Ausziehen, Umziehen, Einziehen

Über die Wiederkehr des Raums als Thema der Theorie

Zu leugnen oder zu übersehen ist es nicht mehr: Der "Raum" ist wieder da und erlebt ein für manchen Beobachter höchst unerwartetes und überraschendes Comeback. Nicht dass der Raum vorher vielleicht verschwunden gewesen wäre und nun wie einst Phönix aus der Asche wiederauftauchen würde, nachdem das endlose Spiel mit Differenzen an Attraktivität verliert, das Surfen auf den Oberflächen der Prints und Screens langweilt und postmoderne Versprechen vom trauten Nebeneinander von Lebensformen, Diskursen und Weltbildern nicht mehr überzeugen. Als Umwelt, Folie oder Horizont für Unterscheidungen oder Bedeutungsverschiebungen war der Raum stets präsent, wenn Soziologen das Soziale aus der Zeit destillierten, Philosophen den Verlust, den Zerfall oder die Auflösung des Raumes beklagten oder Semiotiker aus Zeichen und Texten immer neue Geschichten und Deutungsmöglichkeiten generierten.

Eine tiefere oder darüber hinaus gehende Beachtung oder Problematisierung erfuhr der Raum aber in den letzten Jahren nicht mehr. Was für Militärs, Straßenkämpfer und Fußballlehrer eine ebenso schlichte wie fraglose Selbstverständlichkeit war: Räume zu erobern, zu besetzen und zu sichern, erklärte der avancierte zeitgenössische Diskurs für uninformativ und überholt. Weshalb er den Raum kurzerhand von der Agenda nahm und aus dem Themenkatalog seiner Schriften und Texte verbannte.

Sein Blick ist vom Vorübergehen der Stäbe
so müd' geworden,
dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt

Rainer Maria Rilke

Ein gravierender Wahrnehmungs-, Meinungs- und Bedeutungswandel muss demnach ein- und aufgetreten sein, wenn der Raum plötzlich als neues Problem- und Konfliktfeld wiederentdeckt wird. Die Motive und Gründe, warum Soziologen, Philosophen und Künstler dem räumlichen Nebeneinander (hier/da) wieder mehr Aufmerksamkeit schenken als dem zeitlichen Nacheinander (vorher/nachher) sind vielschichtig.

Da ist zunächst einmal das Veralten oder Ermatten von Theorien zu nennen, das Auf und Ab von Diskursen oder der Wechsel von Stilen, Moden und Trends, der immer häufiger den Fieberkurven von Börsenkursen, Politbarometern oder Meinungsumfragen gleicht. Das Verlangen nach dem permanent Neuen hält die Kommunikation in Wissenschaft und Medienöffentlichkeit in Gang. Und die Gegenwartsbesessenheit, die Massenmedien, zumal elektronische, und Computernetzwerke auszeichnen, beschleunigt und verstärkt das noch: die Suche nach dem Unbekannten oder So-noch-nicht-Gehörten/Gewussten, das Aufmerksamkeit beim Publikum verspricht und zu spektakulären Nachrichten in den Massenmedien verarbeitet werden kann.

Da ist sodann der Kollaps der bipolaren geopolitischen Welt, der vormals dem Blick verschlossene Grenzen und Horizonte wieder geöffnet und ein neues Bewusstsein sowohl für die Weiten und Tiefen des Raumes geschaffen hat, als auch für die Gefahren und Risiken, die durch die Öffnung und Schließung der Räume den Bewohnern von Räumen drohen. Auch die so genannte "Bevölkerungsbombe" (P. Virilio) spielt dabei eine nicht unwesentliche Rolle. Gemeint sind damit soziokulturelle Konfliktfelder, die durch Vertreibung und Landflucht, Zuwanderung und Gettobildung, Fremdenhass und Nomadentum, Hybridkultur und Verinselung in Gebieten, Regionen und Territorien entstehen und dort zu politischen Spannungen, kulturellen Kämpfen und sozialen Verwerfungen führen.

