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Barschels Mörder?

Tod eines Politikers, Teil 2

Zu Teil 1 [1]: Ermittlungsverfahren wegen Verdachts des Mordes an Dr. Dr. Uwe Barschel

Blieb es Wille auch verwehrt, zum 20. Todestag Barschels mit einem eigenen Buch zu erscheinen und darin insbesondere die Geschichte der behinderten Ermittlungen zu erzählen, so konnte er wenigstens Expertise zu den zu diesem Anlass produzierten Dokumentationen des NDR [2] ("Der Tod des Uwe Barschel"), des ZDF [3] ("Tod in Genf - Der Fall Barschel") und des Schweizer Fernsehens ("L’affaire Barschel - Silence de Mort") geben. Die letztgenannte Produktion des Schweizer Journalisten Frank Garbely, der seinerzeit am Genfer Flughafen Barschel erkannt und angesprochen hatte, beleuchtete insbesondere die Ermittlungen des Privatdetektivs Griessen und ließ vor allem den Toxikologen Prof. Brandenberger ausführlich zu Wort kommen, der von einem professionell ausgeführten Mord ausgeht [4]. Deutsche Sender lehnten die Ausstrahlung bislang ab.

Uwe Barschel. Bild: Engelbert Reineke, Deutsches Bundesarchiv [5] (B 145 Bild-F065018-0020). Lizenz: CC-BY-SA-3.0 [6]

Wille steuerte Expertise zu zwei Buchpublikationen anderer Autoren bei, die ebenfalls im Herbst 2007 erschienen.

"Doppelmord"

Der vormalige SPIEGEL-Autor Wolfram Baentsch scheitert in "Der Doppelmord an Uwe Barschel" [7] an der offensichtlichen Nähe zur Familie Barschel [8], die seinen Blick trübte. So wirkt das von ihm gezeichnete Heldengemälde eines nahezu untadeligen Politikers einseitig bis naiv, auch scheint er den zur Hochstapelei tendierenden Ex-Mossad-Agenten Ostrovsky und andere Zeugen überzubewerten.

"Doppelspiel"

Deutlich kritischer arbeiteten die vormaligen STERN-Autoren Michael Mueller, Rudolf Lambrecht & Leo Müller ("Der Fall Barschel. Ein tödliches Doppelspiel"). Das Trio verfolgte vor allem die Spur zum südafrikanischen Geheimdienst, die sich im Rahmen der U-Boot-Affäre [9] aufgetan hatte. Barschel habe an die Südafrikaner weder das U-Boot liefern, noch die an die klamme HDW-Werft geleistete Anzahlung retournieren können. Schmiergelder waren für den verlorenen Wahlkampf draufgegangen. Die Autoren warteten insbesondere mit einem betagten Informanten aus der Waffenhändlerszene auf, der sie über die dortigen Gepflogenheiten ins Bild gesetzt hatte. Da man Geschäfte dieser Art nirgends einklagen könne, sei es dem Informanten zufolge in dieser Branche Brauch, Vertragsverstöße letal zu ahnden - mit Waffenhändlern legt man sich nun einmal nicht an.

HDW-Werft an der Kieler Förde. Bild: Klaas Ole Kürtz. Lizenz: CC-BY-SA-2.5 [10]

Zu diesem Szenario passt nicht nur der gut informierte südafrikanische Agent Stoffberg, der als "Mann fürs Grobe" den Auftrag sogar selbst erledigt haben könnte, sondern auch das damalige Giftprogramm des südafrikanischen Geheimdienstes unter Leitung von Dr. Wouter Basson [11], der mit Kontaktgiften experimentierte und nach diskreten Mordmethoden forschte. Insoweit ergäbe auch das im Badvorleger nachgewiesene Lösungsmittel Sinn, welches die Haut durchlässig für Substanzen macht. In Genf als vermutliche Welthauptstadt des Waffenhandels wäre die Vergeltung eines schlechten Geschäfts als Signal wohl verstanden worden.

