Bayer beendet Gesichtsscans in österreichischen Apotheken

Das Erkennungssystem empfahl Kunden anhand des geschätzten Geschlechts und Alters Medikamente des Pharmakonzerns

Letzten Mittwoch hatte der Bayer-Konzern in zwei österreichischen Apotheken Erkennungssysteme in Betrieb genommen, die anhand von Gesichtsscans Geschlecht und Alter eines Kunden schätzten und ihm auf Werbedisplays dazu passende Medikamente des Pharmaunternehmens empfahlen (vgl. Medikamenten-Empfehlung per Gesichtserkennung). Auf Fragen zum Datenschutz hatte Bayer zuerst auf ein Hinweisschreiben an der Eingangstür der Apotheken, eine ePrivacy-Siegel-Zertifizierung und auf die umgehende Löschung der Aufnahmen verwiesen.

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Nachdem der Verein Digitalcourage trotzdem warnte, "wer nicht überwacht werden wolle, müsste woanders einkaufen", hat das Pharmaunternehmen das Experiment noch vor Ablauf einer Woche beendet. "Wir wollten", so Bayer in einer Stellungnahme, "einen innovativen Weg gehen, haben aber gesehen, dass das Thema kontroversiell wahrgenommen wird".

Eine Einführung der Bayer-Scanner in deutschen-Apotheken, die die Firma vom Erfolg des Experiments in Österreich abhängig gemacht hatte, scheint damit vorerst ad acta gelegt. In der Bundesrepublik hatten vorher die Supermarktkette Real und die Deutsche Post mit Kundengesichtsscans Aufsehen erregt (vgl. Real und Deutsche Post wegen Kameraanalyse von Kunden angezeigt). Real beendete das Experiment inzwischen (vgl. Werbedisplays mit Gesichtsscan: Real beendet Tests in Supermärkten), die Post führt den Versuch Digitalcourage zufolge bisher weiter und beruft sich dabei auf die Einschätzung der Bayerischen Landesdatenschutzaufsicht, in der es heißt, die Technik sei unbedenklich, da keine personenbezogenen Daten erhoben und verarbeitet würden.

Die von einer Augsburger Firma angebotene Analyse soll später auch auf Kategorien wie Kleidung und die vermutete Gefühlslage ausgedehnt werden (die in manchen Postfilialen mit Warteschlangen bis weit vor die Tür nicht schwer zu erraten sein dürfte). Diese Daten könnte man dann theoretisch dazu nutzen, verschiedene Preise für Produkte und Dienstleistungen zu berechnen, wie Kerstin Demuth von Digitalcourage glaubt - so wie bei Online-Versendern, wo das Bestellen mit Apple-Geräten teilweise deutlich mehr kostet (vgl. Amazon-Deutschland-Chef bestätigt unterschiedliche Preise).

In China nutzen Restaurants Gesichtsanalyse einem Bericht der South China Morning Post nach inzwischen auch dazu, ihr Ambiente zu optimieren, indem sie gutaussehenden Kunden (und Kundinnen) niedrigere Preise berechnen als weniger gut aussehenden mit asymmetrischen Zügen. Andere chinesische Unternehmen arbeiten daran, Gesichtsscans nicht nur zur Identifikation, sondern auch zur Bezahlung von Waren und Dienstleistungen einzusetzen, wie eine Kreditkarte.

Mit 6,4 Milliarden US-Dollar war der chinesische Gesichtserkennungsmarkt einer Schätzung der IHS Markit Ltd. 2016 mehr als doppelt so umfangreich wie der nur 2,9 Milliarden Dollar umfassende amerikanische. Wichtiger noch: Während IHS dem amerikanischen Markt nur ein jährliches Wachstumspotenzial von 0,7 Prozent voraussagt, soll der chinesische bis 2021 um jährlich durchschnittlich 12,4 Prozent wachsen. In chinesische Firmen, die auf diesem Gebiet tätig sind, fließt deshalb viel Geld - auch aus dem Ausland. Alleine Face ++, die erst 2011 gegründete größte chinesische Gesichtserkennungsfirma, konnte unlängst 460 Millionen Dollar neues Kapital einsammeln. Ihre Anleger erwarten ein jährliches Wachstum von 400 Prozent und Gewinne ab 2018.

Eine andere chinesische Firma, Isvision aus Schanghai, erhielt 2015 den Staatsauftrag, ein System aufzubauen, dass die Gesichter von 1,3 Milliarden Chinesen innerhalb von drei Sekunden mit einer mindestens achtundachtzigprozentigen Trefferquote identifiziert. Über den Fortschritt dieses Projekts gibt Isvision keine Auskünfte, Medienberichten nach kämpft man aber mit "unvorhergesehenen Schwierigkeiten". Obwohl das System vom Sicherheitsministerium in Auftrag gegeben wurde und vorerst nur öffentlichen Zwecken dienen soll, schließt Chen Jiansheng, ein Mitglied des chinesischen Standardisierungsausschusses, kommerzielle Anwendungen für die Zukunft nicht kategorisch aus. (Peter Mühlbauer)

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