Und schließlich hat die Rückkehr des Raums (Y2K Strikes Back) auch mit jenem Konkurrenz- und Differenzierungsdruck zu tun, den globale Verflechtung, Digitalisierung und weltumspannende Kommunikation auf Kulturen, Nationen und Gemeinschaften ausüben. Je mehr Freihandel, offene Märkte und globale Netzwerke traditionellen Schranken, Grenzen und Territorien den Garaus zu machen scheinen, desto mehr beginnen Personen, Gruppen und Völker sich wieder für das Lokale, Vertraute und Nachbarschaftliche zu interessieren. Dass Fragen der Herkunft, des kulturellen Erbes und der Identitätsstiftung sich einer wachsenden Popularität erfreuen, sollte daher niemanden verwundern. Gerade diejenigen nicht, die für eine rasche Vernetzung und Globalisierung der Systeme eintreten, für "universalistische Wertegemeinschaften", Weltbürgertum und für ein "All inclusive" von Usern, Konsumenten und Bürger die Werbetrommel rühren und in der "Weltkommunikation" (N. Bolz) das "kat echon" gegen Sonderwege, Sonderbewusstsein und andere religiös oder ethnisch motivierte Parteiungen erblicken.

Man muss sich der Tatsache bewusst sein,
dass alles recycelbar ist - unzersetzbar, unzerstörbar,
selbst in den Verbrennungsöfen der Endlösung...
alles ist da und bereit, wiederaufzutauchen.

Jean Baudrillard

Den Krieg, den amerikanische Geo- und Machtpolitiker jüngst zwischen und innerhalb der verschiedenen Kulturen voraussagen, bringt die Vielzahl und Reichhaltigkeit der oben genannten Themen und Sachverhalte auf den Punkt, auch dann noch, wenn attestiert werden muss, dass viele dieser so genannten high and low intensity conflicts in der Hauptsache und in seinen Auswirkungen eher um Wissensvorsprünge, Köpfe und Medientechniken geführt werden als um Anerkennung und kulturelle Identität (Mary Kaldor). Daher geht man gewiss nicht fehl in der Annahme, diesen "Kampf der Kulturen" (S. Huntington) als die Schattenseite des prognostizierten "Endes der Geschichte" (F. Fukuyama) zu beschreiben, ihn als den unbewältigten und unverarbeiteten Teil dessen zu betrachten, was Jean Baudrillard vor mehr als einer Dekade einmal, und zwar in Reaktion auf die Ereignisse von 1989 (Nationalismus, Rassismus, Fanatismus ...), auf die griffige Formel der "Rückwendung der Geschichte" gebracht hat, die den Siegeszug von liberaler Demokratie, Finanzkapitalismus und Individualismus begleitet und unterhöhlt.

Ein Wunsch schrieb seinerzeit wohl mit, als Vernetzungs- und Globalisierungsfreunde Ende der 80er Jahre meinten, Themen der Abstammung und des Geschlechts, der Tradition und der Kultur, der Religion und der Geografie theoretisch wie ideologisch abhaken und versenken zu können. Es muss sie irritieren, wenn Fragen der Zugehörigkeit und der Identität, des historischen Ursprungs und der Blutsbande, die offenbar im Windschatten grenzüberschreitender Kapital-, Wissens- und Infoströme überlebt haben, die Oberflächen der Medien bewegen und Mentalitäten und Lebensstile, Wertvorstellungen und Interaktionen okkupieren. Und das trotz oder gerade wegen des Einbruchs des Virtuellen.

Während eine global business class, die sich weitgehend nur noch in Enklaven (gated communities) aufhält, von einem Portal und Mikrofon zum nächsten eilt und den Raum höchstens noch als Passage, im Transit oder im Helikopterflug erlebt, sich vor und an den Bildschirmen "weitläufig", "weltoffen" und "kosmopolitisch" gibt; und während der avancierte Diskurs der Digerati, Cyberpoeten und Globalisierungsgewinner Usern, Bürgern und Konsumenten die schnelle Einstöpselung und Auflösung in entfesselten Kommunikationsnetzen schmackhaft macht, herrscht und wächst außerhalb der vernetzten, ästhetisch gestylten von Polizei- und privaten Sicherheitskräften abgeschirmten Zonen und Knoten der Global Cities die Neigung, sich an Vertrautem, Sicherem und Gewohntem zu orientieren und sich auf Erinnerungen, Sitten und Gebräuche zurück zu besinnen.

