Beppe Grillo: Weblogger und italienisches Enfant terrible

Am 13. und 14. April sind in Italien Parlamentswahlen. Nachdem die Mitte-Links-Regierung von Romano Prodi gescheitert ist, müssen die Wähler erneut an die Urnen

Viele Bürger sind darüber nicht gerade begeistert, kündigt sich immerhin der neunte Regierungswechsel seit 1992 an. Einer, der den chronischen Unmut vieler Italiener aufgreift und bedient, heißt Beppe Grillo und ist populärer Komiker und erfolgreicher Weblogger. Mithilfe des Internet kämpft er für ein sauberes Parlament und für mehr Demokratie von unten. Für den 25. April ruft er Italiens Bürger zum zweiten Mal zu einem Aktionstag auf, dem sogenannten „Vaffanculo-Day“.

Italiens außerparlamentarische Opposition hat eine neue Galionsfigur. Waren deren Protagonisten traditionell Universitätsprofessoren, Richter oder Kulturschaffende wie der Filmemacher Nanni Moretti oder der bekannte Schriftsteller Umberto Eco, gibt es mit dem Anti-Politiker Grillo eine neue Ebene im Spektrum zivilgesellschaftlichen Engagements. Grillo schafft es, eine breite Schicht auch jenseits des linksintellektuellen Milieus anzusprechen und effektiv zu mobilisieren – er ist dabei laut, polemisch und modern.

Beppe Grillo

Der gebürtige Genuese ist ein echter Krachmacher. Er tritt den prominenten Vertretern aus Politik und Wirtschaft kräftig auf die Füße und spricht aus, was eine Vielzahl an Bürgern über das Establishment denkt. Der ehemalige Schauspieler und Moderator macht Politik, ohne Politiker sein zu wollen. Umfrageexperten prophezeien ihm ein passables Ergebnis, träte er als Kandidat zur kommenden Parlamentswahl an. Aber das will Grillo nicht. Er hält die Mehrzahl der Berufspolitiker für unredlich und korrupt.

Als selbsternannter „Detonator“ würde er lieber die Parteien gleich ganz abschaffen und durch eine Demokratie von unten ersetzen. So plädiert er für Bürgerlisten, über die Kandidaten direkt ins Parlament gewählt werden können. Um auf eine solcher „Grillo-Listen“ zu kommen gelten harte Aufnahmekriterien: keine Vorstrafen, transparenter Lebenslauf und vor allem keine Parteizugehörigkeit.

Zur Verbreitung seiner Botschaften bevorzugt der Satiriker die ganz große Bühne. Seine Auftrittsorte sind die berühmten Theater und Arenen in Mailand, Rom oder Verona. Dorthin pilgern seine Anhänger in Scharen und dort ist er außerordentlich erfolgreich. Seine Shows sind stets ausverkauft. Nur selten bleibt ein Stuhl leer, wenn er vor einem Riesenpublikum über die Bühne wirbelt. Mit durchgeschwitztem Hemd und anklagender Stimme doziert er über den Müllnotstand von Neapel, Wirtschaftskriminalität und sonstige Abscheulichkeiten.

Vaffanculo-Day in Bologna

Zum gepflegten Ritual des Kabarettisten gehört es, in jeder Show die Namen der politischen Mandatsträger vorzulesen, die bereits mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind – samt Details zur jeweiligen Tat und Höhe der verhängten Strafe.

Im Programm der italienischen Fernsehanstalten kommt der Kamera-erfahrene Grillo hingegen nicht mehr vor. Seit er vor Jahren anfing, den Politikern die Leviten zu lesen, steht er auf den schwarzen Listen der Senderverantwortlichen.

Das Medium, mit dem er seine Botschaften ins Land trägt, ist das Internet. Er glaubt an Basisdemokratie und Graswurzelbewegung. Das Weblog ist sein Kommunikationskanal, das einen regen Austausch mit seinen Anhängern ermöglicht und Plattform für Diskussionen bietet. Verhandelt wird auf seiner Seite alles, was auch Inhalt der Shows ist. Von seinen Kritikern wird Grillo wegen seiner direkten und ungeschnörkelten Sprache gerne als Populist und Clown belächelt, einige Journalisten bezeichnen ihn augenzwinkernd als die italienische Antwort auf Michael Moore, den amerikanischen Filmemacher und Provokateur.

