Belutschistan: Konflikt abseits der Medien

"The Gun of Freedom, Occupied Baluchistan". Bild: CC-BY-SA-2.0

Seit Jahrzehnten ist die pakistanische Provinz Belutschistan ein Unruheherd

De facto existiert der sogenannte Belutschistan-Konflikt seit der Entstehung des pakistanischen Staates. Damals wurden die kolonialen Grenzen, die einst mit Gewalt und Willkür gezogen wurden und ganze Völker voneinander getrennt haben, gefestigt.

Eine besondere Rolle spielt hierbei die sogenannte Durand-Linie, benannt nach Mortimer Durand, einem britischen Diplomaten. 1893 zogen die Briten diese unheilbringende Grenze, um ihr Kolonialgebiet vom Herrschaftsgebiet des damaligen afghanischen Emirs, Abdur Rahman Khan, abzutrennen. Da der Emir mit Hilfe der Briten an die Macht kam - er stürzte seinen Vetter in Kabul - unterzeichnete er im Gegenzug bereitwillig den Grenzvertrag. Die Folgen dieser Unterzeichnung sind bis heute zu spüren.

Karte von 2009. Bild: University of Texas at Austin/gemeinfrei

Das weiterhin bestehende Grenzproblem umfasst nicht nur die Gebiete der Paschtunen, sondern auch der Belutschen. Obwohl der Vertrag von Durand lediglich eine 100-jährige Gültigkeit besitzt und demnach im Jahr 1993 abgelaufen ist, will die pakistanische Regierung nichts davon wissen. Ihre Begründung: Zum damaligen Zeitpunkt gab es noch gar kein Pakistan. Demnach ist auch der Vertrag ungültig. Umso strenger werden jedoch die damals festgelegten Grenzen gesichert.

Tausende Menschen sind spurlos verschwunden

In den letzten Jahrzehnten kam es in Belutschistan zu mehreren großen Aufständen, die allesamt von der Regierung in Islamabad brutal zerschlagen wurden. Obwohl die Region reich an Bodenschätzen ist, gehört die Bevölkerung zu den ärmsten Pakistans. Eine stabile Infrastruktur ist kaum vorhanden, genauso wenig wie Stromzufuhr und sauberes Trinkwasser. Achtundachtzig Prozent der Belutschen leben unterhalb der Armutsgrenze. Während die Bodenschätze ausgebeutet werden, wird anderweitig kaum investiert. Lediglich der Sicherheitssektor boomt.

In den letzten Jahren schossen in der Region Militärgarnisonen regelrecht aus dem Boden, genauso wie zahlreiche Polizeistationen, die sich allein im Jahr 2009 in der Provinz um zweiundsechzig Prozent erhöht hatten. Abgesehen davon agieren paramilitärische Gruppierungen, die im Interesse Islamabads handeln und Jagd auf belutschische Aktivisten und Politiker machen. Berichten zufolge gelten ganze 21.000 Menschen als vermisst.

Und immer wieder tauchen die Leichen einiger Verschwundener auf, meist übersät mit grausamen Folterspuren. Obwohl Islamabad den Mord an Sabeen Mehmud verurteilt und eine Untersuchung angekündigt hat, gehen Beobachter davon aus, dass auch ihre Ermordung auf das Konto von Gruppierungen geht, die der Regierung oder dem pakistanischen Geheimdienst - kurz gesagt, dem sogenannten Establishment - nahestehen.

Durch dieses Klima der Angst sowie durch die permanente Unterdrückung öffnete sich ein Vakuum für militante Gruppierungen. Mittlerweile greifen immer mehr junge Belutschen zu den Waffen. Friedliche und demokratische Mittel betrachten sie als gescheitert. In den letzten Jahren machten separatistische Gruppen wie die "Balochistan Liberation Army" (BLA) oder die "Baloch Liberation Front" (BLF) mit Bombenattentaten und brutalen Anschlagsserien auf sich aufmerksam. Getötet wurden dabei auch zahlreiche Zivilisten. Auch in den letzten Tagen und Wochen kam es vermehrt zu Anschlägen.

Im Gegensatz zu anderen militanten Gruppierungen in Pakistan, etwa den pakistanischen Taliban (TTP), sind die BLF, die BLA und andere Belutschen-Gruppen nicht religiös, sondern nationalistisch und säkular, teils auch marxistisch, eingestellt. Möglicherweise ist das einer der Gründe dafür, warum sie in den westlichen Medien keine Schlagzeilen machen.

Einflussnahme regionaler Akteure und geopolitische Bedeutung

Regionale Akteure, denen Pakistan ein Dorn im Auge ist, versuchen seit Langem, aus dem Konflikt Profit zu ziehen und ihn zu beeinflussen. In den 1980er Jahren wurden die Belutschen aufgrund der amerikanisch-pakistanischen Zusammenarbeit im Laufe der sowjetischen Besatzung Afghanistans von der UdSSR gefördert.

