BILD möchte sich durch Gnade für Wulff rehabilitieren

Im Namen des Volksmobs hat Bild einst Wulff fallen lassen, nun taugt er auf einmal für die Beschwörung von Fairness und Gerechtigkeit.

Ausgerechnet die Bild-Zeitung, deren Chefredakteur Kai Diekmann einst die Treibjagd auf Christian Wulff eröffnete, sorgt sich nun im Prozess gegen Wulff um dessen Wohl: 77 Prozent des Leservolkes, so jubelt das Fachjournal für Gerechtigkeit, erwarteten einen Freispruch des Ex-Präsidenten.

Im Juli 2010 war noch alles gut. Bild: Peter Kuley/CC-BY-SA-3.0

Im Namen und zur Freude des Volksmobs, der dem jungenhaft-naiven Aufsteiger Wulff und seiner glamourösen Gattin Bettina den Einzug ins Schloss Bellevue nicht gönnen mochte, hat Bild einst Wulff fallen lassen.

Nun taugt der Mob auf einmal für die Beschwörung von Fairness und Gerechtigkeit. Gewiss, es war von Diekmann nicht fein, den Anruf Wulffs auf dem Anrufbeantworter öffentlich zu machen. Gewiss, die von Bild verbreiteten Vorwürfe gegen Wulff wegen seines Hauskredites und anderer Geschenke erwiesen sich selbst für die unter Druck stehende Staatsanwaltschaft Hannover als haltlos. Als "Ohrfeige für die Staatsanwaltschaft" wurde deshalb auf Telepolis die Entscheidung des Gerichtes bezeichnet, Wulff nur wegen Vorteilsnahme anzuklagen.

Aber, so Diekmann am 14.11.2013 in einem eigenen Leitkommentar: "JA! Der Rücktritt von Christian Wulff als Bundespräsident war richtig." Der Bild-Chef stellt sich dabei als gnädiger Volksrichter dar: Der arme Wulff sei nämlich "bereits genug" bestraft. Durch den Verlust seines Amtes und seiner Frau nämlich. Dass diese Strafe vor allem durch die Berichterstattung der Medien erfolgte, lässt Diekmann unerwähnt.

Der Eindruck: Bild möchte nicht Wulff, sondern sich selbst rehabilitieren. In ihrem Dossier über die Wulff-Affäre schreibt Bild, diese habe mit einem "umstrittenen" Hauskredit von 500.000 Euro begonnen.

Bereits die Veröffentlichung der Informationen über das Privatdarlehen verstieß gegen die Persönlichkeitsrechte Wulffs. Weitere Recherchen des Spiegel-Verlages zur Verbindung von Geerkens und Wulff Anfang 2012 veranlassten Andrea Nahles zu der Äußerung: "Wir haben jetzt doch einen Pinocchio offensichtlich im Bundespräsidialamt."

Dabei hatte Wulff im niedersächsischen Landtag möglicherweise doch nicht gelogen, als er sagte, dass er keine geschäftlichen Beziehungen zu Geerkens unterhalte. Wulff bezeichnete und betrachtete Egon Geerkens, der ihm bereits seit seiner Jugend als väterlicher Mentor vertraut war, nämlich ebenso wie David Groenewold als persönlichen Freund, nicht als Geschäftspartner.

Die Staatsanwaltschaft Hannover zumindest konnte trotz riesiger Ermittlungen weder im Kredit von Geerkens, noch in anderen Essen, Bobbycars und Reiseeinladungen Hinweise auf Vorteilsnahme im Amt finden. Auch aufgrund der geforderten zeitlichen Nähe zwischen Vorteilsnahme und möglicher Vorteilsgewährung im Amt blieb schließlich nur der Oktoberfestbesuch übrig, in dessen Anschluss sich Wulff für ein Filmprojekt Groenewolds bei Siemens-Vorstand Löscher eingesetzt hatte. Da es dabei aber nicht um eine öffentliche Mittelvergabe ging, auf die ein niedersächsischer Ministerpräsident von Amts wegen Einfluss gehabt hätte, steht auch dieser Anklage auf wackligen Füßen.

Mit einer Zahlung von 20.000 Euro hätte Christian Wulff sich freikaufen können. Aber jeder hätte dann behaupten können, es sei an den Vorwürfen doch "etwas dran" gewesen. Nun möchte Wulff mit dem Freispruch die vollständige Wiederherstellung seiner Ehre.

Wie schrieb die Süddeutsche am 12. Februar 2012 über Wulff? "Er ist charakterlich nicht geeignet für das Amt. Er ist es wohl auch nie gewesen." Und, unmissverständlich: "Als Wulff sich zur Wahl stellte für das höchste Staatsamt, muss er um seine vielen Leichen im Keller gewusst haben."

Im Prozess könnte sich nun herausstellen, dass Wulff keine Leichen im Keller hatte. Diese Erkenntnis bliebe nicht ohne Auswirkung auf die Beurteilung der charakterlichen wie der journalistischen Eignung von Bild-, Spiegel- und Süddeutsche-Redakteuren für das Kommentieren und Recherchieren im Privatleben deutsche Politiker. (Alexander Dill)

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