Begradigung der "motivationalen Schieflage" von Studenten

Mit einem "Willenstest" der FernUniversität Hagen sollen Studierende ihre aktuelle Motivationslage analysieren und spontane Unlust überwinden können

Zu den aussagekräftigsten Kennzahlen, die den Zustand des deutschen Bildungssystems beschreiben, gehört die sogenannte Abbrecherquote, da sie jenseits von Spekulationen, Bewertungen und ideologischen Vereinnahmungen die simple Differenz zwischen Ist- und Soll-Zustand dokumentiert. Hier zeigt sich, dass der einstige Vorreiter in Sachen Bildung und Wissenschaft nicht nur weit davon entfernt ist, jenen von Experten geforderten 40 Prozent eines Jahrgangs den Weg an die Hochschulen zu ebnen, sondern außerdem nur bedingt Mittel findet, um aus Studienanfängern irgendwann hoffnungsvolle Absolventen zu machen.

Selbst die mit hohen Erwartungen bedachten internationalen Studiengänge scheinen da keine Ausnahme zu bilden. Nach Berechnungen des Hochschul-Informations-Systems lag die Quote in den neu eingeführten Bachelor-Fächern für die Studienanfänger der Jahre 2000 bis 2004 bei 25 (Universitäten) beziehungsweise 39 Prozent (Fachhochschulen).

Der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft folgerte daraus im Oktober des vergangenen Jahres, dass dem Staat jährlich 2,2 Milliarden Euro verloren gehen, während der gesamte volkswirtschaftliche Verlust durch „fehlgeschlagene“ Privatinvestitionen und das entgangene Einkommen der Studienabbrecher sogar mehr als 7,6 Milliarden Euro betragen könnte.

Dagegen schlug der Stifterverband einen Drei-Punkte-Plan vor: Konkrete Zielvereinbarungen zwischen Ländern und Hochschulen sollen mit einem neuem Finanzierungsschlüssel verknüpft werden, um die Landesmittel an die Zahl der Abschlussprüfungen statt an die der Studienplätze zu binden. Eine „nationale Qualitätsoffensive“ hätte die Aufgabe, Lehre und Betreuung der Studierenden entscheidend zu verbessern, und dann plädierte Volker Meyer-Guckel, der stellvertretende Generalsekretär des Stifterverbandes, noch für „geeignete Eignungsfeststellungsverfahren“.

Wenn Studienanfänger nicht wissen, was in den kommenden Semestern auf sie zukommt und was sie für das Studium an Fähigkeiten mitbringen müssen, ist das Scheitern in vielen Fällen vorprogrammiert.

Volker Meyer-Guckel

In der Studienabbruchstudie 2005 musste das Hochschul-Informations-System feststellen, dass die Sprach- und Kulturwissenschaften mit schockierenden 45 Prozent die höchste Abbruchquote von allen Studienbereichen aufweisen und dafür neben der fehlenden Orientierung, einer mangelnden Berufsvorstellung und der schwierigen Arbeitsmarktlage vor allem die „nebulöse Studienmotivation“ verantwortlich ist.

Wenigstens diesem Tatbestand sollte man abhelfen oder ihn wenigstens eindeutig definieren können, meinen viele Bildungswissenschaftler, die zu diesem Zweck unterschiedliche Varianten „geeigneter Eignungsfeststellungsverfahren“ entwickeln. Der jüngste kommt aus dem Lehrgebiet Mediendidaktik der FernUniversität in Hagen, wo Markus Deimann einen frei zugänglichen und obendrein kostenlosen Test konzipiert hat, der einerseits die individuelle Motivationslage analysiert, dann aber auch Strategien für eine erfolgreiche und zielgerichtete Selbstmotivation vorschlägt.

Die FernUniversität ist dafür nach Ansicht des studierten Erziehungs- und Politikwissenschaftlers nicht ausschließlich, aber eben ganz besonders gut geeignet. 80 Prozent ihrer rund 50.000 Studierenden müssen akademische Ziele und Berufstätigkeit miteinander verbinden und befinden sich obendrein im „familiengerechten“ Alter. Bei ihnen ist – so glaubt Deimann - vieles anders als bei den Kommilitonen, die an einer Präsenzhochschule studieren. Denn die Fernstudenten geraten leicht in Situationen, die der angestrengten geistigen Tätigkeit im Wege stehen. Spielende Kinder, laufende Fernseher und überquellende Mülleimer halten wechselweise vom Lernen ab und untergraben jedes noch so große Motivationspotenzial.

Da kann man trotz der allgemein hohen Anfangsmotivation von FernUni-Studierenden leicht einmal in eine motivationale Schieflage kommen.

Markus Deimann

Gefordert sind nun überzeugende Lösungsstrategien, denn gegen die Versuchungen des Alltags sind selbst hochqualifizierte Nachwuchsakademiker nicht gefeit.

Motivation ist eine hervorragende Energiequelle, doch braucht man gelegentlich einen Notfall-Akku – die Volition: Das ist der Wille zu lernen und ein Ziel zu erreichen. Dieser Akku muss so eingestellt sein, dass er von allein einspringt, wenn die Motivation ausfällt. Diese Kompetenz muss der Lernende durch ein Training schon vor dem „Notfall“ erworben haben.