"Ich werde auspacken"

Doch auch unter verärgerten Geschäftsleuten ist Mord kontraproduktiv und erregt unnötig Aufmerksamkeit für Geschäfte, die man nun einmal lieber im Dunkeln tätigt. Der Präferenz für die These einer Rache der Südafrikaner opferten die Autoren die Gewichtung der anderen Spuren. Ein überzeugenderes, weil vitales Motiv darf in Barschels von einer MfS-Mitarbeiterin bezeugten Ankündigung vermutet werden, er würde "auspacken", die "in Bonn" würden "ihn kennenlernen". Die Parteien, denen Barschel hätte schaden können, sind zahlreich: Seinen Kollegen von CDU, CSU, FDP und SPD, die am Tropf von Schmiergeldern hingen, den Rüstungsfirmen, den BND-Leuten und den Partnern aus der DDR - und den Vertretern jener Länder, die an einem denkbar anrüchigen Dreiecksgeschäft beteiligt waren, das bereits ein Jahr zuvor aufgeflogen war.

Iran-Contra-Skandal

Während an der Waterkant Barschel und Engholm 1986 jeweils einen schmutzigen Wahlkampf vorbereiteten, wurden die USA von einer Affäre erschüttert, die ebenfalls mit einem trickreich geführten Wahlkampf zu tun hatte: Iran-Contra [12]. Die USA, die im damaligen Golf-Krieg [13] den Irak hochgerüstet und gegen den Iran gehetzt hatten, lieferten heimlich ausgerechnet auch dem iranischen Khomeini-Regime in großem Stil Waffen. Reagan hatte allen Grund zur Dankbarkeit, verdankte er dem Schiiten seine gewonnene Wahl. Denn Khomeini hatte die Freilassung der damals im Iran festgehaltenen US-Geiseln aufgrund eines von seinem Vize George Bush ausgehandelten geheimen Abkommens um drei Monate aufgeschoben, was dem scheidenden Amtsinhaber Carter den Wahlkampf sabotierte. An der Abwicklung des Waffendeals war ausgerechnet Israel beteiligt gewesen, das offiziell mit den Golfkriegsparteien verfeindet war. Mit den Gewinnen aus dem Geschäft finanzierte die CIA heimlich den Guerilla-Krieg der Contras in Nicaragua. Etliche der ca. 800 Ex-CIA-Leute [14], die nach Watergate Mitte der 70er Jahre ihren Schlapphut hatten nehmen müssen und in private Sicherheitsfirmen gewechselt waren, vermochten in der Reagan-Ära außerhalb staatlicher Kontrolle an ihre frühere Geheimdienstarbeit in der Dritten Welt anzuknüpfen. In dem komplizierten Interessengeflecht akzeptierte die CIA die Refinanzierung der Contras durch deren Drogenhandel und deckte sogar den Zugang zum amerikanischen Drogenmarkt ab, obwohl man offiziell Krieg gegen die Drogen führte.

Ajatollah Khomeini. Bild: Public Domain

Obwohl die Regierung mit Militär und Geheimdiensten den Kongress umgangen und damit mehr oder weniger Hochverrat begangen hatte, verstand es der telegene Reagan wie stets mit seinem präsidialen Charme und Patriotismus die Entrüstung der amerikanischen Öffentlichkeit aufzufangen. Hierbei half vor allem der aufopfernde Offizier Oliver North [15], der die Schuld auf sich nahm und etliche Beweise rechtzeitig vernichtete [16] - zum Schutz der nationalen Sicherheit. Auch die Karriere des vormaligen CIA-Direktors und Vizepräsidenten George Bush wurde nicht beschädigt, was dessen Präsidentschaftsnachfolge ermöglichte. Viele Details und das wahre Ausmaß von "Irangate" liegen nach wie vor im Dunkeln.

Oliver North. Bild: US-Government

Wenig bekannt ist, dass wesentliche Verhandlungen der Iran-Contra-Deals in Deutschland geführt wurden. Ein Zeuge sagte gegenüber Journalisten und dann auch bei der Staatsanwaltschaft Lübeck aus, er habe ein im Hamburger Hotel Atlantik aufgenommenes Foto gesehen, auf dem er jenen patriotischen Altenvernichter Oliver North, der 1986 in Deutschland zu tun hatte, gemeinsam mit einem deutschen Politiker gesehen hatte, der schon früher Kontakte zur CIA hatte: Uwe Barschel.