Die politische Nivellierung und Neutralisierung derartiger "antiglobaler" Affekte, Leidenschaften und Intensitäten scheint postmetaphysischen, posttraditionalen und postnationalen Modellen jedenfalls ebenso wenig zu gelingen wie ihre ästhetische oder systemsoziologische Abfederung. Mehr denn je sehen sich diese universalistischen Konzepte und Verfahren mit lokalen, regionalen oder "koscheren" Diskursen und Ideen konfrontiert, die ein latentes Übel für die und Gegengift zur vernetzten Weltgesellschaft darstellen. Im neuen "Willen zum Raum" schlägt sich dieses feindliche Nebeneinander nieder, im Konkurrenzkampf, der zwischen global und lokal, abstrakt und konkret, liberal-westlichen und anderen Wertvorstellungen auszubrechen scheint, findet es seinen Ausdruck.

Andererseits könnte die Prominenz und Relevanz des Raums aber auch Anzeichen für einen neuen Paradigmenwechsel sein. Nachdem die Schleier, welche die Nebelkerzen der postmodernen Interfacekultur geworfen haben, sich allmählich lichten und verziehen und die Bordmittel modischer Diskurse nur für Flüge "über den Wolken" ausreichen, wächst der Wunsch beim Flugpersonal, Blindflüge in luftigen Höhen zu beenden, Tempo und Luftmeter zu senken und einen erneuten "Blick auf Gelände mit Wegen, Siedlungen, Flüssen oder Küstenstreifen" (N. Luhmann) zu werfen. Das Revival des Raums, das dem Reentry des Raums in den zeitgenössischen Diskurs folgt, könnte die Wegmarke für den Beginn einer neuen Rematerialisierung der Diskurse sein mit dem Ziel, Gegenständen und Themen, Theorien und Diskursen wieder mehr Bodenhaftung und Schwerkraft zu verleihen.

Wer gute Ohren hatte, die Wort- und Begriffswahl in Medien, Feuilletons oder wissenschaftlichen Abhandlungen aufmerksam verfolgte, konnte diesen Perspektivenwechsel in den letzten Jahren schon länger erahnen. Die Begriffe, die mit "Raum" operieren, übertreffen nämlich längst all jene Komposita, die sich mit oder an Zeit koppeln. Seiten könnte man damit füllen, listete man sie alle akribisch auf. An dieser Stelle muss uns aber eine kleine Auswahl genügen.

Hören oder lesen konnte man beispielsweise vom "sozialen Raum" oder vom "virtuellen Raum", vom "ästhetischen Raum" oder vom "politischen Raum"; von "Erlebnisraum" und "Erfahrungsraum", vom "Verdichtungsraum" und "Gestaltungsraum" ebenso wie vom "Kulturraum" und "Wohnraum", vom "Weltraum" und "Lebensraum"; aber auch von "Raumerfahrung" und "Raumgestaltung", von "Raumproduktion" und "Raumeroberung", von "Raumnahme" und "Raumkontrolle", von "Raumpolitik" und "Raumplanung" - ohne dass jemals aus dem Gebrauch des Raumbegriffs weitere Rückschlüsse auf den thematisierten Gegenstand gezogen worden wären.

Die Popularisierung oder inflationäre Verwendung des Raumbegriffs ist das eine, der Informationsgewinn oder gar Neuigkeitsgehalt, den man daraus zieht, aber das andere. Der stellt sich erst ein, wenn geklärt werden kann, welches Raumverständnis und welche Raumvorstellungen vorliegen, welche mit und in den Aussagen transportiert werden und wie er nach seinem Fall in die Zeit und seine scheinbare Tilgung durch die Zeit kognitiv oder/und sinnlich erfahren und begriffen wird.

Gesichert scheint nach Lage der Dinge vorerst nur, dass der Raum nicht mehr der gleiche ist, wie ihn sich ein aristotelischer Beobachter entweder vor Newton (Raumbruch 1) ausgemalt hat: als eine Art abgeschlossenen Rahmen oder Container, der Gegenstände, Ereignisse und Lebewesen wie eine zweite Haut umfasst, ihnen einen festen und gesicherten Ort, Platz oder Standort darin zuweist und sie in all ihren Beziehungen, ihrem Walten und Wirken bestimmt; oder als eine absolute und unbewegte, doch prinzipiell unabschließbare Einheit für alle möglichen Kräfte und Bewegungen, die den gleichen Gesetzen folgen, wie sich Beobachter in der Tradition Newtons den Raum um 1800 vorgestellt haben (Raumbruch 2).

