder weniger bewusster Abwertung von Machtschwächeren, führt zu einem Mechanismus, der mit Hofberichterstattung gut umschrieben werden kann. Durch die schiere Unkenntnis gesellschaftlicher Zusammenhänge, fällt es vielen Journalisten nicht einmal auf, dass sie über politische Prozesse gleichsam berichten, wie über Geschichten aus der Nachbarschaft. Alles wird in den Kategorien persönlicher Bekanntschaft und Betroffenheit wahrgenommen. Die vertrauliche Information und der exklusive Kontakt werden zur Währung im Kampf um Auflage und Klicks.

Hass auf Gustl Mollath? "Ganz gewiss nicht", sagt Petra M. Sie ist eine schlanke Frau, macht Sport, fährt Motorrad. Und sie hat Angst. Deswegen möchte sie auch kein Foto von sich in der Zeitung haben.

Nordbayerischer Kurier

Abgesehen von der sehr eigenen Logik - Hass auf Mollath? Nein, sie macht ja Sport?! - soll ein potenzieller Justiz-, Psychiatrie- und Medienskandal auf eine Ebene heruntergezogen werden, die sich ganz dem Human Touch verschrieben hat. Statt Aufklärung gibt es Boulevard: "Sie ist eine schlanke Frau, macht Sport, fährt Motorrad." Geht es hier noch um den Fall Gustl Mollath mit all seiner möglichen Tragweite? Ist die Ebene der "Spieler" (schlanke Frau) dem Spieleinsatz (Grundrechte) angemessen?

Und während man sich beim Nordbayerischen Kurier gegen den "Mainstream" zu wenden glaubt, bemerkt man nicht einmal, dass es eine zentrale Funktion der Propaganda ist, "schnell die Außenseiterposition zu überwinden, sich als eigentliches Zentrum, als Stimme der Vernunft zu definieren und so eine neue Normalität zu fabrizieren".2

Am 18. April 2013 im Beitrag "Anhörung beendet, Patient fast zufrieden" zeigt Lapp, was es bedeutet, die komplexe Geschichte eines Querulanten auszubreiten. Der Anhörungstermin vor dem Landgericht Bayreuth zur Beurteilung Mollaths aktueller allgemeiner Gefährlichkeit gerät, laut Lapp, zu einem "Einzug".

Es war ein langer Tag für Gustl Mollath (56). Einer, wie er ihn mag. Mollath im Blick der Öffentlichkeit. Sechs Kamerateams, Fotografen, Reporter.

Otto Lapp

Der despektierliche Ton, der hier mitschwingt, muss wohl Teil der komplexen Geschichte sein, die man nicht auf Anhieb verstehen kann. Ansonsten würde es doch mehr als naheliegend sein, dass jemand, dem man sieben Jahre lang nicht zugehört und deswegen weggesperrt hat, selbstverständlich und nachvollziehbar zufrieden ist, dass ihm endlich Aufmerksamkeit zuteil wird. Es ist offensichtlich nicht die Tatsache, die Otto Lapp mitteilen will, sondern es soll vor allem die negative Bewertung vermittelt werden.

Diese Abwertung ist keine Fehlinterpretation, sondern sie ist eingebettet in den Tenor dieses, wie vieler anderer Artikel des Nordbayerischen Kuriers zum Fall Mollath. Im selben Beitrag unter der Zwischenüberschrift "Kaum Interessen" lässt Lapp wieder einmal "die Gegenseite" unhinterfragt zu Wort kommen. So gestalte Mollath seinen Alltag in der Pychiatrie "ritualisiert".

Daneben beschäftige er sich "nahezu ausschließlich" mit dem Thema seiner Unterbringung. Andere Interessen? Außer "Nahrungsaufnahme, Fernsehen, Schlafen, Korrespondenz mit Medienvertretern, Anwälten, Unterstützerkreisen und Akten lesen" - gäbe es keine, sagen die Ärzte. Unverändert sei auch, dass Mollath an keiner Therapie teilnehme; ganz aufgegeben habe er auch gelegentlichen Sport.

Otto Lapp

Außer? Mollath korrespondiert also mit Medien, Anwälten und Unterstützern und darüber hinaus liest er seine zahlreichen Akten. Was soll er denn laut "Ärzten" und Lapp noch tun? Dies ist also das Bild des Querulanten, welches Otto Lapp ausbreitet: Ein Mann, dessen einziges Interesse seine Freiheit ist.

