Bauernfängerei mit Gentests im Internet

Einige Firmen werden bald Gentests zur angeblichen Feststellung eines erhöhten Risikos für Depressionen oder Schizophrenie anbieten

Kürzlich fand der Start der von Google mitfinanzierten Firma 23andme Aufmerksamkeit. Versprochen wird, nach Einsenden einer Speichelprobe eine Genanalyse bei allerdings nur 600.000 SNPs (Single Nucleotide Polymorphism) durchzuführen und den Kunden, die 999 US-Dollar zahlen und gleichzeitig ihre Daten zur weiteren Verwendung abgeben müssen, über einige mögliche gesundheitliche Risiken aufzuklären (Das Zeitalter der genetischen Aufklärung). Dem Vorbild wollen sich nun andere Unternehmen anschließen, die Gentests für psychische und neurologische Krankheiten anbieten wollen.

Eines dieser Unternehmen ist NeuroMark, das den "Mark-C"-Test entwickelt. Der soll auf Erkenntnisse über genetische Bedingungen aufbauen, die bei Patienten auf suizidale Neigungen bei schweren Depressionen schließen lasse, wenn sie auf den Wirkstoff Citalopram beruhende Antidepressiva nehmen. Besonders bei Kindern und Jugendlichen wurde hier eine erhöhte Selbstmordneigung festgestellt und ein Gen gefunden, das angeblich dafür verantwortlich sein soll. Das Unternehmen ruft nun zur Teilnahme an Tests auf, bevor dieser online verfügbar gemacht wird.

NeuroMark will auch Gene identifizieren, die auf ein erhöhtes Risiko hinweisen, an einer Depression zu erkranken, wenn die betreffende Person schwerem Stress ausgesetzt ist. Das sei so bei 20 Prozent der Menschen, sagt Kim Bechthold von NeuroMark. Auf die Frage des Guardian-Journalisten, was denn jemand machen soll, wenn er ein erhöhtes Risiko von NeuroMark attestiert bekommt, antwortet Bechthold: "Wir schlagen, dass er einem Chor beitreten, Schokolade essen oder sich einen kleinen Hund kaufen soll." Das kann zumindest nicht groß schaden, auch wenn der Kunde sein Geld an NeuroMark losgeworden ist.

Ein anderes Start-up ist Psynomics, das mit dem Slogan "Genomics For The New Psychiatry" antritt. Angeboten wird ein Test für zwei Mutationen des Gens GRK3, die mit der manisch-depressiven (bipolaren) Störung in Zusammenhang stehen sollen, sowie ein Test für das L-Allel des Serotonin-Transporters 5-HTT. Dadurch soll sich die Reaktion von Patienten auf Medikamente vorhersagen lassen, die auf Serotonin basieren und zur Behandlung von Depressionen eingesetzt werden.

Das Unternehmen verspricht mit dem ersten Test, "Millionen von Menschen" bei der Erkennung der bipolaren Störung zu helfen. Versprochen wird ein "objektiver" Test, der bei der Diagnose helfen und eine genetische Disposition aufzeigen soll. Angeboten wird der Test auch für alle Interessierten, die über ihre individuellen oder familiären Risiken Bescheid wissen wollen. Zwar wird darauf hingewiesen, dass zahlreiche Gene für ein höheres Risiko verantwortlich sein können, manisch-depressiv werden zu können. Zudem können viele andere, nicht-genetische Faktoren an einer Erkrankung beteiligt sein. Der Test, der nur ein Gen prüft, das an der bipolaren Störung beteiligt sein soll, sagt also eigentlich gar nichts aus und bietet für das Geld nur eine Scheinaufklärung. Es handelt sich um einen gentechnischen Hokuspokus, wenn man freundlich gesinnt ist, oder um einen Betrug für Leichtgläubige.

Noch etwas aufdringlicher will SureGene Geschäfte machen. Unterstellt wird, dass schwere psychische Erkrankungen wie Schizophrenie oder andere Psychosen genetisch bedingt sind. Noch viel allgemeiner soll der von der Firma angebotene "AssureGene"-Test die Reaktionen auf antipsychotische Medikamente, das Risiko einer fortschreitenden Psychose oder überhaupt das Risiko, eine Psychose zu entwickeln, aufzeigen. Während Psynomics wenigstens noch über die verschwindend geringe Aussagekraft des Gentests Auskunft gibt, ist bei SureGene von solcher Aufklärung nichts zu lesen. Man betreibt pseudowissenschaftliche Bauerfängerei und tut so, als sei die genetische Grundlage von Psychosen bereits erwiesen.

Anstatt aufzuklären oder sinnvolle Therapien anzubieten, dürften die Tests, die bald online angeboten werden sollen, bei Betroffenen eher zur Beunruhigung oder Verschlimmerung führen. Wer nur durch einen fragwürdigen Test erfährt, dass er ein hohes/höheres genetisches Risiko haben soll, an Schizophrenie, Depression oder bipolarer Störung zu erkranken, wird möglicherweise verzweifeln. Und wem bescheinigt wird, dass bei ihm kein Risiko vorliegt, wird möglicherweise meinen, dass es schon nicht so schlimm werden wird und sich nicht in Behandlung begeben. Womit keineswegs gesagt sein soll, dass Therapien mit großen Mengen an Psychopharmaka oder auch Aufenthalte in der Psychiatrie immer die beste Lösung sein müssen. (Florian Rötzer)