Außerirdische Yetis auf Fliegenpilz

Dieses Bild wird gerne als Beleg für die UFO-Theorie gewertet. Es handelt sich um das letzte Bild aus Krivonischenkos Kamera, was darauf schließen lässt, dass es sich um eine Belichtung handelt, die beim Öffnen der Kamera durch den Photolaboranten entstehen kann.

Ein Blick auf gängige Thesen zum Dyatlov Pass Incident - Teil 2 der Serie zu den mysteriösen Toten

Zu Teil 1: "Der höchste Schwierigkeitsgrad"

Ich habe den Dyatlov-Pass nicht eigenhändig umgegraben, und ich habe auch kein Interview mit Yuri Yudin geführt. Weder Moskau noch Sankt Petersburg habe ich persönlich besucht, von Swerdlowsk oder Vizhay einmal ganz zu schweigen.

Es war ein Facebook-Post der russischen Band Kauan, das ein verstörendes Bild einer halb verwesten jungen Frau zeigte und mich auf den Fall Dyatlov aufmerksam gemacht hat. Erste Recherchen im Netz, die mich bald zu den Videos des Dyatlov-Pioniers im deutschsprachigen Raum, Mythen Metzger, Betreiber eines Mystery-YouTube-Channels führten, zeigten schnell, dass es sich hier um eine Art von Fass ohne Boden handelt, was die schiere Menge an Fakten und vermeintlichen Fakten, Theorien und Interpretationen, aber auch an Verdrehung und fahrlässiger Instrumentalisierung betrifft.

So entstand die Idee, mit dieser Artikelserie den Versuch zu wagen, die gegebenen Tatsachen so nachvollziehbar anzuordnen, dass sie als Grundlage für eine Diskussion dienen können, an der auch jemand teilnehmen kann, der nicht bereits seit Jahren über sämtliches Grundwissen zu verfügen glaubt.

Nach dem ersten Teil, der als Chronik der Geschehnisse aufgebaut war, hier nun eine erste Betrachtung einiger der gängigsten Theorien zu den Geschehnissen am Dyatlov-Pass im Jahr 1959.

Die Lawine

Eine der beliebtesten Theorien und zugleich die, die von vielen Dyatlov-Forschern am schnellsten abgetan wird.

Nach diesem Modell wäre die im Zelt rastende Gruppe von einer abgehenden Lawine überrascht worden, und hätte sich dann zunächst zum Waldrand geflüchtet, um dort ein Feuer zu entzünden.

Oft wird jedoch darauf verwiesen, dass der Cholat Sjachl nicht sonderlich hoch und steil ist, und dass sich zudem der Zeltplatz auf einer nur leicht abschüssigen Ebene befand. Wie bereits auf dyatlovpass.com angemerkt, schließt dies den Abgang eines Schneebretts jedoch nicht zwingend aus.

Ein nur vermeintlich schlüssiges Argument pro Lawine scheint jedoch, dass die Gewalt der Schneemassen die eingedrückten Brustkörbe bewirkt haben könnte. Das lässt sich nicht von der Hand weisen - aber wie wären Lyudmilla Dubinina und Semyon Zolotaryov zu dem vom Zelt am weitesten entfernten dritten Fundort gelangt im Wald gelangt?

Darüber hinaus hätte eine Lawine oder ein Schneebrett nicht nur die Mitte des Zelts, sondern die gesamte Konstruktion zum Einsturz gebracht.

Fliegenpilz und Mutterkorn

Der in der westlichen Kultur als "giftig" geltende Fliegenpilz wird seit jeher von den Nomadenvölkern Sibiriens als rituelles Psychedelika genutzt. Sind Igor Dyatlov und seine Gefährten über einen Vorrat von Amanita Muscaria gestolpert, den etwa ein Schamane auf traditionelle Weise zum Trockenen aufgehängt hatte? Oder haben, in einer Variation der These, die Studenten selbst diese oder eine andere bei sich geführt, deren Genuss eine mörderische Gruppenpsychose ausgelöst hat?

Der Fliegenpilz kommt in Sibirien traditionell als Droge bei schamanischen Ritualen zum Einsatz. Dafür wird der Pilz an Rentiere verfüttert, deren Urin anschließend konsumiert wird. Bild: Onderwijsgek / Ak ccm. Lizenz: CC BY-SA 3.0 nl

Eine auf den ersten Blick recht verführerische Theorie, da sie zumindest einen Lösungsansatz für den äußerst seltsamen Fakt bieten würde, dass man nur Spuren der Opfer gefunden hat. Auch die Groteskheit der Verletzungen glaubt mancher auf diese Weise erklären zu können.

