Bangladesch: Hungerbeseitigung mit schweren Nebenwirkungen

Unternehmer beim Zinkbrennen, Foto: Gilbert Kolonko

Was aus einem Entwicklungsland wird, das 20 Jahre als Lieblingsschüler des Internationaler Währungsfonds galt

Auf der Straße kämpft sich hupend eine Blechlawine voran, während auf dem Bürgersteig Mensch den Menschen voran schiebt: "Es ist gut, in Kolkata zu sein. Hier kann ich mal durchatmen. Selbst der Fluss ist sauber, das Essen hat eine hohe Qualität und es gibt sogar eine Metro-Linie", sagt Herr Bishwas im Viertel BBG Bagh in Kolkata.

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Mit dem Fluss meint Bishwas den Hugli, der eine Verschmutzung von bis zu 1,5 Millionen Kolibakterien pro Zentiliter aufweist - in Indien sind nur 500 erlaubt. Und da schwimmen noch Fische drin, die gefangen und auf dem Markt verkauft werden.

Auch so dörflich ist es hier nicht: Kolkata ist die zweitlauteste Stadt der Erde und es leben 24.000 Menschen auf einem Quadratkilometer - in Berlin sind es knapp 4000. Doch es gibt keinen Grund, den Psychiater zu rufen: Herr Bishwas kommt aus der Altstadt Dhakas, wo bis zu 135.000 Menschen auf einem Quadratkilometer wohnen. Der Burigangafluss, einen Steinwurf entfernt, ist eine stinkende, schwarze Kloake - wie alle Flüsse der Hauptstadt Bangladeschs. Dafür sorgen nicht nur die Pharmaindustrie und die Ledergerbereien, sondern auch Tausende von kleinen Fabriken. In einigen werden von ungeschützter Menschenhand mit Chemikalien Plastikgüter hergestellt, in anderen Gummisandalen - und in weiteren von Kinderhand Luftballons in giftigen Laugen gefärbt.

Schon jetzt wissen wir, dass die 18-Millionen-Metropole Dhaka wegen der Nebenwirkungen seiner "Exportschlager" in 20 Jahren ohne Grundwasser dastehen wird - und trotzdem hört der Irrsinn nicht auf: Weiterhin strömen Menschen aus den ländlichen Gegenden des Landes in die Hauptstadt, vorwiegend aus dem Norden des Landes. Dort stehen die Felder entweder unter Wasser oder vertrocknen. Dafür verantwortlich ist jedoch nicht nur das sich verändernde Klima. In der Regenzeit öffnet der Nachbar Indien die Schleusen der gestauten Flüsse, wie den Tista, die nach Bangladesch fließen. In der trockenen Zeit stoppen sie den Zulauf.

In Dhaka versuchen die Landbewohner dann einen Job in der etwa 4 Millionen Billigarbeiter starken Billig-Textilindustrie zu finden, was den Arbeitgebern im Streit mit den Gewerkschaften sehr gelegen kommt. Andere dagegen versuchen sich als Unternehmer, weil sie so mit bis zu drei Dollar am Tag doppelt so viel verdienen können wie als Näher oder Näherin: Menschen schmelzen über kleinen Feuern das Zink der gesammelten Zinkkohle-Batterien heraus, um es für etwas mehr als einen Dollar pro Kilo zu verkaufen. Sie hantieren mit verfaulten, chrombelasteten Lederresten, die sie zu Hühner-und Fischfutter verarbeiten, oder wühlen den ganzen Tag auf den zahlreichen Müllhalden der Metropole nach Plastikresten.

Begonnen hatte diese wirtschaftliche Erfolgsgeschichte in den 80ern mit Reformen unter General Ershad und unterstützt durch die Weltbank. Millionen von Menschen wurden im Namen des Fortschritts enteignet und Landbesitz in die Hände von Wenigen gegeben, die es für profitable Unternehmungen nutzen sollten.

Der Tistafluss ist dank Indien schon im November fast ohne Wasser. Foto: Gilbert Kolonko

Den Hunger haben die abfallenden Brosamen dieses Systems größtenteils beseitigt. Doch das angeblich Ziel - das Land zu modernisieren - konnte von Anfang an nie erreicht werden, da der Hauptgewinn eben nicht in die Infrastruktur des Landes reinvestiert wurde, um sich auf ein Leben nach der Billigindustrie vorzubereiten, sondern immer noch in den Taschen von wenigen verschwindet.

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Dies wissen auch IWF und Weltbank, versinken doch selbst von ihnen unterstützte Projekte im Korruptionssumpf. Dass auch die Demokratie in Bangladesch auf wackligen Füßen steht, sprach der Vorsitzende von Transparency International Bangladesch an. Dr. Iftekharuzzaman nannte das hiesige Parlament ein Puppentheater - bei einer Wahlbeteiligung von nur 22 Prozent wurden 154 der 300 Abgeordneten ohne Gegenkandidaten ins Parlament gewählt, da die Opposition die Wahlen 2014 boykottierte. Noch schlimmer wurde es bei den Kommunalwahlen im letzten Jahr in den 68.000 Kommunen Bangladeschs: Durch Gewalttaten, vornehmlich verübt von Schlägertrupps der Regierungskandidaten, kamen 117 Menschen ums Leben.