In Grillos giftigen Blogeinträgen wird keiner seiner zahlreichen Gegner geschont: Romano Prodi verspottet er als „Valium-Tablette“, Silvio Berlusconi ist für ihn der „Psychozwerg“ und Walter Veltroni, den ehemaligen Bürgermeister von Rom und Hoffnungsträger einer neuen Mitte, nennt er konsequent „Topo Gigio“, die Weltraum-Maus, Anspielung auf eine ulkige Comicfigur der 80er Jahre.

Seine Fans lieben diese Attacken und bescheren seinem Onlineauftritt eine unglaubliche Prominenz. In seinem Heimatland ist er der Top-Blogger schlechthin, so erfolgreich, dass es seine Texte mittlerweile auch in englischer und japanischer Übersetzung gibt. Beim Weblogdienst Technorati liegt das Blog di Beppe Grillo in der weltweiten Rangliste der Top 100 immerhin an 15ter Stelle.

Seine Sporen im Netz verdiente sich Grillo durch zahlreiche Protestkampagnen, die er in den vergangenen Jahren organisierte. Einmal war es die italienische Telecom, die er zwang, ihre Tarife zu senken, in einem anderen Fall machte er sich als Anwalt einer Gruppe geprellter Kleinanleger stark. Im Jahr 2005 musste Antonio Fazio, Chef der Banca d'Italia seinen Hut nehmen, nachdem sich Grillo an eine landesweite Protestwelle dranhängte und durch online-gestützten Dauerbeschuss sowie einer ganzseitigen Anzeige in der renommierten Tageszeitung La Repubblica dessen justiziablen Verfehlungen thematisierte. „Hau-ab-Fazio“ schallte es damals durchs ganze Land.

Finanziert werden solche kostspieligen Protestaktionen vor allem durch Spendenaufrufe und den Verkauf von Merchandise-Artikeln. Ganz im Sinne moderner Marketingmethoden können seine Fans aber nicht nur die Aufzeichnungen seiner Auftritte oder Bücher online bestellen, sondern er lässt auch schon einmal seine Kunden über den Kaufpreis einer DVD selber entscheiden.

Daneben nutzt der A-List-Blogger sehr erfolgreich Meet-ups, mit denen sich seine Unterstützerszene online austauscht und Treffen in der „realen“ Welt verabredet. Ein erster Höhepunkt dieser „Grillomanie“ war der sogenannte „Vaffanculo-Day“ (Leck-mich-am-Arsch-Tag), den der Kabarettist im September letzten Jahres veranstaltete. Zu ihm versammelten sich rund eineinhalb Million Menschen auf den Marktplätzen von mehr als 200 italienischen Städten, um der Politik die „Gelbe Karte“ zu zeigen.

Nebenbei sammelten im Netz engagierte „Grillini“ über 300.000 Unterschriften für seine Initiative „Parlamento Pulito“, die alle vorbestraften Volksvertreter aus dem Abgeordnetenhaus verbannen sollte. Der nächste V-Day ist bereits geplant und soll am geschichtsträchtigen 25. April stattfinden. An diesem Feiertag, zu dem die Italiener der Befreiung vom Faschismus gedenken, will sich der Anti-Politiker vor allem die Medienschaffenden vorknüpfen. An der Unabhängigkeit und Integrität vieler Journalisten hat Grillo nämlich so seine Zweifel. Zugleich ist der V2-Day verknüpft mit Unterschriftenaktionen für drei Volksabstimmungen:

  1. Abschaffung des geltenden Mediengesetzes der Regierung Berlusconi.
  2. Beseitigung des Fernsehduopols Mediaset-RAI.
  3. Abschaffung der öffentlichen Finanzierung im Zeitungswesen.

Im Zusammenhang mit der Organisation des zweiten Aktionstages beobachtet der Gießener Politikwissenschaftler Prof. Alexander Grasse eine gewisse Weiterentwicklung von Grillos Kampagnenführung: „Stand Grillo anfangs überwiegend für einen diffusen Anti-Etatismus bekommt sein Engagement mittlerweile eine neue Qualität, seine Kritik wird immer präziser und seine Ziele werden konkreter.“ Ausdruck dieser neuen Qualität könnten dabei vor allem die anlässlich der Kommunalwahlen geschaffenen neuen Bürgerlisten sein. Deren Entwicklung dürfte in Zukunft spannend werden und eine echte Herausforderung für die etablieren Parteien darstellen. „Statt sich mit dem Phänomen Grillo frühzeitig auseinander zu setzen, hat die italienische Politik nur tatenlos zugeschaut. Grillo ist ein Alarmzeichen aus der Zivilgesellschaft, das lange Zeit keiner wahrnehmen wollte“, resümiert der Experte für Italien-Studien. (Christian Marx)

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