Automobile Revolutionen und ihre Nebenwirkungen

Bild: Creativity103/CC BY-2.0

Deutschland zeigt sich überrascht von der kriminellen Energie seiner Autoindustrie - Ein Kommentar

Wenn die Presse nahezu unisono hierzulande ihre große, nahezu unfassbare Bestürzung bekundet, dann kann man fast immer davon ausgehen, dass es sich um eine Bestürzung über Tatsachen handelt, die eigentlich jedem bekannt sein konnten. Die offenen Geheimnisse werden immer mit dem größten Radau aufgedeckt, ob es sich nun um gekaufte Sportereignisse, den Kindesmissbrauch in religiösen Einrichtungen oder eben die Autoindustrie dreht.

Als ich 2011 nach einem Besuch im Stuttgarter Mercedes-Benz Museum meinen Telepolis-Artikel "Das Auto hat seine Zukunft hinter sich" veröffentlichte, war die Skepsis groß. Manche Leser missverstanden meine Aussagen als eine Prophezeiung über das baldige Verschwinden des Autos - selbstverständlich waren sie nicht so gemeint.

Seitdem ist Einiges passiert, vor allem der sogenannte Abgasskandal und die neuen Enthüllungen über die "schockierenden" Kartellabsprachen der deutschen Autobauer (über die die EU allerdings auch schon lange Bescheid wusste). Erschreckend! Unfassbar! Wer hätte vermuten können, dass Autos, deren Motorleistung, Gewicht und Größe im Durchschnitt ständig zunehmen, auch mehr Treibstoff verbrauchen und Abgase ausstoßen, allen technologischen Fortschritten zum Trotz? Wer hätte ahnen können, dass in unseren pseudo-ökologischen Zeiten die Autohersteller diese Tatsache zu kaschieren suchen, indem sie tricksen, täuschen und lügen, wo es nur geht?

Kartellabsprachen gehören zwar zum sogenannten freien Markt wie die Butter zum Butterbrot, aber wer hätte sich auch nur in seinen kühnsten Träumen vorstellen können, dass das auch in Deutschland vorkommt, dem Musterland für Sauberkeit, Ordnung, Gerechtigkeit und natürlich auch Ökologie schlechthin? Mit einem Wort: Wer hätte sich vorstellen können, dass sich kapitalistische Unternehmen selbst in Deutschland so verhalten wie kapitalistische Unternehmen?

Es herrscht große Überraschung über die Verwandlung von offenen Geheimnissen in Nichtgeheimnisse, und diese Überraschung kann eigentlich nur bedeuten, dass das veröffentlichte Bewusstsein – also die Medien, die Politik, die Werbung der betreffenden Hersteller – dem Privatbewusstsein der Bürger dabei geholfen hat, Dinge vor sich selbst geheim zu halten, die ihm eigentlich längst bekannt waren. Ein Verblendungszusammenhang wie aus dem Bilderbuch: Alle halfen beim Verblenden mit.

Was geschieht jetzt? Zunächst einmal gibt es ein bisschen Geschrei und Gezeter, ein paar Parlamentsdebatten und Gerichtsprozesse, Softwareumrüstungen und Konzernumstrukturierungen, die alle gemeinsam zum Zweck haben, dass sich in Wirklichkeit gar nichts tut. So wie bei der Mietpreisbremse. Oder dem Emissionsrechtehandel. Oder den Steuermachenschaften der Banken. Ein bisschen Tamtam und Trara, und die Aufregung, die ja ohnehin künstlich ist, wird sich wieder legen.

Wie die Bloggerin Inés Gutiérrez jüngst so schön meinte: "Der Siegeszug des Pkw in Deutschland ist der größte Marketingerfolg der Geschichte (übertroffen höchstens von dem des Christentums) (…)". Noch zugespitzter könnte man sagen: Das Auto ist der wahre Gott der Deutschen, und ihm alles zu opfern ist Bürgerpflicht.

Deutsche Autofans interessiert es schlicht nicht, dass man eher an den Stickoxiden aus den Auspuffanlagen von Diesel-Autos stirbt, als durch einen Amoklauf oder Terroranschlag (was Amokläufe und Terroranschläge nicht weniger grausig macht). Oder dass die Feinstaubkonzentration im Inneren eines Autos regelmäßig doppelt so hoch ist wie außerhalb der Fahrgastzelle.

