Bau auf, bau auf, die Vergangenheit bau auf

Potsdam, zerstörte Garnisonkirche. Ausschnitt eines Bildes aus dem Bundesarchiv: Bild 183-J31422 / CC-BY-SA 3.0

Jahrzehntelang gaben Deutsche die Dauer-Weltmeister der Vergangenheitsbewältigung, jetzt kehren sie zu ihrer eigentlichen Kernkompetenz zurück: die Vergangenheit nachäffen

Die Einförmigkeit der deutschen Städte in ihren westlichen und östlichen Spielarten wird manchmal als Ergebnis allliierter Stadtplanung beschrieben. Wie immer man diese alliierte Stadtplanung sonst sieht, sie hatte doch - neben ihrem mittelbaren Beitrag zum Sturz der Nazidiktatur - auch unmittelbar positive Effekte.

Anzeige

So zum Beispiel ruinierte ein britischer Luftangriff vom 14. April 1945 unter anderem die Garnisonkirche in Potsdam, jenes Gebäude, in dem am 21. März 1933 der "Tag von Potsdam" stattfand. Also das Schmierentheater, bei dem Hindenburg Hitler die Macht in Deutschland symbolisch noch einmal in den Schoß warf. Doppelt gemoppelt hält besser.

Die Unheilsgeschichte dieses Bauwerks reduziert sich natürlich nicht auf den "Tag von Potsdam": Er musste ja lange vorbereitet werden.

Als Militärkirche und Gedenkort zur Ausstellung erbeuteter feindlicher Regimentsinsignien musste sie über ihre Bestimmung als Gotteshaus hinaus auch als eine Art preußische Walhalla gelten.

Wikipedia

Die Garnisonkirche Potsdam war immer ein Tempel für die giftige Symbiose von Soldaten- und Christentum, die Deutschland für die Welt so gefährlich gemacht hat. Der vorläufige Schlussstrich, den die britischen Bomber unter diese Sorte deutschen Wahnsinn zogen, wurde 1968 bekräftigt, als man die Reste der Kirche sprengte.

Ein schwerer Fehler, könnte man meinen - hätte die Ruine doch immer noch einen pädagogischen Zweck erfüllen können, wenn die DDR die Trümmer durch einen unübersehbaren, stabil verankerten Schriftzug ergänzt hätte: "So was kommt von so was." Wie das von einer gesamtdeutschen Baufirma weggebaggert wird, um Platz für die Feier neuer Untaten zu schaffen - es wäre ein Bild von historischem Wert gewesen.

Auf die Klugheit der DDR war kein Verlass, auf die Dummheit der Deutschen schon. Selbstverständlich gründete sich bereits 1984(!) in Iserlohn eine Narrenzunft namens "Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel e.V." (TPG), die den Wiederaufbau der Kirche im Sinn hatte. Nach Rechtsextremismus musste man bei diesem Verein nicht lange suchen: Sein Anführer, ein Oberstleutnant a.D., war in dieser Hinsicht sogar der Bundeswehr zu viel, und das will ja bekanntlich was heißen.

Der erste Anlauf misslang. Dann übernahmen die Profis. Nachdem sich ein ganzer anachronistischer Zug von untadeligen Leuten ins Zeug gelegt hatte, nachdem der Industrieclub Potsdam e.V., die Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche e. V. und die kirchliche Stiftung Garnisonkirche Potsdam getutet, getrommelt und gesammelt hatten, wurde die seit 45 Jahren nicht mehr bestehende Kirche im Jahr 2013 offiziell zu einem "national bedeutenden Kulturdenkmal" umgelogen - während sie doch immer ein bedeutendes Denkmal nationalistischer Unkultur war, und auch wieder sein wird, falls der "originalgetreue" Wiederaufbau so vollzogen wird wie angedroht.

Anzeige

Der deutsche Kriegstreiber, der sich nicht flankierend als Friedensengel produziert, muss noch geboren werden, und deswegen wird der Wiederaufbau dieser blutigen Walhalla natürlich als ein Beitrag zum Frieden und zur Völkerverständigung vermarktet. Dabei fallen auch Begriffe wie "Symbolkirche" und "Schule des Gewissens", deren kontextbedingte Zweideutigkeit nur der nicht wahrnimmt, der es mit aller Macht nicht will.

Widerstand gibt es schon, ein bisschen. So hat zum Beispiel die Martin-Niemöller-Stiftung dem Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier einen offenen Brief geschrieben. Seine Schirmherrschaft für den Garnisonkirchen-Unfug möge er überdenken. Denn:

Von Anfang an liegt diesem Vorhaben eine widersprüchliche Logik zugrunde: Warum muss man die ehemalige Garnisonkirche wieder errichten, um - wie behauptet wird - die Ideologie und Wirkungsgeschichte, die sie repräsentiert, zu widerlegen?

Offener Brief, Martin-Niemöller-Stiftung

Gut gebrüllt, Löwe. Aber möglicherweise begreift einer, der Kränze am Grab des professionellen Judenhassers Yassir Arafat ablegt, die Schirmherrschaft über den Wiederaufbau eines tödlich deutschen Segnungsbunkers als Gelegenheit und nicht als Problem?

Wer auch immer protestiert hat und weiter protestieren wird: Bis zum Baubeginn hat es die ehrenwerte Gesellschaft der Wiederaufbauer schon geschafft. Die zinslosen Kredite von der evangelischen Kirche fließen (ca. 5 Millionen Euro), und die Bundesregierung schießt natürlich auch was zu (12 Millionen Euro). Hier findet man ein Milliönchen und da eines, und so werden die geschätzten 100 Millionen, die man verplempern will, schon zusammenkommen.

Anzeige