Die Fortschritte im Gesundheitssystem, von der Weltbank hoch gelobt, existieren oft nur auf dem Papier. Wie selbst gesehen, gibt es zwar neue Krankenhausgebäude, aber es fehlt das Personal, denn das existiert auch nur auf dem Papier, wird aber bezahlt.

Dafür wachsen in Bangladesch unkontrolliert hunderte kleine und große Dhakas - und anstatt moderner Infrastruktur gibt es moderne Shoppingcenter. Die sind für die einkommensstarken 10 Prozent, die weiter vom "Wirtschaftswachstum" profitieren. Die Einkommensschwachen 40 % des Landes nehmen nicht daran teil, aber leiden dafür unter den steigenden Lebensmittelpreisen. So steigt auch die Bevölkerungszahl in Bangladesch, das nur doppelt so groß ist wie Bayern, von 162 Millionen weiter pro Jahr um 1,8 Millionen an, denn ohne Altersversorgung bleiben nur die Kinder, die sich später um die "Verlierer" kümmern.

Das Wirtschaftssystem von "verbrannter Erde" wird nun auch auf dem Land angewandt, wo landwirtschaftliche Felder zur Garnelenzüchtung für die Märkte der westlichen Länder mit Salzwasser geflutet werden. Etwa 200 000 Hektar von Mangrovenwäldern und fruchtbarem Land wurden schon in Aquakulturen verwandelt - und ein Ende ist nicht in Sicht. Da diese Art des Wirtschaftens auch die Nachbarfelder und das Grundwasser versalzt, bleibt den anderen Bauern oft nichts anderes übrig, als den Weg der Selbstzerstörung mitzugehen.

Dabei nimmt sich das Salzwasser durch den steigenden Meeresspiegel schon von selbst immer größere Gebiete der Küstenregionen Bangladeschs und macht es für den Menschen unbewohnbar. Schon ein Anstieg von 45 Zentimetern des Meeresspiegels wird für 10 Millionen weitere Klimaflüchtlinge in Bangladesch sorgen. Für Ende dieses Jahrhunderts sagen Forscher voraus, dass Bangladesch 20 Prozent seiner Landesfläche verlieren wird.

Jetzt trifft das Land auch noch die Rohingyakrise mit bis zu 600.000 Flüchtlingen aus Myanmar. Nun ist Bangladesch auf einmal nicht mehr das aufstrebende Entwicklungsland, das 20 Jahre brav sein "Wirtschaftwachstum" gesteigert hat, sondern wird wieder eines der ärmsten Länder dieser Erde genannt. Die Institutionen, die das Land die letzten Jahre gar nicht genug loben konnten, rufen die Allgemeinheit zu Spenden auf. Die Profite aus dem Wirtschaften der letzten 30 Jahre haben sich Konzerne und Korrupte in die Taschen gesteckt: So gibt es mittlerweile 45.000 Dollar-Millionäre in Bangladesch.

Arbeiter einer Sandalenfabrik an der frischen Luft. Foto: Gilbert Kolonko

Die Weltgemeinschaft kann sich in den nächsten Jahrzehnten mit weiteren Millionen (Klima-) Flüchtlingen allein aus Bangladesch auseinandersetzen, was in vielen Ländern zu weiteren nationalistischen Regierungen führen wird. In Indien hat der Populist Modi die Arbeiten an einem Zaun an der Grenze zu Bangladesch intensiviert. Wenn er verhindern will, dass die Menschen von dort nach Indien flüchten, sollte er lieber sein Versprechen wahr machen und den verdreckten Ganges reinigen - denn der fließt in das größte Flussdelta nach Bangladesch.

Stattdessen werden die wirtschaftlichen Verbindungen zur semi-demokratischen Regierung in Bangladesch gestärkt. Unter anderen mit einem Kohlekraftwerk in den Mangrovenwäldern der Sunderbans. Dass dieses Geschäft von Modis Vorgängerregierung eingeleitet wurde, zeigt, dass auch diese schon von kurzfristigen Gewinnabsichten ihrer Unternehmen getrieben wurden, anstatt von Weitsicht: Die Sunderbans sind Bangladeschs letzter natürlicher Schutzwall vor dem Eindringen des Salzwassers ins Landesinnere.

Dass China als zukünftige Weltmacht etwas an diesem Wirtschaftskreislauf ändert, ist nicht zu erwarten. Nach westlichem Vorbild kümmern sie sich jetzt zwar daheim um saubere Flüsse, aber dafür ist es zum größten Ledereinkäufer der Gerbereien Dhakas geworden. Damit stellen sie dann daheim Schuhe her, deren größter Abnehmer Deutschland ist, das verbal die Demokratien dieser Erde stärkt. (Gilbert Kolonko)

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