Bayern: Nürnberg als Produktions-Virtuose, aber Image-Quasimodo

Der Nürnberger Plärrer mit Industrieansiedlung (1905). Bild: Ferdinand Schmidt / Public Domain

Bayern-Saga: Wie man am eigenen Erfolg scheitert - Teil 6

Die Schicksalswahl vom Herbst 2018 zum Landtag Bayern hat nicht nur die SPD Bayern endgültig auf die Deponie der Geschichte befördert. Sie hat vor allem auch einen anderen, tiefer gehenden Strukturbruch als den von Rot zu Grün im Machtgefüge Bayerns übertönt: Im März 2018 war Markus Söder als Nachfolger von Horst Seehofer zum bayerischen Ministerpräsidenten gewählt worden und damit erstmals ein protestantischer und nürnberg-gebürtiger Politiker an Stelle der üblichen katholisch-oberbayerischen Politiker an die Spitze Bayerns gelangt - und dies gegen den Widerstand des katholisch-oberbayerischen Vorgängers Horst Seehofer.

Der Aufstieg Markus Söders wurde von den Mainstream-Schreibern etwa der Süddeutschen Zeitung jahrelang bevorzugt als christlich-soziale Provinzkabale abgetan - und in seiner Bedeutung damit verfehlt. Gemessen an der erkennbaren Verringerung des in den Vorjahrzehnten deutlich überwiegenden katholischen Bevölkerungsanteils und der Stagnation bzw. der Rezession der Einwohnerzahlen in den eher katholischen ländlichen und peripheren Regionen Bayerns, auch Südbayerns, seit der Jahrtausendwende1, stellt das Ende der fast ununterbrochenen Abfolge katholisch-oberbayerischer Ministerpräsidenten eine "Normalisierung" Bayerns dar.

Mit diesem Bruch in der politisch-kulturellen Konstanz in Bayern könnte auch ein Endpunkt der seit zwei Jahrhunderten betriebenen oder hingenommenen Diminuierung Frankens und vor allem seiner Metropole Nürnberg durch die vormalige Residenzstadt München und das von ihr repräsentierte jeweilige "Bayern" erreicht sein. Vor zwei Jahrhunderten erst waren die ehemalige Reichsstadt Nürnberg und weite Teile Nordbayerns vom Königreich Bayern einverleibt worden.

Für die ersten Jahrzehnte bayerischer Entwicklung seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges galt, dass das Industrie- und Arbeiterzentrum Nürnberg-Fürth-Erlangen mit seiner hohen Produktions- und Exportleistung der zunächst noch vor allem Beamten-, Angestellten- und Rentnerstadt München samt Agraroberbayern sozusagen "den Rücken freigehalten" hat für seine verspätete Industrialisierung.2

Im ersten Nachkriegsjahrzehnt hatte Nürnberg mit ca. 68.000 neuen Industriearbeitsplätzen gegenüber den 72.000 neuen Industriearbeitsplätzen in München, bezogen auf die Bevölkerung, den höheren Industrialisierungsbeitrag für Bayern aufzuweisen.3

Arbeiter der Firma Grundig in Nürnberg. Bild: Simon Müller / Bundesarchiv, B 145 Bild-F007447-0011 / CC-BY-SA-3.0

Gerade deshalb und legitimiert durch die unterschiedlichen Ereignisse und Verläufe während der Zeit des Nationalsozialismus, insbesondere während der Kriegsjahre und der Nachkriegsjahre, zeigte die von München dominierte öffentliche und veröffentlichte Meinung in Bayern eine mit der wirtschaftlichen Expansion Münchens wachsende Herablassung und Überheblichkeit gegenüber Nürnberg und Franken.

Dass Nürnberg-Fürth-Erlangen es waren, die als "Lokomotive Bayerns" entscheidend dafür sorgten, dass Bayern insgesamt den anhaltenden Wirtschaftseinbruch der 1970er Jahre mit sogar weiterem Wachstum überstanden hat4, wurde von München-Oberbayern als Leistung "Bayerns" verbucht und verbreitet. Kein Wunder, dass in der Aschenputtelregion Nürnberg-Franken Ideen für eine Separation Frankens von Restbayern Auftrieb hatten. Seit 2009 nimmt eine Partei für Franken ,"DIE FRANKEN" an den bayerischen Kommunal- und Landtagswahlen teil.

