Bereit für große Katastrophen: Prepper und ihre Beweggründe

Symbolbild: Christoph Schütz auf Pixabay/ Public Domain

Bunker oder Fluchtfahrzeug? Die Prepper-Szene sei weder homogen noch unpolitisch, sagt ein junger Sozialwissenschaftler, der sie zum Gegenstand einer Doktorarbeit gemacht hat. Im Ernstfall kämpft jeder für sich allein

Beim Thema "Prepper" denken wir oft an "schräge Vögel", an Menschen, die im Tarnanzug durch den Wald kriechen, und an politisch Verwirrte, die sich auf einen ominösen "Tag X" vorbereiten. In den letzten Jahren flogen rechtsextreme Gruppen wie das Netzwerk "Nordkreuz" auf; und seitdem zeigt auch der Verfassungsschutz Interesse an dieser Szene.

Weshalb fangen Menschen mit dem Preppen, also der Vorbereitung auf Umbrüche oder Katastrophen welcher Art auch immer an? Mit dieser Frage beschäftigt sich der Sozialwissenschaftler Mischa Luy im Rahmen seiner Doktorarbeit an der Ruhruniversität Bochum. Er interessiere sich für die "persönlichen, sozialen und historischen Faktoren", wieso Menschen damit anfangen, sagt er gegenüber Telepolis. Und er versucht zu ergründen, was dieses Verhalten über unsere Zeit und unsere Gesellschaft aussagt, welches Verhältnis wir zur Zukunft haben.

Wie viele Personen in Deutschland dieser Szene zuzurechnen sind, ist nicht bekannt. Die Schätzung geht weit auseinander; zwischen 10.000 und 200.000 Männer und Frauen sollen es sein. In den USA ist das Phänomen weitaus größer, sagt Luy. Bis zu 3,7 Millionen Menschen sollen es dort sein. Inzwischen hat sich eine regelrechte Prepping-Industrie herausgebildet, die Milliarden-Umsätze generiert.

Prepper können dabei an Natur- oder menschengemachte Katastrophen denken - und "prepared", also bereit sein für den Fall, dass die gesellschaftliche Infrastruktur zusammenbricht. Luy unterscheidet zwischen zwei Typen - denen, die sich im Ernstfall einbunkern, und denen, die sich auf eine Flucht vorbereiten. Die ersten legen Vorräte an und nutzen ihr technisches Wissen, um beispielsweise Stromgeneratoren oder Wasserfilteranlagen einzurichten. Die anderen sitzen quasi auf gepackten Koffern und haben irgendwo ein vollgetanktes Fluchtfahrzeug stehen.

Die Autorin Gabriela Keller schildert in ihrem Buch "Bereit für den Untergang: Prepper", welchen Anteil die Medien in der Anfangszeit der Corona-Pandemie daran hatten, dass mehr Menschen mit dem "Preppen" begannen. Sie schreibt: "Bilder aus den Krankenhäusern in Italien und Spanien wirkten wie Szenen aus einem Endzeitfilm: überlastete Intensivstationen, halbnackte, künstlich beatmete Patienten, die Zimmer und Flure füllen, daneben Ärzte in Schutzanzügen, Krankenschwestern, die am Schreibtisch kollabieren (…)". Diese Eindrücke hätten das Sicherheitsgefühl sehr vieler Menschen erschüttert.

Teils Reaktion auf reale Krisen

Luy betrachtet das Aufkommen des Preppens nicht als reines Medienphänomen. Krisen und eine allgemeine Verunsicherung spielten eine Rolle. Aber auch die eigene Biografie, wie er in Interviews herausfand. "Manche Menschen nennen einschneidende Erlebnisse, etwa eingeschneit sein auf der Autobahn, einen Stromausfall oder das Miterleben von Terroranschlägen während eines militärischen Auslandseinsatzes", erklärt Luy. Andere beziehen sich auf die Erlebnisse ihrer Eltern oder Großeltern, die einen Mangel erlebt haben.

Es gehe den Leuten dabei nicht nur um die eigene Sicherheit, sondern auch um die Fürsorge für die Familie oder um ein Gefühl für Freiheit und Autarkie. Für den Forscher hat das schon etwas von Zivilisationskritik. "Prepper sagen, die Menschen fühlten sich heute zu sicher, seien zu sehr abhängig von der Technik und könnten nicht mal mehr selbst ein Feuer machen oder ein Rad wechseln", sagt Luy. "Preppern" ist keine Erfindung unserer Zeit. Den Ursprung nahm es im 19. Jahrhundert, als die Europäer immer mehr in fremde Gegenden vor- und in fremde Kulturen eindrangen.

