"Belarus ist komplett verstrahlt"

30 Jahre nach Tschernobyl

Seit der größten atomaren Katastrophe sind 30 Jahre vergangen. Über 70 Prozent der radioaktiven Wolke ging damals nach Belarus. Die Menschen kämpfen noch immer mit den Folgen, die Regierung verschweigt das Ausmaß der Katastrophe.

Swetlana, warum ist ein Kindererholungszentrum nur 700 Meter vom verstrahlten Wald entfernt? Ich habe das Schild mit Radioaktivitätshinweisen gesehen.

Ach, das ist alles nur ausgedacht, damit die Kinder nicht in den Wald gehen. Über das Schild müssen Sie nicht schreiben. Sie sind doch hier, um sich unsere Behandlungsmethoden anzuschauen, nicht wahr?

Kinderkur nahe des verstrahlten Waldes

Die Regierungsdame stellt sich als Swetlana vor, ihren Nachnamen will sie nicht verraten. Das Kindererholungszentrum "Romantica" befindet sich im belorussischen Gomler Gebiet. Bis zu 350 Kinder werden dort jährlich behandelt.

Der "Romantica"-Direktor erklärt Swetlana in schönsten Formulierungen, wie fortgeschritten und erfolgreich "Romantica" sei. "Unsere Kinder haben hier die besten medizinischen Bedingungen. Sogar Deutschland kann mit unseren Geräten und dem Know-how nicht mithalten", sagt er und lächelt breit.

Alltag im Erholungszentrum Romantica. Foto: Jana Maschej

Die Ärztin Ljudmila Kabajewa rümpft die Nase. Später erzählt sie, die Geräte seien größtenteils noch aus den Sowjetzeiten, auch die neuen würden kaum den Allgemeinzustand der kleinen Patienten verbessern. "In Deutschland gibt es weder Sauerstoffcocktails noch Elektrophorese", sagt sie leise in Abwesenheit des Direktors. "Wenn diese Regierungsleute kommen, muss man jedes Mal eine Show veranstalten", seufzt Ljudmila und schüttelt den Kopf.

Laut Ärztin Kabajewa kann kein einziges Kind als gesund bezeichnet werden. Jedes zehnte hat schwere Pathologien. Die meisten der jungen Patienten haben Magen-Darm- und Atemwegsbeschwerden. Viele von ihnen sind an Krebs erkrankt. Zur "Romantica" kommt man auch während der Schulzeit zur Behandlung; im Erholungszentrum findet dann täglich Unterricht statt.

"Aufstehen, wenn die Gäste reinkommen", schreit die Lehrerin im tiefen Bass die Kleinen an. Die Kinder stehen schnell auf. "Und jetzt müsst ihr Guten Tag sagen!" Militärdisziplin für neunjährige Kinder ist keine ungewöhnliche Sache. Viele sind so aufgeregt, dass sie nicht erklären können, was sie lernen. Unwahrscheinlich, dass diese strenge und dominante Methode zum Verbessern des Gesundheitszustandes beitragen könnte.

Der beste Kantinenblock in Romantica. Foto: Jana Maschej

Trotz sechsmaliger Mahlzeit am Tag wirken die meisten Kinder blass und unterernährt. Die Kantine ist in drei Blöcke aufgeteilt. Nicht jeder kriegt die gleiche Nahrung, aber zu jedem Essen gibt es zumindest Orangensaft. Die Kinder, deren Eltern mehr bezahlt haben, bekommen zum O-Saft noch frisches Obst. "Aus unserem Gomler Gebiet", sagt eine Mitarbeiterin stolz. "Natürlich ist es nicht radioaktiv belastet! Denken Sie, wir würden unsere Kinder mit verseuchten Lebensmitteln versorgen?"

Weiß man nicht, aber die Unterteilung in "arm" und "reich" fängt schon beim Essen an. Die Mitarbeiterin versichert, dass gelieferte Produkte strengen Kontrollen unterliegen. Schwer zu glauben, vor allem, wenn man an den verstrahlten Wald in 700-Meter-Entfernung denkt.

Radioaktivität aus dem Boden

Der bekannte Nuklearmediziner und Kritiker der Lukaschenk-Regierung, Jurij Bandaschewskij, verbrachte über sechs Jahre im belorussischen Gefängnis. Amnesty International verlieh ihm den "Gewissensgefangener"-Status. Seine Recherchen und Publikationen über die enorme Radioaktivität in Belarus machten ihn zum Staatsfeind; er darf nicht dorthin zurück und lebt heute in Kiew.

Die von Präsident Lukaschenko geführte Politik des Verschweigens macht hunderttausende Menschen zu Opfern der Radioaktivität. Die Regierung hält alle statistischen Daten über an Krebs und an anderen Folgen der Strahlung Erkrankten geheim.