Giftige Iraner

Barschel traf sich Tage vor seinem Tod auch mit dem Sohn des iranischen Revolutionsführers, Ahmad Khomeini, der die Waffengeschäfte kontrollierte und in Genf eine Villa hatte. Genf war seinerzeit Basis und Drehscheibe für iranische Geheimoperationen [17], etwa für Killerkommandos des iranischen Geheimdienstes, die in den 1980ern in Europa aktiv waren. Gerade einmal zwei Monate vor Barschels Tod hatten die Iraner brutal einen Deserteur ermordet - in Genf. Wille gelang es, ein Verhör des vormalige iranischen Staatspräsidenten Bani-Sadr in dessen Exil Frankreich zu organisieren. Der hatte seinerzeit mit Bush den Iran-Contra-Deal ausgehandelt und wurde später Ziel von Mordplänen. Bani-Sadr vermochte zum Ablauf des Barschelmords keine konkreten Angaben aus erster Hand zu machen, berichtete aber, Ajatollah Khomeini hätte verfügt, dass jeder, der die für Iran wichtige Rolle Deutschlands offen lege, zu beseitigen sei. Bani-Sadr habe von seinen iranischen Informanten erfahren, dass Barschel die Enthüllung der Geschäfte beabsichtigt habe.

Ahmad Khomeini. Bild: Public Domain

Zwar benutzten die iranischen Killer in Europa, soweit bekannt, stets konventionelle Waffen und waren sogar stolz auf blutige Liquidationen, ließen häufig sogar als "Visitenkarte" eine Kappe am Tatort zurück. Kompliziertes konspiratives Vergiften unter Vermeidung von Injektionsstellen wäre für die religiösen Eiferer eher untypisch gewesen. Allerdings lebten auch die Iraner nicht hinter dem Mond und hätten durchaus einen Giftmord arrangieren können, wenn ein Anschlag nicht als solcher hätte auffallen sollen. Als etwa ausgerechnet Ahmad Khomeini 1995 mit nur 49 Jahren nach einer Tirade auf das System überraschend an Herzschlag verstarb, behauptete der vormals stellvertretende Minister des iranischen Geheimdienstes Said Emami [18], der unbequeme Komeini-Sohn sei vergiftet worden [19]. Emami selbst war im Iran des Mordes an Intellektuellen angeklagt und starb in Haft - angeblich Suizid mit Gift.

In Richtung Iran hatte auch der von Eike Barschel angeheuerte Privatermittler Jean-Jaques Griessen ermittelt und 1992 die unmittelbar bevorstehende Aufklärung des Falles angekündigt. Kurz danach lebte Griessen - wie Barschel - vor einem Treffen mit Kontaktleuten unter seltsamen Umständen in der Schweiz ab. So soll Griessen trotz seiner durch einen Schlaganfall angeschlagenen Kondition eine Prostituierte aufgesucht haben, in deren Armen ihn endgültig der Schlag ereilt habe - ein für den Ruf des Detektivs ähnlich abträglicher Abgang wie der des grotesk in der Badewanne aufgefundenen Barschel. Die aufwändige Auswertung von Tonkassetten, auf denen Griessen seine Beobachtungen diktierte bzw. Abhörergebnisse speicherte, blieb unergiebig. Sein Geheimnis nahm Griessen also ebenso ins Grab wie Barschel und der redselige Dirk Stoffberg, der bald nach seinen in einem Interview geäußerten Andeutungen gleichfalls kurz vor der Enthüllung unter mysteriösen Umständen verstarb.

Amerikanische Freunde

Der Handlungsdruck, um den vor einem Amoklauf stehenden Barschel, der von seinen politischen "Freunden" fallen gelassen wurde, zum Schweigen zu bringen, dürfte jedoch bei den anderen Beteiligten des Irangeschäfts kaum geringer gewesen sein. Eine Ausweitung des Iran-Contra-Skandals, der auch eine Belastung für die amerikanische Zusammenarbeit mit den deutschen Rüstungsschmieden gewesen wäre, hätten sich die Beteiligten wohl kaum leisten können. Tötungshemmungen sind bei Kriegswaffenhändlern nur bedingt zu erwarten.

