Auswanderung im 19. Jahrhundert

Das Afrika-Denkmal in Pfaffenweiler. Bild: W-j-s. Lizenz: CC BY-SA 3.0

Dass Menschen aus wirtschaftlichen Gründen ihre Hoffnung auf die Migration setzen, ist keinesfalls eine neue Entwicklung, sondern war für viele Menschen oftmals die einzig verbliebene Möglichkeit - wo heute Weinberge dominieren, herrscht früher oft die blanke Not

Die früher als Wein- und Stein-Dorf bekannte Gemeinde Pfaffenweiler im Schneckental südlich von Freiburg sah sich im 19. Jahrhundert mit mehreren Missernten konfrontiert. Da man die daraus resultierende Not und Armut in der Bevölkerung nicht mindern konnte, drängte man Teile der Einwohner zum Verlassen des Dorfes. Und so blieb für ein Viertel der damaligen Bevölkerung nur die Auswanderung in die USA oder nach Algerien. Viele der Auswanderer in die USA siedelten sich in Jasper im Bundesstaat Indiana an und ihre Nachkommen pflegen die Beziehungen zu ihrer ursprünglichen Heimatgemeinde bis heute, was zu einem regen Austausch zwischen den beiden Gemeinden führt.

Während in anderen Auswanderergemeinden oftmals politische oder religiöse Gründe zur Entscheidung führten, auszuwandern, waren es in Pfaffenweiler wirtschaftliche Gründe, welche die Bewohner zur Auswanderung drängten. Erste Versuche zur Auswanderung nach Nordamerika sind für das Jahr 1817 dokumentiert, als die Missernten zu dramatischen Preissteigerungen bei Lebensmitteln führten. Schlechte Weinernten sorgten ziemlich schnell wieder für einen neuen Auswanderungsschub, wobei zumeist nicht die Winzer daran dachten, auswanderten, denn die konnten sich von den eigenen Gärten ernähren.

Auswandern mussten zumeist Handwerker und Taglöhner, die von den Weinbauern nicht mehr bezahlt werden konnten. Eine weitere Gruppe der Auswanderer waren allein erziehende Mütter. Die waren damals gerade unter den Armen nicht so selten, denn heiraten durfte nur, wer das Bürgerrecht hatte und das Bürgerrecht bekam nur, wer es erwerben konnte. So kostete das Bürgerrecht in Pfaffenweiler im Jahre 1837 70 Gulden für Männer und für Frauen 19 Gulden und 30 Kreuzer.

Die Verarmung der Bevölkerung wurde neben den Missernten auch durch den starken Geburtenanstieg und die in Pfaffenweiler übliche Realteilung beschleunigt, bei der der Grundbesitz zwischen den Erben aufgeteilt wurde. Die Gemeinde versuchte über viele Jahre, die Armen im Dorf zu unterstützen. Da dies nur für einen überschaubaren Zeitraum möglich war, entschloss sich die Gemeinde, die Armen loszuwerden und die Auswanderung zu forcieren.

Wer die Gemeinde verlassen wollte, musste einen meist mündlichen Antrag bei der Gemeindeverwaltung stellen, der dort niedergeschrieben und an das großherzogliche Bezirksamt Staufen geleitet wurde. Die Genehmigung wurde erteilt, wenn im Rahmen eines sogenannten Schuldenliquidationsverfahrens den Gläubigern die Möglichkeit gegeben wurde, ihre Forderungen einzutreiben. Wer die Reise nicht selbst bezahlen konnte, stellte bei der Gemeinde einen Antrag auf Übernahme der Reisekosten. Da die Gemeinde mit der Auswanderung eines Armen künftig keine Unterstützung mehr bezahlen musste, war die Übernahme der Reisekosten meist kein Problem.

Die mit 23 Familien und insgesamt 132 Personen größte Gruppe verließ Pfaffenweiler im Jahre 1853 nicht nach Nordamerika sondern in die französische Kolonie Algerien. Dort war nach der französischen Besatzung die zuvor aus religiösen Gründen weitgehend untergegangene Weinwirtschaft wieder aufgelebt und so hoffte man, dass die Auswanderer aus dem Weindorf dort schnell Fuß fassen würden. Die Gemeinde hatte zur Finanzierung der Auswanderung den sogenannten Hasenfahren Wald abgeholzt und den Erlös für die Überfahrt bereitgestellt. Das Gewann trägt heute noch den Namen Afrika und ist der einzige im Ort verbliebene Hinweis auf die Auswanderung nach Algerien.

Die Reise führte über Colmar, Basel und Lyon nach Marseille, wo jeder von ihnen 400 Franc von einem Agenten des Freiburger Bankhauses Sautier ausgehändigt bekam. Diese Summe mussten sie dann dem örtlichen Militärbeauftragten vorweisen, damit sie die Erlaubnis zur Überfahrt nach Algerien bekamen. Die Lebensbedingungen in Algerien entsprachen nun nicht den Versprechungen und so mancher Kolonist lebte in Algerien unter noch ärmlicheren Bedingungen als in der Heimat.

Nur für eine Familie mit sechs Personen gab es in Algerien die Möglichkeit, eigene Reben anzupflanzen und für drei Jahre zu pflegen. Diese Information war der Verwaltung in Pfaffenweiler schon vor der Abreise bekannt. Man verschwieg sie gegenüber den Auswanderern jedoch, weil man die Armen unbedingt loswerden wollte. Weil die Gemeinde für die Auswanderung von Familien pro Kopf weniger Geld aufbringen musste, als für Einzelpersonen, hat man diese am Tag vor der Auswanderung verheiratet. Diese Verehelichung war jedoch an die Ausreise gebunden.

Die Versuche von gescheiterten Kolonisten, in die Heimat zurückzukehren, waren in fast allen Fällen vergeblich. Der Gemeinderat in Pfaffenweiler lehnte eine Wiederaufnahme der gescheiterten Kolonisten ab, da mit ihrer Rückkehr die Not in Pfaffenweiler wieder angestiegen wäre. Nach den vorliegenden Unterlagen schafften es nur drei wieder nach Pfaffenweiler zurückzukehren. Einer davon trat in die französische Armee ein und kehrte 1871 nach dem deutsch-französischen Krieg nach Pfaffenweiler zurück. Nach der Unabhängigkeit Algeriens im Jahre 1962 mussten die Nachkommen der Auswanderer erneut auswandern und sollen heute vornehmlich in Südfrankreich leben. Anders als im Falle Jaspers gibt es jedoch derzeit keine Kontakte zu den Nachkommen der Auswanderer nach Algerien.

Die eigene Auswanderungsgeschichte in Pfaffenweiler hat offensichtlich aktuell dazu geführt, dass man Fremden, die in Deutschland ein Auskommen suchen, das sie in ihrer Heimat nicht finden, verständnisvoller gegenübertritt.

Der Autor bedankt sich bei der Gemeindeverwaltung Pfaffenweiler für die Unterlagen zur Auswanderung aus dem Schneckental.

(Christoph Jehle)

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