Markus Deimann

Der etwa 15minütige Test soll eine Grundhaltung vermitteln, die Deimann in die caesarischen Worte „Ich kann! Ich will! Ich werde!“ fasst, denn nur eine „hohe Selbstwirksamkeitserwartung“ führt schließlich zum gewünschten Erfolg. De facto arbeitet die Analyse des volitionalen Vermögens nur mit einer einzigen Projektion: „Arbeite ich gerade nicht zielgerichtet oder unkonzentriert, dann ...“ heißt die Ausgangslage, in der 32 Fragen mit „trifft überhaupt nicht zu“, „trifft eher nicht zu“, „teils/teils“, „trifft eher zu“ oder „trifft vollkommen zu“ beantwortet werden.

Was also tue ich, wenn gerade gar nichts mehr funktioniert? Belohne ich mich, wenn ich zumindest ein Teilziel erreicht habe, indem ich spazieren gehe, Freunde einlade oder eine CD kaufe? Denke ich an meine Stärken, um mich gar nicht erst von meinen Schwächen blockieren zu lassen? Stelle ich mir etwa vor, wie konsequent meine Kommilitonen und Kollegen ihre Aufgaben verfolgen und damit erfolgreich werden? Versuche ich mir möglichst vielfältige Verwertungsmöglichkeiten meines Arbeitsergebnisses vorzustellen? Oder sage ich mir sicherheitshalber: Das schaffe ich nie!

Für jeden dieser und aller anderen Fälle gibt es eine umfangreiche Auswertung, die sowohl die positive und negative Motivationskontrolle als auch die Emotionskontrolle und außerdem noch die Kognitionskontrolle erfasst und ihr Ergebnis in Form einer Ampelschaltung versinnbildlicht. Wer sich hier als ausgesprochenes Demotivationstalent (rot!) outet und seine persönliche Unlust offen zur Schau trägt, bekommt Tipps zu den Themen: Erfolgsvergewisserung, Selbstwirksamkeit, Unvollkommenheit akzeptieren, Vereinbarungen treffen, Bedeutung von Relevanz, Gruppendruck nutzen, Konsequenzreflexion/Folgenabschätzung, Leistungsvergleich, Belohnung nach Teilzielen, Flow-Effekt nutzen, Abwechslung schaffen, Entspannungsübungen, Positive Arbeitshaltung, Erregungs- und Impulskontrolle, Formulieren von Zielen, Selbstkontrolle durch Selbstgespräch, Projektplanung, Zeitmanagement, Mentales Probehandeln, Bildung von zielgerichteten Vorsätzen, Schaffung von produktivem Arbeitsumfeld durch Kooperation – und wenn alles nichts mehr hilft, fordert der virtuelle Mental- und Motivationstrainer: „Bedienen Sie sich Ihrer Phantasien!“

Schließen Sie dabei ruhig die Augen, wenn es für Sie angenehm ist. Malen Sie sich nun aus, Sie hätten diese Sache bereits erledigt. Stellen Sie sich vor, wie angenehm das für Sie wäre. Wie werden Sie sich danach fühlen? Wie werden die anderen, ihr Umfeld, darauf reagieren? Lassen Sie die positiven Phantasien, die bei dieser Übung entstehen, auf sich wirken. Vergessen Sie darüber aber nicht, was alles für das Erreichen ihres Ziels zu tun ist. Denn schließlich haben die Götter den Schweiß vor den Erfolg gesetzt.

Volitionaler Personen Test – Auswertung

Schweiß, viel innere Ruhe und Gelassenheit bis hin zur Nervenstärke haben die Götter wohl auch vor die Übung zur Erregungskontrolle gesetzt, die dem Rezept des Berliner Psychiaters Johannes Heinrich Schultz (1884-1970) und seinem 1932 veröffentlichten Buch „Das autogene Training“ entlehnt ist. Nachdem der Übende auf einem Stuhl seiner Wahl die sogenannte „Droschkenkutscherstellung“ eingenommen hat, beginnt die Autosuggestion mit den Worten „Ich bin ganz ruhig“.

Beginn mit der Autosuggsetion „ich bin ganz ruhig“, „was geschieht, ist gut“
„Mein rechter (linker) Arm ist ganz schwer“ (4-6x); und später; „Meine Arme und Beine sind angenehm schwer“ (4-6x); (4-6x)
„Ich bin ganz ruhig“, „Ich bin ganz ruhig“;
„Mein rechter (linker) Arm ist ganz warm“ (4-6x); und später; „Mein Körper ist angenehm warm“ oder „Die Wärme fließt in meine Arme und Beine“; (4-6x)
„Ich bin ganz ruhig“, „Ich bin ganz ruhig“; (…)
„Mein Sonnengeflecht (Solarplexus) ist strömend warm“ (4-6x); und später „Die Wärme meines Sonnengeflechts strahlt direkt z.B. in mein Herz/ meinen Bauch. Oder einfach: „Mir wird angenehm warm im Bauch“. (4-6x)
„Ich bin ganz ruhig“, „Ich bin ganz ruhig“; „Meine Stirn ist angenehm kühl“ (4-6x); und später „Mein Kopf ist frei und klar“. (4-6x)

Volitionaler Personen Test – Auswertung

Die Testpersonen können ihre Auswertung als pdf-Datei herunterladen – bei besonders schwierigen Fällen umfasst das Dokument rund 30 Seiten mit Tipps und Tricks zur Selbstmotivation.