Noch weniger interessiert sich das Publikum für die manifesten Verbrechen, die die deutsche Autoindustrie in Zusammenarbeit mit südamerikanischen Diktaturen begangen hat. Beihilfe zu Folter und Mord sind keinen Gedanken wert, da können die Beweise noch so klar und eindeutig sein.

Die Mythen des automobilen Individualverkehrs lösen sich auf

Deswegen wird auf kurze Sicht außer Kosmetik nichts passieren. Und dennoch. Es ist eine Entwicklung im Gang, die auch schon im Jahr 2011 längst absehbar war und zu der die neueren Skandale wie Begleitmusik passen. Diese Entwicklung besteht im wesentlichen darin, dass sich die Mythen des automobilen Individualverkehrs in nichts auflösen oder geradezu in ihr Gegenteil verkehren.

Der Freiheitsmythos, der immer die wichtigsten Motive zum Gebrauch eines Autos anbot, erledigt sich mehr und mehr im alltäglichen Staugeschehen. Man muss ja schon den ÖPNV, die Bahn und andere öffentliche Mobilitätsangebote so desorganisieren wie in Deutschland, um im Vergleich den Besitz und Betrieb eines Autos noch irgendwie erstrebenswert erscheinen zu lassen. Bei all den Kosten, Fahrverboten, Steuern, Mautgebühren, Stell- und Parkplatzsorgen bleibt von der automobilen Freiheit wenig mehr üblich, als dass es bei den "Öffis" noch schlimmer ist - eine reine Negativmotivation.

Die "Öffis" allerdings ganz vor die Hunde gehen zu lassen wagen selbst die entschiedensten Autofanatiker nicht: Der Verkehrsinfarkt wäre garantiert. Der Mythos vom Auto als Jobmotor bröckelt auch. Die Vehemenz, mit der manche noch die Jobverluste in hoch automatisierbaren Industriezweigen als Schwarzmalerei abtun, ist mehr und mehr als das Pfeifen im Walde erkennbar.

Das Auto hat seine Zukunft hinter sich, weil sie in Robotern besteht, die elektrifizierte, selbstfahrende Roboter bauen. Die werden ihre Fahrgäste mithilfe hochentwickelter Sensorik und künstlicher Intelligenz von A nach B bringen, im Zusammenspiel mit einem Teil des Internets, der gegen Hackerangriffe und andere Manipulationen so gut wie möglich gehärtet sein wird. Ein Tesla gleicht dieser Vorstellung schon viel mehr als zum Beispiel einem Ford Mustang von 1968. Aber alle modernen Autos sind mit ihren Navigationssystemen, ihren Tempomaten und ihren Einparkhilfen auf dem Weg dorthin.

Der Clou an all diesen "revolutionären" Veränderungen ist natürlich, dass sie unter dem Strich nichts nützen werden. Dass die Abwendung vom Verbrennungsmotor und die Hinwendung zu Robotik und Rechenzentrum "der Umwelt" gut tut, ist unter kapitalistischen Vorzeichen ausgeschlossen. Man schaue sich nur die Umweltbilanz von Lithium-Ionen-Akkus an.

Unfalltote wird es immer noch geben, und nicht zu knapp. Bei einer weiteren Verdichtung des Verkehrs, die von den in Frage stehenden Innovationen überhaupt erst ermöglicht werden wird, ist ein nahezu unfallfreier Verkehr ein frommer Wunschtraum. Die freundschaftliche Zusammenarbeit mit korrupten Gewaltregimen wird ebenso weitergehen - die Bolivianer, Argentinier und Chilenen jedenfalls können sich schon einmal auf was gefasst machen. Wieder einmal.

Anders gesagt: Die große Transformation in der individuellen Mobilität, vor der wir jetzt stehen, wird uns grosso modo dasselbe in Grün bringen. Aber für ein paar Jahrzehnte wird das Fahren in "autonomen", vernetzten Kisten mit Elektroantrieb als der Naturzustand der Mobilität selbst erscheinen. Und dann kommt sicher die nächste "Revolution". Garantiert.