Babys vor die Glotze

In den USA ist das erste 24-Stunden-TV-Programm für Kinder ab sechs Monaten gestartet, nach einer Studie verbringen schon viele Kleinkinder täglich Stunden vor der Glotze

In den USA wurde unlängst eine wichtige Zielgruppe für das Fernsehen erschlossen: Eltern und ihre Kleindkinder im Alter zwischen sechs Monaten und drei Jahren. Während die geplagten Eltern bislang sich noch fragen mussten, ob die Kindersendungen wirklich für ihre Kleinen geeignet sind, so können sie diese nun beruhigt 24 Stunden am Tag vor den Bildschirm des Satellitensendenders BabyFirstTV für eine Monatsgebühr von 9,99 US-Dollar setzen.

Der neue Sender geht davon aus, dass Kleinkinder sowieso schon häufig trotz des Rats von Experten vor die Glotze gesetzt werden, damit die Eltern Ruhe haben oder etwas anderes erledigen können. Besonders wichtig sind beispielsweise frühe Sendungen am Wochenende, um einmal auszuschlafen. Mit dem kürzlich gestarteten BabyFirstTV („the nation's first channel for babies!“) wird den Wünschen der Eltern entsprochen, denen versprochen wird, nun endlich ein 24-stündiges Programm mit Sendungen zu haben, die angeblich den Alter der Kinder gerecht werden („completely safe, commercial-free and appropriate content“) und seine kognitive Entwicklung mit Sendereihen wie Brainy Baby, First Impressions, So Smart oder Baby Einstein fördern.

So kann man diese also noch früher und vor allem ohne schlechtes Gewissen vor dem Bildschirm parken, so dass sie schon kurz nach Austritt aus der dunklen Höhle bei der Geburt, wo sie nur von der medialen Lautkulisse und den Reaktionen ihrer Mütter auf Medienprodukte beeinflusst wurden, mit der Medienumwelt vertraut werden. Angeblich sollen Eltern und Kinder gemeinsam vor den kindgerechten Sendungen sitzen und „interagieren“. Ob sie dadurch kompetenter, süchtiger oder vielleicht gar auch früh abgeschreckt und später zu Medien- oder Fernsehmuffel werden, ist eine noch unbeantwortete Frage.

My daughter is learning a lot from the different shows she watches. She’s so into it. I think it’s important.

Mother of a 1-3 year-old, Irvine, California. Aus der Kaiser-Studie

Zwar gibt es schon länger einen Markt für Sendungen, die auf ein immer jüngeres Zielpublikum zugeschnitten sind, nun aber erstmals einen unterbrechungslos laufenden Fernsehsender, der genau auf das jüngste Zielpublikum ausgerichtet ist, das offenbar trotz zurückgehender Zahlen bei manchen Schichten von den Eltern als anstrengender empfunden wird. Zudem scheinen sie weniger Zeit für ihre wenigeren Kinder zu haben, der Fernseher oder die Medien überhaupt werden zur Amme oder Betreuungsperson, die man sich nicht leisten kann. Zur Grundausstattung von Kinderzimmern gehören Fernsehgeräte ebenso wie Computer oder Konsolen.

Angeboten werden Filme bereits für Säuglinge mit einem Monat, Computerspiele für neun Monate alte Kinder, Fernsehsendungen, Computerspiele, Videos, Websites oder interaktive Spielzeuge für Kleinkinder ab einem Jahr gibt es zuhauf. Viele sollen nicht nur der Unterhaltung oder dem puren Spiel dienen, sondern die Kinder gleichzeitig möglichst früh den Umgang mit Medien, eine Sprache oder irgendwelche Fertigkeiten lernen lassen. Nur wer sich früh übt, hat auch Karrierechancen, allerdings sind Medienprodukte im Allgemeinen billiger, auch im Sinne von zu leistender Aufmerksamkeit und des Zeitaufwandes, als Menschen. Allerdings steigt auch die Arbeitsbelastung der Eltern und gleichzeitig lässt man die kleineren Kinder nicht mehr unbeaufsichtigt nach draußen gehen.

Nach einer gerade veröffentlichten Studie der Kaiser Family Foundation hat der Fernsehkonsum der amerikanischen Kinder auch ohne 24-Stunden-Babyfernsehen weiter zugenommen. An einem normalen Tag benutzen 83% aller Kinder im Alter zwischen einem halben und sechs Jahren ein Bildschirmmedium (75% TV, 32% DVD, 16% Computer, 11% Konsole). 83% wird nach der Umfrage aber auch noch vorgelesen oder die Kinder lesen selbst (was wohl eher bei dem Alter kaum zur Geltung kommen dürfte), 82% hören Musik.