Gegenwärtig gehört Indien, der ewige Erzfeind Pakistans, zu den größten Gönnern einer belutschischen Unabhängigkeit. Der pakistanische Geheimdienst ISI (Inter-Services Intelligence) beschuldigt die indische Regierung schon seit geraumer Zeit, die militanten Belutschen-Gruppen aktiv zu unterstützen und in Trainingslagern auszubilden.

Der gleiche Vorwurf wird auch von dem ISI gegen Afghanistan erhoben. Vor allem Ex-Präsident Hamid Karzai soll den Belutschen gegenüber freundlich gesinnt gewesen sein. Abgesehen davon ist es kein Geheimnis, dass Belutschen-Führer in den letzten Jahrzehnten in Kabul immer wieder einen sicheren Unterschlupf fanden. Die historische Verbundenheit Afghanistans, das die Durand-Linie bis heute nicht anerkennt, und Belutschistan immer noch als illegal besetztes Land betrachtet, spielt diesbezüglich sicherlich eine große Rolle. Abgesehen davon machen sowohl Indien als auch Afghanistan Pakistan für die meisten Missstände im Land - insbesondere den Terrorismus - verantwortlich und haben starkes Interesse an einer Destabilisierung des Nachbarlandes.

Eine überaus bedeutende Rolle in Belutschistan spielt China. Die chinesische Regierung hat es vor allem auf die Ressourcen der Provinz, etwa Gold und Kupfer, abgesehen und sich zahlreiche Ausbeutungsrechte gesichert. Des Weiteren ist die Hafenstadt Gwadar am Arabischen Meer von enormer strategischer Bedeutung und soll für die Energieversorgung Chinas in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Allein in den Bau des Hafens hat Peking rund 200 Millionen Dollar investiert.

Weitere Investitionen in Milliardenhöhe wurden bereits vereinbart. Des Weiteren soll die Errichtung eines chinesischen Marinestützpunktes in Planung sein. Belutschische Politiker und Aktivisten sprechen mittlerweile von einer chinesischen Kolonialisierung, von der nicht die bitterarme Provinz, sondern Peking sowie das pakistanische Establishment profitieren wird. Aufgrund des zunehmenden Einflusses wurden chinesische Firmen in Belutschistan immer wieder zum Ziel von Anschlägen.

Der Unabhängigkeitskampf der Belutschen tobt jedoch auch anderswo. Im Iran, wo rund 1,5 Millionen Belutschen leben, herrscht eine ähnliche Situation. Auch in der dortigen Belutschen-Provinz (Sistan und Belutschistan) haben sich militante Gruppen organisiert, um die Regierung in Teheran zu bekämpfen. Hinzu kommt die Tatsache, dass der Konflikt im Iran auch sektiererisch aufgeladen ist. Die Belutschen werden nämlich nicht nur als ethnische Minderheit betrachtet, sondern auch als ein Teil der sunnitischen Minderheit, die sich der schiitischen Herrschaft unterwerfen muss.

CIA, Mossad und IS

Auch im Iran wird der Konflikt geopolitisch ausgenutzt. Hier spielen allerdings ganz andere Akteure eine Rolle. So wurde vor einiger Zeit bekannt, dass "Jundallah", eine militant-salafistische Gruppierung, die vorgibt, alle Sunniten im Iran zu repräsentieren und hauptsächlich vom iranischen Belutschistan aus operiert, nicht nur von Saudi-Arabien, sondern auch vom israelischen Auslandsgeheimdienst Mossad sowie von der CIA unterstützt wurde. Gleichzeitig wird die Gruppierung von den USA als Terrororganisation, die Verbindungen zu Al-Qaida pflegen soll, angeführt.

Diese Erkenntnis hat vor einigen Monaten für Furore gesorgt. Dies lag allerdings vor allem daran, dass einige Journalisten "Jundallah" mit einer gleichnamigen pakistanischen Gruppierung, die dem IS die Treue geschworen haben soll, verwechselten. Nichtsdestotrotz heißt es weiterhin, dass einige abgespaltene Jundullah-Zellen aus dem Iran sich mittlerweile dem IS angeschlossen haben.

Die Rolle Pakistans macht dabei ein weiteres Mal deutlich, wie paradox Geopolitik sein kann. Während man zu Zeiten des Schah-Regimes gemeinsam gegen die Belutschen in Pakistan und im Iran vorging, wurden in den letzten Monaten die Vorwürfe lauter, dass Pakistan "Jundallah" in einem gewissen Maße unterstütze, um Teheran vor Probleme zu stellen.

Prekär dürfte es in dieser Hinsicht auch für den Westen, sprich, für die USA und Israel, werden. Immerhin schaut es alles andere als gut aus, wenn man jene, die man einst unterstützt hat, nun bekämpft. Genau dies wäre nämlich der Fall, wenn Jundullah-Abspaltungen tatsächlich auf der Seite des IS zu finden sind. Neu wäre diese Praxis allerdings nicht, wie die letzten Jahrzehnte bewiesen haben.