Beispiel Cebit: Die Digitalisierung frisst sich selbst

Grafik: TP

Das Ende der Messe ist ein Gegenbeispiel für Behauptungen, die Digitalisierung würde dem Arbeitsmarkt nicht schaden - ein Kommentar

Wie heise.de gestern berichtete, wird die Cebit eingestellt. Das damit ausgerechnet die Messe schließt, deren Branchen-Credo die Schaffung von Arbeitsplätzen war, entbehrt nicht der berühmten Ironie in solchen Fällen.

Als Konsument, Hardware-Einkäufer und Software-Vertriebler / Standpersonal erlebte ich die Cebit seit 1991 insgesamt elf Mal. Bis zur ersten Hälfte der neunziger Jahre war es eine faszinierende Technologiemesse. Man musste nicht nur hinfahren, um sich in der Branche auf dem Laufenden zu halten. Es war auch lohnend, um Kunden und Lieferanten zu finden.

Die allgemeine Verbreitung des Internet in der zweiten Hälfte der Neunziger läutete für die Cebit das Ende ein: Informationsbeschaffung, Lieferantensuche und Präsentationen für Kunden wurden immer perfekter digitalisiert. Nun ist die Digitalisierung so perfekt, dass niemand mehr lange Reisen, hohe Übernachtungskosten, hohe Ticketpreise, lange Fußmärsche durch Messehallen, verlorene Arbeitstage und Freizeit opfern muss. Die Revolution frisst ihre Kinder, nur ganz anders als von den Apologeten der Digitalisierung vorausgesehen.

Heute ist das Internet die wichtigste und größte Messe der Welt. Kostenlos, 24 Stunden täglich geöffnet, mit einem vollständigen Informationsangebot über alle Produkte. Jederzeit erreichbar, ohne einen Fuß vor die Tür zu setzen.

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil hat in seinem Kommentar zur Cebit-Schließung die Ursache nicht erkannt. Weil meinte, die Cebit sei ein "Opfer ihres eigenen Erfolges" und bezog dies darauf, dass alle Messen das Thema Digitalisierung besetzen würden. Das ist unzutreffend, weil von der Equitana in Essen über die bauma in München, die IAA in Frankfurt, die boot in Düsseldorf, die Grüne Woche in Berlin oder die BAU in München bis zur Leipziger Buchmesse die Digitalisierung nur ein Randthema und Zubehör ist. Fast alle Messen leben vom Anschauen, Anfassen und Ausprobieren.

Es ist auch eine Ausrede, die Konkurrenz der US-Messen in Austin und Las Vegas sei zu stark. Selbst die Fachbesucher unter den rund 80 Millionen Bundesbürgern und 500 Millionen Europäern reisen lieber nach Hannover, als lange und teure Flugreisen zu unternehmen, um dann Dinge präsentiert zu bekommen, die sie auch im Internet begutachten oder sich vom Vertriebsaußendienst erklären lassen können. Auch die Hannovermesse ist nur in Teilbereichen ein Konkurrent der Cebit und kein Grund für ihr Ende.

Eine misslungene Herausforderung war der Spagat zwischen Qualität und Quantität der Besucher: Die Aussteller wünschen möglichst viele Fachbesucher. Eine halbe Million Quadratmeter überdachte Messefläche und 26 Messehallen kann man jedoch nicht mit Technologie-Einkäufern und Projektleitern füllen. Leere Messehallen sind wiederum ein Fiasko. Also schwankte das Messe-Management immer wieder zwischen den Extremen, die Konsumenten als verachtete "Beutelratten" (Werbegeschenk-Sammler) durch prohibitive Tickets zu vergraulen, und dann massenhaft Freikarten an Schüler aus der Region Hannover zu verteilen, damit die Gänge nicht so leer sind.

Zu den größten Fehlentscheidungen des Managements gehörte die Vertreibung der Games-Branche. Aus der hohen Nachfrage nach Spiele-Präsentationen entstand folgerichtig die gamescom, die die Messe Köln dankbar aufbaute. Auch die Internationale Funkausstellung lebt - wenn auch mit zunehmenden Problemen - vom einzigen Vorteil der Messen: Wer Dinge live ansehen, anfassen und vor der Markteinführung ausprobieren will, ist ein potentieller Messebesucher.