Metropolregion Nürnberg: Antwort auf das Pofitkombinat München-Oberbayern

Die bedeutende Wirtschaftsmacht der Reichsstadt Nürnberg zu Beginn der Neuzeit beruhte ganz wesentlich auf ihrer zentralen Standortlage im Netz der europäischen Fernhandelswege. Durch den von den USA gegen die UdSSR geführten "Kalten Krieg" und damit die auch wirtschaftliche Teilung Europas geriet der Standort Nürnberg-Fürth-Erlangen jedoch an den Rand des kapitalistischen NATO-Blockes bzw. an die Grenze zum sozialistischen Warschauer Pakt-Block.

Die Politik der Entspannung, der Zerfall des COMECON und die Einbeziehung osteuropäischer Staaten in die EU brachte den Raum Nürnberg-Fürth-Erlangen dann wieder in seine zentrale Stellung gegenüber West-, Süd- und Mitteleuropa zurück.

Während der vier Regierungen Edmund Stoiber zwischen 1993 und 2007 wurde eine gerade zu fanatische austeritär-neoliberale Forcierung föderaler, regionaler und kommunaler Konkurrenz propagiert. Daher war es nur konsequent, dass sich die Kreisfreien Städte und die Landkreise der drei fränkischen Regierungsbezirke im Jahr 2005 zur "Metropolregion Nürnberg" zusammenschlossen. Grundsatz war und ist die regionale Kooperation bei kommunaler Autonomie. Die Anerkennung dieser Metropolregion Nürnberg durch die bundesdeutsche Ministerkonferenz für Raumordnung (MKRO) erfolgte ebenfalls im Jahr 2005.

Offenbar hatte die in ihrer Dominanz etwas nachlässig gewordene "Weltstadt mit Herz"-München den Warnschuss aus Franken dann doch gehört und im Jahr 2008 ihrerseits eine "Metropolregion München" ins Leben gerufen. Damit gibt es zwei Metropolregionen in Bayern - Nürnberg-Franken (3,6 Millionen Einwohner) und München-Oberbayern (5,7 Millionen Einwohner): Endlich klare Verhältnisse.

Nun kann das Profitkombinat München-Oberbayern5 zeigen, ob seine hemmungslose Entwicklung zum Zentrum von Immobilienspekulation und Finanzakrobatik noch zukunftsfähig ist.

US-Army machte Nürnberg und Nordbayern zum atomaren Zielgebiet

Während des Kalten Krieges entwickelten die USA aus dem Eisenbahngeschütz K 5 der deutschen Wehrmacht die Atomkanone M 65 ("Atomic Annie"). Diese Atomwaffe konnte Granaten mit der Explosionskraft etwa der US-Hiroshimabombe verschießen. Von den 20 produzierten Atomkanonen dieses Typs waren allein 16 Geschütze bei der 7. US-Armee in Westdeutschland stationiert.

Vermutlich zwei dieser Waffen waren in der von der US-Armee beschlagnahmten vormaligen SS-Kaserne in der Nürnberger Südstadt untergebracht. Nachdem neben Nürnberg auch in Bamberg und Grafenwöhr für die Nukleargranaten der M 65 Sondermunitionslager eingerichtet worden waren, kann von einer Stationierung von Atomkanonen auch an diesen Standorten ausgegangen werden. Für eine Stationierung von Atomkanonen der US-Armee in München gibt es hingegen keine Anhaltspunkte.

Test der M65-Atomkanone "Atomic Annie" in Nevada. Bild: Federal government of the United States / Public Domain

Die Großstadt Nürnberg und das restliche Nordbayern waren damit von der US-Besatzungsmacht zu einem bevorzugten Zielgebiet für atomare Gegenschläge im Kriegsfall gemacht worden.

Kartographien zu den aktuellen Standorten der US-Streitkräfte in Bayern zeigen deren fortdauernde Konzentration in Nordbayern, d.h. nahe an der früheren Grenze zu den Warschauerpakt-Staaten. Die militärpropagandistische Deckformel hierfür lautete und lautet "Vorneverteidigung".