Es ist ein Qualitätsmerkmal des modernen Journalismus, dass nicht mehr versucht wird, dem irrigen Ideal des Objektivismus hinterher zu rennen. Objektivität existiert nicht und kann auch gar nicht existieren. Menschen nehmen die Welt aufgrund ihrer Einstellungen und Werte wahr. Diese richten die Wahrnehmung. Insofern ist es nicht möglich Geschehenszusammenhänge objektiv zu beschreiben. Vielmehr ist es sogar notwendig das Beschriebene auch zu bewerten.

Otto Lapp enthüllt am 15. Juni 2013 im Artikel "Ein Ortsbesuch im Bezirkskrankenhaus Bayreuth" (Paywall), was der Journalismus dadurch gewinnen kann.

Gustl Mollath erhebt schwere Vorwürfe gegen das Bezirksklinikum Bayreuth: Schlafentzug, Kaltduschen, Schikanen, Anfeindungen. Das bringt nicht nur die Klinik in Verruf, sondern auch die ganze Psychiatrie. Zu Unrecht.

Otto Lapp

Zu Unrecht. Hier wird gar nicht erst beschrieben und dann bewertet. Hier steht das Ergebnis gleich am Anfang. Lapp besucht eine Klinik und kann völlig unbedarft schlussfolgern, dass die Vorwürfe an "der" Psychiatrie haltlos sind. Sehr weitsichtig. Dabei ist diese viel zu weitreichende Bewertung nicht einmal das Problem - wird doch pars-pro-toto auch noch als gutes Stilmittel im Journalismus angesehen. Viel fragwürdiger ist Aufgabe und Selbstwahrnehmung Lapps.

Es ist richtig und wichtig, den Anschuldigungen Mollaths nachzugehen. Es ist eben auch guter Journalismus, die andere Seite in einem Konflikt anzuhören. Insofern ist es geradezu vorbildlich, dass Lapp sich vor Ort erkundet. Nur was bringt es, wenn der gesamte Bericht dann rein affirmativ ausfällt. Keine Nachfrage, kein kritisches Wort. Ganz im Gegenteil. In der völligen Verkennung der Ernsthaftigkeit der Vorwürfe und der Aufgabe des kritischen Journalismus versteigt sich Lapp zu unfassbaren Bildern: "Ein Zimmer mit einem Schrank, einem Bett, einem Tisch, einem Regal, einer Nasszelle. Sie sehen alle gleich aus, ein bisschen wie in einem einfachen Hotel." Es gibt Foltervorwürfe und Lapp kontert ganz im Sinne der Klinik mit dem Bild des gutversorgten Urlaubers.

"Sie können alles sehen." Er zeigt die Musik-, Sport- oder Arbeitstherapie, den Raum mit dem Brennofen für Töpfersachen, die kleine Turnhalle, selbst den kleinsten Abstellraum. Nächstes Jahr wird der Anbau fertig, in dem alles größer sein wird. "Keine Schläuche für Kaltduschen", sagt ein anderer. Und das klingt bitter. Das Sozialministerium reagiert auf die Foltervorwürfe - gar nicht. Dafür sei der Bezirk zuständig. Geht es den Vorwürfen nach? Ein Sprecher verweist darauf, dass die Einrichtungen durch unabhängige Besuchskommissionen besucht würden. Und von der Nationalen Stelle zur Verhütung von Folter und dem Europäischen Ausschuss zur Verhütung von Folter (CPT).

Otto Lapp

Und wenn Lapp alles gesehen hat, warum gibt es kein Wort zu Fixierungen? Kein Wort zu Isolationszimmern? Kein Wort zu medikamentös ruhig gestellten "Patienten". Kein Wort zu Selbstmorden in der Klinik.

Wozu dann der Ortsbesuch, wenn doch gar kein Vorwurf überprüft wird? So hätte Lapp auch schlichtweg die Pressemitteilung der Klinik verarbeiten können. Public Relation statt Journalismus. Auch die Aussagen des ominösen Sprechers des Sozialministeriums werden nicht überprüft, sondern als wahre Aussage qua Autorität akzeptiert und verbreitet. Wie "unabhängig" ist eine Besuchskommission, deren "Kommissionsmitglieder und die erforderliche Anzahl von Stellvertretern [.] vom Staatsministerium des Innern, das richterliche Mitglied im Einvernehmen mit dem Staatsministerium der Justiz auf die Dauer von vier Jahren bestellt" werden? Was nützt eine Besuchskommission deren Erkenntnisse und Ergebnisse ausschließlich dem Staatsministerium des Innern berichtet werden. "Im übrigen unterliegen die Mitglieder der Besuchskommission hinsichtlich der erlangten Kenntnisse der Schweigepflicht."

