Begegnung anstatt Hass

Was uns als Teil der Debatte "verkauft" wird, ist kriminelle Gewalt gegen Asylheime, verbale Ausländerfeindlichkeit und Empörung

Die Flüchtlingsdebatte, die uns nun schon seit geraumer Zeit beschäftigt, ist eigentlich ein merkwürdiger Begriff. Wer debattiert hier eigentlich und mit wem? Flüchtlinge sind zwar Gegenstand aber nur sehr selten Teilnehmer dieser Debatte. Was uns als Teil der Debatte "verkauft" wird, ist kriminelle Gewalt gegen Asylheime, verbale Ausländerfeindlichkeit und Hass von der politischen Bühne bis in soziale Netzwerke und die berechtigte Empörung darüber. Eine Empörung, die in keiner politischen Sendung mehr fehlen darf, von der Talkshow bis zur Kabarett-Sendung.

Aber auch jeder Versuch einer sachlichen Debatte endet sofort in der Polarisierung, manchmal scheint es, als gäbe es nur noch zwei Meinungsbilder in diesem Land, entweder Demokrat und Flüchtlingsfreund oder Nationalist und Flüchtlingsfeind. In der Flüchtlingsfrage entstehen tiefe Gräben, man beschwört schon den "Riss durch die Gesellschaft" - doch bei all dem darf einer so gut wie nie mitreden. Der Flüchtling selbst.

Sicher hier und da gibt es mal Flüchtlinge im Interview, wobei man da oft das Gefühl hat, dass der Fragende immer schon weiß, welche Antwort er hören will, aber wenn man den Mainstream betrachtet, dann tritt der Flüchtling als handelndes und denkendes Subjekt doch nur wenig in Erscheinung. Seine größte mediale Beachtung erfuhr der Flüchtling als marodierender Sex-Mob in diversen Großstadtnächten, auch wenn sich später herausstellte, dass es sich bei den Tätern eher um schon lang in Deutschland lebende Migranten handelte und auch bald geklärt wurde, dass kriminelle Flüchtlinge zur absoluten Minderheit im Flüchtlingsstrom zählen.

Die Mehrheit der Flüchtlinge wird dennoch allenfalls als Massenerscheinung gezeigt, gern direkt am Grenzzaun. Als Einzelwesen ging der Flüchtling vor allem als ein totes Kind am Strand um die Welt. Das ist erschütternd, und lässt uns vor Wut und Trauer erstarren. Aber es ist nicht gerade gut geeignet, die Solidarität mit erwachsenen Flüchtlingen zu wecken. Schon gar nicht, weil die so unter Verdacht geraten, dass sie das Kind liegen ließen, um weiter gen Norden zu ziehen.

Zumindest fällt auf: Wenn unsere Medien wirklich ein ernsthaftes Interesse daran haben, die Angst vor Flüchtlingen abzubauen, dann lassen sie ihre beste Quelle ungenutzt. Die besten Argumente gegen diese Angst sind die meisten Flüchtlinge selbst. Nur müssten sie eben auch mal zu Wort kommen.

Ich habe in den letzten Tagen eine Schreibwerkstatt mit jugendlichen Flüchtlingen geleitet, die schon einige Deutschkenntnisse erworben haben. In ihren Texten finden sich Sätze, die selbst den hartherzigsten "Flüchtlingsgegner" zum Innehalten bringen dürften. Zumindest müsste man schon ein emotionaler Voll-Legastheniker sein, um hier nicht wenigstens ins Nachdenken zu kommen. Der Leiter der Einrichtung erzählte mir von einem Pegida-Fan, der täglich Hass-Mails gegen Flüchtlinge im Internet geschrieben hatte. Dieser Mann wurde zu einer Teilnahme an einer Zusammenkunft mit Flüchtlingen überredet. Nach nur zwei Stunden hatte er sich radikal gewandelt und sich für sein bisheriges Gebaren entschuldigt.

Das ist weder unglaubwürdig noch ein großes Wunder. Es bestätigt nur bekanntes psychologisches Wissen: Eine wesentliche Ursache für Hass ist die Projektion eigener Ängste auf fremde Menschen. Ein naheliegender Weg, diese Projektion aufzulösen, ist es demzufolge, reale Begegnungen zu schaffen, die das projizierte Bild revidieren lassen.