"Alpen-Prawda": Besatzungslizenz verdrängte Nürnberg von seiner Pressespitzenposition

In den alternativen und sozialen Medien wird die vormals als liberal-kritisch angesehene und geschätzte Süddeutsche Zeitung mittlerweile als neoliberal-opportunistische "Alpen-Prawda" verhöhnt und verspottet. Leider ist sie aber die einzige auch bundesweit bedeutende Tageszeitung Bayerns und gilt als "Leitmedium" - allerdings ist diese Klassifizierung nicht unbedingt mehr ein Qualitätssiegel.

Vor einem guten Jahrhundert, unter der reaktionären bayerischen Zentrumsregierung des Grafen von Hertling, im Amt von 1912 bis 1917, war es hingegen die in Nürnberg erscheinende, aber auch überregional gelesene regime- und systemkritische Fränkische Tagespost, die mit ihren prominenten meist sozialdemokratischen Autoren qualitativ an der Spitze der zahlreichen Tageszeitungen in Bayern stand.

Nach 1933 wurde die Fränkische Tagespost durch die entsprechenden NS-Stellen verboten. Aber auch nach dem Ende des Krieges und des Dritten Reiches konnte diese Tageszeitung jahrelang nicht erscheinen. Die US-amerikanische Besatzungsregierung erteilte nur solchen Zeitungen Lizenzen, die sie für überparteilich hielt.

Als erste Tageszeitung in Bayern erhielt die neu gegründete Süddeutsche Zeitung im Oktober 1945 die begehrte Besatzungslizenz. Wenige Tage später erhielt dann die ebenfalls neu gegründete Tageszeitung Nürnberger Nachrichten die Lizenz der Militärregierung - rechtzeitig zu den Nürnberger Schauprozessen. Die traditionsreiche Fränkische Tagespost musste mit ihrem Wiedererscheinen dagegen bis Ende 1948 warten.

Heute ist die Süddeutsche Zeitung, gefolgt von den Nürnberger Nachrichten, die auflagenstärkste Tageszeitung in Bayern. Die Fränkische Tagespost konnte ihre alte Vormachtstellung nicht wieder erreichen und wurde nach mehr als einhundert Jahren Ende 1971 eingestellt.

Adenauers KPD-Verbot, SPD-Opportunismus und der Unterschied des Widerstandes in Nürnberg und München

Markus Urban trifft in seiner Darstellung der "Ankunft" der APO-Protestbewegung 1968 in Nürnberg einen typischen Unterschied zur in München vorherrschenden Anti-Autoritären Bewegung. Der Nürnberger Widerstand gegen den dominanten Volksparteien-Parlamentarismus nebst opportunistischer Sozialpartnerschafts-Gewerkschaftelei war in dieser Stadt in eigentümlicher Weise auf die dort regierende SPD fixiert.

In krassem Unterschied zu München agierten die Nürnberger Aktivisten vorrangig zu dem Thema, bei dem zumindest die Bundes-SPD immer wieder vor dem anderthalb Jahrzehnte (1949-1963) währenden Adenauerregime eingeknickt war: Die Wiederaufrüstung und die Atombewaffnung Westdeutschlands.6 Diese Fokussierung der Nürnberger Aktivisten hing zunächst mit dem Charakter Nürnbergs als Industrie- und Arbeiterstadt zusammen. Dadurch waren die Themen der sowieso eher dürftig ausgeprägten politischen Kritik in breiten Kreisen der Nürnberger

Bevölkerung sozialdemokratisch-gewerkschaftlich reduziert. Gleichzeitig setzte die verbotene KPD ihre unverkennbar ferngesteuerte Arbeit in den Organisationsnetzen einerseits der Industriebetriebe, andererseits der Friedens- und Kriegsdienstverweigerer und der 1960 entstandenen Ostermarschbewegung fort.7

Zeitzeugen, die Kontakte in die Nürnberger Oppositionsmilieus hatten, fiel die mit der Lebenswirklichkeit des manipulativen Konsumkapitalismus zunehmend weniger kompatible, moralisierend-dogmatische Vorherrschaft des Friedensthemas in Nürnberg auf.

