Bald ausgefischt?

In kurzer Zeit wurden Tiefseefischarten fast vollständig durch den Fischfang dezimiert

Was auf der Erde eher ins Auge fällt, geschieht unter der Meeresoberfläche unbemerkter, aber womöglich desto konsequenter. Mit großer Geschwindigkeit werden die Meere leer gefischt. Nach einem Bericht von kanadischen Wissenschaftlern vom Department of Biology, der Memorial University in St John’s sind, wie sie in der aktuellen Ausgabe von Nature berichten, mittlerweile auch Tiefseefische akut gefährdet und vom Aussterben gefährdet.

Coryphaenoides rupestris. Bild: fiskeri.no

Die Fische, die tieferen Regionen des Meeres leben, sind schon aufgrund ihrer Eigenschaften schneller bedroht, wenn sie mit aggressiven Methoden und ohne Rücksicht auf das Überleben der Arten gefischt werden. Im Unterschied zu vielen der Arten, die in höheren Schichten leben, werden die Fische nämlich relativ alt. Zudem wachsen sie langsam, werden erst spät geschlechtsreif und haben wenige Nachkommen.

Die Wissenschaftler haben Daten von fünf tieflebenden Fischarten im nordwestlichen Atlantik untersucht, zwei Grenadierfischarten (Coryphaenoides rupestris, Macrourus berglax), den Blauen Seehecht (Antimora rostrata), einen Stachelaal (Notacanthus Chemnitzi) und den Grönlandrochen (Bathyraja spinicauda). Sie können 60 Jahre alt werden, haben eine Größe von bis zu einem Meter und sind erst ab 10 Jahre und später geschlechtsreif. Die beiden Grenadierfischarten wurden kommerziell gefischt, die restlichen gerieten beim Fang mit in die Netze. Vor den 1970er Jahren wurde keine der Arten in größerem Umfang gefangen.

Die Kurve nach den Fangquoten (1978-1994) für den Blauen Seehecht muss nicht erläutert werden

Nach der Auswertung von standardisierten Angaben, die Fischflotten in kanadischen Gewässern zwischen 1978 und 1994 berichtet haben, nahm der Bestand in den 17 Jahren – die etwa einer Generation entsprechen – zwischen 87 und 98% ab. Für die beiden Grenadierfischarten wurden auch noch Daten einbezogen, die bis 2003 gehen. Danach haben sich die Bestände in den 26 Jahren um 99,6% bzw. 93,3% verringert. Die Wahrscheinlichkeit der weiteren Abnahme liegt nach den Kriterien der World Conservation Union (IUCN) bei allen fünf Arten im Laufe von drei Generationen zwischen 99% und 100%. Bei vier der Arten verringerte sich die durchschnittliche Größe in 17 Jahren um 25-57%.

Die Wissenschaftler sagen, dass sich aufgrund dieser Zahlen natürlich nur Annahmen über die Populationen anderer Tiefseefischarten machen lassen. Aber sie warnen davor, dass die Wissenschaft dem "Kollaps der Tiefseefischarten" hinterherhinkt, man also nicht wirklich weiß, wie die Situation ist. Die Aussicht ist aber düster, dass viele der Fischarten bald verschwunden sein könnten. Es sei dringend notwendig, fordern sie, Schutzmaßnahmen einzuleiten, auch wenn die wissenschaftlichen Daten unvollständig sind. Aber vermutlich ist es bei den Tieren, die man nicht sieht, weil sie in den Tiefen des Meeres leben, noch schwieriger zu erreichen, dass solche Appelle nicht nur ernst genommen, sondern auch umgesetzt werden. Immerhin hat die EU die Fangquoten schon reduziert. Der kurzfristige Profit am scheinbar unerschöpflichen und kostenlosen Reichtum steht dem entgegen und die technisch immer ausgeklügelteren Fangmethoden stehen dem entgegen. Um die Menschen wird es zunehmend leerer. (Florian Rötzer)