Bahnchef Grube wirft hin

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Streit mit Aufsichtsrat - Spott über Unpünktlichkeit

Gestern trat Rüdiger Grube nach knapp acht Jahren mit sofortiger Wirkung von seinem Posten als deutscher Bahn-Vorstandschef zurück. Anlass dafür war mehreren übereinstimmenden Medienberichten nach, dass der am Montag zu einer Sondersitzung zusammengetretene Bahn-Aufsichtsrat den regulär zum Jahresende 2017 auslaufenden Vertrag des 65-Jährigen angeblich nicht um drei, sondern lediglich um zwei Jahre verlängern wollte. Das soll vorangegangenen Vereinbarungen widersprochen haben, wegen denen der Nachfolger des über eine Überwachungsaffäre gestolperten Skandalmanagers Hartmut Mehdorn (vgl. Uhu, Eichhörnchen, Bähr und Mehdorn) angeblich zugestimmt hatte, dass sein Gehalt (dass 2015 einschließlich der Boni bei über 1,4 Millionen Euro lag) nicht erhöht wird.

Bis ein Nachfolger gefunden ist, wird der Bahn zufolge Finanzchef Richard Lutz Grubes Aufgabenbereich kommissarisch übernehmen. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt bezeichnete Grubes Schritt im Bayerischen Rundfunk als "so nicht zu erwartende Wendung" und bemängelte "wenig Einigungsbereitschaft auf beiden Seiten".

Nun will sich der CSU-Politiker "möglichst zügig" um einen Nachfolgern kümmern, bei dem auch CDU und SPD mitreden wollen. Ein Name, der aktuell häufig genannt wird, ist der ehemalige CDU-Generalsekretär und Kanzleramtsminister Ronald Pofalla. Dass der vor zwei Jahren zur Bahn gewechselte Politiker Grubes Nachfolger wird, wollte Dobrindt weder bestätigen noch dementieren. Stattdessen meinte er, es gebe " überhaupt keinen Grund, jetzt im Vorfeld schon irgendwelche Namen ins Gespräch zu bringen".

Die neue Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries sagte der Rheinischen Post, in den "anstehenden Personalentscheidungen" müsse man berücksichtigen, dass Menschen "nicht nur pünktlich und zuverlässig von A nach B gebracht werden, sondern auch modernere Angebote erhalten" wollen, was "Digitalisierung" bedeute. In Sozialen Medien sorgte diese Stellungnahme der SPD-Politikerin, die als Justizministerin nicht wusste, was ein Browser ist, für Belustigung (vgl. SPD-Altlasten werden ohne Rücksicht auf Kenntnisse mit Posten versorgt). Zypries' Parteifreund Martin Burkert, der Vorsitzende des Bundestagsverkehrsausschusses, nannte der Tageszeitung Die Welt andere Kriterien: Er meint, es "brauche nun einen Bahnchef, der Qualität und Zuverlässigkeit voranbringe".

In den Oppositionsparteien im Bundestag nutzte man Fragen zu Grubes Kündigung, um eigene Lieblingsthemen in die Presse zu bringen: Der Grünen-Fraktionsvize Oliver Krischer forderte eine "Schienenverkehrsoffensive" - und die Linken-Verkehrspolitikerin Sabine Leidig sah den unterirdischen Bahnhof Stuttgart21 "am Ende".

2016 hatte Dobrindt von Grube ein besseres Unternehmensergebnis, pünktlichere Züge und WLAN in den ICEs gefordert (vgl. "So wichtig wie die Toilette"). Vor allem um die Pünktlichkeit ist es weiterhin schlecht bestellt: So schlecht, dass man auf Twitter Meldungen wie "aktuell fahren unsere Züge sehr pünktlich und ohne Einschränkungen" umgehend mit dem Attribut "Fake News" belegt.

Die Bahn versuchte zu kontern, indem sie selbst den Hashtag #alternativefacts verwendete, was nicht bei allen ihrer - teilweise in extremer Kälte - wartenden Nutzern gut ankam. Selbst bei der "Eilmeldung" von Grubes Rücktritt drängten sich Bahnkunden gestern häufig Assoziationen wie die folgenden auf: "Die Eilmeldung, dass Bahn-Chef #Grube zurücktritt, müsste eigentlich mit 25 Minuten Verspätung kommen - Oder in umgekehrter Reihenfolge."

Verbesserungen ergaben sich dagegen beim WLAN, das man seit Jahresbeginn theoretisch auch in der 2. Klasse anbietet - allerdings nicht für Regionalzüge, für die man die Bundesländer in der Verantwortung sieht. Wirklich flächendeckend ist das Angebot deshalb nicht, weil die Bahn zwar nicht mehr nur ausschließlich auf das Netz der Deutschen Telekom zugreift, aber immer noch durch Funklöcher fährt, in denen es keine Signale gibt, die man an die Fahrgäste weiterreichen könnte. Zudem wird die Surfgeschwindigkeit nach 200 Megabyte von "etwas unter einem Megabit pro Sekunde" auf ein Maß gedrosselt, das nur für sehr wenige Anwendungen reicht (vgl. Deutsche Bahn: Kostenloses ICE-WLAN wird nach 200 Megabyte gedrosselt).

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