Bangladesch: Minister erklärt sich für hilflos

Seitenarm des Buriganga. Foto: Gilbert Kolonko

Seit mehr als einem Jahrzehnt weisen Umweltschutzorganisationen daraufhin, dass die Flüsse Bangladeschs durch die Industrie vergiftet werden

Jeden Tag müssen in der 17-Millionen-Einwohner-Metropole Dhaka tausende Pendler in einer Nussschale zwei Mal über den pechschwarzen Burigangafluss - und selbst Hartgesottenen macht der beißende Gestank zu schaffen. Am Wochenende hat es auch der Minister für Wasserangelegenheit Bangladeschs bemerkt. Am Rande der Veröffentlichung einer von der WHO finanzierten Studie zum Thema Wasserverschmutzung, erklärte sich Minister A. I. Mahmud hilflos, angesichts der schockierenden Fakten:

Das Wasser der sechs Hauptflüsse Dhakas ist laut der Studie eigentlich nicht einmal für die Industrie brauchbar - bei einem Sauerstoffgehalt von nahezu null Prozent. Von Lebewesen ganz zu schweigen. Da wegen des verschmutzten Oberflächenwassers 78 Prozent des Wasserbedarfs aus dem Grundwasser gedeckt wird, nimmt der Grundwasserspiegel der Metropole so rapide ab, dass Dhaka spätestens in 20 Jahren mangels Wasser für Menschen unbewohnbar sein könnte, sollte nichts passieren, was daran etwas ändert.

Nachschub für den Buriganga, damit er seine schwarze Farbe nicht verliert. Foto: Gilbert Kolonko

Schon jetzt sind die verseuchten Flüsse für zehntausende Bewohner Dhakas die einzigen Wasserstellen - zum Baden, Waschen, Kochen. Der High Court des Landes hatte schon 2008 angewiesen, dass die 200 Ledergerbereien der Metropole, die täglich 22.000 Liter chromverseuchtes Abwasser in den Buriganga leiten, umgesiedelt werden sollen. Doch das ist bis heute nicht passiert, obwohl 30 Kilometer entfernt in Savar, ein Gelände mit moderneren Gebäuden, für die Gerbereien bereit steht. Dazu landen täglich weitere 90.000 Liter Industrieabwasser ungefiltert in den Flüssen.

Ströme von chromverseuchtem Abwasser der Gerbereien fließen erst durch die Nachbarschaft, dann in den Buriganga. Foto: Gilbert Kolonko

Seit knapp 20 Jahren verzeichnet das Land ein jährliches Wirtschaftswachstum von sechs Prozent und wird dafür vom IWF als Vorzeigeschüler gelobt - die Europäische Union ist der größte Kunde Bangladeschs. Die Beliebtheit bei der ausländischen Kundschaft hat man nicht nur mit Hilfe von etwa vier Millionen Billigarbeitern der Textilindustrie allein in Dhaka erreicht, sondern mit einer Kultur der Kostenminimierung, die an allen Umwelt- und Gesundheitsauflagen vorbeigeht.

Fabriken. Foto: Gilbert Kolonko

In hunderten kleinen Wellblechfabriken in der Hafengegend hantieren Arbeiter für ein paar Dollar am Tag ungeschützt mit Chemikalien. Einfach eintreten und zuschauen, wie in wenigen Arbeitsschritten und mit Hilfe einer ohrenbetäubend lauten Maschine Badelatschen entstehen, wenn man vor lauter Chemiestaub etwas sieht. Abends wird alles schön sauber auf die Straße gefegt.

Was noch so in den Hafenbuden produziert wird, fasst ein Geschäftsmann zusammen, der mich für einen "Kollegen" hielt: "Wenn sie nicht wissen, in was sie investieren sollen, schauen sie einfach, was bei ihnen in Deutschland zu teuer ist, oder wegen Umweltauflagen verboten." Am Ufer sitzen Batteriesammler und schmelzen am offenen Feuer das Zink aus den Tagesfunden. Links und rechts davon kokeln Abfallhaufen vor sich hin. Ein paar Kilometer weiter werden unter extremen Gestank die fauligen, gegerbten Lederreste zu Fischfutter, Hühnerfutter und Klebstoff verarbeitet.

Die fauligen Reste der Gerbereien werden von "Familienunternehmen" verwertet. Foto: Gilbert Kolonko

NGOs und Umweltorganisationen hatten schon lange gewarnt, dass diese Art von Wachstum auf Kosten von Mensch und Natur geht - und damit auch auf Kosten der Zukunft Bangladeschs. Doch der Nachschub an billigen Arbeitskräften aus allen Gegenden des Landes reißt nicht ab. Bereits jetzt leben in der Altstadt Dhakas bis zu 135.000 Menschen auf einem Quadratkilometer. Im Rest des Landes treibt es die Landbevölkerung in die Städte, welche sich rasend schnell zu Mini-Dhakas entwickeln - inklusive Fabriken und schwarzer Flüsse. Da wundert es nicht, dass etwa 20 Millionen Menschen in Bangladesch nur Zugang zu vorwiegend mit Arsen verunreinigtem Trinkwasser haben.

Wenn nicht bald gehandelt wird, werden zu den weltweiten Strömen der "Wirtschaftsflüchtlinge" noch zig Millionen Menschen aus Bangladesch kommen. Die Begründung für eine Abschottung könnte dann lauten: "Was können wir denn dafür, wenn die ihre Flüsse nicht sauber halten können". In der Regel werden solche Begründungen von denselben vorgebracht, die immer wieder das gleiche Wundermittel beschwören: Die Steigerung des Wirtschaftswachstums um jeden Preis.

Der Tageswert für die Feinstaubpartikel, 2.5pm, betrug am Montag in Dhaka übrigens "moderate" 207 Mikrogramm pro Kubikmeter (Grenzwert der WHO 25) - der übliche Wintersmog mit Werten von über 400 wird noch erwartet. (Gilbert Kolonko)

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