Bauen statt Bremsen

Symbolbild: Antranias. Lizenz: CC0

Die UBS erwartet, dass die Wohnungsmieten in der Schweiz um zehn bis 15 Prozent sinken

Der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) nach suchen Schweizer Wohnungsbesitzer derzeit mit Gratismonaten, Einkaufsgutscheinen über 1000 Franken und Fitnesscenterabonnements nach Mietern, weil mit 2,4 Prozent des Bestands deutlich mehr Wohnungen leer stehen, als die zwei Prozent, die als normale Fluktuation auf einem funktionierenden Markt gelten.

Die schweizerische Großbank UBS geht in ihrer neuen Immobilienmarktstudie davon aus, dass dieser Leerstand bis 2019 auf 2,9 Prozent zunimmt. "Erfahrungswerte aus früheren Immobilienzyklen" lassen ihrem Global-Real-Estate-Leiter Claudio Saputelli nach den Schluss zu, dass dadurch die Mieten um zehn bis 15 Prozent sinken werden. Dass sie das nicht bereits jetzt tun, liegt an den oben aufgeführten Lockgeschenken, mit denen Vermieter die "Korrektur" Saputellis Ansicht nach aber lediglich hinauszögern können.

Schweinezyklus

Dass in der Schweiz in den letzten Jahren viel gebaut wurde, hat mit dem aus der Volkswirtschaftslehre bekannten Schweinezyklus zu tun: In den Jahren zwischen 2000 und 2012 stiegen die Mieten in der Eidgenossenschaft nämlich um über 20 Prozent, was Immobilien als zunehmend lukrative Anlage erschienen ließ. Die Null- und Negativzinspolitik der EZB, die sich auch auf die Schweiz auswirkte, verstärkte diesen Eindruck noch.

In Zürich und am Genfer See - zwei Gegenden, in denen die Mieten in den Nuller Jahren besonders stark stiegen - sinken sie bereits seit 2016. In diesem Jahr wurden in der Schweiz mit 24.000 Wohneinheiten über drei Mal so viele gebaut wie 2001.

Der deutsche Weg

In Sozialen Medien stößt diese Entwicklung nicht nur bei Schweizern, sondern auch bei Bewohnern bundesdeutscher Städte wie München (wo der Leerstand gerade einmal 0,2 Prozent beträgt) oder Stuttgart auf großes Interesse. Dort, in der Bundesrepublik, ist der Zuzug aus dem Ausland weit weniger reguliert als in der Eidgenossenschaft - aber dafür gibt es umso mehr Bauvorschriften: Seit 1990 nahm ihre Zahl von etwa 5.000 auf heute mehr als 20.000 zu.

Einer vor drei Jahren veröffentlichten Studie nach wurde der Bau eines Mehrfamilienhauses in Deutschland zwischen 2000 und 2015 um fast 40 Prozent teurer. Die bloßen Baupreise verteuerten sich allerdings nur um etwa 27 Prozent, was im Rahmen der allgemeinen Inflation lag. Auch die gestiegenen Grundstückspreise machten mit 115 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche nur einen relativ kleinen Teil der Mehrkosten aus.

Für einen sehr viel größeren Anteil - nämlich 330 Euro - war die gewachsene Bürokratie von Bund, Ländern und Kommunen verantwortlich. Diese gestiegenen Bürokratiemehrkosten ließen indirekt auch die Planungs- und Beratungskosten um 77 Euro pro Quadratmeter steigen (vgl. Vorschriften verteuern Mieten).

Viele der Bauvorschriften sind lediglich ästhetisch begründet (vgl. Tyrannei der Bürokratie), tragen aber trotzdem dazu bei, dass die Zahl der Baugenehmigungen in Deutschland im letzten Jahr um 7,8 Prozent zurückging. Dass die genehmigten Um- und Ausbaumaßnahmen sogar um 21 Prozent sanken, liegt unter anderem am Denkmalschutz, der heute nicht mehr nur für einzelne Ausnahmen, sondern für ganz normale Wohngebäude gilt (vgl. Der Staat als Messie).

Anstatt Bürokratie abzubauen, versuchte die deutsche Bundesregierung, mit einer "Mietpreisbremse" den Preis ohne Erhöhung des Angebots zu senken. Die führte jedoch nicht zu Entspannung auf dem Markt, sondern lediglich zu Verknappung (vgl. Landgericht Berlin stuft "Mietpreisbremse" als grundgesetzwidrig ein).

Nun soll diese Maßnahme dem Koalitionssondierungspapier von CDU, CSU und SPD nach "evaluiert" werden. Bundesjustizminister Heiko Maas hatte bereits vorher angekündigt, den Weg weiter zu gehen und die Bremse "verschärfen" zu wollen, wenn sie nicht zum behaupteten Ergebnis führt. (Peter Mühlbauer)