Und haben die "Nationale Stelle zur Verhütung von Folter" oder das "Europäische Komitee zur Verhütung von Folter und unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe (CPT)" das Klinikum jemals besucht? Christina Hof, Koordinatorin der Nationalen Stelle, schreibt auf Anfrage: "Die Nationale Stelle hat das Bezirksklinikum Bayreuth bislang noch nicht besucht und es ist auch derzeit kein Besuch geplant." Und laut den Webseiten des CPT wurde Bayreuth ebenfalls nie besucht.

Die Aussagen "der anderen Seite" einzuholen, ist ein Verdienst Otto Lapps. Diese jedoch lediglich affirmativ zu verbreiten, ist wohl kaum der Qualitätsjournalismus der ausgezeichnet werden sollte.

Die Grenzen zwischen Public Relation und Journalismus

Auch im Artikel "Klinik Bayreuth geht gegen ARD vor" vom 3. Juli 2013 lässt sich der Chefreporter des Nordbayerischen Kuriers als Lautsprecher des in die Kritik geratenen Bayreuther Bezirkskrankenhauses benutzen. Das wird auch gar nicht verschwiegen, vielmehr wird dies sogar unkritisch hervorgehoben. Man sieht sich dadurch ganz offenbar sogar als die einzige wahrheitsgetreu berichtende Instanz: "Der Schlag gegen den Sender ist Teil einer Strategie, mittels derer die Klinik sich nach dem Sperrfeuer an Vorwürfen wieder 'aufrichten' will, sagt Leipziger." Da fährt also der schwer in die Kritik geratene Leiter der Psychiatrie Dr. Leipziger eine PR-Strategie und Otto Lapp lässt sich die zu vermittelnde Botschaft in die Tasten diktieren. Aber wozu bedarf es dazu noch eines Jorunalisten? Alles was im Artikel steht, steht ausführlicher in der Pressemitteilung des Bezirksklinimkums, die einen Tag früher veröffentlicht wurde. Es scheint Lapp nie in den Sinn zu kommen, dass Leipziger, gegen den Rechtsanwalt Strate Strafanzeige wegen des Verdachts der schweren Freiheitsberaubung gestellt hat, zu Schutzbehauptungen greifen könnte. Zu den Vorwürfen, dass Insassen der Psychiatrie Schikanen der Angestellten ausgesetzt seien, schafft es Lapp sogar den Zynismus der Klinik unkommentiert zu übernehmen: Mollath "könne sich im Rahmen des Maßregelvollzugs 'selbst verwirklichen'".

Ist das der Qualitätsjournalismus, der es schafft, Preise zu erhalten? Ein Zwangspsychiatrisierter könne sich im Rahmen des Maßregelvollzugs "selbst verwirklichen"? Man bedenke, zu diesem Zeitpunkt steht schon lange zur Diskussion, dass es sich um ein Fehlurteil handeln könnte. Daraus ließe sich durchaus schlussfolgern, dass hier möglicherweise jemand zu Unrecht seit sieben Jahren der Freiheit beraubt wird. Ist es also vorbildliche journalistische Tugend, darauf zu verweisen, dass man zwar möglicherweise Opfer eines Justizskandals ist, sich aber doch immerhin selbst verwirklichen könne? Abgesehen davon, dass ein ausgezeichneter Journalist nachgefragt hätte, was das denn im Konkreten bedeutet, sich in der Forensischen Psychiatrie "selbst zu verwirklichen", bleibt die Frage: Wo ist die journalistische Leistung von Otto Lapp? Unhinterfragt und unkommentiert die Meinung einer Institution zu verbreiten, ist Public Relation. Und genau das ist einer der Gründe für die Krise des Journalismus. Die Verflechtung von PR und Journalismus. Das medium magazin kürt also einen Reporter des Jahres, der mit seiner Arbeit für die Probleme des Journalismus und ganz sicher nicht für die Lösung steht.