Dass Studierende, die mit einem chronisch unterfinanzierten Bildungssystem, Studiengebühren, mangelhafter Ausstattung und überfüllten Hörsälen konfrontiert werden, bevor sie sich dann mit rund 60 Kommilitonen um einen Professor streiten dürfen, allemal gut daran tun, zunächst tief durchatmen, kann kaum ernsthaft bestritten werden.

Dennoch setzen die meisten anderen „Eignungsfeststellungsverfahren“ nicht auf autogenes Training. Im SelfAssessment, einem Beratungsangebot des Verbundes Norddeutscher Universitäten, geht es um den Abgleich der persönlichen Eignungen und Neigungen mit den Anforderungen des späteren Studiums. Hier werden Leseaufgaben, Frage-Antwort-Kombinationen oder komplexere graphische Tests angeboten, um sowohl typische Aufgaben aus dem Studienalltag als auch abstrakte Probleme und studienbezogene Fragen einzubeziehen. Offenbar mit Erfolg, denn die Universitäten Bremen, Greifswald, Hamburg, Oldenburg und Rostock zählten zu Beginn des laufenden Sommersemesters die 20.000ste Teilnehmerin. Derzeit registrieren sich Woche für Woche rund 250 Interessenten.

Der Erfinder dieses „SelfAssessment“, Professor Lutz F. Hornke vom Institut für Psychologie der RWTH Aachen, hat für andere Hochschulen und Forschungsverbände ähnliche Tests entwickelt, so etwa für den Zusammenschluss TU9, in dem die RWTH Aachen, TU Berlin, TU Braunschweig, TU Darmstadt, TU Dresden, U Hannover, U Karlsruhe (TH), TU München und U Stuttgart ihre Interessen bündeln. Hier gibt es das „Eignungsfeststellungsverfahren“ sowohl in deutscher als auch in englischer Sprache.

Tests dieser Art sind sicher ein interessantes Hilfsmittel und – ähnlich wie Unitage, Probe- und Kontaktstudium oder regelrechte Bewerbungsgespräche - durchaus geeignet, den künftigen Akademikern ein genaueres Bild der bevorstehenden Aufgaben zu vermitteln und auch die Hochschulen exakter darüber in Kenntnis zu setzen, mit wem sie es da zu tun bekommen. Doch die Informationen, die im Testverfahren ausgetauscht werden, sind naturgemäß kaum überprüfbar, und im schmalen virtuellen Dialogfenster bleibt kein Platz, um durch das persönliche Gespräch aufeinander einzuwirken.

Eignungstests und verzweifelte Diskussionen über die extrinsischen oder intrinsischen Motivationsprobleme des akademischen Nachwuchses haben deshalb vor allem den Vorteil, einen nicht unwesentlichen Teil der Verantwortung für die Schieflage des deutschen Bildungssystems in Richtung der Studierenden zu schieben, die lustlos und schlecht vorbereitet ihr leistungsschwaches Dasein fristen. Die politischen und institutionellen Voraussetzungen für persönliche Motivationsdefizite werden dabei nicht thematisiert – und sie spielen auch bei den Lösungsstrategien keine Rolle.

Der kleine Dienstweg könnte deshalb mitunter effektiver sein als die ambitionierte High-Tech-Psychologie. Das glaubt man jedenfalls an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz, wo den Dozenten ein paar ganz unspektakuläre Lehrtipps mit auf den Weg gegeben werden.

Der Geheimtipp der Uni zur Motivation ihrer Studenten ist folgender: In gleichmäßigen Abständen immer wieder anderthalb Stunden auf sie einreden. Weil das nicht sehr erfolgreich ist, flankiert sie dieses Verfahren durch Zwangsmaßnahmen: Prüfungen aller Art. Diese Motivation durch extrinsische Maßnahmen funktioniert - und zwar so schlecht nicht, wie wir alle wissen.

Unsere Sehnsucht nach dem intrinsisch motivierten Studenten, der aus eigenem Antrieb (Motivation von movere!) die Vorlesung nacharbeitet, zusätzliche Literatur liest etc, ist ein sehr hohes Ziel. Es ist uns wohl erlaubt und auch sinnvoll, als Dozenten von diesem Ziel zu träumen. Wir sollten aber von der Realität nicht zu sehr enttäuscht sein. (…)

Von all dem, was unsere Studenten wirklich im Innersten bewegt (movere!), wissen wir als Dozenten nichts oder nur sehr wenig. Seien wir verständnisvoll, und versuchen wir trotzdem, sie für unser Thema zu motivieren!

Universität Mainz

(Thorsten Stegemann)

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