Benziner produzieren mehr Feinstaub als neue Dieselfahrzeuge

Skylla und Charybdis: Nach einer Studie verursachen Benziner mehr Feinstaub, Dieselfahrzeuge aber mehr Stickoxide

Diesel hat einen schlechten Ruf. Nicht nur wegen des Diesel-Skandals, weil Autokonzerne betrogen haben, was die Emissionen ihrer Fahrzeuge betrifft, sondern jetzt auch wegen der drohenden Fahrverbote, wenn nicht nachgerüstet wird. Die haben weniger mit der sinkenden Feinstaubbelastung zu tun, sondern wegen der Stickoxide. Auch hier sinkt zwar die Luftbelastung, dennoch sind sie in vielen Städten an zu vielen Tagen noch weit über den Grenzwerten. Angeblich sind sie auch gesundheitsgefährlich, wenn die Belastung weit unter den Grenzwerten liegt.

Heute entscheidet das Bundesverwaltungsgericht darüber, ob Städte Fahrverbote verhängen können bzw. müssen. Zwar geht es zunächst nur um Stuttgart und Düsseldorf, aber ein Urteil hätte Konsequenzen für ganz Deutschland. Von den Fahrverboten betroffen könnten 80 Prozent aller Dieselfahrzeuge sein, aber auch manche Benziner.

Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Studie eines internationalen Teams von Wissenschaftlern, die in Scientic Reports veröffentlicht wurde. Danach spielt der Diesel derzeit, plakativ gesagt, eine Sündenbockrolle. Allgemein, so die Wissenschaftler, würde ein Dieselfahrzeug heute weniger Emissionen abgeben als ein Benzinfahrzeug. Patrick Hayes von der Universität Montreal, der die Studie leitete, sagt: "Diesel hat ein schlechtes Image, weil man die Verschmutzung sieht, aber es ist in Wirklichkeit die unsichtbare Verschmutzung, die vom Benzin in Autos stammt und die schlimmer ist."

Jetzt sind wir also an dem Punkt angelangt, an dem es wie früher um den Streit zwischen Margarine und Butter oder zwischen der angeblich sauberen Atomkraft und Öl/Kohle/Gas geht. Hayes fordert jedenfalls, man müsse zwar die die alten Dieselfahrzeuge verbannen, aber dann den Blick stärker auf die Benziner richten: "Moderne Dieselfahrzeuge haben neue Maßstäbe übernommen und sind nun sehr sauber, daher muss die Aufmerksamkeit sich nun auf die Regulierung der Benzinmotoren richten."

Die Wissenschaftler haben sich auf den kohlenstoffhaltigen Feinstaub konzentriert, der aus Ruß, organischen Aerosolen und vor allem aus sekundären organischen Aerosolen (SOA) entsteht, die durch die Verbrennung produziert werden und erwiesenermaßen die Lungen schädigen können (aber auch chemische Haushaltsprodukte belasten die Luft: Putzmittel oder Kosmetikartikel tragen zur Luftverschmutzung bei). Dieselfahrzeuge wurden in Europa und den USA mit Diesel(ruß)partikelfiltern ausgestattet, was die Emissionen reduziert hat. Nach den Messungen der Wissenschaftler, die im Paul Scherrer Institut in der Nähe von Zürich durchgeführt wurden, geben Benziner bei 22 Grad Celsius 10 Mal mehr und bei 7 Grad Celsius sogar 62 Mal mehr Feinstaub und sekundäre organische Aerosole ab als Dieselfahrzeuge. Im Sommer würden zwar wegen der alten Dieselfahrzeuge diese noch mehr Feinstaub produzieren, im Winter dürften aber schon Benzinfahrzeuge für den Großteil verantwortlich sein.

Es handelt sich allerdings nicht um eine Heiligsprechung neuer Dieselfahrzeugen, betont wird von den Wissenschaftlern, dass es darauf ankommt, welche Emissionen berücksichtigt werden. So emittieren zwar neuere Dieselfahrzeuge weniger Feinstaub, dafür aber immer noch deutlich mehr Stickoxide als Benzinfahrzeuge. Man kann also wählen zwischen Motoren, die weniger Feinstaub und SOA abgeben (Diesel), oder solchen, die weniger Stickoxide abgeben. Beides ist gesundheitsgefährlich, weswegen die Entscheidung wie die zwischen Skylla und Charybdis ist, wenn man nicht allgemein das Fahren mit Verbrennungsmotoren reduziert oder auf elektrische Autos umsteigt, wo allerdings auch die Frage bleibt, wie der Strom gewonnen wird und wie umweltbelastend die Herstellung vor allem der Batterien ist. (Florian Rötzer)

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