Neulich wurden die 203 zuvor als kontaminiert erfassten Siedlungen zu sauberen Gebieten erklärt. Diese Entscheidung basierte auf Bodenmessungen von Cäsium-137, dessen Halbwertszeit 30 Jahre beträgt. Doch Cäsium im belorussischen Boden ist nicht das einzige Problem. Beim Reaktorunglück wurden viele gefährliche Radionukliden in die Umwelt ausgeschüttet: Plutonium-239 (Halbwertszeit: 24.390 Jahre) und Plutonium-240 (Halbwertszeit: 6.537 Jahre), Strontium-89 und Strontium-90, Curium-242 und andere.

Radioaktive Belastung um Tschernobyl 1996. Bild: Sting, MTruch, Makeemlighter/CC-BY-SA-2.5

Cäsium-137 akkumuliert sich in der Regel in 10-cm-Bodenschichten; weitere Radionuklide gehen viel tiefer in den Boden ein und sind seit Jahrzehnten in der Nahrungskette. Die Pflanzenwurzeln nehmen die Radioaktivität auf und puschen die Radionukliden auf die Oberfläche. Nicht nur für Vieh wird diese radioaktiv verstrahlte Nahrung so zum Tagesbegleiter, sondern auch für den Menschen. Besonders gefährlich sind Pilze und Beeren, die die Belarussen so gern im Wald sammeln. Im Land gibt es beschämend wenige Kontrollstellen, zu denen die Bewohner das Gesammelte zur Radioaktivitätsmessung bringen könnten.

Die meisten Bewohner ignorieren die Gefahr, sogar wenn sie wissen, dass solche Kontrollstellen existieren. "Viel zu viel Stress", sagt eine Frau aus Gomel. "Wer würde sich täglich mit solchen Touren belasten? Wir haben andere Probleme." Dennoch müsste die Radioaktivität als ein großes Problem gesehen werden.

"98 Prozent der Strahlung gelangt in den Körper durch den Verzehr von radioaktiv belastenden Lebensmitteln", sagt Iwan Krasnoperow, Mitarbeiter des unabhängigen Instituts für Radioaktivität "Belrad" in Minsk. Um Cäsium-137 in einem bestimmten Produkt feststellen zu können, bräuchte man einen Tag. Für Strontium-90 sind es drei bis fünf Tage, so Krasnoperow. "Strontium ist nicht so häufig verbreitet wie Cäsium", begründet der Physiker und zeigt auf verschiedene Messergebnisse. "Strontium gehört zu Betastrahlern, deswegen nehmen die Tests mehr Zeit in Anspruch." Doch diese Tests könnten vielen Belarussen das Leben retten. Blaubeeren absorbieren kein Cäsium, dafür aber Strontium, das sich in den Knochen anreichert. Große Dosen führen zu Knochenkrebs und Leukämie.

Wie viele in Belarus an Krebs erkrankt sind, bleibt immer noch unklar. Die Onkologie-Kliniken sind überfüllt, sagt Jurij Bandaschewskij. "Lukaschenko sollte sich lieber um die an Krebs erkrankten Kinder kümmern und nicht vom Atomkraftwerk träumen", erwidert Bandaschewskij. Das erste AKW wird zurzeit in Ostrowez gebaut und soll planmäßig 2018 in Betrieb gehen.

Ausländische Hilfe für kranke Kinder

Über 5 Millionen Menschen leben heute auf verstrahlten Gebieten, wo die Cäsium-137-Werte bei über 1 Curie pro Quadratkilometer liegen. Junge Körper und ein schwaches Immunsystem sorgen für rapides Ansammeln der Radionukliden, deswegen werden vor allem Kinder empfindlich. Fast alle haben Probleme mit der Schilddrüse und Magen-Darmbeschwerden.

Es gibt genug Kinder, die jedes Jahr mit Pathologien und Mutationen zur Welt kommen. Seit Anfang der 90-er setzen sich Länder wie Deutschland, Italien, Kanada und Frankreich ein, um solchen Kindern zu helfen. Allein in Deutschland gibt es über 500 Initiativen, die sich Kindern aus Belarus, der Ukraine und Russland widmen. Oft sind es NGOs, die die Aufenthalte für Kinder im Ausland organisieren. Ausländische Gastfamilien übernehmen Flug- und Aufenthaltskosten.

Angelica Larisch mit ihrer Tochter besuchen Buda Koschelewo (Belarus). Foto: Alisa Bauchina

Bevor Kinder nach Deutschland fahren, wird im Institut für Strahlensicherheit "Belrad" in Minsk gemessen, wie belastet der Körper ist. Der durchschnittliche Wert vor der Abfahrt liegt bei 27 Bq/kg, der sich nach einigen Wochen in einer sauberen Umgebung mit ausgewogener Ernährung durchaus bis auf 10 Bq/kg verringern kann.

Angelika Larisch vom Verein "Tschernobyl-Initiative" aus Ottendorf-Akrilla (Sachsen) ist LKW-Fahrerin. Zweimal im Jahr fährt Angelika 1.500 km von Dresden ins belorussische Dorf Buda-Koschelewo. Sie bringt Geschenke für sozialschwache Familien und Kinder mit Behinderung: Bekleidung, Bettwäsche, Haushaltswaren und Spielzeug. Zusammen mit deutschen Gastfamilien organisiert der Verein über Dutzende Kinderverschickungen pro Jahr. Die ganze Gemeinde von Ottendorf-Okrilla ist engagiert. Der Bäcker spendet Brötchen, die Bauern bringen saubere Milch für kleine Gäste aus dem Ausland, das Schwimmbad bietet kostenfreien Eintritt ein.