An vielen Orten Deutschlands ist das "normaler Alltag". Engagierte Bürgermeister kleiner Gemeinden wuppen ihr "Flüchtlingsproblem", indem sie Begegnungen zwischen Bevölkerung und den neuen Bürgern ihrer Gemeinde organisieren.

Ich kann mir gut vorstellen, warum sich gerade deutsche Kleinbürger und jugendliche Flüchtlinge aus Nordafrika oder dem Mittleren Osten wunderbar verstehen können. Die Angst vorm kriminellen Flüchtling zum Beispiel könnte sehr schnell abgebaut werden. Etwa wenn ein Jugendlicher aus Marokko erzählt, dass der wichtigste Grund zur Flucht für ihn war, einer kriminellen Zukunft zu entfliehen, die ihm in Marokko praktisch alternativlos bevorstand.

Auch die Liebe arabischer junger Männer zu ihrer Familie, insbesondere zu ihrer Mutter, müsste eigentlich jedem konservativen "Werte-Erhalter" das Herz erweichen. Und wie viele Flüchtlinge würden beteuern, dass sie nichts lieber täten, als in ihrem Heimatland zu bleiben, wenn dort endlich kein Krieg mehr wäre und eine halbwegs passable Zukunft zu erwarten wäre. Auch das könnte bei vielen "Flüchtlingsfeinden" ein schiefes Bild gerade rücken.

Der unglaubliche Mut, mit dem ein minderjähriger arabischer Junge aufgebrochen ist, in seiner Hoffnung auf reale Zukunftschancen, sein zähes Durchhaltevermögen dürfte so manchen Eltern pubertierender deutscher Kids die Tränen in die Augen treiben.

Mit den Geschichten vieler Flüchtlinge ließe sich ohne große Moral- oder gar Nazikeule ganz einfach vermitteln, warum sie all unseren Respekt, unsere Achtung und unsere Hilfsbereitschaft verdient haben. Warum haben sie in unseren Medien so wenig Raum?

Was erreichen wir denn mit den permanenten Empörungstiraden über Pegida und Co.? Sicher ist es notwendig, klarzustellen, was man von Hass und Fremdenfeindlichkeit hält. Aber ist das die einzige Strategie, um ernsthaft gegen Ausländerhass vorzugehen? Wird jemand, der ein Vorurteil in sich trägt, dieses Vorurteil fallen lassen, weil man ihn täglich mit den Worten anschreit: "Schäme dich für dieses Vorurteil, du mitleidloses Arschloch!"? Wer sich mehr Mitleid wünscht, hat immer die Möglichkeit, von Dingen zu erzählen, die Mitleid wecken.

Damit ist ja nicht gemeint, dass man Nachsicht mit Gewalt gegen Flüchtlinge haben sollte. Ganz im Gegenteil. Die müsste noch viel schneller und härter verfolgt werden. Es geht um das Verhindern solcher Straftaten. In der Kriminalpsychologie hat sich die persönliche Begegnung des Täters mit seinem Opfer als eines der besten Mittel zur Vermeidung von Wiederholungstaten erwiesen. Insofern wäre es bei der derzeit aufgeheizten Stimmung doch schon eine dringende Präventionsaufgabe unserer Politik und Gesellschaft, die positive emotionale Begegnung zwischen Flüchtlingen und ihren "Gegnern" zu forcieren.

Man stelle sich vor, wie sich dieses Land verändern würde, wenn man immer wieder versuchen würde, die Begegnung zwischen Flüchtlingen und Anti-Asyl-Demonstranten herzustellen.

Wenigstens aber muss man sich fragen, warum unsere Medien immer nur die eine Seite sprechen lassen. Warum geht der Sermon des berühmten Pegida-Opas aus Dresden zum gefühlten tausendsten Mal über den Sender. Warum wird da nicht ein einziger O-Ton eines typischen jungen Flüchtlings dagegen gesetzt? Es gibt nun wirklich genügend, die inzwischen gut genug Deutsch können.

Sicher werden Begegnungen zwischen Pegida-Anhängern und Flüchtlingen nicht die politischen Probleme lösen, die mit der Zunahme an Flüchtlingen verbunden sind, und schon gar nicht deren eigentliche Ursachen beseitigen. Als Mittel gegen das weitere Anwachsen von Fremdenfeindlichkeit erscheinen mir solche Begegnungen aber besser geeignet, als das unermüdliche Dokumentieren von Rassismus.

