Autonomie in der Warteschleife

Syriens Staatsangestellte ziehen aus Kurdengebieten ab

Nach dem Anschlag auf Assef Shaukat und andere Mitglieder des syrischen Krisenstabes am 18. Juli, zogen sich die staatlichen Sicherheitskräfte aus den Kurdengebieten im Norden verstärkt zurück - vermutlich um sich auf den Kampf um Damaskus und Aleppo zu konzentrieren. Für die Kurden scheint dies der lang ersehnten Selbstverwaltung gleichzukommen. Oberflächlich betrachtet.

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Bereits am 19. Juli erklärte Salih Mislim, der Vorsitzende der kurdischen Partei der demokratischen Union (PYD), dass seine Partei alle staatlichen Institutionen in der nordsyrischen Stadt Ain al-Arab kontrolliere, die nun auch wieder ihren einstigen kurdischen Namen, Kobani, trage. Ähnliches berichtet Siamend Hajo von Kurdwatch: Demnach würden die Strom- und Wasserwerke in der nordwestlichen Stadt Afrin ebenso von der PYD kontrolliert wie die zivilen Verwaltungseinrichtungen im nordöstlichen Amudah, aus denen die syrischen Behörden sogar ihre Computer entfernt hätten.

Unter Syriens Kurden, die seit Jahrzehnten um ihre Autonomie kämpfen, sollte dies Euphorie auslösen. Doch die Stimmung bleibt auffallend verhalten. Der Grund hierfür ist nicht zuletzt abermals die PYD.

Diese wurde 2003 auf Geheiß der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) gegründet, ist Syriens best organisierte Kurdenpartei - und diejenige, der alle übrigen 13 Kurdenparteien skeptisch bis feindlich begegnen. Zwar unterzeichnete der Kurdische Nationalrat, den elf Parteien vor einigen Monaten bildeten, am 11. Juli eine gemeinsame Kooperationserklärung mit der PYD - doch Hajo winkt sogleich ab: Es sei eine Papieraktion und nicht mehr gewesen.

Nach wie vor würden Syriens Kurden der PYD vorwerfen, sich nicht für innersyrische Belange einzusetzen, sondern einzig den Machtinteressen von PKK-Führer Abdullah Öcalan zu dienen. Das Resultat ihrer bedingungslosen Loyalität ihm gegenüber sei, dass die PYD mit Damaskus indirekt kollaboriere.

Tatsächlich kontrolliert die PYD unter den Augen der syrischen Staatssicherheit seit Monaten mit Waffengewalt ein Gebiet von rund 848 Kilometern, von Al-Malikiya an der Grenze zum Nordirak bis hin zu Afrin nahe der türkischen Grenze. Damit erweist die Partei Damaskus zwei Dienste: Sie fungiert erstens als Drohkarte gegenüber Ankara, vermögen doch PYD und PKK (sofern auch Öcalan dies wünscht) Kurdenaufstände auf türkischem Gebiet anzuzetteln. Darüberhinaus nimmt die PYD Syriens Sicherheitskräften die Arbeit an der Grenze zur Türkei ab, indem sie dort potentiellen Waffenschmuggel stoppt. Auch die Ausbreitung der sogenannten Freien Syrischen Armee (FSA) im Landesnorden wird durch die Präsenz der PYD weitgehend unterbunden.

So kontrolliert die PYD Afrin, eine zu 90 Prozent kurdisch besiedelte Stadt, die vom Norden her das strategische Einfallstor nach Aleppo bildet. Laut der libanesischen Tageszeitung as-Safir errichtete die PYD dort 220 Checkpoints, an denen Brigaden der FSA, die dieses Frühjahr drei Monate lang versucht hätten, nach Aleppo zu gelangen, gescheitert seien.

Zugleich, berichtet Hajo, schüchtere die PYD all die Kurden ein, die bereit seien, sich den Demonstrationen anzuschließen, und schrecke auch vor Morden nicht zurück. In Afrin habe die Partei bereits ein eigenes Gericht errichtet, vor das sie ihre Kritiker stelle.

