"Berichte über den Tod des Bargelds waren stark übertrieben"

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Studie zeigt, dass Scheine und Münzen selbst in den USA noch das mit Abstand beliebteste Zahlungsmittel sind

Eine im International Journal of Central Banking (IJCB) erschienene vergleichende Studie zu den Zahlungsgewohnheiten in den USA, Deutschland, Frankreich, Kanada, Australien, den Niederlanden und Österreich zeigt, dass Bargeld in allen diesen Ländern weiterhin das mit Abstand beliebteste Zahlungsmittel ist. Sogar in den USA, wo der Anteil von Kreditkartenzahlungen mit 26 und 19 Prozent deutlich höher ist als in den europäischen Ländern, kommt es in 46 Prozent aller Transaktionen zum Einsatz.

In den Niederlanden (wo mit 41 Prozent besonders häufig Debitkarten verwendet werden) kommen Scheine und Münzen in 52 Prozent aller Transaktionen zum Einsatz, in Kanada in 53 Prozent, in Frankreich in 56 Prozent, in Australien in 65 Prozent und in Deutschland und Österreich sogar in jeweils 82 Prozent. Deutsche und Österreicher führen mit umgerechnet durchschnittlich 123 beziehungsweise 148 US-Dollar auch das meiste Bargeld mit sich. Danach folgen Amerikaner mit 74, Franzosen mit 70, Kanadier mit 64, Australier mit 59 und Niederländer mit 51 Dollar.

Angesichts dieser Anteile und Werte kommen die Autoren der Studie zum Ergebnis: "Um Mark Twain zu paraphrasieren, würden wir sagen, Berichte über den Tod des Bargelds waren stark übertrieben" - und der Finanznachrichtendienst Bloomberg titelte: "Forget Bitcoin and Mobile Pay - Cash is Still King of the World".

Dass Bargeld in Deutschland und Österreich eine noch deutlich wichtigere Rolle einnimmt als in den anderen fünf Ländern dürfte die Delegierten des CDU-Parteitages in Essen mit dazu bewogen haben, sich unlängst nicht nur gegen eine Barzahlungsobergrenze auszusprechen, sondern auch gegen das Vorhaben der Europäischen Zentralbank, ab 2018 keine 500-Euro-Schein mehr auszugeben.

Damit stellten sie sich gegen Wolfgang Schäuble, dessen Bundesfinanzministerium die angebliche Notwendigkeit einer Einschränkung von Barzahlungen mit eine Studie zur Bedeutung des Bargeldes für die Schattenwirtschaft und das Organisierte Verbrechen zu rechtfertigen versuchte, die "mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun hat", wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung herausfand: "In Ländern mit Bargeldobergrenze wie Italien oder Frankreich", so die FAZ, "gibt es mehr Mafia oder Terror als in Deutschland" - und das bargeldfeindliche Schweden hat "eine größere Schattenwirtschaft als die Schweiz, das Land mit dem größten Geldschein."

Ob Medien, die die von Schäubles Ministerium in Auftrag gegebene Studie unkritischer verbreiten, deshalb zukünftig als "Fake News" gelten und "hart bestraft" werden, hängt wahrscheinlich davon ab, wie die von Justizminister Heiko Maas angedachte "Wahrheitskommission" besetzt wird und nach welchen Kriterien sie entscheidet.

Welche Wirkungen ein mit dem Volk nur bedingt abgestimmter Eingriff in Barzahlungsoptionen haben kann, zeigt sich aktuell gerade in Venezuela: Dort nahm Staatspräsident Maduro am Samstagabend die zuvor verkündete Ungültigkeit von 100-Bolivar-Scheinen wieder zurück, nachdem es nicht nur zu landesweiten Protesten, sondern auch zu Plünderungen kam, weil die Banken des Landes nicht in der Lage waren, die Scheine in neue 500-Bolivar-Banknoten umzutauschen. Maduro machte dafür im Fernsehen einen "internationalen Sabotageakt" verantwortlich, weil ausländische Druckereien angeblich nicht pünktlich lieferten.

Anlass für den Einzug der 100-Bolivar-Scheine ist eine seit Jahren andauernde und alleine für 2016 auf bis zu 700 Prozent geschätzte Inflation, die dazu führte, dass mit immer dickeren Geldbündeln bezahlt werden muss. Wegen dieser Inflation steigen immer mehr Venezolaner auf Bitcoins als Zahlungsmittel um (vgl. Venezuela: Bitcoin gegen Staatsversagen). (Peter Mühlbauer)

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