Bataclan-Massaker als "Inspiration"

Symbolbild Festplatte: Evan-Amos / Bearbeitung: TP. Lizenz: CC-BY-SA-3.0.

Festplatte aus Raqqa liefert Informationen zu angeblichen IS-Zellen und -Plänen in Deutschland und Russland

Reporter der Londoner Times haben nach eigenen Angaben Einsicht in die Inhalte einer Festplatte bekommen, die Anfang des Jahres in der ehemaligen IS-Hauptstadt Raqqa sichergestellt wurde. Unter den Dateien, die sich darauf fanden, ist ein von sechs hochrangigen Mitgliedern des IS unterzeichnetes Dokument, in dem die Terroristen ihrem Kalifen Abu Bakr al-Bagdadi mitteilen, dass ein Gesinnungsgenosse namens Abu Khabab al-Muhajir zwei IS-Zellen in Deutschland und eine IS-Zelle in Russland "koordiniert".

Diese Zellen sollten (oder sollen) dem Schreiben nach Banküberfälle verüben, Online-Betrug begehen und "ungläubige Kapitalisten töten", um an Geld zur weiteren Finanzierung der Terrororganisation zu kommen. Darüber hinaus wird in Aussicht gestellt, dass sie auch Anschläge verüben, für die ihnen das Pariser Bataclan-Massaker vom 13. November 2015 eine "Inspiration" sein sollte (oder soll).

Ein anderer IS-Terrorist, Abu Taher al-Tajiki, kündigt in einem weiteren Dokument konkrete Anschläge an: Einen auf eine (bislang verschont gebliebene) Erdölraffinerie im schweizerischen Basel und einen weiteren auf einen deutschen Schnellzug: Der sollte (oder soll) "mit Sprengstoff angegriffen werden, den die Brüder in Europa aus einfach verfügbarem Material hergestellt haben". Den Informationen der Bild-Zeitung nach prüfen deutsche Ermittler nun, ob sich Abu Taher al-Tajiki damit auf zwei mutmaßlich von Qaeser A. und zwei weiteren Irakern verübte Anschläge aus dem letzten Jahr bezog.

Nicht Sprengstoff, sondern Stahlseil

Diese Anschläge wurden allerdings nicht mit Explosivstoffen, sondern mit einem gespannten Stahlseil verübt. Der erste davon geschah am 7. Oktober auf der ICE-Strecke zwischen Berlin und München und hätte viele Menschen töten können, wenn die Vorrichtung professioneller konstruiert und ausgeführt gewesen wäre.

Obwohl in der Nähe des Tatorts ein arabisches Drohschreiben gefunden wurde, in dem es heißt, dass weitere Anschläge auf Züge folgen würden, wenn sich die EU-Länder nicht aufhörten, "das Kalifat anzugreifen", befassten sich die Ermittler den Zeitungen des SPD-eigenen Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND) nach zuerst auch mit einem "womöglich rechtsterroristischen Hintergrund" und bezeichneten einen "Bezug zu IS" als "sehr unwahrscheinlich". Das begründeten sie damit, dass der Drohtext auch in "einschlägig bekannten Internetforen" zu finden gewesen sei.

"Sehr familiär"

Ende Dezember kam es zu einem ähnlichen Anschlag in Berlin, bei dem in der Nähe des Tatorts ebenfalls Drohschreiben und eine IS-Flagge gefunden wurden. Drei Monate später wurde in Wien Qaeser A. festgenommen, der die Tat inzwischen zugegeben haben soll. Medienberichten nach wurde er durch den Drucker überführt, den er für seine Drohschreiben benutzte. Unterstützt wurde Qaeser A. dem bisherigen Ermittlungsstand nach von zwei weiteren Irakern, die in Tschechien festgenommen und am 3. April nach Österreich abgeschoben wurden.

Der Wiener Staatsanwältin Nina Bussek nach trat der 2012 als Asylbewerber nach Österreich gekommene Qaeser A. vor seiner Festnahme "nicht strafrechtlich in Erscheinung und wurde auch nicht als Gefährder eingestuft". Deshalb konnte er bei einer Firma tätig sein, die sich unter anderem um die Sicherheit von Einkaufszentren und Fußballstadien kümmerte. Außerdem hatte der von einer Nachbarin als "sehr familiär" beschriebene Mann fünf Kinder.

Um besser feststellen zu können, ob von solchen Kindern von IS-Terroristen eine Gefahr ausgeht, hat der deutsche Verfassungsschutzchef Thomas Haldenwang eine Gesetzesänderung angeregt , die es seiner Behörde erlauben soll, auch Minderjährige unter 14 Jahren zu überprüfen. Im deutschen Innenministerium steht man diesem Wunsch aufgeschlossen gegenüber

Keine konkreten Hinweise enthält der Times-Bericht zu Anschlägen auf andere mögliche Ziele wie beispielsweise Kirchen. Verwüstungen solcher Gebetsstätten häuften sich in letzter Zeit vor allem in Frankreich, wobei Täter und Hintergründe bislang nicht aufgeklärt wurden. Diese Ereignisse öffneten in Sozialen Medien gestern zusammen mit zustimmenden Äußerungen von Islamisten Raum für Spekulationen über die (bislang nicht bekannte) Ursache des Brandes in der Pariser Kathedrale Notre Dame, dessen Aufnahmen YouTube anfangs als Fake News einstufte. (Peter Mühlbauer)

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