Gesichert scheint außerdem, dass der Raum anno 2000 (Raumbruch 2) zwar als "unendliches" und "offenes Feld" projektiert werden kann, in das der Beobachter mit seinem kognitiven Apparat involviert ist, keinesfalls aber eine "reine" oder "leere Anschauungsform" (Kant) darstellt, die wirkungslos ist und bleibt. Weder kann der Raum durch Unterscheidungslogik zum Verschwinden gebracht werden noch ist er ein Medium, in den beliebig viel und oft alles Mögliche hineingeschrieben oder hineingedeutet werden kann. Der Raum ist weder tot noch starr, unbeweglich oder passiv, neutral oder gar widerstandslos. Vielmehr benennt und eröffnet er ein Resonanzfeld, das mit heterogenen, vielfältigsten und unterschiedlichsten Materialien, Informationen und Wissensformen angefüllt ist, mit Kräften und Körpern, Axiomen und Gesinnungen, Mächten und Phantasmatiken, Diskursordnungen und institutionellen Vorkehrungen, die sich verketten oder bekämpfen, sich vermischen oder wechselseitig ausgrenzen können. Die Wirkungen, die dabei erzeugt oder erzielt werden, äußern sich räumlich und enden im Raum.

Die große Obsession des 19. Jahrhunderts ist bekanntlich die Geschichte gewesen...
Hingegen wäre die aktuelle Epoche eher die Epoche des Raums.

Michel Foucault

Längst kann, will oder muss der Raum nicht alles aufnehmen, was ein Beobachter mit ihm machen oder in ihn hineinpacken möchte. Der Raum ist widerständiger, trotziger und zeigt sich resistenter gegen Wünsche und Zumutungen, Unterscheidungen und Anmaßungen von Beobachtern als raumvergessene oder raumblinde Diskurse dies meinen. Gerade weil die Lage der Körper oder Elemente im Raum mündet, ihre Positionen und Relationen durch ihn sowohl festgelegt wie geschaffen werden, wirkt er, wie dynamisch dieses Zu- und Nebeneinander, Für- und Gegeneinander auch immer ist oder fortschreitet, letztlich wie eine Art Vorschrift oder Befehl (imperium) auf Vorstellungen und Unterscheidungen, Überzeugungen und Handlungen ein. Es verwundert daher keineswegs, wenn Diskurse, die sich ausschließlich in Ereignisfeldern bewegen, den Ungewissheiten und Kontingenten frönen und einen metaphorischen Gebrauch von Raum pflegen, von der "heutigen Unruhe" (M. Foucault), den der Raum auf Akteure, Organisationen und Beobachter ausstrahlt, wenig verspüren.

Davon, aber auch vom Raum, der laut Foucault "am Horizont unserer Sorgen, unserer Theorie, unserer Systeme auftaucht," künden zwei neue Publikationen aus dem Hause Suhrkamp und Springer, die aus unterschiedlichen Motiven und in je unterschiedlicher Art und Weise sich auf die Suche nach dem Raum und den Geheimnissen seiner Gestaltung und Herstellung begeben.

Bei dem einen Werk handelt es sich um den blendend editierten, aufwändig gestalteten und dafür auch recht preiswerten Reader, für den die Künstler Tom Fecht und der Berliner Anthropologe Dietmar Kamper verantwortlich zeichnen. Die Texte und Zeichnungen, Interviews und Bilder, die sie da zusammengetragen haben, beinhalten neben einschlägigen Texten Henri Lefebvres, Vilém Flussers und Albert Einsteins zum Thema "Raum" auch Vorträge und Essays von und Diskussionen mit oder zwischen so hinlänglich bekannten Denkern und Künstlern wie Virilio und Kamper, Sloterdijk und Zielinski, Waldenfels und Defert, Prigge und Knowbotic Research, die während vier Tagungen in Hamburg, Dessau und Wien Ende der 90er Jahre gehalten oder geführt wurden. Doch es ist nicht nur die sorgfältige Bearbeitung des Buches, die heutzutage alles andere als selbstverständlich ist und die Lektüre zum Augenschmaus und zum Vergnügen machen, es sind auch die unterschiedlichen Perspektiven, die in philosophischer, architektonischer und künstlerischer Absicht auf das Phänomen der Erzeugung und das Erleben von "Raum" geworfen werden, die nachhaltiges Interesse für den Raum wecken und neugierig machen.

