Bericht: Das US-Raketenabwehrsystem NMD ist ein Desaster

Start einer Abfangrakete. Bild: MDA

Ein Bericht der Vereinigung besorgter Wissenschaftler rügt mangelnde Kontrolle und Scheitern der Abfangraketen selbst bei völlig unrealistischen Tests

Das US-Raketenabwehrschild, das angeblich nicht gegen Russland gerichtet ist, hat den Konflikt zwischen den USA und der Nato und Russland schon lange bevor der Ukraine-Krise heraufbeschworen. Einseitig kündigte George W. Bush am Beginn des Kriegs gegen den Terror dafür den ABM-Vertrag mit Russland. Washington versprach sich mit dem Raketenabwehrschild sozusagen parallel zur Mauer an der mexikanischen Grenze eine Schutzmauer um die USA und möglichst viele Alliierte vor möglichen Angriffen mit Langstreckenraketen zu schützen. Wäre das Schild darin erfolgreich, hätten die USA und ihre Alliierten einen strategischen Vorteil durch eine erhöhte Abschreckung und die Möglichkeit, auch einen nuklearen Erstschlag durchführen zu können.

Wir hatten kürzlich schon berichtet (Das landgestützte US-Raketenabwehrsystem: Ein teurer Papiertiger?), dass der letzte Test des landgestützten Raketenabwehrschilds (National Missile Defence - NMD) im Januar wie so viele zuvor in die Hose ging. Der Test, der alleine um die 400 Millionen US-Dollar gekostet hat, demonstrierte erneut, dass die Schubtriebwerke und die Steuerung des so genannten Exoatmospheric Kill Vehicle (EKV) Probleme aufweisen. Das EKV wird mit einer Rakete in die Höhe gebracht und soll dort die Interkontinentalrakete bzw. deren Sprengkopf durch kinetischen Aufprall zerstören. Aber es fiel ein Triebwerk aus, was das EKV vom Ziel abbrachte.

Das Government Accountability Office (GAO) hatte schon in mehreren Berichten die überstürzte Entwicklung und Beschaffung des EKV seit 2011 mit einem erneuerten Antrieb kritisiert und auf fehlende Tests hingewiesen. Im letzten Bericht wurde gesagt, das System könne bestenfalls einen gewissen Schutz bieten. Das Pentagon drängt aber auf möglichst schnelle Aufrüstung des NMD, wahrscheinlich sollen Tatsachen geschaffen werden, es hängt selbstverständlich viel Geld in dem Raketenabwehrsystem, das bereits unter George W. Bush mit Stützpunkten für die Ground Based Interceptors (GBIs), also die Raketen mit dem EKV, in Alaska und Kalifornien installiert wurde, obgleich die Tests meist negativ ausfielen. Verantwortlich für die Entwicklung des NMD sind die Rüstungskonzerne Boeing und Raytheon, die EKVs werden von Aerojet Rocketdyne gebaut.

Zudem wurde und wird das System nur unter künstlichen, unrealistischen Bedingungen getestet, bei denen alle Daten über den Start und die Flugbahn der abzuschießenden Rakete bekannt sind und diese nur einen Sprengkopf besitzen. Im Realfall muss die Flugbahn, die bei neuen Raketentypen wie der russischen Topol nicht mehr konstant ist, berechnet werden und können Raketen nicht nur mehrere Sprengköpfe (MIRV) und Täuschkörper, sondern auch manövrierbare (MARV) freisetzen. Die Entwicklung eines Multiple Kill Vehicle-System wurde mittlerweile eingestellt.

In einem Bericht der Vereinigung besorgter Wissenschaftler (USG), die seit Beginn das Raketenabwehrsystem kritisch verfolgt und immer wieder auf die technischen Probleme hingewiesen haben, wird dessen Stand nun vernichtend als "desaströs" beschrieben. Man sei nicht überrascht gewesen, dass das NMD in Schwierigkeiten stecke, aber habe nicht damit gerechnet, dass es so schlimm und bar jeder wirklichen Kontrolle und Verantwortlichkeit "für eines der komplexesten Waffensysteme, die jemals gebaut wurden". Von Anfang an habe die US-Regierung unter George W. Bush auf das Tempo gedrückt und die für militärische Systeme vor der Beschaffung und dem Einsatz normalen Kontrollen (fly before you buy) ausgesetzt. Die Obama-Regierung habe es ebenfalls nicht geschafft, die Prüfprozeduren zu verschärfen, und sei bei der laxen Übersicht geblieben. Das System schütze nicht die USA, sondern sei nur selbst vor Kontrolle geschützt.

Bislang sei praktisch jeder Test der EKA gescheitert, obgleich jeder Test unter Bedingungen stattfand, die genau ausgeklügelt worden waren, um einen Erfolg zu gewährleisten. Die 30 in Alaska und in Kalifornien als "einsatzbereit" installierten GBIs seien daher nie so getestet worden, dass man wisse, ob sie tatsächlich einsatzbereit sind und funktionieren. Nun sollen weitere 14 GBIs bereitgestellt werden. Der Kongress trage zum Fiasko bei, weil er dabei mitwirke, dysfunktionale Systeme schnell weiter zu finanzieren und auszubauen, ohne für entsprechende Kontrollen zu sorgen. Nach dem Willen von Abgeordneten soll sogar ein weiterer Stützpunkt im Osten für mindestens 3,6 Milliarden US-Dollar aufgebaut werden, obgleich der Direktor der Missile Defense Agency, Vizeadmiral James Syring, 2014 erklärte hatte, dass dies nicht notwendig sei und nicht mehr Schutz bringe.

Mehr einsatzbereite GBIs zu haben, geht auf die Überlegung zurück, auf ein Ziel mehrere GBIs abzufeuern, um die Wahrscheinlichkeit des Treffens zu erhöhen, weil man wegen der Kürze der Reaktionszeit nicht warten kann, ob der erste Hit erfolgreich war. UCS ist der Meinung, das könne die Sicherheit bestenfalls geringfügig erhöhen, da angreifende Raketen zumindest eine Vielzahl von Täuschkörpern aussetzen würden, die es unwahrscheinlich machen, dass auch funktionsfähige EKV den richtigen Sprengkopf treffen.

Aber da das System nie unter realistischen Bedingungen getestet wurde (No Demonstrated Real-World Capability), ist auch dieser Ausbau eigentlich nur eine Geldverschwendung, wenn keine genauen und unabhängigen Kontrollen und Tests vor der Installation geschehen. Die Wissenschaftler regen sowieso an, eher auf Gespräche mit Russland und China zu setzen und sich nicht auf ein Abwehrsystem zu verlassen, das die Sicherheit der USA, selbst wenn es funktionsfähig wäre, gefährden könne, weil es zum Wettrüsten beitrage. (Florian Rötzer)