Das Telefon bleibt nie still. Foto: Alisa Bauchina

Walentina Smolnikowa ist ehemalige Kinderärztin, nun ist sie Rentnerin und leitet die NGO "Wir helfen den Tschernobyler Kindern" in Buda Koschelewo. Dank ihrem Engagement konnten über 10.000 Kinder ins Ausland fahren. Frau Smolnikowa sagt, sie habe keine Angst vor der Regierung, da sie schon pensioniert ist. "Weder Erwachsene noch Kinder sind hier gesund", sagt sie und guckt verbittert. "In jeder Familie ist jemand entweder an Folgen der Radioaktivität gestorben oder hat enorme Probleme mit der Gesundheit". Doch wie erzählt man Menschen über die Gefahren der Radioaktivität, wenn der Staat die Informationen geheim hält? "Die Zivilgesellschaft sollte gestärkt werden", meint Smolnikowa.

Eine ähnliche Meinung vertritt auch Wladimir Kowselew, der seit 1996 das Jugendzentrum "ASDEMO" in Gomel leitet. Dieses macht unter anderem zahlreiche Veranstaltungen zum Thema Naturschutz und erneuerbare Energien. "Tschernobyl sollte dabei ein lebhaftes Beispiel für Unberechenbarkeit der Kernenergie stehen", so Kowselew. Er ist Zeuge der Katastrophe und musste sein Heimatdorf verlassen.

Umsiedlung vier Jahre nach der Tragödie

Wladimir Kowselew war 29 Jahre alt, als der Super-Gau sein Leben veränderte. Er kommt aus dem Dorf Besjad (Gomler Gebiet, Belarus). Seit 1990 ist dieses zur 30-km-Sperrzone erklärt. Dort wohnt eine einzige Familie, die weder der Regierung noch jemandem anderen vertraut, sagt Kowselew. Diese Familie gehört zu den sogenannten "Samosely"; Menschen, die nach der Tragödie in die verlassenen Dörfer zurückkehrten. In ganz Belarus gibt es ca. 300 solcher Rückkehrer.

"Über den Unfall am Reaktor erfuhren unsere Dorfbewohner zwei Monate danach, aber die Umsiedlung begann erst vier Jahre später", sagt Kowselew und guckt nachdenklich auf die Karte mit verstrahlten Zonen des Gomler Gebiets.

Wladimir Kowselew zeigt sein Dorf in der 30-Km-Sperrzone. Foto: Alisa Bauchina

"In meiner Jugend war Besjad ein schöner Ort mit glasklaren Flüssen und dichten Wäldern", erinnert er sich an alte Zeiten. "Wir Jungs spielten Fussball und gingen angeln." Kowselew kritisiert die damalige Sowjetregierung für das Verschweigen der Geschehnisse. Ganze Soldatenkonvois kamen mit Dosimetern und führten endlose Radioaktivitätsmessungen durch. Keiner beantwortete damals die Fragen der Dorfbewohner, die Menschen erfuhren nichts. Sie beobachteten, wie Uniformierte Wände wuschen, Dächer mit weißer Flüssigkeit besprühten und ganze Bodenschichten entfernten. Die Interpretation dieser Vorgänge basierte so nur auf eigenen Schlussfolgerungen und Gerüchten.

Als die Umsiedlung vier Jahre nach dem Super-GAU startete, gab es immer noch keine richtige Aufklärung. Besjad wurde größtenteils mit allen Häusern und Gärten in der Erde begraben, wie so viele Siedlungen im Gomler Gebiet. Schlimm war jene Zeit vor allem für ältere Menschen: rasch mussten alle die seit Generationen bewohnten Häuser für immer verlassen und durften nur das Nötigste mitnehmen. "Die Alten saßen in Bussen und weinten", erzählt Kowselew. Sie dachten, der Krieg wäre wieder da. Viele wunderten sich, warum man keine Kampfflugzeuge oder Schüsse hörte. Der unsichtbare Feind. "Wir alle ahnten nicht, wie verstrahlt wir schon längst waren", sagt Kowselew.

Die Dosimeter wurden nur einmal verteilt. Die Werte waren so hoch, dass die Geräte den Betrieb aufgaben. Später konnte man, um eine Panik zu verhindern, nirgendwo mehr Dosimeter erwerben. Das Vieh wurde erschossen und mit der gesamten Ernte im Wald begraben; die Wasserbrunnen wurden zubetoniert und alle Ein/Ausgänge in die Ortschaft mit hohen Zäunen zur No-Go-Zone erklärt.

"Ich wünschte, unsere Gesellschaft würde auf die Atomenergie verzichten", sagt Kowselew. "Was soll noch nach Tschernobyl und Fukushima passieren, bis wir alle begreifen, in was für ein gefährliches Spiel wir uns begeben."