Allerdings schleichen sich bei mir Zweifel ein, ob eine Annäherung zwischen den sogenannten Wutbürgern und Flüchtlingen wirklich politisch gewollt ist. Flüchtlinge könnten ja im wahrsten Sinne des Wortes Horizonte erweitern. Sie könnten dem Asyl-Gegner, der um die Kürzung seiner Sozialleistungen fürchtet, von Nichten und Neffen erzählen, die als Folge radioaktiver Munition der US- oder NATO-Armeen an Krebs leiden und aufgrund unserer Embargos so gut wie keine medizinische Hilfe zu erwarten haben.

Den Wutbürgern könnte klar werden, dass die Staatskassen für Militäreinsätze im Ausland viel mehr Geld übrig haben als für den bedürftigen Bürger im eigenen Land, oder dass mit Hilfe seiner Steuergelder unermessliches Leid angerichtet wird. Was wäre, wenn plötzlich beide Gruppen erkennen, dass sie sich gegenseitig im Kampf um menschenwürdigere Verhältnisse unterstützen könnten?

Wer ernsthaft gegen Flüchtlingsfeindlichkeit vorgehen will, der könnte sich zumindest überlegen, dass Flüchtlinge Menschen sind, die schon so viel erlebt haben, dass sie selbst vor einem Gespräch mit einem Pegida-Anhänger oder AfD-Wähler nicht zurückschrecken würden. Dass es Menschen sind, die für sich selbst sprechen können.

So wie zum Beispiel der junge Marokkaner Adam Zari (18), der mit 16 Jahren aus Marokko geflohen ist. Ich habe sein Gedicht über seine Flucht in seinem "unperfekten" Deutsch belassen und nur minimal lektoriert, weil ich finde, dass es in dieser Fassung am besten für sich spricht.

Der Weg von Marokko nach Deutschland ist, meinen Traum zu finden,
und ich weiß, ich habe keinen Traum.
Mit Glück kann ich verlieren oder gewinnen.
Ich habe mein Land verlassen, um eine bessere Zukunft zu suchen.
Ohne zu wissen wohin, und was die Richtung ist.
An der Tür Marokkos suche ich die Eingänge für Ausländer.
Die Zeit vergeht, und ich leide auf der Straße.
Ich bin hungrig, und wer gibt mir zu essen?
Ich bin nicht mit meiner Mutter, nur sie macht mir etwas.
Ich habe kein Geld, um Essen zu kaufen und ich suche jemanden, der mir hilft,
aber es gibt keinen.
Um zu überleben habe ich geklaut.
Es gab keine andere Lösung, was man machen kann.
So ist meine Situation.
Du lebst Tag um Tag, ohne zu wissen, was kommt.
Es gibt schwere Momente, die sind nicht schwer zu entscheiden aber schwer zu machen.
Ich warte Tag um Tag, und nichts ändert sich.
Ich habe gesehen wie Menschen an der Grenze sterben.
Schlechte Momente passieren, aber man lernt davon.
Von wem ist die Schuld?
Warum macht die Politik mit uns so?
Warum sie haben unsere Seelen bereitwillig verkauft?

Ich bin in der ersten Tür, das ist Spanien.
Ich rede nicht schlecht über sie, weil sie mir geholfen haben.
Und ich rede nicht schlecht, weil nicht alle mir geholfen haben.
Ich rede nicht schlecht über sie, weil sie unsere Fische genommen haben.1
Ich rede nicht schlecht über sie, weil ich komme mit reinem Herz und nicht, um schlecht zu denken und nicht, um Schmerz zu machen.
Ich komme nicht um zu klauen.
Ich komme, um eine bessere Zukunft zu suchen.
Ich komme nicht für ein leeres Leben.
Ich komme, um zu studieren, weil in meinem Land,
sie haben mich nicht unterrichtet.
Ich komme um zu arbeiten, weil in meinem Land gibt es keine Arbeit.
Ich komme, um meiner Familie zu helfen. Meine Familie braucht mich.
Dort gibt es keinen, der ihnen hilft.

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