Damals entstand eine neue Literatur mit Tipps, wie man in unwirtlichen Gegenden überleben kann. Dieses Wissen ging dann in die militärische Ausbildung ein. Auch im zivilen Bereich fand es Anwendung, zum Beispiel bei den Pfadfindern. Damals kam auch die Bezeichnung "Survivalism" auf.

Abgrenzung nach Terroranschlag

Bei vielen ehemaligen nordamerikanischen "Survivalists" habe sich die Selbstbezeichnung inzwischen zu Prepper gewandelt, sagt Luy. "Survivalism" sei öffentlich mit Rechtsterrorismus in Verbindung gebracht worden, davon habe man sich abgrenzen wollen. Die Verbindung war nicht aus der Luft gegriffen: Der Rechtsterrorist Timothy McVeigh, der 1995 in Oklahoma City durch den Bombenanschlag auf das Murrah Federal Bulding 168 Menschen getötet hatte, war Survivalist.

Ein schlichter Etikettenwechsel ist die neue Bezeichnung aber auch nicht. Luy weist darauf hin, dass sich auch an der Zielsetzung etwas geändert hat: Stark vereinfacht betrachtet gehe es beim Preppen "weniger um das Überleben in der Wildnis mit begrenzten Mitteln, sondern es gibt eine stärkere Betonung vom Überleben in der Zivilisation, vor allem durch das Anhäufen von Vorräten". Komplett voneinander abgrenzen lassen sich "Preppen" und "Survivalism" aber nicht. "Zum einen gibt es mittlerweile den Begriff des Urban Surivivalism, zum anderen haben sich manche Menschen, die im Kontext des kalten Krieges Vorräte angelegt haben, auch als Survivalisten verstanden", so Luy. Prepper nutzten oft Techniken und Fertigkeiten, die aus dem Survivalism stammen. "Manche Forscher und Prepper betrachten daher Preppen als eine Art 'Survivalism 2.0'."

Kein "kriminalistisch bedeutender Trend"

Ob von Preppern eine Gefahr für Gesellschaft und Staat ausgeht, war schon einige Male Gegenstand von parlamentarischen Anfragen - oft im Zusammenhang mit rechtsextremen Gruppierungen. Die gesamte Szene unter Generalverdacht stellen, wollte die Bundesregierung aber nicht. In einer Antwort aus dem Jahr 2019 heißt es:

"Ein kriminalistisch bedeutender Trend oder ein potenziell staatsschutzrelevantes Fehlverhalten durch Mitglieder der 'Prepper-Szene' lässt sich auf Grundlage der gewonnenen Erkenntnisse nicht herleiten."

Gleichwohl:

"'Krisenvorsorge' und Vorbereitungen auf einen 'Tag X' sind Bestandteil von Diskussionen der rechtsextremistischen Szene wie auch der extremistischen 'Reichsbürger' und 'Selbstverwalter'. Einzelne Personen und Gruppierungen dieser Szenen weisen auch 'prepper-ähnliche' Verhaltensweisen auf."

"Tag X": Warten oder selbst herbeiführen?

Auf die Anfrage, ob sich an dieser Einschätzung in der Zwischenzeit etwas geändert habe, wollte das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) nicht antworten. Eine Antwort würde "die Funktionsfähigkeit des BfV nachhaltig beeinträchtigen", hieß es.

Im Verfassungsschutzbericht des Jahres 2017 war noch zu lesen, die Prepper-Szene sei unpolitisch. Dem will Luy nicht in Gänze zustimmen. Er sieht Überschneidungen mit der "Querdenker"-Szene und anderen rechten Ideologien - zu Gruppierungen, die sich in Verschwörungsdenken und Antisemitismus träfen.

"Ich denke, unpolitisch sind die Prepper auf persönlicher Ebene nicht, aber Preppen ist keine homogene soziale Bewegung, die ein gemeinsames Ziel verfolgt", so Luy. "Im Katastrophenfall, so die Logik der Prepper, kämpft jeder individuell für sein Überleben. Dennoch tragen die Katastrophenszenarien, also das wofür man sich wappnet, teilweise Spuren von politischen Weltbildern, so zum Beispiel bei Preppern, die aufgrund der ‚Flüchtlingskrise‘ begonnen haben, zu preppen."

Der Rechtsterrorismus, wie im Falle Gruppe Nordkreuz, sei dann noch mal ein Sonderfall, bei dem sich Rechtsextreme der Techniken des Preppens bedienten - "und eben nicht mehr auf einen 'Tag X' warten, sondern diesen selbst herbeiführen möchten". (Bernd Müller)