In seiner vorzüglichen Darstellung des politischen Widerstandes gegen das System des Volksparteien-Parlamentarismus und der Sozialpartnerschafts-Gewerkschaften, ausgerichtet nach den Interessen der USA, zeichnet Ernst Richert die Eskalation von politischer Bevormundung durch das politische System einerseits und dem wachsenden Mitwirkungs- und Veränderungswillen vor allem der Intellektuellen andererseits in der Bundesrepublik Deutschland seit den 1950er Jahren bis zum offenen Konflikt zwischen APO und Staatsgewalt 1968 nach. 8

Wie Richert überzeugend darlegt, war die angestrebte fundamentalkritische Opposition im Volksparteien- und Sozialpartner-Westdeutschland damals nur im Bereich kritischer Medien und intellektueller Zellen und Zirkel möglich. Diese setzten Universitäten und Hochschulen mit anteilsstarken geisteswissenschaftlichen Fakultäten bzw. Fächern und eine auflagenstarke kritische "Bewusstseins- und Kulturindustrie" (Hans Magnus Enzensberger) voraus. An alledem mangelte es in der Industrie- und Arbeiterstadt Nürnberg.

Allein schon im Bereich kritischer Magazinpublizistik war in Bayern nur München durch das dort seit 1962 erscheinende Magazin Vorgänge mit den seit 1956 in Berlin erscheinenden Blättern für deutsche und internationale Politik oder dem seit 1957 in Hamburg erscheinenden Periodikum Konkret vergleichbar.

Bemerkenswert war in diesem Zusammenhang allerdings die zwischen 1961 und 1965 in Nürnberg etwa vierteljährlich erscheinende Flugschrift Die Stunde. Aus einer Schülerzeitung am traditionsreichen Melanchthon-Gymnasium entstanden wurde diese Publikation nach wenigen Jahren mit Schwerpunkten in Nürnberg-Fürth-Erlangen, Oberbayern, Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Ruhrgebiet gelesen. Das Geschäftsmodell ähnelte dem der heutigen neuen Medien: Finanzierung ausschließlich durch Werbeeinnahmen, Auflage steigernde Kostenlosverbreitung an Gymnasien, Hochschulen, Universitäten und sonstige Bildungs- und Kultureinrichtungen.

Verbotsversuche von Schulleitungen, Universitätsspitzen und seitens des Bayerischen Kultusministeriums sowie Störversuche seitens der Nürnberger Polizeibehörden blieben erfolglos.9

Die avantgardistisch gestaltete, an Tabuthemen orientierte "Flugschrift" pflegte enge Kontakte zur Münchner "Subversiven Aktion", dem intellektuellen Zentrum der Anti-Autoritären Bewegung in München und Westdeutschland, verbunden mit den Namen Frank Böckelmann und Dieter Kunzelmann.10

Die Herausgeber und Redakteure der Publikation organisierten in Nürnberg zuletzt in Anlehnung an die "Subversive Aktion" eine Reihe spektakulärer Vietnam-Protestaktionen gegen US-amerikanische Veranstaltungen und Einrichtungen. Nach Studienantritt der Herausgeber und Redakteure an voneinander weit entfernten Studienorten wurde die Publikation 1965 eingestellt. Einige der Herausgeber bzw. Redaktionsmitglieder beteiligten sich am Aufbau der in dieser Serie bereits mehrfach erwähnten Studiengruppe für Sozialforschung e.V. (1968 bis 2011) in München.

München 1969: Polizei gegen Kunstakademie und Nürnberg 1981: Polizei gegen KOMMjugendzentrum

Der in Nürnberg spürbare stillschweigende Kompromiss von noch übrigen linken Sozialdemokraten und Gewerkschaftern, friedensorientierten Aktivisten und biederen Kommunisten auf der Grundlage des Friedensthemas wurde nur marginal durch ein Anfang der 1960er Jahre im Stadtzentrum gegründetes Experimentiertheater Hintertreppe, später: Neues Theater modifiziert. Der Leiter dieses Theaters, Horst W. Blome, war es, der nach dem Attentat auf Rudi Dutschke die Proteste in Nürnberg organisierte.

Besonders prägnant zeigte sich der konzeptionelle und sozialkulturelle Unterschied zwischen der letztlich konventionell agierenden Außerparlamentarischen Opposition in Nürnberg und der Antiautoritären Bewegung in München gelegentlich der Proteste gegen die Verabschiedung der Notstandsgesetze. In Nürnberg und Erlangen wurden zwar etliche Vorlesungen an den Universitätsfakultäten, die Kunsthochschule und die Pädagogische Hochschule bestreikt und die Nürnberger Innenstadt durch eine Großdemonstration von tausenden von Schülern, Studenten und Erwachsenen stundenlang blockiert. Spätestens am Folgetag ging das Städtedreieck Nürnberg aber wieder seinen gewohnten Pflichten nach.11