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All dies erklärt dennoch keineswegs, weshalb Syriens Kurden - die 9 bis 12 Prozent der Bevölkerung stellen - mehrheitlich gegenüber dem Aufstand schweigen. Mehr noch als die Brutalität der PYD fürchten sie offensichtlich das mangelnde Verständnis der Aufständischen für die ethnischen Anliegen der Kurden. Dies begänne schon bei den Slogans der Freitagsproteste, erklärt der 27-jährige Mechi al-Din aus Amudah, der keineswegs ein Freund der PYD ist.

Jeder Freitag erhält einen eigenen Slogan, den die landesweiten Koordinierungskomitees der Revolutionäre untereinander ausmachen. In den anderthalb Jahren, die der Aufstand nun währt, aber erhielt nur ein einziger Freitag einen kurdischen Namen.

Allein schon dies, sagt er, habe die Kurden in ihrer Überzeugung bestärkt, dass ein Sturz des Assad-Regimes ihnen nicht automatisch eine kulturelle Gleichstellung erbringe.

Jene Autonomie, die die PYD aktuell durchsetzt, begeistert Mechi al-Din allerdings auch nicht. Zwar eröffnet die Partei seit Monaten kurdische Sprachzentren sowie Kulturvereine und rekurdisiert die Namen von Ortschaften - eine an sich spektakuläre Entwicklung, bedenkt man, wie dergleichen vor 15 Monaten geahndet worden wäre. Zugleich aber verbietet die PYD das Hissen der kurdischen Flagge. Als Mechi al-Din diese etwa auf dem Dach einer Schule in Amudah anbringen wollte, sei er sofort in das Büro der PYD bestellt worden.

"Solange Öcalan keine Autonomie anordnet, wird es sie nicht geben", sagt er. An sich bedauere dies kein Kurde, da sich alle einig seien, dass eine Abspaltung der Gebiete, in denen auch Assyrer/Aramäer, Armenier sowie sunnitische Araber leben, de facto unmöglich sei. Darum aber gehe es nicht, sagt Mechi al-Din. Sondern um das Diktat eines "Serok", der mit Syrien nichts zu tun habe. "Serok" bedeutet "Führer" und ist der Beiname Öcalans.

Auch eine andere kurdische Leitfigur sucht im syrischen Konflikt mitzumischen: Massud Barzani, der Präsident der Autonomen Region Kurdistan im irakischen Staatsverband. Im vergangenen Jahr lud er Syriens kurdische Parteien - mit Ausnahme der PYD - zu zwei Konferenzen ins irakische Erbil ein. Er wollte sie zur Geschlossenheit zu ermutigen - und zur Bildung eines eigenen militärischen Flügels, der der PYD Kontra geben könnte. Laut einem Bericht von As-Safir , soll Barzani zudem militärische Trainingscamps eröffnet haben, in denen 700 aus Syrien geflohene Kurden geschult würden, die Barzani mit 400 US-Dollar pro Kopf und Monat entlohne.

Die Pläne schienen bislang zu verpuffen. So gründeten Syriens Kurdenparteien zwar den Kurdischen Nationalrat, treten deshalb aber kaum souveräner auf. Eine bemerkenswerte Wende indes ist das Interview, das Barzani jüngst Al-Jazeera gab und in dem er erstmals die Existenz eines Trainingslagers bestätigt hat. Auch erklärte er, es würden syrisch-kurdische Kämpfer an der Grenze zu Syrien bereit stehen. Im Fall eines Abzugs des syrischen Militärs, seien sie bereit, das dortige "Sicherheitsvakuum" zu füllen. Ein klarer Seitenhieb an die Adresse der PYD.

Weit unverhohlener noch drohte die kurdische Brigade Salah-al-Din, die mit der FSA kooperiert. In einem Video auf Youtube erklärte sie unlängst, sie würde jeden ins Visier nehmen, der sich "gegen die syrische Revolution" stelle.

Vorerst aber ist die PYD die Gewinnerin im syrischen Konflikt und sie wird es auch bleiben, sollte sich das Regime halten: Die Liste derer, mit denen Damaskus abrechnen müsste, ist viel zu lang, als dass sich die Behörden alsbald rekurdisierten Ortschaften zuwenden würden.

Gewinnt indes die Gegenseite die Oberhand, wird die PYD zweifelsohne Racheakten ausgesetzt sein und es ist abzuwarten, wie Öcalan dann reagiert. Mit der ersehnten kurdischen Selbstverwaltung hat all dies, zumindest vorerst, jedenfalls nichts zu tun. (Mona Sarkis)

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