Geheimdienste befreundeter Länder, die am Iran-Contra-Skandal beteiligt waren, hätten allerdings kein Interesse an Erregung von Aufsehen und Todesfallermittlungen gehabt. Insoweit wäre wohl nur ein "Unfall", ein "Selbstmord" oder eine "natürliche Todesursache" in Betracht gezogen worden. "Autounfälle" gelten in der Geheimdienstwelt als die eleganteste Variante, da deren Verursachung alles und nichts sein kann. Das strukturelle Problem bei Giftanschlägen ist, dass diese häufig nachweisbar sind und die Professionalität der Ausführung, die sich von plumpen Überfällen Kleinkrimineller unterscheidet, eben auf den Täterkreis der Nachrichtendienste deutet.

Über Kompetenz zum professionellen Giftmord verfügte neben den Südafrikanern die in "nassen Sachen" erfahrene CIA, die bereits in den 1950er Jahren im Rahmen des Programms MKUltra [20] Verfahren zum klandestinen Töten entwickelte. Mordanschläge mit vergifteter Zahnpasta sowie Giftpillen für Speisen gelangten zumindest in ein Operationsstadium. In den Untersuchungsausschüssen der 1970er Jahre präsentierte die CIA eine Pistole mit vergifteten Eis-Projektilen, die kaum Spuren hinterlassen. Sofern die CIA tatsächlich jemals erfolgreich Giftmorde begangen hat, wären diese jedenfalls bis heute geheim - was bei einem Geheimdienst allerdings dem gewünschten Normalfall entspräche. Generell wird der Großteil aller Giftmorde nicht erkannt, vielfach geht man in solchen Fällen von natürlichen Todesursachen aus.

Robert Gates (in den frühen 90er Jahren aufgenommen). Bild: CIA

Nicht nur Barschels Bekanntschaft mit Oliver North deutet auf die USA, vielmehr hatte der redselige Agent Stoffberg vor seinem Ableben noch einen weiteren CIA-Agenten ins Spiel gebracht, den er als "Robert Roloff" hinstellte: einen gewissen Robert Gates, der in die Iran-Contra-Affäre verstrickt war. Tatsächlich war ein "B. Gates" in jenen Tagen amerikanischer Fluggast in die Schweiz gewesen. Gates Nominierung zum CIA-Direktor wurde 1987 wegen seiner Rolle in der Iran-Contra-Affäre zurückgezogen, 1991 wurde er doch noch berücksichtigt. Von 2006 bis 2011 amtierte Gates als US-Verteidigungsminister. Politisches Töten ist für Gates Routine: Allein durch Drohneneinsatz wurden etwa in Pakistan tausende Menschen liquidiert [21]. Bemerkenswert ist insoweit, dass Barschel laut seiner Witwe nach dem Telefonat mit "Roloff" sehr verängstigt gewesen sei - hätte sich ein wichtiger Informant gemeldet, so wäre eine andere Reaktion zu erwarten gewesen.

Geheimdienst mit besonderem Ruf

Bei den Kandidaten für den Barschel-Mord wird reflexartig auch der israelische Mossad genannt, dessen Ex-Agent Victor Ostrovsky eine entsprechende Räuberpistole präsentierte, die er aufgeschnappt haben will. Nachdem Ostrovsky seine Story zunächst der Presse angeboten hatte, fanden sich in seinem später erschienen Buch Informationen als scheinbar eigene wieder, die er tatsächlich jedoch von Journalisten erhalten und die Geschichte umgeschrieben hatte. Auch das von Ostrovsky kolportierte Motiv überzeugt nicht so recht.