My reasoning was that my little boy was extremely intelligent since birth. At one year old he was... putting his own DVDs in, skipping scenes, changing the volume. I thought it was a real good thing for him to have his own TV because TV helped him grow at a very young age.

Mother of a 4-6 year-old, Columbus, Ohio. Zitat aus der Kaiser-Studie

Interessanter ist natürlich, wie lange die Kinder Medien konsumieren. In der Altersgruppe bis zu sechs Jahren wird der Fernseher, das beliebteste Medium, durchschnittlich fast eine Stunde genutzt. Die Computernutzung ist hier mit sieben, die von Computerspielen von sechs Minuten noch rudimentär. 82% der Kinder, die Medien nutzen, verbringen täglich fast zwei Stunden mit Bildschirmmedien – und zwei Drittel aller Kinder fernsehen täglich, bei den 2-6-Jährigen sind es über 70%. Wenn Kinder fernsehen, dann durchschnittlich eine Stunde 18 Minuten, wenn sie DVD anschauen, dann täglich eine Stunde 19 Minuten. Computer und Computerspiele liegen bei 50 bzw. 55 Minuten, Lesen/Vorgelesen liegt abgeschlagen bei 48 Minuten.

I did it so I could watch my TV. I also wanted it so he would watch and fall asleep.

Mother of a 1-3 year-old, Denver, Colorado. Zitat aus der Kaiser-Studie

Aber schon 61% der Kinder unter einem Jahr sitzen täglich vor dem Fernseher – meist mehr als eine Stunde. 22% der Kinder zwischen einem halben bis zwei Jahr nutzen Bildschirmen täglich ein bis zwei, 14% mehr als zwei Stunden – allerdings auch 39% überhaupt nicht. Bei den 2-6-Jährigen nutzen Bildschirmmedien bereits 42% täglich über zwei Stunden, während die Zahl derjenigen, die keine nutzen, auf 10% abgesunken ist. Ein Drittel der Kinder unter sechs Jahren hat schon einen eigenen Fernsehapparat im Zimmer, bei denen unter einem Jahr sind es schon 19%, bei den Kindern über vier Jahren 43%. Angeblich schauen 40% der Eltern immer, 28% meistens mit den Kindern zusammen. Wie verlässlich diese Angaben sind, ist allerdings sehr zweifelhaft.

If he’s watching TV, I can get things done. I don’t have to constantly watch him.

Mother of a 1-3 year-old, Denver, Colorado. Zitat aus der Kaiser-Studie

Dazu kommt, dass viele Kinder in Haushalten leben, in denen der Fernseher den ganzen Tag oder zumindest sehr lange läuft. Dadurch steigt die Medienaussetzung an, auch wenn sie nur nebenbei konsumiert werden oder im Hintergrund laufen. Nach der Studie ist in 13% der Haushalte der Fernseher immer, in 19% meistens, in 21% die Hälfte der Zeit an. In 30% läuft der Fernseher in aller Regel auch beim Essen. Natürlich ist der Fernsehkonsum bei dem Kindern dort am höchsten, wo er auch beim Rest der Familie am höchsten ist. Desto weniger häufig wird auch vorgelesen/gelesen. 42 Prozent der Eltern schauen mehr als zwei Stunden TV, 28% 1-2 Stunden, 17% gar nicht.

Die USA sind weltweit die führende Fernsehnation, was den Konsum betrifft. Durchschnittlich 271 Stunden verbringen die Amerikaner vor oder mit dem Bildschirm. Die durchschnittliche Fernsehdauer weltweit, ermittelt in über 70 Ländern, liegt bei 184 Minuten (Die Welt glotzt in die Röhre). In Deutschland wurde 2005 Fernsehen täglich von allen Deutschen ab 3 Jahren durchschnittlich 211 Minuten, von Kindern zwischen 3 und 13 Jahren 91 Minuten - 2 Minuten weniger als 2004 – konsumiert.

53% der Eltern meinen, dass Fernsehen ihre Kinder ruhiger mache. Tatsächlich scheint Fernsehen damit eine Ruhigstellungsmaschine zu sein, die man auch durch Einnahme von entsprechenden Medikamenten wie Ritalin weiter befördert. 2,5 Millionen junge Amerikaner im Alter zwischen vier und 17 Jahren nehmen nach den CDC Medikamente gegen die sogenannte Aufmerksamkeitsdefizitstörung ADHD. Angeblich gibt es nach einer wissenschaftlichen Studie keinen Zusammenhang zwischen Fernsehkonsum und ADHD, was in früheren Studien behauptet wurde (Fernsehen verändert das Gehirn). (Florian Rötzer)