Bei dem anderen Buch handelt es sich um eine Studie, die die Freiburger Soziologin Martina Löw, die gegenwärtig an der TU in Berlin lehrt, als Habilschrift abgeliefert hat. Auch dieses Buch glänzt und überzeugt ausnahmslos. Zum einen durch ihre flotte Schreibe, für eine Prüfungsarbeit sehr ungewöhnlich; zum anderen in dem Bemühen, das komplexe und verschlungene Thema klar zu umreißen und zu gliedern und dem Leser die Probleme in verständlicher Weise und übersichtlicher Weise zu präsentieren. An Selbstbewusstsein scheint es der Jungprofessorin dabei jedenfalls nicht zu mangeln. Denn um der sozialen Bedeutung des Raumthemas Nachdruck zu verleihen, nennt sie die Studie kurzerhand "Raumsoziologie". Verbunden ist mit diesem vordergründig eher harmlosen Titel nichts Geringeres als die Forderung nach Einführung einer neuen Bindestrich-Soziologie, wie Systemsoziologen solche Formen meist abschätzig zu nennen pflegen.

Löw möchte, dass Raumsoziologie künftig zu einer neuen Teildisziplin der Soziologie wird. Vorarbeiten dazu findet die Soziologin bei A. Giddens und G. Simmel, bei S. Sassen und M. Castells, bei P. Bourdieu und der Chicago Schule. Robert E. Park und E. W. Burgess hatten bekanntlich in den 20er Jahren soziale Desorganisationsprozesse in amerikanischen Städten, besonders in Chicago, ausgemacht. Um sie zu erklären, führten sie humanökologische Begriffe (Segregation und Invasion, Sukzession und Anpassung, Unterwanderung und Bevölkerungsdichte ..) zur Beschreibung sozialer Prozesse in die amerikanische Soziologie ein und stellten einen genuinen Zusammenhang zwischen räumlichen Entwicklungen (Bodenpreis, Bodennutzung, konzentrische Zonenbildung ...) und sozialen Veränderungen her.

Auffallend ist, dass beide Werke ein gemeinsames Raumverständnis teilen. Und das obwohl sie ein unterschiedliches Erkenntnisinteresse verfolgen, verschiedenen Disziplinen und Traditionen sich verpflichtet fühlen und sich heterogener Verfahren und Methoden bedienen: die Soziologin der Empirie und sozialer Handlungstheorie; die Künstlerphilosophen der Wahrnehmung und der sinnlichen Erfahrung. Beide rücken die Raum-Werdung in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen. Sie interessieren sich ausschließlich dafür, wie Räume sozial konstituiert (Löw) oder medial produziert (Fecht/Kamper) werden.

Aufgelöst wird dabei der Raum als Vorgängiges, Gegebenes und Mitteilendes: als Hardware. Dem Raum kommt danach weder ein materielles Substrat zu, noch besitzt er eine eigene Realität. Raum ist vielmehr Resultat einer Bewegung, die sich durch gesellschaftliches Handeln (Löw) oder durch den Körper (Fecht), den so genannten "extensions of man" einstellt. Mithin wäre Raum etwas Nachgeordnetes, etwas, dem keine Selbstständigkeit, Eigensinnigkeit oder Dignität zugeschrieben werden kann und der sich als Ausfluss oder Abfall "sozialer" oder kreatürlicher Akte zu erkennen gibt. Eklatant ist daher das Bemühen, Anschluss an den modischen Diskurs der Erfindung von Gegenständen und Themen zu halten, um nicht hinter die Beobachter- und Kontextabhängigkeit jeder Beobachtung zurückzufallen und Raum als Sinndimension aufzugeben.