Victor Ostrovsky. Bild: Public Domain

Wenn auch Ostrovskys Erzählungen mit Vorsicht zu genießen sind, so war Israel doch tief in die Iran-Contra-Geschäfte verstrickt. Auch hatte sich der Mossad durchaus zweifelhaften Ruf für verdecktes Töten erworben. 1997 etwa war ein Killerteam festgenommen worden, das dem Hamasführer "Chalid Maschal" Gift in die Ohren gespritzt [22] hatte, so dass keine Einstichstelle gefunden worden wäre. Dem renommierten Geheimdienstkenner Gordon Thomas zufolge soll der Mossad 1991 auch am mysteriösen Tod des Verlegers Robert Maxwell beteiligt gewesen [23] sein, der wie Barschel mit Enthüllungen gedroht hatte. Mit welchem Aufwand der Mossad bisweilen seine Ziele durchzusetzen pflegt, zeigte 2010 der spektakuläre Mordanschlag auf Mahmud al-Mabhuh in einem Hotel in Dubai [24], der unter personenintensiver Abdeckung erst betäubt und dann mit einem Kissen erstickt wurde. Zur Strategie des Mossad soll es gehören, möglichst unterschiedliche Methoden zu verwenden, um eine "Handschrift" zu verbergen.

"Die in Bonn werden mich kennen lernen"

Doch eigene Erfahrung mit verdecktem Töten ist keine Voraussetzung zum Meuchelmord. Über theoretisches Know-How in Sachen Gift verfügt jeder Geheimdienst. Auch etwa deutsche Schattenmänner, Machtpolitiker oder Waffenhändler, die am Schweigen des alkohol- und tablettensüchtigen Cholerikers interessiert waren, hätten einen verdeckten Mord organisieren oder Profikiller beauftragen können. Es wäre theoretisch sogar vorstellbar, dass alle am Schweigen interessierten Parteien angesichts drohender Enthüllungen über eine "Lösung" des Problems Konsens erzielten, sodass die konkrete Ausführung oder deren Duldung Nebensache gewesen wäre. Einigkeit bestand wohl, dass man Barschel in Bonn oder anderswo nicht "kennenlernen" wollte. Seinerzeit bot die insbesondere am Export verdienende Rüstungsindustrie in Deutschland rund 300.000 Arbeitsplätze, Barschel jedoch nur mehr Ärger.

Die Tatsache, dass die deutschen Behörden trotz der eigenartigen Umstände sofort zur bequemen Selbstmord-These griffen, erlaubt gewissen Aufschluss über die Interessenlagen. Etwa die des selbst tief in die Abdeckung von Waffenhandel verstrickten BND und dessen politische Schirmherren bis hin zu Deutschlands eifrigsten Waffenlobbyisten Franz Joseph Strauß, die allesamt auf Aufmerksamkeit und eigene Untersuchungen wohl gut verzichten konnten. Die Behauptung des Auslandsgeheimdienstes BND, dieser habe zum denkbar spektakulären wie rätselhaften Ableben des schillernden Staatsmanns im Ausland nicht einmal eine Akte angelegt, muss Misstrauen wecken.

Hotel Beau Rivage. Bild: UggBoy♥UggGirl. Lizenz: CC-BY-2.0 [25]

Demgegenüber raunte der damals geheimdienstnahe Publizist Udo Ulfkotte [26], der 1998 dem durch Enthüllungsbücher geschwächten BND Geigers zu Glanz verhelfen sollte, etwas von einem BND-Mann, der am Tattag im Hotel Beau Rivage anwesend gewesen [27] sei. Der BND dementierte übrigens auch, Erkenntnisse über den Waffenhändler Adnan Kashoggi zu besitzen, obwohl dieser sogar die Klatschspalten füllt. Wozu braucht man eigentlich einen Geheimdienst, der keine Erkenntnisse sammelt? Ermittlungen über Geschäfte deutscher Politiker mit Waffenhändlern gehören offensichtlich nicht zum Aufgabenbereich des Auslandsgeheimdienstes - etwa solche, die in den 90er Jahren auf höchster Regierungsebene aufflogen [28]. Noch heute ist Deutschland der drittgrößte Waffenexporteur der Welt.

Adnan Kashoggi. Bild: Roland Godefroy. Lizenz: CC-BY-SA-3.0 [29]

"Ein Mord, der keiner sein durfte"

Barschel erfuhr 2010 wenigstens im Boulevard wieder Aufmerksamkeit, was den Effekt hatte, dass sich der Toxikologe Prof. Brandenberger auch in deutschen Medien Gehör für seine Analyse [30] verschaffen konnte.