Anders in München: Die Akademie der bildenden Künste am Siegestor in Schwabing wurde, mit Duldung bis Unterstützung durch ihren Senat und ihr Präsidium, zu einem spektakulären Protestzentrum. Riesige Anti-Notstandsgesetz-Plakate wurden vor die Fassaden des Akademie-Flügelbaues gespannt und gingen als Bilder durch die Medien. Was folgte war ein Jahr der Protesthappenings, die in einer provokativen Innenbemalung der langen Flurwände von der Eingangshalle bis zum Obergeschoß der Kunstakademie kulminierte. Der Einsatz von 300 Polizisten konnte auch nicht mehr verhindern, dass die Fotos dieser Wandbilder als Ikonen der Politischen Kunst wochenlang von Zeitungen und Zeitschriften, Fernsehsendern etc. verbreitet wurden. Die gegen den Protest der Studierenden und Professoren von der Bayerischen Staatsregierung verfügte Schließung der Kunstakademie wurde vom Verwaltungsgericht wieder aufgehoben.12

Die Nürnberger Kunstakademie, die nach dem Krieg in einem Waldgelände am Rande der Stadt, nahe einer Kaserne der Bereitschaftspolizei und nahe dem weitläufigen Nürnberger Tierpark, errichtet worden war, wäre mit solchen Protestaktionen, wenn sie überhaupt stattgefunden hätten, gar nicht bemerkt worden. Sie spielte keine Rolle im Stadtleben Nürnbergs. Wirkung hätte hingegen vielleicht eine Störung der Nürnberger Spielwaren-Messe oder der jährlichen Christkindlmarkt-Eröffnung gezeigt.

Dass es vor allem in München die Studenten, Künstler, Literaten und Intellektuellen waren, an denen die Last des Protestes hängen blieb, lag dabei an der kläglichen Drückebergerei der Münchner Gewerkschaftsbürokraten, die sich in Sachen Notstandsgesetze wohl der neuen Großen Koalition mit Willy Brandt als Minister verbunden fühlten.

Eine nürnberg-authentische Protestbewegung gab es dort erst ein gutes Jahrzehnt nach den so genannten Osterunruhen und Notstandsgesetzprotesten. An einem zentralen Punkt der Nürnberger Altstadt, dem Eingang zur Königsstraße, war aus einem vormaligen Offiziers-Kasino der US-Army ein selbstverwaltetes Jugendzentrum entstanden. Bestimmend für das KOMM, wie das Jugendzentrum hieß, waren die Ökologiebewegung, Alternativbetriebe, Kriegsdienstverweigerer und die nürnberger-fränkische Hausbesetzerszene

Die von diesem Jugendzentrum ausgehende Unterstützung für die sehr aktive Hausbesetzerszene hatte im März 1981 anlässlich einer einschlägigen Veranstaltung zu einer Umstellung des Jugendzentrums durch die Polizei und einer. Massenverhaftung von Veranstaltungsbesuchern geführt. Nürnberg hatte zu seiner Sozialform von Protest und Skandal gefunden.13

Einer der Förderer und Mitbegründer des KOMM, der angesehene Kulturreferent der Stadt Nürnberg, Hermann Glaser, war es auch, der Nürnberg aus seiner spießigen Nachkriegsharmlosigkeit von Bratwurst, Lebkuchen und Christkindlmarkt mit dem von ihm postulierten "Bürgerrecht auf Kultur" herauskatapultierte und mit dem 1988 eingerichteten Museum Industriekultur Nürnberg gegenüber München kulturpolitisch satisfaktionsfähig machte.

Gegenöffentlichkeit: Frankenreferat der Evangelischen Akademie Tutzing

In Bayern galt jahrzehntelang eine katholisch-altbayerische Hegemonie in der Landespolitik, konzentriert in der so genannten Landeshauptstadt, und eine Dorfschul-Bildungsversorgung auf dem flachen Lande.

Vor diesem Hintergrund war die Entscheidung der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Bayern, 1950 in dem von ihr erworbenen Schloss Tutzing am

Starnberger See, in gebührender Distanz zur katholischen "Landeshauptstadt", eine Evangelische Akademie einzurichten, ein demokratiepolitisch vorausblickender und kulturell-konfessionell geschickter Schachzug.