Auf den zweiten Blick stellen sich jedoch einige Fragen. Würde eine Gruppe erfahrener Wintersportler auf einem Treck dieses Schwierigkeitsgrades bewusst eine starke psychedelische Droge mit bekannter Weise recht unkalkulierbarer Wirkung konsumieren? Würde anders herum eine Gang von studentischen Psychonauten eigens eine Exkursion in raueste sibirische Bedingungen organisieren, um dort eine Drogenparty in einem winzigen Zelt zu feiern, inmitten des Schneetreibens bei 30 Grad Minus?

Selbst wenn wir einen solchen Irrsinn als gegeben annehmen würden - soweit mir bekannt, ist die Wirkung derartiger Drogen nicht dergestalt, dass alle Konsumenten vom selben "Rausch" befallen würden. Es scheint auch nicht wahrscheinlich, dass acht Menschen einfach zusehen würden, wie der Neunte beginnt, ein Mitglied der Gruppe nach dem anderen zu Tode zu bringen.

Interessant scheint in diesem Zusammenhang jedoch, dass aus Vishay berichtet wurde, dass die Gruppe große Mengen von Brot erworben und verspeist hat, auch im Zelt wurden noch diverse Laibe gefunden. Kann es sich um eine Mutterkornvergiftung gehandelt haben?

Auch das scheint eher unwahrscheinlich, Mutterkorn-Vergiftungen werden längst durch entsprechende Reinigung vermieden, so Wikipedia, das aber interessanterweise auch zu berichten weiß: "In den Jahren 1926 und 1927 kam es in der Sowjetunion zu Massenvergiftungen; offiziell gab es über 11.000 Tote durch mutterkornhaltiges Brot."

Hat es vielleicht auch im Jahr 1959 ein hinterwäldlerischer Müller mit der Getreidereinigung nicht so genau genommen?

Letzten Endes scheitern aber alle Thesen in Richtung Drogen/Vergiftung an einer wesentlichen Tatsache: Auch der absichtliche oder versehentliche Genuss von Rauschmitteln versetzt niemanden in die Lage, anderen Menschen solche Verletzungen zuzufügen, ohne gerichtsmedizinisch feststellbare Spuren zu hinterlassen.

Ein russischer Yeti: Der Menk

Wie gewöhnlich führte der Discovery Channel nichts Gutes im Schilde, als er ein Team in den Ural sandte, um einen lediglich im Kleingedruckten als Mockumentary ausgewiesenen, sich als seriöse Dokumentation gebenden Beitrag zu drehen: "Russian Yeti - Expedition in den Tod".

In einer äußerst unerfreuliche Weise werden hier tatsächliche Fakten und Statements mit fiktiven Gegenstücken vermengt, um den Zuschauer dazu zu bewegen, den Menk, eine Yeti-artige Mythenfigur der Mansen, für den überführten Täter des Vorfalls am Dyatlov Pass zu halten.

Der Gipfel der Frechheit ist schlussendlich die Instrumentalisierung der berühmt gewordenen Photographie des schwarzen Schattens, der die Gruppe zu verfolgen scheint und hinter einem Baum hervorlinst.

Es steht außer Frage, dass auch das Team des Discovery Channel das diesem speziellen Bild auf dem Film vorhergehende Photo kannte. Es zeigt zweifelsfrei Thibeaux-Brignolle in typischer russischer Winersportkleidung dieser Zeit.

"Russian Yeti" ist übler Schund, der nicht zuletzt jeden Respekt vor den Toten des Cholat Sjachl vermissen lässt, indem er sie zu Statisten dieser Mär vom Schneemensch macht.

Das rechte Bild kommt in der Discovery-Channel-Produktion vor, das linke wurde unterschlagen.

Fliegende Untertassen

Der bereits im ersten Teil dieser Artikelserie erwähnte Chef-Ermittler Lev Ivanov hatte nicht nur die Massensichtung der notorischen "orangen Sphären" in der Zeit der Dyatlov-Expedition bestätigt, sondern auch erklärt, dass er während der kurzen Zeit der Ermittlungen angehalten war, diverse Dokumente zu diesem Thema aus den Akten verschwinden zu lassen.

