Benzinautos sind dreckiger als Diesel

Die Autoindustrie versucht, auf europäischer Ebene strenge Grenzwerte zu verhindern

Benziner gelten gemeinhin als saubere Autos, zumindest was die Feinstaubbelastung angeht. Doch das stimmt nur bedingt, wie die Deutsche Umwelthilfe (DUH) heute auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Verkehrsclub Deutschland (VCD) erklärte. Denn zumindest Benzinmotoren mit Direkteinspritzung können Dieselmotoren beim Ausstoß von Partikeln problemlos in den Schatten stellen.

Dabei ist die Direkteinspritzung des Kraftstoffes an und für sich begrüßenswert, wie Michael Müller-Görnert vom VCD ausdrücklich betont. Denn Benziner mit Direkteinspritzung verbrauchen deutlich weniger Kraftstoff als herkömmliche Benzinmotoren. Damit können sie einen Beitrag zur Verminderung der CO2-Emissionen leisten, zudem erhöhen sie die Ressourceneffizienz. Das alles dürfe jedoch nicht auf Kosten der Gesundheit geschehen, mahnt Müller-Görnert. Es gebe die paradoxe Situation, dass die modernen Benzinmotoren mit Direkteinspritzung bald mehr Partikel ausstoßen als Dieselmotoren, warnt er.

Bild: BMU/H.-G. Oed

VCD und DUH belegen ihre Warnung mit Messergebnissen, die der ADAC im Sommer 2011 ermittelt hat. Dieser hatte einen VW Golf 1.2 TSI und einen BMW 116i, beide mit Benzin-Direkteinspritzung, sowohl mit heißem als auch mit kaltem Motor den Neuen Europäischen Fahrzyklus (NEFZ) sowie den ADAC-Autobahn-Fahrzyklus absolvieren lassen und den Feinstaubausstoß gemessen. Beide Autos überschritten die Grenzwerte, die laut Euro 5-Norm für die Partikelanzahl von Diesel-Fahrzeugen gilt, in allen Fahrzyklen deutlich. So wurden beim heiß gestarteten BMW im NEFZ über 8*1012 Partikel gemessen. Der Euro5-Grenzwert liegt bei 6*1011.

Doch diese Grenzwerte gelten nur für Diesel-Fahrzeuge, Grenzwerte für Benziner gibt es derzeit nicht. Allerdings hat die Europäische Union dieses Thema mittlerweile für sich entdeckt und plant, mit der Abgasstufe Euro 6 ab 2014 einen Grenzwert für Benziner mit Direkteinspritzung einzuführen. Der Grenzwert soll demjenigen entsprechen, der bisher auch für Diesel-Fahrzeuge gilt.

Dagegen läuft die Autoindustrie offenbar Sturm, wie ein Papier der European Automobile Manufacturers' Association (ACEA) zeigt, welches Telepolis vorliegt. Darin schlägt der europäische Automobilherstellerverband vor, einen zehn Mal höheren Grenzwert für die Partikelanzahl von 6*1012 einzuführen – und auch das erst ab 2017. Da die Technologie der Abgasnachbehandlung bei diesen Motoren noch relativ neu und unerprobt sei, schlägt ACEA der Europäischen Kommission vor, die technische Machbarkeit, den Nutzen für Umwelt und Gesundheit sowie die Kosteneffektivität zu überprüfen, die mit der Reduzierung des Feinstaubausstoßes einhergehen.

Jürgen Resch, der Bundesgeschäftsführer der DUH, wirft der Autoindustrie daher vor, mit dem Vorschlag eines zehnmal höheren Grenzwertes für direkteinspritzende Benziner genau so ignorant zu sein, wie zuvor schon bei der Einführung des Dieselpartikelfilters und des Katalysators. Für Resch steht fest, dass bereits heute auch für Benziner "marktfähige und kostengünstige Partikelfilter-Technologien zur Verfügung" stünden. Müller-Görnert geht davon aus, dass bei der Nachrüstung entsprechender Filter Kosten von etwa 40 bis 120 Euro auf die Autofahrer zukommen könnten. Die Filter direkt ab Werk einzubauen, sei entsprechend billiger.

Zugleich forderte Resch, die bestehenden Umweltzonen in Deutschland scharf zu stellen. Bis Ende 2012 sollten dort nur noch Fahrzeuge mit grüner Plakette fahren dürfen. In Berlin sei die Belastung mit Feinstaub und Stickoxid durch die Umweltzone um fünf bis zehn Prozent zurückgegangen. Diese Forderungen, da sind sich die Deutsche Umwelthilfe und der Verkehrsclub Deutschland sicher, haben den Segen von ganz oben. Immerhin hatte der Papst gestern im Bundestag verkündet, "dass das Auftreten der ökologischen Bewegung […] ein Schrei nach frischer Luft gewesen ist und bleibt, den man nicht überhören darf".

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