Bajuwaren waren deutlich blonder und blauäugiger als Bayern

Untersuchte Schädel mit starker (links), weniger starker, (mitte) und ohne absichtliche Deformation (rechts). Bild: Krishna R. Veeramah et al/PNAS

Neue genetische Untersuchungen stellen Siedlungskontinuität und mediterranes Substrat infrage

Vor 1.500 Jahren sahen die durchschnittlichen Bajuwaren den durchschnittlichen Germanen in Nord- und Mitteleuropa ähnlicher als heute der durchschnittliche Bayer dem durchschnittlichen Deutschen. Das legt eine gerade in PNAS veröffentlichte Studie eines Teams um Michaela Harbeck von der Münchner Staatssammlung für Anthropologie und Joachim Burger von der Universität Mainz nahe.

Das Team untersuchte untersuchte 41 Gräber aus dem mittleren bis späten 5. und dem frühen bis mittleren 6. Jahrhundert im Isar- und Donauraum. Darin fanden sie von 36 Individuen Knochen, die so gut erhalten und so wenig verunreinigt waren, dass sie sich für genetische Untersuchungen eigneten. Bei diesen Untersuchungen stellten sie fest, dass sich die DNA der Männer nicht wesentlich von der in Nord- und Mitteleuropa gefundenen unterscheidet. Mit einem römischen Legionär, der um das Jahr 300 in Freiham bei München lebte (und dessen ebenfalls untersuchte DNA auf eine Herkunft aus Südfrankreich oder Spanien hindeutet), waren sie dagegen herkunftsgenetisch nicht verwandt.

Stattdessen waren die Bajuwarenmänner einer HIrisPlex-Analyse nach mit 80 Prozent deutlich blonder und blauäugiger als die heute in Bayern lebende Bevölkerung, die physiognomisch so divers ist wie in kaum einem anderen Landstrich in Europa. Eine mögliche Erklärung dafür sind laut Burger Einflüsse aus den nahe gelegenen romanischen und slawischen Siedlungsräumen, die es die kommenden 1.500 Jahre lang gab. Eine andere wäre, dass Romanisch- und Germanischsprecher in dieser Zeit voneinander getrennt siedelten. Dafür sprechen zum Beispiel Ortsnamen mit Bestandteilen wie "Schalk" und Klosteraufzeichnungen, die zeigen, dass es im Salzburger Raum noch bis in das 11. Jahrhundert hinein Romanischsprecher gab.

Sollte diese zweite mögliche Erklärung zutreffen, hätten die Forscher zufällig nur germanische Siedlungen erwischt, obwohl sie mit der alten Römerstadt Straubing eigentlich mindestens einen Kandidaten dabei hatten, von dem man annehmen müsste, dass sich das, was der Historiker Karl Bosl als "mediterranes Substrat" bezeichnete, - wenn überhaupt - hier gehalten hat. Dass die Pest später die Zusammensetzung der Bevölkerung massiv änderte, ist insofern wenig wahrscheinlich, als die damit in Verbindung stehenden Aleele (von denen man früher dachte, dass sie sich erst später herausbildeten) bereits bei den um das Jahr 500 herum Gestorbenen vorhanden sind, was sich mit Seuchenausbrüchen während der römischen Zeit erklären ließe.

Die Braunäugigen und zu 60 Prozent Dunkelhaarigen, die die Forscher anhand der Knochen aus den bajuwarischen Siedlungen identifizierten (und die ebenfalls zur Änderung der Physiognomie über die Generationen hinweg beitrugen), waren allesamt Frauen. 14 von insgesamt 16 dieser braunäugigen Frauen hatten ein auffälliges Merkmal: Einen mehr oder weniger deutlich unnatürlich langen Hinterkopf, der entsteht, wenn man das Wachstum des Kinderschädels nach der Geburt mit Bandagen entsprechend behindert. Die genetischen Merkmale dieser Personen sind den Forschern nach heterogen und ähneln den heutigen Bewohnern Rumäniens und Bulgariens. Die beiden anderen braunäugigen Frauen weisen dagegen eher genetische Ähnlichkeiten mit den Bewohnern Griechenlands und der Türkei auf.

Ein asiatischer Genanteil fehlt auch bei den (ebenso wie alle anderen beerdigten) Frauen mit Turmschädel weitgehend, was den Forschern nach gegen die These spricht, dass dieses Schädelbinden ausschließlich ein hunnischer Brauch war. Tatsächlich tauchte er in der südlichen Schwarzmeergegend bereits im zweiten Jahrhundert vor Christus auf, als man dort von Hunnen noch gar nichts wusste.

Das wirft auch alte Fragen zum gotischen Anteil bei der Ethnogenese der Bajuwaren neu auf, über den man früher bereits anhand der aus der griechischsprachigen Welt kommenden bairischen Wörter für Dienstag (Iàdà) und Donnerstag (Bfinnzdà) spekulierte. Sie verweisen auf den Götternamen Ares und den griechischen Pémptē Hémeéra, den fünften Tag.

Um Hinweise darauf zu bekommen, wie die Turmschädelfrauen nach Bayern gelangten, untersuchte das Team Vergleichsknochen einer ostgotischen Fundstätte auf der Krim, einer gepidischen Fundstätte aus Serbien und aus zwei sauromantischen Fundstätten aus dem Südural. Auch dort ergaben die Tests bei den Leichen, die Turmschädel hatten, genetisch ein heterogenes Bild:

Auf der Krim zeigte sich ein südeuropäischer und südasiatischer Einfluss, der dem genetischen Durchschnittsbild in der heutigen Türkei ähnelt. Der in Serbien gefundene Gepidenschädel hatte davon weniger, aber einen deutlich höheren ostasiatischen Anteil. Die Funde aus dem Ural glichen dagegen mit ihrem hohen Anteil nordwestasiatisch-finnischer Gene der DNA vieler heutiger Bewohner Russlands.

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