Dass da für Physik und Schwerkraft, das elektromagnetische Spektrum oder die Umlaufgeschwindigkeit des Datenaustausches kaum Platz ist, überrascht nicht. Nur ab und zu werden physikalische Parameter zu ergänzenden Betrachtungen oder zu illustrierenden Zwecken herangezogen. Das gleiche gilt im Übrigen auch für Geografien, Landschaften und Territorien. Der Grund dafür ist einfach. An ihnen haftet, ungeachtet ihres Fortbestands in geo- und machtpolitischen Diskursen, immer noch ein deutschnationaler Makel. Wer Raum in der Terminologie des Territoriums und/oder des Lebensraums benutzt, driftet unweigerlich, in den Dunstkreis von Blut- und Boden-Ideologien ab. So will es der herrschende Diskurs hierzulande. Und die Autoren tun wenig, um diesem Trend entgegenzuwirken. Politische und/oder moralische Korrektheiten sind es mithin, die den Tatbestand, dass Räume nebenbei auch noch Datenbanken sind, die Wissen aufzeichnen, bearbeiten und übertragen und Kulturen terminieren, vollkommen aus dem Blick gerät.

Und dennoch ist ein Unterschied auszumachen, der tatsächlich einen Unterschied macht. Anders als aktuelle soziale Zeittheorien weisen beide Bücher dem Raum eine Stofflichkeit und "ur-sprünglichere" Bedeutung zu als der Zeit. Trotz seiner historischen Produziertheit und mentaler Konstruiertheit schlägt sich soziales Handeln und Wahrnehmung in verbauter und verrechtlichter Materie nieder.

Das räumliche Nebeneinander präsentiert und organisiert sich nach Meinung von Löw weniger in der abstrakten "Einheit von Stelle und Objekt" (N. Luhmann) als an bestimmten Orten Plätzen und Knoten, die von "Menschen und sozialen Gütern" besetzt und eingenommen werden. Kapital-, Geld- und Infoströme heben den Bezug zu konkreten Orten nicht auf. Vielmehr produzieren sie unterschiedliche Formen von Orten: flüchtige und privilegierte, periphere und zentrale, die durch Datennetzwerke und andere Verkehrswege miteinander verknüpft werden und sich im Raum verteilen. Hinter sozialen Adressen, wie phantasievoll und unzugänglich sie sich vor den Bildschirmen auch immer geben (Avatare), verbergen sich nach wie vor Orte, Plätze und Behausungen, die sich im Raum ausdehnen, neue Lebensstile, Mentalitäten und Berufsmilieus (M. Castells) generieren und neue sozialen Ungleichheit schaffen. Von Raumvernichtung, von dialogisch und reversibel geschalteten Netzen oder von flachen Hierarchien, die Computernetzwerke mit sich bringen, kann daher mitnichten die Rede sein.

Die eine Frage ist aber, ob man Raum-Werdung erklären kann, ohne explizit auch auf jene Kommunikationstechnologien Bezug zu nehmen, die diese Räume zuallererst schaffen. Dass Medientechnologien immer auch Technologien zur Raumdurchmessung, Raumerfassung und Raumnahme waren und sind - diese geschichtliche Erfahrung bleibt in Löws Buch merkwürdig leer. Soziales Handeln schafft Räume. Punkt. Und da, wo auf Medien näher Bezug genommen wird, wie bei Fecht/Kamper, werden Medien getreu der Maxime McLuhans auf Gegenstände und Werkzeuge reduziert und der menschlichen Verfügbarkeit unterstellt.

Medien sind aber mehr als bloße Armierungen oder Veräußerungen menschlicher Organe, die Reichweiten und Wirkungsgrade von Körpern erhöhen und helfen, Räume mit Sinn zu markieren. Medien sind vor aller Interzeption von Körpern eigenständige Mächte, die Raum schaffen, besetzen und Zeit damit kolonisieren. Indem sie Einschnitte und Entnahmen, Trennungen und Kopplungen auf und im Sozialkörper vornehmen, widersetzen sie sich der Instrumentalisierung und Vereinnahmung durch Bewusstsein und Körper.

