Bei Nichtgefallen Gefühle zurück?

Ein Selbsttest in der ständig wachsenden Branche der Singlebörsen

Früher gab es die Cafés, die guten alten Parks, die Diskotheken, die Unis, den Sportverein oder den Arbeitsplatz, an dem man den Partner des Lebens, zumindest aber einen Freund finden konnte. In der zunehmenden Kälte unserer Gesellschaft bleibt es nicht aus, dass auch dieser persönliche Bereich nicht mehr so funktioniert wie früher. Die Gesellschaft wandelt sich, und mit ihr jeder Einzelne. Singlehaushalte sind auf dem Vormarsch.

Angetrieben von der steigenden Zahl der Singles schießen die Partnerschaftsbörsen aus dem Boden wie die Schneeglöckchen im Frühjahr. Optimaler Tummelplatz dafür ist das Internet. Die Anzahl der Partnerbörsen – für wen auch immer – (Fremdgeher, Sportler, Homosexuelle, Lesben, Kranke, Alte, etc.) liegt mittlerweile im vierstelligen Bereich, anscheinend mangelt es diesen nicht an internetaffinen Singles, die mit einem schnellen Klick, einen Partner – für was auch immer – finden wollen. Mehrere aktuelle Umfragen größerer Partnerschaftsbörsen zeigen, dass die Suche nach dem passenden Gegenstück im weltumspannenden Netz nicht nur im Trend liegt, sondern eine stark steigende Tendenz aufweist.

Trend: Partnersuche mit dem PC

Der Prozentsatz an im Internet Suchenden unter den deutschen Singles variiert von 30 bis 40%. Die Zahlen erscheinen im ersten Moment sehr hoch, aber nach einer Kurzumfrage in meinem Bekanntenkreis musste ich mit Erstaunen und amüsiert feststellen, dass sich schon fast jeder Zweite auf die Partnersuche via Internet gemacht hat, mit mehr oder weniger Erfolg, mit mehr oder weniger ehrlichen Absichten, aber auf alle Fälle mit sehr viel Neugier und heimlich, denn anscheinend gibt man diese Art virtueller Suche noch nicht gerne zu, so wenig wie früher die Suche über Kontaktanzeigen.

Herz, Schmerz, Kitsch und Kommerz: Single- und Partnerbörsen im Internet

Im Internet aber wird die Wahl schnell zur Qual: Wenn man zum Beispiel den Suchbegriff Partnerbörse oder Singlebörse bei Google eingibt. Dieser spuckt innerhalb einer Sekunden für den ersten Begriff 6,3 Millionen relevante Links und für den zweiten Begriff sogar über 7,5 Millionen Links mit Seiten aus, in der diese Begriffe in irgendeiner Form zu finden sind. Mittlerweile gibt es immerhin Tests solcher Angebote, die seriös und umfassend durchgeführt wurden und zumindest einen guten Überblick geben. Eine Seite, die überzeugte, war http://www.singleboersen-vergleich.de/

Flirts, One-Night-Stands oder ernste Bindungen

Bevor ich mich aber via Selbsttest in die Tiefen der virtuellen Anonymität begab, fragte ich erst einmal in meinem Bekanntenkreis nach Erfahrungen um herauszufinden, ob es sich überhaupt lohnt, im virtuellen Raum der Bits und Bytes auf die Suche nach einem Partner zu gehen.

Die weiblichen Freunde hatten oft die Erfahrung gemacht, dass die Mentalität „Geiz ist geil“ auch in den Partnerbörsen angewendet wird, denn nicht alle Börsen sind kostenlos, vor allem nicht für die männlichen Mitglieder, also was fällt dem ein oder anderen männlichen Paarungssuchenden prompt ein: man(n) begibt sich unter einem weiblichen Pseudonym ins Netz und versucht so auf geldsparende Weise an die holde Weiblichkeit heranzukommen, was immer man auch davon halten mag.

Die Liebe und ihre Widrigkeiten besungen von der Gruppe Rosenstolz

Möchte man kein kurzes Abenteuer, ein paar Flirts oder einen One-/Two-Night-Stand, so ist man mit den großen, kostenpflichtigen und auch nicht ganz billigen Internetvermittlungsagenturen am besten beraten, denn dort wird nicht sofort angebaggert, was das Zeug hält, versucht, sich mit „Dirty Talk“ in Stimmung zu bringen oder auf „Teufel komm raus“, ein Treffen zu vereinbaren mit dem einzigen Ziel, eine heiße Bettgeschichte zu erleben. Trotzdem ist man auch hier nicht vor falschen Angaben, sei es Alter, Gewicht, Größe betreffend oder ein uraltes Bild aus „besseren Tagen“ gefeit, wenn auch im geringeren Ausmaß, da mit der Hürde „Mitgliedsbeitrag“ auch ein gewisses Maß an ernstem Partnerschafts-Interesse zu unterstellen ist. Die potentielle Nutzerbasis reicht von etwa 150.000 registrierten Mitgliedern bis zu 1,7 Millionen registrierten Partnersuchenden mit jeweils unterschiedlichen Prozentsätzen an Frauen und Männern.

