"Bart Simpson Child Fucker"

MySpace löscht Profile, lässt die Nutzer aber über die Gründe im Unklaren

Am 1. März 2007 löschte MySpace die Seite der kanadischen Band Kids on TV. Seitdem versucht sie vergeblich - wie viele andere MySpace-Nutzer auch –, die Gründe für die Löschung zu erfahren.

Die Band hat mittlerweile eine neue Seite aufgebaut, aber ihre 14.000 Kontakte sind weg. Warum sie gesperrt wurden, ist den Kids on TV ein Rätsel. Sie erhielten lediglich eine Email mit einem offensichtlichen Textbaustein, in dem es hieß, dass der Account wegen eines "Verstoßes gegen die Nutzungsbedingungen" gelöscht wurde und dies "gewöhnlich" darauf zurückzuführen sei, dass entweder Bilder mit anzüglichem oder gewalttätigem Inhalt oder Nacktbilder gezeigt wurden, oder dass der Nutzer zu jung sei, andere Nutzer belästigt oder gespamt, Werbung mit HTML- Codemanipulation überdeckt, Scripte verwendet oder Scores manipuliert habe. Zum Schluss hieß es "Your account cannot be restored. If you choose to return to MySpace, please follow the rules."

Nur - welche Regeln? Das wollte die Band gerne wissen, bevor sie wieder mit einem Schlag 14.000 Kontakte verliert. War es das Stück namens "Cockwolfes", dessen Text aber weit weniger explizit ist als ein großer Teil der Hip Hop Stücke auf MySpace? Außerdem operieren andere Nutzer unbehelligt mit dem Wort und verwenden es sogar als Profilnamen. Doch auf die Nachfragen der Band bei MySpace kam bisher keine Antwort. Auch für Telepolis war das Unternehmen bisher nicht für eine Stellungnahme erreichbar.

Die Spekulation, dass die Sperrung aufgrund anstößiger Inhalte erfolgte, zeigt Widersprüche auf: In MySpace gibt es bezahlte Bannerwerbung von Pornoanbietern. Und so beschwerte sich die Band im Forum von MySpace Political Censorship: "In derselben Woche, in der Kids on TV der Account gelöscht wurde, hatten wir jeden Tag, wenn wir uns einloggten, Porno-Bannerwerbung auf unserer Seite."

Auf der Seite ist mittlerweile eine lebhafte Diskussion über die wenig durchsichtige Sperrpolitik entbrannt. Dem Anti-Zensur-Netzwerk auf MySpace Netzwerk gehören unter anderem Mark Stewart, der ehemalige Sänger der Polit-Funk-Band The Pop Group, Cobra Killer, die "Zukunft der Masturbationsphantasie", das Elektro-Label Disko B, der Filmemacher Bruce LaBruce und die Plunderphonics-Künstler Negativland an.

Spekuliert wird unter anderem darüber, ob und warum auffällig häufig schwule und lesbische Musiker von MySpace-Sperrungen betroffen sind. Eine grundsätzliche Sperrung solcher Inhalte scheint das Portal jedoch nicht zu betreiben: Andere Seiten von Bands, die sich mit schwulen und lesbischen Themen auseinandersetzen, wie die der Lesbians on Extasy oder die von The Gossip blieben bisher unbehelligt.

Ganz ohne Grundlage sind Spekulationen über eine großangelegte Säuberungskampagne aber auch nicht. Immerhin gehört MySpace seit 2005 zum Murdoch-Imperium. Dem konservativen Medienmogul und seinem Konzern News Corporation wird in den USA vorgeworfen, ein Meinungsmonopol zu haben. Von der Zeitung The Sun bis hin zu den Fernsehsendern Fox und Sky befindet sich ein großer Teil der Boulevardmedien der englischsprachigen Welt in den Händen des Australiers. Durch dieses Imperium kann er die Meinungsbildung breiter Bevölkerungsschichten maßgeblich beeinflussen. Der entschiedene Befürworter des Irakkrieges nutzte diese Möglichkeit schon ausgiebig und spannte sein Medienimperium offen für politische Kampagnen ein. Im Dokumentarfilm Outfoxed erzählen ehemalige Angestellte von Fox News, wie sie vor die Wahl gestellt wurden, entweder Murdochs politische Agenda offensiv zu vertreten oder entlassen zu werden. Vor allem in Talkshows wie The O'Reilly Factor ergriffen nach dieser "Säuberung" Moderatoren offen Partei für extrem konservative Positionen und schreckten sogar vor der Beschimpfung ihrer Gäste nicht zurück.

Doch nicht alle zensierten Nutzer glauben an einen Murdoch-Masterplan. "Tortiere" beschrieb seine Zensurerfahrungen ähnlich wie Karl Kraus die seinigen mit der K.u.K.- Monarchie – als "Despotismus, gemildert durch Schlamperei":

"Ich hatte ein großartiges Final Fantasy Profil mit einem Maximum an Freunden und einer Mega- Ausstrahlung, aber ich wurde gelöscht. Dann hab ich es wiederaufgebaut und sie haben es wieder gelöscht. Also habe ich ein MySpace Profil für 'Bart Simpson Child Fucker' angelegt. Das haben sie bis jetzt noch nicht gelöscht. Alles was passieren muss, ist, dass sich jemand beschwert. Das muss nicht Rufus Wainwright (oder sein Management) sein, die die Schließung der Sailboat-Seite veranlassten. Es braucht bloß ein entrüstetes Arschloch sein das sich beschwert, und ein MySpace-Ombudsmann der 'Yep!" sagt und 'Delete' drückt."

Kommentare lesen (35 Beiträge)
Anzeige