Bachelor und Bachelor-Imitat

Cargo-Kultuspolitik - Teil 2

Im ersten Teil wurde gewisse Missverständnisse hinsichtlich des amerikanischen Systems am Beginn der wissenschaftlichen Karriere besprochen. In diesem Teil geht es um ebenso gravierende Missverständnisse, die den Beginn des Systems betreffen.

Die Übernahme des amerikanischen Bachelor-Systems sollte nicht nur mehr Flexibilität innerhalb Europas erlauben, sondern zudem das System besser strukturieren und innerhalb der verschiedenen Studiengänge durchlässig machen.

Die Träger der Cargo-Kultuspolitik dachten dabei gewiss an Karrieren wie die von Carly Fiorina, eine der bekanntesten Managerinnen überhaupt und Ex-CEO von Hewlett Packard. Die Dame erwarb einen Bachelor in Philosophie und mittelalterlicher Geschichte, brachte es dennoch später zu etwas Anständigen und musste weder Taxi-Fahren noch lag sie dem Steuerzahler auf der Tasche; ein Hochschulsystem, das so etwas möglich macht, ja, das scheint erstrebenswert.

Ganz so einfach liegen die Dinge aber nicht. Zunächst einmal muss festgehalten werden, dass die USA ein unsägliches Gesamtschulsystem pflegen, das Schüler ganz unterschiedlicher intellektueller Fähigkeiten und Arbeitsbereitschaft zusammenpfercht. Dementsprechend niedrig ist der High-School-Abschluss anzusetzen.

Kurzum: Das Sieben, das durch Übertritt aufs Gymnasium und durch die ganze Gymnasialzeit in Deutschland stattfindet, entfällt. Trotz aller erziehungsgewerkschaftlichen Träumereien bleibt es leider wahr, dass man nicht jeden Schüler zum Überflieger ausbilden kann. Wenn man also nicht die Leistungsgrenzen ins Bodenlose senken will, muss zu einem anderen Zeitpunkt gesiebt werden.

Und dieser Zeitpunkt heißt College. Nach dem High-School-Abschluss ergreifen die einen einen Beruf, bei den anderen geht die Ausbildung weiter, und als "Undergraduate" üblicherweise an einem College (der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass auch Universitäten zumeist diese "Undergraduate"-Ausbildung anbieten).

Der junge Student erhält dabei eine sehr breite Ausbildung, die er üblicherweise in ein, zwei Fächern ("Majors") vertieft; diese Ausbildung ist oft sehr schwierig und anstrengend, denn im College wird gesiebt. Allerdings sollte diese Beschreibung einen Deutschen an etwas anderes erinnern, nämlich die Kollegstufe. Funktional (und übrigens auch etymologisch) haben College und Kollegstufe eine Menge gemeinsam.

Und genau, wie es egal ist, ob ein Deutsche-Bank-Manager Leistungskurs Biologie, Mathematik oder Sport hatte, sind die Bachelor-Fächer von Carly Fiorina kaum mehr als eine Anekdote; es geht beim Bachelor nicht um die Fachausbildung, sondern um das Bestehen an sich, wie beim deutschen Abitur.

Viele amerikanische Studenten verlassen mit dem Bachelor die Universität und ergreifen gut bezahlte Jobs; Arbeitgeber wissen jetzt, dass sich die jungen Leute durchgebissen haben und belastbar sind. Andere studieren weiter: an der Law School ("juristische Fakultät"), an der Med School, und so weiter. Der Bachelor erlaubt also den Übertritt zu bestimmten, interessanteren Studiengängen, die nur für "Postgraduates" angeboten werden, und entspricht damit wieder funktional dem Abitur.

Mit der Implementierung des Bachelor im deutschen System hat man eine Dublette geschaffen, denn das Gymnasium, die Kollegstufe und das Abitur existieren ja weiterhin. Da sich in Deutschland Jura und Medizin (gottseidank) sofort nach dem Abitur studieren lassen, braucht niemand einen Bachelor in einem geisteswissenschaftlichen Fach machen, um dann umzusatteln.

Daher ist vom Konzept des amerikanischen Bachelors kaum mehr als der Name übrig geblieben. Es ist ja gerade der Witz am Bachelor, dass er ein ganz anderes Studium ermöglicht. In Deutschland schließt sich dagegen einfach nur das passende Masterstudium an, so dass sich vehement die Frage stellt, was der Zwischenabschluss soll (oder andersherum: hätte man nicht einfach Studenten mit Vordiplom oder Magisterzwischenprüfung gegen eine Verwaltungsgebühr von 2 Euro den Titel "Bachelor" verleihen können?).

Es schließt sich also heute an die Aussiebphase der Kollegstufe eine zweite, funktionslose Aussiebphase an, deren intellektuelles Ziel - Auswendiglernen - ganz ohne Universität erledigt werden könnte, sofern man nur Zugang zu Büchern hat.

Der deutsche Bachelor ist aber nicht nur eine Katastrophe für die aktuelle Studentengeneration, sondern auch für die Dozenten, die damit zu Pauklehrern degradiert werden. Es gibt sehr gute Gründe, warum in Amerika die College-Ausbildung streng getrennt ist von der Postgraduate-Ausbildung; dort werden keine Spitzenforscher in Paukveranstaltungen verschlissen.

In Deutschland wird dagegen das alte (und übrigens sehr einsichtige) Prinzip von Forschung und Lehre aufgehoben: Es ist naheliegend, dass niemand das kompetenter unterrichten kann, über das er gerade forscht (und umgekehrt sich niemand in diesem Spezialgebiet gerade besser auskennen sollte). Wenn aber nur noch jahrelang Lehrpläne heruntergespult werden sollen, stellt sich die Frage, warum man dafür überhaupt Forscher braucht. (Peter Riedlberger)

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