Aufgabe des Journalismus ist nicht als affirmativer Lautsprecher der Herrschaftsmeinung zu fungieren. Ganz im Gegenteil. Der Publizist und Juror Bernd Gäbler bringt es im Porträt der "Journalisten des Jahres" im aktuellen medium magazin auf den Punkt.

Es geht um den elementaren Sinn aller Publizistik: Öffentlichkeit herzustellen gegen nackte Macht.

Bernd Gäbler

Schade nur, dass das medium magazin mit Otto Lapp einen Reporter des Jahres auszeichnet, der vor allem eines getan hat, die nackte Macht zu stützen und zu schützen. Immer dann, wenn es möglich war, der Gegenseite Gehör zu verschaffen, war Otto Lapp zur Stelle. Die Gegenseite ist es allerdings, die es zu hinterfragen gilt. Es bedarf keiner Journalisten, um die Pressemitteilungen der Psychiatrien, der Gerichte oder Ministerien zu veröffentlichen. Interviews, die mit der Gegenseite geführt werden, aber nicht eine einzige kritische Frage enthalten, klären nicht auf, sondern sind Desinformation. Es verschwimmt die Grenze zwischen Public Relation und Journalismus. Gerade dies sind die Kritikpunkte am gegenwärtigen Journalismus. Propaganda von Unternehmen und Behörden verpackt als Journalismus untergraben dessen Integrität und damit Glaubwürdigkeit. Vielleicht ist es immer noch nicht bei allen Medienschaffenden angekommen, aber es ist die Glaubwürdigkeit der Nachrichten, Meldungen und Kommentare, die die monetäre Verwertung im Pressewesen ausmachen. Alles andere ist Boulevard: Personalisierung und Aggression.

Das medium magazin zeichnet mit Otto Lapp einen Vertreter der Krise des Journalismus aus und nicht ein leuchtendes Gegenbeispiel. Warum das so ist, mag am Wahlverfahren des Magazins liegen. Vielleicht liegt es aber auch an der Zusammensetzung der Jury. Und nicht zuletzt könnte man darüber diskutieren, ob nicht einige der Jurymitglieder selbst Teil der Krise des Journalismus sind und deswegen Otto Lapp nicht als Problem, sondern als Vorbild wahrnehmen.

Journalismus ist jedenfalls weit mehr als bloße Berichterstattung. Journalismus kann Kontrolle der Mächtigen sein. Journalismus kann aber auch zur Kontrolle der Mehrheitsmeinung verkommen. Journalismus ist eine Waffe im Kampf verschiedener gesellschaftlicher Formationen. Und aktuell ist zu beobachten, wie sich Journalisten immer wieder der Macht andienen. Einige Medienschaffende versuchen etwas vom Charisma (auch scheinbar) mächtiger Menschen abzugreifen und sich den primären Eliten anzubiedern. Das muss nicht einmal bewusst geschehen. Häufig ist es schlichtweg die gesellschaftliche Schicht, mit der sich Journalisten identifizieren. Deutschland galt im letzten Jahrhundert als Nation der autoritären Charaktere. Die Liebe zur Elite, die Anbetung von Stärke und Macht, die Unterwerfung unter eine herrschende Klasse mit gleichzeitiger Neigung alles "Schwache" abzuwerten, wird im Bild des Radfahrers eingefangen: nach oben buckeln, nach unten treten. Vielleicht hat sich weniger geändert als es behauptet wird.

In einer Zeit, in der die Gesellschaft zum Gegenstand eines betriebswirtschaftlichen Geländespiels geworden ist, in dem die Demonstration von Stärke und Macht einen zentralen Wert darstellt, wird der andere Pol dieses Kontinuums, der Umgang mit Ohnmächtigen und Schwachen, zum Gradmesser der Zustände in einem Land.

Wilhelm Heitmeyer

Hinweis: Auch wenn Otto Lapp in diesem Artikel kritisiert wird, ist es nicht die Person Otto Lapp, die Ziel meiner Kritik ist, sondern es ist der affirmative Journalismus, der sich in Lapps Berichterstattung zum Fall Mollath in eklatanter Weise zur Schau stellt. Ganz im Gegenteil habe ich auch gute Artikel von Lapp zu anderen Themen auf den Seiten des Nordbayerischen Kurier gelesen. Warum Lapp im Fall Mollath solch eine Position eingenommen hat, mag viele Gründe haben. Nicht alles mag seiner freien Entscheidung zugänglich gewesen sein.

Anzeige