Die andere Frage ist, ob der Raum von der Soziologie derart in Beschlag genommen werden kann, dass er sich bruchlos in Sinn übersetzen und in symbolische Handlungen auflösen lässt. Die soziale, mediale und diskursive Hervorbringung von Raum ist das eine; die "Beseelung" von Räumen, wie sie beispielsweise Gernot Böhme oder derzeit P. Sloterdijk in seinem monumentalen Werk der Sphärologie erkunden, und die Stimmungen, affektive Betroffenheit und emotionale Erregungszustände beim oder im Beobachter auslösen (P. Sloterdijk) das andere; die Größe eines Landes, die Beschaffenheit oder Kultur einer Landschaft, die Schätze und Ressourcen einer Region, die strategische Lage von Gebieten etc. dagegen wieder etwas anderes.

Wäre es möglich, Räume vollständig zu vermenschlichen, zu medialisieren oder mit Sinn zu belegen, könnten Medien- und Raumwissenschaftler gleich ins Lager der Soziologie und/oder Anthropologie überlaufen und Medien- und Raumsoziologie oder Medien- und Raumanthropologie betreiben. Ihre Legitimation hätten diese Fächer jedenfalls verloren. Statt Differenz und Außenpolitik zwischen den Fächern, Austausch und Kooperation über die Diskurs-, Genre- und Parteigrenzen hinweg zu behaupten, stünde die Geburt neuer Einheitswissenschaften ins Haus. Das Territoriale und Selbständige im Raum gegen den Hegemonieanspruch, den Soziologie, Ästhetik oder Historische Anthropologie auf den Raum erheben, zu verteidigen, und Raum und Gesellschaft als unterschiedliche Realitäten zu behaupten, muss aber zugleich nicht bedeuten, dass die Gesellschaft aus dem Blick gerät, wie Löw befürchtet. Allerdings würde die territoriale Fixierung auf und Begründung von Raum, also so, wie ihn Geopolitiker und Partisanen, Israelis und Palästinenser behandeln: als Land, Gebiet oder Reich, das es zu okkupieren, mit Symbolen und Medien zu besetzen und mit einem Namen zu versehen gilt, eine weitere und nochmalige Verschiebung in Gang setzen. Diese ginge dann vom Sozialen zum Politischen. Eine Medienwissenschaft, die sich den Verführungs- und Umarmungsversuchen, die Ästhetik, Anthropologie und Soziologie auszuüben versuchen, verweigert, und sich als Raum- und/oder Verkehrswissenschaft konstituiert, könnte an dieser Verlagerung Anteil haben.

Gut, dass wenigstens die rotgrüne Bundesregierung vom konstruktivistischen Spuk bislang unberührt geblieben ist. Nach der "Physik" im vergangenen und den "Lebenswissenschaften" in diesem Jahr, hat sie beschlossen, 2002 zum Jahr der "Geowissenschaften" auszurufen. Spätestens dann werden vielleicht die "weichen Kulturwissenschaften" merken, dass sie von den "harten Wissenschaften" noch einiges lernen können, sollte das ständige Gerede von der "dritten Kultur", das sie entfachen, überhaupt ernst gemeint sein.

Ausziehen, umziehen, einziehen: dieser Dreischritt müsste dann nicht auf eine "dach- und mauerlose Architektur" beschränkt bleiben, wie der Visionär und geniale Schwätzer Vilém Flusser der vernetzen Weltgesellschaft ins Stammbuch geschrieben hatte, ohne dabei zu merken, wie sehr er mit solchen Aussagen den neoliberalen Deregulierern und Flexibilisierern und finanzkapitalistischen Parteigängern und Abenteurern in die Hände arbeitet. Dieser "Umzug" stünde auch den Kulturwissenschaften gut zu Gesicht. Die Debatten und Diskussionen, die derzeit geführt werden, weisen aber in eine gänzlich andere Richtung. Auch Medien- und Kommunikationswissenschaftler bewegen sich offensichtlich lieber im gewohnten, vertrauten und geläufigen Gelände.

Literatur: Martina Löw: Raumsoziologie. Frankfurt am Main: Suhrkamp (stw 1506) 2001, 310 Seiten. 23.90 Mark
Tom Fecht/Dietmar Kamper (Hg): Umzüge ins Offene. Vier Versuche über den Raum. Wien/New York: Springer 2000. 320 Seiten. 57 Mark

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