Platon – Eros – Kugelmenschen

Voraussetzung für den Einstieg in die „anonyme Partnerwahl-Welt“ ist ein mehr oder minder großer Fragebogen, der die persönliche Auswertung mit einem potentiellen „Gegenstück“ abgleicht und entsprechend prozentual bewertet (100% = Hauptgewinn). Frei nach der Geschichte des berühmten griechischen Komödiendichter Aristophanes, der laut Platon die Geschichte der Kugelmenschen zum Thema Eros erzählte:

Früher habe es drei Geschlechter von Menschen gegeben. Das männliche Geschlecht stamme von der Sonne ab, das weibliche von der Erde und das aus den beiden zusammengesetzte vom Mond. Dieses Geschlecht waren also die Kugelmenschen, mit je vier Händen und Füßen und zwei entgegen gesetzten Gesichtern auf einem Kopf. Sie waren stark und schnell und wurden deshalb selbst den Göttern gefährlich. Deswegen zerschnitt der Göttervater Zeus jeden von ihnen in zwei Hälften. Seitdem gehen die beiden Teile getrennt aufrecht auf zwei Beinen und beide haben Sehnsucht danach, sich mit dem jeweils anderen Teil wieder zu vereinen. Dieser Drang der zwei Hälften, sich zu vereinen, wird als Eros bezeichnet. Mit diesem Mythos beschreibt Platon die Beziehung zwischen Mann und Frau.

Wikipedia: Die "Kugelmenschen" bei Platon

Trotzdem war das Ergebnis in meinen Bekanntenkreis mehr oder minder ernüchternd, denn eine Erfolgsmeldung war eher selten zu vermelden, was auch an den Ansprüchen des jeweils Suchenden liegen könnte, oder an dem Unwillen, Kompromisse einzugehen oder, oder, oder… Es gibt einfach zu viele Gründe dafür, dass am Schluss nicht der gesuchte Wunschprinz beziehungsweise die gesuchte Wunschprinzessin gefunden wurde. Dies kann einem aber auch in der realen Welt passieren, wenn man seinen zukünftigen Partner im Kino, auf der Straße oder wo auch immer trifft; trotzdem, der erste Eindruck und das Bauchgefühl kann sich hier schon als richtungsweisend herausstellen, im Gegensatz zu den vielen anonymen Mails, mit denen man erst einmal im Internet konfrontiert ist.

Machos, Egomanen und Muttersöhnchen

Nach all diesen Informationen entschloss ich mich, selbst eine kostenpflichtige Börse zu besuchen, um mir ein eigenes Bild von der virtuellen Partner-Suche zu machen, nachdem ich bisher eher konservativ meine Partner beim Sport oder über meinen Beruf kennen gelernt habe. Eigentlich konnte ich ja nichts verlieren, sondern nur gewinnen. Dies stellte sich aber als Irrtum heraus, nachher ist Frau immer schlauer.

Büste des griechischen Komödiendichters Aristophanes (Bild: Wikipedia)

Nach einem ausführlichen wissenschaftlichen Persönlichkeitstest, der als Basis für die Suche nach dem passenden „Kugelmenschen“ dienen soll, gibt es auch noch ein persönliches psychologisches Profil, das unter anderem die eigenen Stärken und Schwächen aufzeigt und auch, wie man damit umgeht. Ich wurde nicht enttäuscht, direkt nach der Veröffentlichung des Profils kamen die ersten Anfragen. Mehr oder weniger charmant, mit viel, wenig oder gar keinem persönlichen Text. Nach Durchsicht der jeweiligen Angaben und einer gewissen Abwägungszeit entschloss ich mich, einigen zu antworten.

Nach viermonatiger Testphase kam ich leider ernüchternd zu dem Ergebnis, das nicht alles Gold ist was glänzt. Auch wenn eine gewisse „Vorsortierung“ auf Basis des Persönlichkeitstests durchgeführt und mit dem eigenen Abgleich ergänzt wird, was eine gute Ausgangsbasis für die Erstauswahl darstellen sollte, hapert es dann doch sehr oft daran, dass sich bei einem persönlichen Treffen das gegenseitige „Sympathiegefühl“ nicht einstellen will – trotz hoher prozentualer Übereinstimmung und einer gewissen „Vertrautheit“ über den E-Mail-Austausch bzw. auch der Stimme, wenn man sich entschlossen hatte, vorab erst einmal zu telefonieren, bevor es zum Showdown kommt.

Allerdings musste ich feststellen, dass wir (das System und ich) bei der Männerauswahl kein sehr glückliches Händchen hatten, von beziehungsunfähigen Machos über hypersensible Egomanen bis hin zu sehr netten, aber noch bei der Mutter bzw. im Haus der Exfrau lebenden „Jungs“, die die Altersgrenze von 30 dennoch schon weit überschritten hatten, war alles dabei. Herzzerbrechenderweise stellte sich auch mein Kugelmensch, ein sehr sympathischer Schriftsteller und „kosmisch“ erster Kontakt, als egoistischer und bindungsunfähiger Neurotiker heraus.

Kugelmenschen, Verlag Erlesene Bücher)

Natürlich ist das alles eine rein subjektive Feststellung und ich gebe zu bedenken, dass es bei den Frauen natürlich auch die entsprechenden, eher ungeeigneten Pendants gibt, und dass es sicher auch einige Glückliche gibt, die jetzt als vollständige Kugelwesen ihr Dasein hier auf Erden verbringen. Allerdings dann doch eher nicht mit Hilfe kommerzieller Partnerbörsen.

Buchempfehlungen

Johannes Volkmann: Kugelmenschen
Ein gerissenes Stück Philosophie. Frei nach Platon
Verlag Erlesene Bücher Nürnberg 2004. ISBN 3-00012-500-0

Thomas Kirschner: Liebe ohne Grenzen
Das Phänomen der russischen Frauen im Internet
BOD Norderstedt 2001, ISBN: 3-83112-732-8

(Petra Kaiser)