Die Berufung gegen die 2008 vom Verwaltungsgericht Schleswig-Holstein erlaubte Freigabe des Wille-Buches zog sich derart in die Länge, dass Wille zwischenzeitlich in Pension ging. Da der Ruheständler keiner Nebentätigkeitsgenehmigung bedurfte, konnte er 2011 endlich sein Buch "Ein Mord, der keiner sein durfte - Der Fall Uwe Barschel und die Grenzen des Rechtsstaates" in einem Schweizer Verlag veröffentlichen. Bislang hat niemand versucht, gegen das Buch juristisch vorzugehen.

Wille präferiert keines der verschiedenen Szenarien. Er verweist auf solide kriminalistische Arbeit, die für sich selbst spreche und praktisch nur den Schluss auf einen professionell ausgeführten Mord zulasse. Wer jedoch diesen Mord beauftragt, ausgeführt oder vertuscht habe, inwiefern hinter den vielfältigen Behinderungen seiner Ermittlungen politischer Druck gestanden haben mag, all dies sei Spekulation. Auch in den mit TELEPOLIS geführten Gesprächen war dem seinerzeit als "verrannten Verschwörungstheoretiker" verbrämten Oberstaatsanwalt a.D. keine Tendenz für eine der Versionen zu entlocken. Der Fall werde vermutlich nur dann aufgeklärt werden, wenn ein Tatbeteiligter auf dem Sterbebett sein Gewissen erleichtern wolle [31].

Eine zum 25. Jahrestag geplante größere Dokumentation des ZDF wurde nunmehr abgesagt. Aufmerksamkeit widmen die deutschen Medien dem Fall Barschel vornehmlich auf dem Boulevard.

Der Autor bedankt sich bei Heinrich Wille und Frank Garbely für freundliche Unterstützung bei der Recherche.


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[3] https://www.youtube.com/watch?v=1J1gsgKl3e8
[4] http://www.welt.de/politik/deutschland/article11107132/Das-Gutachten-im-Fall-Barschel.html
[5] http://www.bild.bundesarchiv.de
[6] http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de
[7] https://www.youtube.com/watch?v=1slmVQuZHuo
[8] http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/563425/
[9] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13488970.html
[10] http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5/deed.de
[11] http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,167960,00.html
[12] https://www.youtube.com/watch?v=k8Tvzh7_CN8
[13] https://www.youtube.com/watch?v=bdO9h_5Nupk&feature=related
[14] https://www.youtube.com/watch?list=PL71646F8468DCE2D5&feature=player_detailpage&v=mfaI3YZbwYM
[15] https://www.youtube.com/watch?v=lrW3K6e8Ju0
[16] https://www.youtube.com/watch?v=Hi-NzdfjSgk&feature=results_video&playnext=1&list=PL71646F8468DCE2D5
[17] https://www.youtube.com/watch?v=0RxalDqhZpY
[18] http://web.archive.org/web/20060518073444/http://www.memri.de/uebersetzungen_analysen/2004_04_OND/iran_mois_29_10_04.html
[19] https://de.wikipedia.org/wiki/Ahmad_Chomeini
[20] https://www.youtube.com/watch?gl=DE&hl=de&v=OYxyf-OxQJU
[21] https://de.wikipedia.org/wiki/Drohnenangriffe_in_Pakistan#Umfang
[22] http://www.zeit.de/1997/42/Agentenpleite_in_Amman
[23] http://www.rense.com/general32/claim.htm
[24] https://www.youtube.com/watch?v=bzLjirV4jd8&feature=related
[25] http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.de
[26] http://www.taz.de/dx/2003/04/28/a0186.1/text
[27] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-8742670.html
[28] https://de.wikipedia.org/wiki/CDU-Spendenaff%C3%A4re
[29] http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de
[30] http://www.heise.de/tp/artikel/33/33713/1.html
[31] http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1420546/Heinrich-Wille-ueber-den-Fall-Barschel#/beitrag/video/1420546/Heinrich-Wille-ueber-den-Fall-Barschel