Außergewöhnlicher oder disruptiver Erfolg ist zufällig

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Die Orientierung an den Erfolgreichsten soll keine erfolgreiche Strategie sein, die Zweit- oder Drittbesten sollen mehr Erfolg versprechen

Wer Erfolg hat, bezieht das in aller Regel auf seine oder ihre Verdienste, wer scheitert oder nicht aufsteigt, ist ebenfalls selbst schuld, da doch einem Aufstieg niemand entgegensteht. Das ist die herrschende Vorstellung in der modernen Gesellschaft - und das Credo der ihr zugrundeliegenden neoliberalen oder bürgerlichen Ideologie. Aber das ist eben eine Ideologie, die gesellschaftliche oder schichtenspezifische Zusammenhänge nicht sehen will, weil man dann für größere Gerechtigkeit sorgen könnte. Und dann gibt es noch die vielen Berater, die alle behaupten, sie wüssten, wie man persönlich oder geschäftlich erfolgreich ist, um damit selbst Geschäfte zu machen. Donald Trump, der mit großem Erbe gestartet ist, sieht sich beispielsweise als Vorbild für einen Mann, der als Unternehmer alles erreichen kann - auch Präsident der USA.

Dem Narrativ des selbst bereiteten Erfolgs tritt Chengwei Liu entgegen. Er ist Professor für Strategie und Verhaltenswissenschaft an der University of Warwick und kann natürlich auch nicht darauf verzichten, seine Tipps zu geben, wie man als Wissenschaftler oder Sportler erfolgreicher sein bzw. auf erfolgversprechende Unternehmen, Künstler etc. setzen könnte. Aber zunächst macht er in einem Beitrag für The Conservation nachvollziehbar darauf aufmerksam, dass außergewöhnlicher Erfolg viel mit dem Zufall, also auch mit Glück, zu tun hat und oft genug ein Strohfeuer ist. In Managementmagazinen würde der Zufall auffallend keine Rolle spielen. Nur in 2 Prozent der Veröffentlichungen werde der Zufall erwähnt.

Unternehmens- oder Erfolgsberater gehen in der Regel von Erfolgsgeschichten aus und versuchen herauszuarbeiten, wie sich daraus Erkenntnisse zur Nachahmung gewinnen lassen. Chengwei Liu argumentiert, dass wirklich Innovatives, Außergewöhnliches oder Disruptives, was man heute so schätzt, nur dann entsteht, wenn die gewohnten Pfade verlassen werden, es also dafür kein Rezept gibt.

Aber die "Erfolgsformel" würde dennoch weiter in Ratgebern verbreitet, was mit einem Paradoxon zu tun haben könnte: "Je unsicherer die Welt wird, desto mehr Menschen suchen nach gewissen Lösungen und starken Führern und verlassen sich auf sie." Auch im Casino oder bei Glücksspielen glauben viele Menschen, den Zufall austricksen zu können, wenn sie bestimmte Strategien verfolgen. Mit dem Zufall zu leben, ist schwer, zumal wenn man kein Glück hat. Auch deshalb gibt es Religionen und Anweisungen der Lebensführung, Philosophie war oft die Suche nach Gewissheit, Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung sind ebenfalls Versuche, den Zufall zu domestizieren.

Das Paradox des "Weniger-ist-mehr-Effekts"

Chengwei Liu hat sich mal verschiedene Bereiche angeschaut. Beispielsweise in der Wirtschaft die am schnellsten wachsenden Firmen, wie sie auf der Fortune-Liste der 100 Fastest Growing Companies angegeben werden. Die würden am meisten Aufmerksamkeit und Investitionen erzielen, aber auch die meisten Nachahmer finden. Untersucht man aber die Wachstumsraten im zweiten Jahr, dann seien diese fast zufällig. Zudem haben Firmen mit der größten Wachstumsrate von über 34 Prozent jährlich im nächsten Jahr ein bedeutend niedrigeres Wachstum als Firmen mit einer zwar großen, aber weniger extremen Wachstumsrate. Chengwei Liu leitet daraus seine Empfehlung ab, sich nicht an den Top-Performern zu orientieren, sondern an denen in der zweiten Linie, es gebe einen "Weniger-ist-mehr-Effekt". Top-Performer seien nicht nur glücklicher, sondern würden auch erwartbar schlechter.

Ein anderes Beispiel ist Musik. Wenn eine Band oder ein Musiker einen Hit unter den 20 besten landet, sei dies keineswegs sinnvoll, darauf zu setzen. Besser würde man nach einer Analyse von US Billboard 100 von 1980 bis 2008 mit Musikern fahren, die in den Charts auf den Plätzen 22 bis 30 landen. Beispielsweise war Gangnam Style von PSY durch die Decke geschossen, aber PSY habe damit keinen längerfristigen Erfolg erzielen können, weil es einfach außergewöhnliches Glück war. Musiker, die in den Top 20 landen, würden mit der nächsten Single durchschnittlich auch Platz 40-45 rangieren und damit weiter zurückfallen als diejenigen, die auf den Plätzen 22-30 waren. Sie haben einen weniger außergewöhnlichen Erfolg gehabt, der aber weniger auf Glück basiert, weswegen sie langfristig etwa für die Musikindustrie mehr einbringen können.

Wie gesagt, Chengwei Liu will auch nur der bessere Ratgeber sein, wenn er vorschlägt, die Erfolgsstrategie für Anfänger würde nicht sein, überfordernd von "gut zu groß" zu gehen, sondern lieber von "inkompetent zu okay". Die Erwartungen sollten also heruntergeschraubt werden, für Karrieristen gehe es eher darum, das Handwerk zu lernen, als auf den außergewöhnlichen Erfolg zu schielen. Das sei eine Herausforderung für die modernen Gesellschaften im Hinblick auf den Erfolg. Die Menschen seien auf Belohnung fixiert und würden die Erfolgreichsten nachahmen: "Aber wenn die Erfolgreichsten keine verlässliche Orientierung mehr sind, ist das Übersehen dieser Ungleichung eine Fortsetzung, ihr Glück zu belohnen und die Ungleichheit zu vermehren." Stars anzuwerben oder zu versuchen, die Methoden der Erfolgreichsten nachzuahmen, würde nicht nur zu Enttäuschungen führen, sondern auch Betrügen fördern, weil es keine andere Möglichkeit gebe, das außergewöhnliche Glück zu wiederholen.

Aber wenn nun die Erfolgsstrategie sein soll, nicht auf die Ersten, sondern auf die Zweiten oder Dritten zu setzen und diese nachzuahmen, ist das keine substantiell andere Strategie. Es wird weiter der Erfolg verfolgt, vielleicht nur etwas subtiler, mit weniger großen Erwartungen, enttäuschungsresistenter, vielleicht realistischer. Erfolg bleibt wichtig, Scheitern die Drohung. Das Weltbild ist fix. Ein gutes oder glückliches Leben müsste ja eigentlich mit Erfolg im Vergleich zu anderen nichts zu tun haben.

Hiring "stars" or copying the practices of the most successful not only leads to predicable disappointment but also encourage cheating because there is no other way to replicate their exceptional good luck. The business world needs to balance the accounts of exceptional performance and take a far more judgemental look at the effects of luck and the benefits of being second - or even third or fourth - best. Blindly rewarding successes strengthens the myth of meritocracy and invites fraud. (Florian Rötzer)