Außerirdisches Leben von Nebenan?

Wandern Hunderttausend Milliarden sternenlose Planeten durch die Milchstraße, womöglich sogar besiedelt von außerirdischem Leben?

Das Szenario klingt spannend: Ein Planet, tief gefroren in der kosmischen Kälte. Ein einsamer Wanderer, der das Universum auf einer Bahn durchquert, die ihm die Potenziallinien der Gravitation vorgeben. Etwa alle 26 Millionen Jahre kommt es zu einer folgenreichen Begegnung: Der dunkle Solist nähert sich einem Sonnensystem, vielleicht dem unseren. Er dringt in seine Bahnebene ein. Die Strahlung der sich nähernden Sonne wärmen seine Oberfläche.

Fiktive Darstellung eines sternenlosen Planeten. Bild: NASA/JPL-Caltech/R. Hurt

Die gefrorene Atmosphäre erwärmt sich. Als er den Asteroidengürtel durchquert, kommt es zu gewaltigen Kollisionen. Material aus dem besuchten Sonnensystem, bis zu 1000 Tonnen, lagert sich auf dem fremden Planeten ab, während einige der Kollisionen Stoffe vom Planeten ins System tragen. Elemente, Moleküle, vielleicht Leben: Der Austausch könnte den Anstoß zur Verbreitung exotischer Lebenskeime geben.

Das Szenario stammt nicht aus "Perry Rhodan", sondern aus einer aktuellen Veröffentlichung im Wissenschaftsmagazin "Astrophysics and Space Science", die mit einigen außergewöhnlichen Behauptungen aufwartet. Die Autoren haben das Weltall neu vermessen. Sie sind dabei nicht an den Exoplaneten interessiert, die inzwischen im Wochenrhythmus entdeckt werden, sondern an sternenlosen Himmelskörpern, die die Milchstraße durchstreifen könnten.

Hinweise darauf hat man durch Nutzung des Gravitationslinsen-Effekts gefunden - allerdings sind die Hinweise so schwach, dass ihre Interpretation offensichtlich sehr widersprüchlich ist. Das könnte auch daran liegen, dass die Forscher, die sie vertreten, insbesondere Chandra Wickramasinghe, Rudy Schild und Carl Gibson (drei von vier Autoren des genannten Papers), daraus eine komplette Kosmologie entwickelt haben, die das akzeptierte Standardmodell der Entwicklung des Universums (Die Zeit vor der Zeit) komplett auf den Kopf stellt.

Die grundsätzliche Idee dahinter: Man könnte auf die unbekannte "Dunkle Materie" zur Erklärung der Evolution des Kosmos verzichten, wenn man die fehlende Masse anderswo beschafft. Anderswo - das heißt in diesem Fall, sie steckt in Planeten, die wir nicht beobachten können. Und zwar in gleich 1080 davon (man nimmt an, dass das Weltall "nur" rund 1023 Sterne enthält). Die Entstehung dieser unglaublichen Zahl von Planeten soll kurz nach dem Urknall erfolgt sein, als das Weltall erst 300.000 Jahre alt war. Aus Gleichungen der Hydrodynamik leiten die Verfechter des Modells her, wie es in der damals noch recht dichten Materie des Kosmos zur Planetenbildung kam.

Sterne hingegen entstanden danach erst später - und zwar aus diesen so genannten primordialen Planeten. Diese Sterne explodieren bald als Supernovae, so dass auch die nötigen schwereren Elemente in Umlauf kommen. Die komplette Population bietet für einige Millionen Jahre Gelegenheit für die Entstehung von Leben - dessen Bestandteile die Planeten dann als Einzelgänger im Universum verteilen.

Das Problem dieses Modells hat zwei Bestandteile. Erstens ist es leider nicht mehr damit getan, eine Menge "echter" (baryonischer, also nicht Dunkler) Materie zu finden, um die Dunkle Materie wegzudiskutieren. Denn die mögliche Menge im Universum vorhandener baryonischer Materie wird von den Mechanismen des Urknalls, wie man sie heute versteht, festgelegt. Zweitens wird das Modell nicht von Beobachtungen untermauert. Was Gibson et al als dunkle Planeten interpretieren, wird von den meisten anderen Forschern für etwas ganz anderes gehalten.

Wie hat es das Paper trotzdem in eine Zeitschrift des wissenschaftlichen Springer-Verlags geschafft? Wohl deshalb, weil es vor allem Folgerungen enthält. Wenn die Anfangsbedingungen stimmen, dann kommt man auch zu den gezogenen Schlüssen. Über den wirklichen Aufbau des Universums sagt so ein Paper dann allerdings leider nichts. (Matthias Gräbner)

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