Wenn die IFA eingestellt wird, wird es wahrscheinlich daran liegen, dass es sich die Hersteller im immer schnelleren Wettlauf um Features und Kunden nicht mehr leisten können, den neuesten Entwicklungsstand bis zur nächsten Messe zurückzuhalten. Handel und Konsumenten wollen nicht warten, wenn auch nur geleakte Infos über neue Produkte im Internet zu lesen sind.

In einem Akt der Verzweiflung zog Messechef Oliver Frese die letzte Karte: aus einer todgeweihten Messe ein Entertainment-Event zu machen. c‘t-Redakteur Jan-Keno Janssen gefiel das: "Die Messe hat sich tatsächlich ganz anders angefühlt als noch im letzten Jahr, vor allem dank des tollen Freigeländes: So eine Technik-Kirmes mit Riesenrad, stehender Welle zum Surfen, Drohnenshow und Musikbühnen gab es meines Wissens bislang noch nirgendwo." c‘t-Redakteur Jürgen Rink sah das in c‘t Nr. 14/2018 teilweise anders: "Die Cebit hatte ich in zwei Stunden abgelaufen. Ich sah halbleere Hallen, überbreite Gänge, zu wenige Aussteller und zu wenig Publikum. Jan Delay, das SAP-Riesenrad oder die IBM-Cloud auf dem Freigelände reichten für das versprochene Business-Festival-Feeling nicht aus." Da hat man als Konsument im Phantasialand, Freizeitparkt Rust oder Heidepark mehr Entertainment für sein Geld.

Das Statement des Cebit-Managements, die Aussteller der Cebit 2018 seien "allesamt zufrieden" gewesen, ist lediglich das übliche Marketing-Statement, dass jeder Messe-Betreiber nach jeder Messe verbreitet. "Diese Messe war unzufriedenstellend für viele Aussteller" hat man noch von keiner Messegesellschaft gehört.

Auch die angeblichen Geschäftsabschlüsse auf Messen sind ein Mythos und Marketing-Trick. Kein Projektleiter, Einkäufer oder sonstiger Entscheider vergibt nennenswert hohe Aufträge auf Messen, wenn die Entscheidung nicht längst vorher feststand. Was übrigens auch für angebliche Aufträge gilt, die zum Beispiel Gerhard Schröder und Angela Merkel auf ihren Auslandsreisen für die deutsche Industrie "an Land gezogen" haben sollen.

Das wichtigste Motiv der Digitalisierung ist die Kostensenkung durch die Rationalisierung von Prozessen. Im Falle der Cebit hat das Internet den Prozess der Informationsbeschaffung, des Marketings und des Vetriebs weitgehend automatisiert. Patrick Spät erläuterte unter Automatisch arbeitslos die Folgen der Automation für den Arbeitsmarkt. Richard David Precht erklärt in seinem letzten Buch "Jäger, Hirten, Kritiker", warum die digitale Revolution alias "4. industrielle Revolution" so verheerend wirken wird.

Nachdem der Mensch beim Verkauf seiner Muskelkraft von Maschinen zum größten Teil ersetzt wurde, ist er auf feine Handarbeit und Kopfarbeit ausgewichen. Nachdem die feine Handarbeit immer mehr durch Automation ersetzt wird, bleibt (abgesehen von größtenteils miserabel bezahlten Dienstleistungen) nur noch das Ausweichen in die Kopfarbeit, die jedoch zunehmend von immer komplexeren Algorithmen und KI-Systemen ersetzt wird. Dass die Arbeitslosigkeit in Deutschland nicht längst viel höher liegt, liegt an sinkenden Einkommen und daran, dass wir durch unsere höhere Produktivität und international wettbewerbsfähige Lohnstückkosten unsere Arbeitslosigkeit größtenteils ins Ausland exportieren.

Was fehlt, ist die Lösung. Prechts Idee auf Basis alter Grundeinkommensmodelle ist sinnlos. Sein Modell bietet lediglich ein Almosen von 1.500 €, beseitigt nicht die Ursachen von Arbeitslosigkeit und Niedriglohn, und findet sich mit dem Verlust von Arbeitsplätzen ab. Sein Modell ist auch nicht realisierbar, da es auf der Transaktionssteuer basiert (auch als Tobin-Steuer bekannt), die seit 1972 als Phantom durch die intellektuelle Szene geistert, aber nur verwirklicht werden kann, wenn die Börsen in New York, London, Tokyo, Singapur, Sydney etc. mitziehen. Das ist nicht absehbar.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Welt dringend ein neues Wirtschaftssystem braucht. Dies wird das Thema weiterer Telepolis-Artikel sein. (Jörg Gastmann)

Anzeige