Autos haben Charakter

Warum wir die Fahrspur wechseln

Die Augen, die das aufgesetzte Lächeln verraten, weil sie kalt bleiben. Das verräterische Zucken um die Oberlippe des Pokerspielers, der einen Bluff versucht. Die in Falten gelegte Nase, die den Weinanfall des Babys schon Sekunden vorher ankündigt: Der Mensch hat im Laufe der Evolution gelernt, jede Menge Informationen aus nicht sprachlicher Kommunikation zu gewinnen. Alter, Geschlecht, Emotionen, Persönlichkeit - 100 Millisekunden Betrachtung genügen, all diese Details abzuspeichern.

Diese Fähigkeit ist nicht weit mehr als nützlich, sie ist beinahe überlebenswichtig - fehlt sie, sind wir plötzlich nicht mehr in der Lage, den Gefühlszustand der Menschen um uns herum festzustellen. Rund um die Uhr setzen wir sie ein, bei unserer besseren Hälfte, bei Kindern, Kollegen, dem Hund des Nachbarn - ob der es wohl wieder mal auf unser Hosenbein abgesehen hat?

Allzugern unterstellen wir unseren tierischen Vettern dabei menschliche Charakterzüge - wir vermenschlichen sie. Und zwar aus einem recht simplen Grund heraus: dem Kosten-Nutzen-Verhältnis. Es kostet uns nichts, auch im Gesicht eines Hundes menschliche Motive zu entdecken, aber tatsächlich vorhandene Motive zu übersehen, das wäre teuer. Und so nutzt der Mensch jede Gelegenheit, Gesichter zu erkennen, wo keine sind - man denke nur an die berühmte Teufelsfratze in den Qualmwolken des 11. September.

Komplizierter wird es bei Dingen, die der Mensch selbst gestaltet hat. Dass Autos Gesichter besitzen, wird jedes kleine Kind sofort bestätigen. „Der schaut aber freundlich“, könnte Kindermund einen alten VW-Käfer kommentieren. Natürlich spielen die Autodesigner mit der Gestaltung eben dieser Fahrzeuggesichter. Doch inwieweit gelingt es ihnen, dem Menschen damit tatsächlich bestimmte Informationen oder Emotionen zu vermitteln?

Unterwürfig oder dominant

In der im wissenschaftlichen Springerverlag erscheinenden Fachzeitschrift Human Nature beschreibt ein österreichisches Forscherteam seine Tests, bei denen Versuchspersonen Autos bestimmte Charaktereigenschaften und Motive zuordnen sollten. Dazu beurteilten je 20 männliche und weibliche Tester Computermodelle von 38 Fahrzeugtypen. Die Modelle wurden alle silbern eingefärbt, Logos blieben erhalten.

Tatsächlich waren sich die Befragten in einer ganzen Reihe von Merkmalen überraschend einig. Etwa in der Einschätzung, ob ein Autogesicht kindlich oder erwachsen wirkt, ob es dominant oder unterwürfig aussieht, ob es arrogant blickt oder ob es Frieden oder Feindseligkeit ausstrahlt.

Ebenso bildeten sich die Versuchspersonen fast durchweg eine Meinung, ob sie ein männliches oder weibliches Auto vor sich hatten, ob das Fahrzeug böse oder gar traurig ist oder doch eher glücklich und überrascht? Lediglich in wenigen Punkten wie „traurig“ oder „extrovertiert“ lag die Übereinstimmung der Tester niedriger. Woran machten die Versuchsteilnehmer ihre Meinung fest? Immerhin 75.2 Prozent sahen Augen (meist die Scheinwerfer), 62.6 Prozent identifizierten einen Mund (den Kühlergrill), 54.3 Prozent eine Nase und immer noch 38.1 Prozent bemerkte Ohren.

Kraft und Geselligkeit

Die Forscher teilten die Charaktermerkmale dann in Gruppen auf - die eine enthielt Charakteristika, die für „Kraft“ stehen, die zweite enthielt eher soziale Aspekte, nennen wir sie „Geselligkeit“. Auf dieser Grundlage fanden die Wissenschaftler Formen, die vor allem einen der beiden Aspekte betonen. Niedrigen und breiten Autos schreiben wir zum Beispiel mehr Kraft zu als Fahrzeugen mit großer Frontscheibe und eng beieinander stehenden Scheinwerfern.

Ein BMW-Modell bekam denn auch folgerichtig die meisten Punkte für Kraft, schnitt aber bei der Geselligkeit schlecht ab. Nach sozialen Aspekten sehr gut schnitt zum Beispiel der Opel Astra ab - und überraschenderweise auch die E-Klasse von Mercedes. Und welche Gesichtsformen mochten die Versuchspersonen am liebsten? Vor allem die, denen sie auch viel Kraft nachsagen, flachen Autos, deren Scheinwerfer weit auseinander stehen. Die Forscher sehen da eine Parallele zum Wachstum des Menschen: beim Kind ist der Kopf im Vergleich zum Körper deutlich größer als beim Erwachsenen. Den betont flachen Unterbau des Autos wiederum setzen sie in Beziehung zum hervorstechenden Kinn, das bei Männern auf Dominanz hindeutet.

Heißt das, dass die Autodesigner Fahrzeuge nur noch kraftvoll designen sollten? Sicher nicht, meinen die Forscher. Auch bei der Partnerwahl entscheiden wir uns ja nicht unbedingt für den dominantesten Typen. Nachgewiesen werden konnte aber bereits, dass die Form eines Autos das Spurwechselverhalten anderer Fahrer auf der Autobahn beeinflusst. Interessant wird es aber, wenn es um zusätzliche Rückschlüsse auf den Fahrer eines Autos geht: Beurteilen wir den flachen BMW als aggressiv, weil wir davon ausgehen, dass sein Besitzer ein aggressiver Mensch ist? Oder hat doch der BMW-Fahrer sein Gefährt gewählt, weil dieses ein bestimmtes Gefühl transportiert? (Matthias Gräbner)