Die in den 1970er Jahren vollzogene Einrichtung eines gesonderten "Referat Franken" dieser Evangelischen Akademie mit einer jährlich hohen Anzahl von Veranstaltungen in Franken, speziell in Nürnberg, war vor allem auch eine "Antwort" auf die in der Zeit der Kabinette Goppel (1962-1978) noch ausgeprägtere Dominierung gerade Frankens durch die aus München dekretierten Gebietsreformen, Landesplanungen etc.

Das Frankenreferat der Evangelischen Akademie Tutzing bot mit Veranstaltungen in Nürnberg und anderen fränkischen Städten der Kritik an der Politik der Regierung in der Landeshauptstadt ein in den Medien beachtetes gediegenes Forum. Mit seiner Nürnberger Veranstaltung vom November 1981 "Auf dem Weg zur Einheitskrankenkasse" machte das Referat Franken Westdeutschland weit erstmals die zentrale Bedeutung der Sozialfinanzen für die Finanzausstattung der Regionen zu einem Thema.14 In den Diskussionen bspw. über den Zentralen Gesundheitsfonds übernahm die Bayerische Staatsregierung in Gegnerschaft zur Berliner Merkelregierung eineinhalb Jahrzehnte später eben diese Sichtweise.

Die Evangelische Landeskirche Bayern ging bei ihrem Aufbau von Plattformen für eine selbstbewusst-aufmerksame Betrachtung der wirklichen Wirklichkeit in Bayern, speziell München-Oberbayern Anfang der 1980er Jahre noch einen Schritt weiter: Sie richtete unter dem vormaligen Leiter des Frankenreferates, Dieter Seifert, eine Evangelische Stadtakademie München ein, die gezielt solche Themen aufwarf, die das sozialdemokratische Wachstumsregime München, die sozialpartnerschaftlichen Gewerkschaften Münchens und sonstige für München typische Interessengruppen lieber beschwiegen haben wollten.15

Mitglieder der in dieser Serie schon mehrfach erwähnten "Studiengruppe für Sozialforschung e.V." waren häufig Vortragende bei Veranstaltungen der Evangelischen Akademie Tutzing, der "Evangelischen Stadtakademie München" oder des "Referates Franken" der Evangelischen Akademie. Der Wissenschaftliche Direktor der Studiengruppe für Sozialforschung beriet die verschiedenen hier genannten Segmente der Evangelischen Akademie über ein Jahrzehnt bei der Programm- und Tagungsplanung.

Alliierter Militärgerichtshof machte Nürnberg zur Stadt der Hauptkriegsverbrecher

Nach der Niederlage Deutschlands und Japans im Zweiten Weltkrieg fand eine teilweise Jahrzehnte anhaltende Reihe von Prozessen vor allem gegen deutsche Kriegsverbrecher statt.

Eingeleitet wurden diese Verfahren vor den Internationalen Militärgerichtshöfen für Europa bzw. für den Fernen Osten im Oktober 1945 mit dem so genannten "Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess". Von den dabei 24 Angeklagten wurden 12 zum Tode verurteilt und in der Nacht des 16. Oktober 1946 in Nürnberg erhängt.

Die Anklagebank bei den Nürnberger Prozessen (1945). Bild: Raymond D’Addario / Public Domain

Die Sowjetunion als eine der Anklägernationen forderte eine Durchführung der Prozesse in Berlin. Nürnberg wurde von den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Frankreich aber als Verhandlungs- und Tötungsort ausgewählt, da es als Stadt der NSDAP-Reichsparteitage besondere symbolische Bedeutung gehabt habe.

Bei dem verhandelnden Gerichtshof handelte es sich allerdings nicht um ein international repräsentativ zusammengesetztes Gericht, sondern um ein ausschließlich von den Siegermächten des Zweiten Weltkrieges beschicktes Gericht. Die späteren so genannten "Nürnberger Nachfolgeprozesse" wurden sogar nur noch vor US-amerikanischen Tribunalen verhandelt.

