BVB-Anschlag: Nicht IS, sondern Börsenspekulant?

Bulle und Bär vor der Frankfurter Börse. Bild: Eva K./CC BY-SA-2.5

Ein Deutsch-Russe wurde festgenommen, der auf fallende Kurse der BVB-Aktie gewettet haben soll

Viel wurde nach dem Anschlag mit drei Bomben auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund (BVB) vor dem Spiel gegen den AS Monaco über die Täterschaft spekuliert. Da wurde auf merkwürdige Bekennerschreiben verwiesen, die in der Nähe des Tatorts gefunden wurden, die auf einen islamistischen Hintergrund hindeuten sollten. Auch eine ganz offensichtlich gefakte Bekennung einer angeblichen Antifa, die aus rechtsextremen Kreisen stammen dürfte, wurde munter breitgetreten. Dabei wurde das Schreiben schnell von Indymedia-Linksunten als Fake aussortiert und das wurde auch schnell ausgiebig begründet.

Aber der Plot, der sich nach der Festnahme eines Deutsch-Russen abzeichnet, könnte eigentlich eher aus der Feder von Thriller-Autoren wie Henning Mankell, Jo Nesbø oder Petros Markaris stammen, die sich ähnliche Vorgänge schon ausgemalt haben. Die Ermittler gehen nun nämlich davon aus, dass an der Börse das große Geld über den Anschlag gemacht werden sollte, indem die Kurse der BVB-Aktie über den Anschlag manipuliert werden sollten.

Die Ermittler haben deshalb am frühen Freitag den 28-Jährigen im Raum Tübingen von der GSG9 festnehmen lassen. Es soll inzwischen insgesamt vier Razzien in Baden-Württemberg gegeben haben, Komplizen soll es keine geben. Auf die Spur von Sergej W. seien die Ermittler gekommen, weil er im gleichen Hotel mit der BVB-Mannschaft einquartiert war und am Tag des Anschlags ein größeres Börsengeschäft über die IP-Adresse des Hotels abgeschlossen haben soll. Er soll auch über die technischen Fähigkeiten zur Ausführung des Anschlags verfügen. Zudem sei er dem Hotelpersonal aufgefallen, weil er zunächst ein Zimmer abgelehnt haben soll, das keinen Blick auf die Abfahrt des Mannschaftsbusses gewährte.

Wie mit Bezug auf die Ermittler berichtet wird, soll er die drei Bomben über Funk "optimal" ferngezündet haben und dabei die Fahrt des Busses aus einem Fenster im Dachgeschoss des Hotels beobachtet haben. Zuvor habe Sergej W., der über einen deutschen und russischen Pass verfügt, auch einen hohen Verbraucherkredit aufgenommen. Unter anderem soll er damit noch am 11. April insgesamt 15.000 Optionsscheine für 78.000 Euro gekauft haben. Dabei habe er über die "Put"-Option auf stark fallende Kurse gewettet, erklärt die Staatsanwaltschaft. Er soll zu diesem Zeitpunkt überzeugt gewesen sein, dass er über den Anschlag einen Kurssturz herbeiführen würde. Die Laufzeit der Optionen war bis zum kommenden 17. Juni 2017 begrenzt und über Hebel sollte ein Gewinn von mehr als drei Millionen eingefahren werden, wenn es einen massiven Kurssturz gegeben hätte.

Schaut man sich die Kursentwicklung der Aktie an, dann ist sie am Tag nach dem Anschlag tatsächlich in die Knie gegangen, obwohl der Anschlag noch einigermaßen glimpflich für den BVB ausgegangen ist. Nur der spanische Verteidiger Marc Bartra und ein Polizist wurden durch Splitter verletzt. Dafür war offensichtlich ein Fehler verantwortlich. Eine der drei mit Metallteilen - zur Verstärkung der Splitterwirkung - ausgerüstete Bombe war in einer Höhe von etwa einem Meter angebracht. Das führte dazu, dass die Metallstifte der mittleren Bombe über den Bus hinweggeflogen sind. Das Kernstück dieser perfiden Anordnung konnte also nicht die ihr zugedachte tödliche Wirkung auf die Spieler im Bus entfalten. Denn darüber sollte der massive Absturz der Aktienkurse wohl provoziert werden, wenn etliche Spieler getötet oder verletzt worden wären. Das hätte die zu erwarteten sportlichen Erfolge und damit - neben dem Schock - die Börsenkurse zusätzlich beeinflusst. Auch so ist die Champions-League für die Dortmunder Elf nun vorbei, denn beim Rückspiel wurde sie vom AC Monaco ausgeschaltet.

Muss man sich angesichts der Gier-Gesellschaft aber eigentlich noch darüber wundern, wenn es zu solchen Vorgängen kommt? Es ist bekannt, dass Spekulanten die Börsen massiv manipulieren, um richtig Kasse zu machen. Und dabei geht es natürlich auch längst tödlich zu, auch wenn diese Toten oder Verletzten meist nicht spektakulär in den Medien auftauchen. Denn wenn zum Beispiel die Preise für Getreide oder andere Lebensmittel spekulativ in die Höhe getrieben werden, dann bedeutet das längst, dass mehr Menschen weltweit hungern oder am Hungertod sterben.

In diese Gier-Gesellschaft gehört eben auch, wenn Länder wie Luxemburg sich als Steuerparadiese anbieten, wo große Firmen und Banken fast keine Steuern bezahlen. Die geringen Steuern reichen dem kleinen Luxemburg, um seinen Bewohnern eine gute Struktur zu bieten. Doch die vielen Milliarden fehlen dann anderen Ländern - auch Krisenländern - in den Steuerkassen. Zur Rettung von Banken werden dort aber zudem Steuerzahler herangezogen und/oder Sozialsysteme werden zusammengestrichen, um die Verluste zu stemmen. Auch das entfaltet längst sogar schon in der EU tödliche Wirkungen. (Ralf Streck)

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