Darüber hinaus will er bei den Untersuchungen vor Ort beobachtet haben, dass die Wipfel diverser Pinien des Wäldchens, an dessen Rand sich das Not-Lagerfeuer befand, verkohlt waren.

Wir stellen uns also vor, dass die im Zelt weilenden Wanderer vom vielleicht laut- und lichtstarken Auftauchen einer U.F.O.-Flotte so erschreckt wurden, dass sie das Zelt verließen und auf der Suche nach einem effektiven Versteck in Richtung Wald flüchteten.

Dabei werden mindestens zwei von ihnen an Bord "gebeamt", kurz untersucht (inklusive der Entnahme von Zunge und / oder Augäpfeln) und aus einiger Höhe wieder herausgeworfen, was die zertrümmerten Brustkörbe erklären würde.

Hält man generell die Existenz von außerirdisch bemannten unbekannten Flugobjekten für möglich, klingt diese These vermutlich nicht allzu abwegig. Von einer Tatbeteiligung der grundsätzlich ebenfalls des U.F.O.-Betriebs verdächtigten Reichsdeutschen aus Neuschwabenland gehen aber wohl auch Ufologen nicht aus, die Haunebu-Piloten hätten keine nachvollziehbare Motivation gehabt, menschliche Augäpfel und Zungen zu Zwecken der Untersuchung zu amputieren.

Der Russe war es selbst! Oder die Amis

Ähnlich wie die bereits erwähnte Lawinentheorie gehört die These, dass der KGB hier etwas "verdeckt", zu den ersten, die vielen Interessierten durch den Kopf gehen, die sich erstmals mit dem Dyatlov-Fall befassen.

Hier schließe ich mich den Ausführungen des Mythenmetzgers an, der mehrfach darauf verwiesen hat, dass diese Interpretation ins Nichts läuft, da sie bedeuten würde, dass der KGB jahrzehntelang sich selbst (und folglich die Regierung) belogen hätte.

Schließlich waren die Untersuchungsergebnisse nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, die offizielle Version war immer die eines tragischen, aber nicht weiter rätselhaften Verlaufs einer Skiwanderung, die im Erfrierungstod von neun Sportlern endete.

In Ivanovs internem Abschlussbericht, der erst 1990 von Journalisten gefunden wurde, als die Archive des KGB ausgeräumt wurden, hieß es im Gegensatz dazu jedoch:

Zieht man die Abwesenheit äußerer Verletzungen an den Körpern, das Fehlen von Spuren eines Kampfes, den Verbleib der Wertgegenstände und die Ergebnisse der medizinischen Untersuchung der Todesursachen der Touristen in Betracht, kommt man zum Schluss dass die Ursache ihres Ablebens eine überwältigende kraft war, der sie nicht standhalten konnten.

Morgen, am 10. September, erscheint bei Random House das 672 Seiten starke Werk eines Autors, der sich unter dem Pseudonym Aleksei Rakitin verbirgt, da er - so die Verlagsauskunft - "aufgrund der Brisanz seiner Recherchen seine Identität schützen muss".

Deswegen zeigt er "keine Fotos von sich und tritt öffentlich nicht in Erscheinung". Der Klappentext suggeriert, dass sich Rakitin auf eine Auflösung festlegt, die bei dyatlovpass.com etwa so zusammengefasst wurde:

Mindestens zwei oder drei Mitglieder der Truppe wären vom KGB engagiert worden, um sich einigen in der Gegend campierenden CIA-Spionen als Komplizen anzudienen. Die hätten dann bemerkt, dass die Skiwanderer ein doppeltes Spiel betrieben und diese deswegen gefoltert und anschließend umgebracht.

Ähnlich wie bei der Drogentheorie ist festzustellen, dass auch erbost folternde CIA-Agenten nicht über die übernatürliche Kraft verfügen, auf ihre Opfer mit der Wucht eines PKW bei einer Geschwindigkeit von 80 km/h einzuprügeln.

Man wird sehen, was Aleksei Rakitins Buch beizutragen weiß. Weitere Theorien werden in drei Wochen auch hier wieder behandelt, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf dem Volk der Mansen und ihren Mythen liegen wird. Auch wenn die Nomaden offiziell nicht (mehr) verdächtigt werden, finden sich in ihrer Mythologie hochinteressante, teilweise bestürzende Parallelen und Bezugspunkte, die einer genaueren Betrachtung harren. (Claus Jahnel)

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