Auf Grund dieser Zusammensetzung des Nürnberger Gerichtes wurde seinem Schauprozess in der deutschen und ausländischen Öffentlichkeit von Anbeginn an das Stigma einer "Siegerjustiz" angeheftet. In der kritischen Publizistik kann neuerdings auch der Vorbehalt gelesen werden, die Anklagekonstruktion von "Hauptkriegsverbrechern" und der von den USA vertretene ausdrückliche Anklageaspekt einer "Nazi-Verschwörung" entspreche eigentlich verschwörungstheoretischen und individualisierenden Sichtweisen des Kriegsgeschehens. Hierdurch werde erreicht, dass die geopolitischen und weltökonomischen Antagonismen und Kriegsmotive zwischen den zumindest im Falle der USA, der UdSSR und des Faschistischen Europa ähnlichen kriegs-keynesianischen Systemen völlig aus dem Blick geraten seien.

Die Weigerung der Vereinigten Staaten unter Präsident Bill Clinton, die zunächst gegebene Zustimmung zum neuen, nach dem Vorbild des Nürnberger Tribunals eingerichteten, Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag aufrecht zu erhalten, hat die Legitimität des Nürnberger Militärtribunals nachträglich schwerstens beschädigt.

Hierzu heißt es im Wikipedia-Eintrag:

Durch den Abschluss bilateraler Verträge…versuchen die USA, eine Überstellung von US-Staatsangehörigen an den Internationalen Strafgerichtshof vorsorglich auszuschließen. 2002 wurde der American Service-Members’ Protection Act rechtskräftig, der den US-Präsidenten implizit dazu ermächtigt, eine militärische Befreiung von US-Staatsbürgern vorzunehmen, die sich in Den Haag vor dem Internationalen Strafgerichtshof verantworten müssten. Eine Zusammenarbeit mit dem Gericht wird US-Behörden verboten.

Die im Jahr 2010 erfolgte Aufnahme des ehemaligen Gerichtssaals der Nürnberger Prozesse in das "Museum Nürnberg" ist angesichts des fragwürdigen Charakters dieses Schauprozesses und seiner Hinrichtungen eine Selbststigmatisierung der Stadt Nürnberg und ihrer Einwohner, insbesondere der hohen Anzahl von Einwohnern mit Migrationshintergrund. Diesen kann wohl eine Generationen übergreifende "Mitschuld" an den Taten der deutschen "Hauptkriegsverbrecher" schwerlich aufgelastet werden.

Kriegsende: Nürnberg wurde niedergekämpft, München wurde "befreit"

In der Schlussphase des Zweiten Weltkrieges wurden im April 1945 die Städte Bayerns von Verbänden der US-Armee eingenommen.

Die so genannte "Schlacht um Nürnberg" wurde mit besonderer Härte geführt, da die Stadt zwar keine strategische Bedeutung hatte, wegen ihrer Rolle als "Stadt der Reichsparteitage" aber sowohl aus deutscher wie auch aus amerikanischer Sicht eine besondere politisch-psychologische Rolle spielte.

Kriegszerstörungen am Nürnberger Egidienplatz (1945). Bild: U.S. National Archives and Records Administration / Public Domain

Vor dem direkten militärischen Angriff auf die Stadt war diese durch gezielte Bomberangriffe mit hunderten von zivilen Todesopfern so zu sagen "sturmreif" bombardiert worden. Die Verteidigung der Stadt entwickelte sich vom Straßenkampf bis zum Einzelgebäudekampf.

Im Unterschied zur Wikipediaüberschrift "Schlacht um Nürnberg" zum Kampf um Nürnberg hat die Süddeutsche Zeitung zu 70 Jahren Kriegsende im Falle Münchens einen Bericht unter der Überschrift "Als die Amerikaner München befreiten" gebracht. Auch hier hatten freilich die US-Amerikaner die Stadt wiederum mit hunderten von zivilen Todesopfern zunächst "sturmreif" bombardiert. Eine Verteidigung der "Hauptstadt der Bewegung" 16 erfolgte nicht.

Bombenterror der Alliierten: Altstädte von Nürnberg und München ausradiert

Anders als in den Jahrzehnten davor und als in den Folgejahrzehnten danach waren Nürnberg und München als Opfer der Luftangriffe der Vereinigten Staaten und Großbritanniens zwischen 1941 und 1945 ziemlich gleich gestellt.

Die Altstädte von Nürnberg und von München wurden beide beinahe restlos ausradiert.

Als "Stadt der Reichsparteitage" war Nürnberg, als "Hauptstadt der Bewegung" war München, bzw. waren deren Einwohner bevorzugte Ziele für den Luftmord der Alliierten. (Albrecht Goeschel und Markus Steinmetz)