Bagdad sehen und sterben

Menschliche Schilde gegen den Krieg

Fast alle wollen den Frieden. Die linke Monatszeitschrift Konkret zweifelt zu Recht, ob zusammen gehört, "was da alles zusammenwächst: Walser und Wecker, Gauweiler und Lafontaine, Brumlik und Schönhuber, Grass und Mahler, DKP und NPD... "

Die FAZ hegt von einer anderen Warte aus ähnliche Zweifel ("Gauweiler, Punk und Oberpostdirektor"), wenn sie in ihrer Sonntagsausgabe die neue Friedensbewegung als "linke Vulgärvariante, die auch in bürgerlichen Schichten Anklang findet", bezeichnet. Hauptproblem der Bewegung sei das Fehlen eines emotionalen Wir. Dass dieses nicht vorhandene emotionale Wir auch keinen Verstand hat, steht dann in einem anderen Artikel ("Außenpolitik ohne Verstand") derselben Ausgabe. Protest gegen die USA sei dumm. Denn: "Eines darf man allerdings auf keinen Fall: dem Größten in die Quere kommen". Dieser Satz, den der Verfasser möglicherweise schon auf dem Schulhof gelernt hat, bringt die giftige Zwergenmentalität der FAZ ganz gut auf den Punkt.

Die Aktivisten der Human Shield Mission haben offensichtlich kein Problem damit, dem Größten in die Quere zu kommen, auch wenn sie es auf eine Weise tun, die relativ drastisch ist, denn sie fahren in den Irak, um sich als menschliche Schilde an Einrichtungen wie Brücken, Krankenhäusern, Wasserwerken etc. zu postieren und auf die Bomben zu warten. Klingt wie ein Selbstmordkommando, ist aber der wahrscheinlich doch eher naive Versuch, einen Krieg zu verhindern.

Zweifle nie daran, dass eine kleine Gruppe von nachdenklichen, engagierten Menschen die Welt verändern kann; das ist der einzig mögliche Weg.

Mit diesem Zitat von Margaret Mead wirbt der Boss der Menschlichen Schilde auf seiner Webseite für sein Unternehmen. Der 33jährige Ken Nichols O'Keefe führt eloquent Einstein und Ghandi im Munde und versteht was von Pressearbeit. Als ehemaliger Golfkriegsveteran ist er ein glaubwürdiger Kriegsgegner und noch dazu landskundig. Auf seiner rechten Faust prangt eine Tätowierung mit den Worten EXPATRIOT (USA), laut O'Keefe ist das amerikanische Propagandasystem das effizienteste Propagandasystem in der gesamten Weltgeschichte Auf seiner Webseite finden sich Glückwünsche von Noam Chomsky.

Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem immer mehr Menschen für das, woran sie glauben ihr Leben geben würden. Es wird gerade ernsthaft mit dem Dritten Weltkrieg geflirtet. Da muss man etwas tun! Für mich ist der Irak im Moment der einzige Ort, an dem ich sein will.

Ken O'Keefe

Vergangenen Samstag startete der erste Buskonvoi in London. Tony Blair bekam eine Liste mit Namen und Orten, an denen die Kriegsführer erwarten können, mit ihren Bomben auf Human Shield Aktivisten zu treffen. Die Route geht über Brüssel, Amsterdam, Paris, Strassburg, Frankfurt, München, Mailand, Lubljana, Sarajevo, Thessaloniki und Istanbul. und soll am 8.Februar im Irak eintreffen. Am 15. Februar startet voraussichtlich die zweite Staffel. (Heute sind die Busse in München, wer noch mitfahren will: Tel.: 0031 6 2220 4574)

Solidarität mit den Menschen im Irak ist die Triebfeder der Human Shields Mission. Die Gefahr vom Regime ausgenützt zu werden, muss dabei in Kauf genommen werden. Einige Tausend Aktivisten, so O'Keefe, würden für die USA eine so große Belastung bedeuten, dass sie den Krieg verhindern könnten. Bis jetzt sind es nicht mehr als ein paar Doppeldeckerbusse, aber das Interesse wächst. Allerdings müssen alle Aktivisten damit rechnen, dass der Name ihres Vorhabens Realität wird und sie dieses Jahr nicht überleben werden. Jeder der Teilnehmer soll sein Testament machen und eine schriftliche Erklärung über seine Gründe abgeben. Auch eine Frau, die im sechsten Monat schwanger ist, wird dabei sein.

Ganz klar: Viele der Menschen, die mitfahren, werden nicht die gleiche Einstellung zum Tod haben wie ich. Und manche von ihnen werden dumm sein und das Ganze als großen Event betrachten. Aber ich bin kein Babysitter, ich kann den Leuten nicht beibringen, was Reife ist.

Ken O'Keefe

(Michaela Simon)

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