(Berliner) Mauern

Auch knapp zwei Jahrzehnte nach dem "Mauerfall" ist die Berliner Mauer Bezugspunkt für Grenz- und Mauerbilder in der (visuellen) Öffentlichkeit - wie zuletzt im Hinblick auf die Sperranlage in Heiligendamm

Wenn das Leben Mauern baut, lautet eine aktuelle Kampagne der evangelischen Diakonie. In Deutschland, dem Land, das einst durch die „Berliner Mauer“ geteilt wurde, dürfte solch ein Slogan so negativ ankommen, wie er gemeint ist. Auf den Diakonie-Plakaten und -Anzeigen sind immer abwechselnd „Alter“, „Armut“, „Krankheit“ oder „Fremdsein“ Schuld an … ja, an was eigentlich? Dabei ist es jeweils eine Art transparenter Vorhang, der die abgebildeten Menschen von ihren Betrachtern trennt. Die Symbolik erinnert von Ferne an Marlen Haushofers Roman „Die Wand“ von 1962, in dem die Protagonistin durch einen gläsernen Wall von ihrer Umwelt abgeschnitten wird. Doch der Diakonie geht es weniger um anspielungsreich-psychologisierende Metaphorik, sondern um die allgemeinverständliche Visualisierung gesellschaftlicher Trends: Entfremdung, Entsolidarisierung, Exklusion, das sind die sozialwissenschaftlichen E-Worte, die mit Hilfe der Kampagne sichtbar gemacht werden.

Grenztruppenfoto entlang der Zimmerstraße von 1988/89. Foto: Berliner Mauer

Das hier gewählte Beispiel ist nur eines von vielen: Auch knapp zwei Jahrzehnte nach dem „Mauerfall“ in Berlin bestimmen negativ konnotierte Grenz- und Mauerbilder die (visuelle) Öffentlichkeit in Deutschland bzw. in Europa. Immer mal wieder tauchen Bilder der israelischen Sperranlage – die in der offiziellen Propaganda nicht „Mauer“, sondern „Zaun“ heißen soll (The fence that makes the difference) – in unseren Medien auf.

Insbesondere aus dem linken politischen Lager wird in solchen Fällen gerne der Vergleich mit der „Berliner Mauer“ bemüht. Beispielsweise schrieb Frank Stern 2004 in der Ost-West-Wochenzeitung „Freitag“ mit Bezug auf die israelischen Sperren:

[D]ieser antiislamische Schutzwall ist ja nach großen historischen Vorbildern gebaut worden - die chinesische Mauer, der Limes, der Hadrianswall -, die unscheinbare Berliner Mauer nicht zu vergessen.

Aus vielen Gründen ist dieser Vergleich von „antiislamischem“ und „antifaschistischem Schutzwall“ problematisch, nicht zuletzt, weil die Besonderheit der Sperranlagen des SED-Staates („innerdeutsche Grenze“ und „Berliner Mauer“ gleichermaßen) darin bestand, sich nicht, wie offiziell behauptet, primär gegen äußere Angriffe, sondern vielmehr gegen die eigene Bevölkerung zu richten.

So unpassend sie im streng geschichtswissenschaftlichen Sinne auch scheinen mögen: Berlinvergleiche bietet sich bei der Debatte um politische Wälle, Zäune und sonstige Sperren offensichtlich an. Die Berliner Mauer war seit jeher nicht nur architektonisch, sondern auch symbolisch viel mehr als einfach nur eine Mauer. Ganz ähnlich wie der Holocaust in Diskussionen um Völkermorde immer wieder virulent wird, erlebt die „Berliner Mauer“ deshalb ein diskursives Revival nach dem anderen, wenn es um fragwürdige Grenzprojekte geht.

Sie dient auch als geschichtspolitisches Argument bezüglich der martialischen Sperranlagen in den EU-Exklaven auf dem afrikanischen Kontinent. Der spanische Innenminister Jaime Mayor Oreja hatte das wohl schon vorausgesehen, als er den Bau der Grenzanlagen um Melilla im Jahr 1998 rechtfertigte, und meinte deshalb: „Es soll ja keine Berliner Mauer werden." Genau umgekehrt klang dann einige Jahre später der Generalsekretär des Europäischen Rates für Flüchtlinge und Exilanten (ECRE), Peer Baneke: „Wir sehen den Versuch, eine neue Berliner Mauer rund um Europa zu bauen, was tragische Folgen hat und nicht funktionieren wird.“

Auch wenn die meisten dieser Vergleiche einer rationalen Überprüfung wohl nicht standhalten können: Grundsätzlich ist es richtig und wichtig, aktuelle Grenzprojekte in Europa und darüber hinaus im Hinblick auf die historischen Berliner Sperranlagen zu perspektivieren. Nur durch den – noch so schiefen – Vergleich werden ja auch die Unterschiede sichtbar. Und da wohl über alle politischen Lager hinweg Einigkeit darüber besteht, dass sich so etwas wie die Berliner Mauer nicht wiederholen darf, ist die Debatte darüber sinnvoll. Denn letztlich gibt es wohl sehr unterschiedliche Ansichten darüber, was genau an diesem Sperrwerk bis heute geschichtspolitisch so inakzeptabel ist. Mit der Vielschichtigkeit dieses Erinnerungsortes befasst sich unterdessen übrigens auch der Berliner Senat, der allerdings ein paar Jahre gebraucht hat, bis ihm klar wurde, wie wichtig dieses Thema für deutsche und europäische Erinnerungskulturen eigentlich ist.

Der Sicherheitszaun um Heiligendamm. Foto: gipfelsoli.org

Momentan treiben die „Berliner Mauer“-Vergleiche wieder einmal ihre Blüten: Die Rede ist dann natürlich stets vom Ostseebad Heiligendamm und dem G8-Gipfel, der durch einen 13 Kilometer langen Sicherheitszaun geschützt wird. Im Gegensatz zu den Unsummen, die der SED-Staat für seine Sperrsysteme ausgegeben hat, ist die hier betriebene Aufrüstung zur gated democracy zwar finanziell wie auch architektonisch eher in den Bereich „Peanuts“ einzuordnen. Doch die reflexhafte Bezugnahme auf die einstmals „längste Leinwand der Welt“ (so der Titel eines Buchs zur Berliner Mauergraffiti) konnte natürlich nicht ausbleiben. Deshalb erinnert beileibe nicht nur die Stacheldraht-Ikonographie, die seit einiger Zeit in der taz und anderen Pro-Protest-Medien zelebriert wird, an den Berliner Mauerbau von 1961 (in späteren Jahren wurde der Stacheldraht am westlichen Sperrelement gezielt entfernt, um die propagandistischen Wünsche der SED nach einer möglichst nicht zu brutal wirkenden Grenze zu befriedigen).

Auch explizite Vergleiche bleiben natürlich nicht aus: Wer „Heiligendamm Berliner Mauer“ googelt, erhält zahllose einschlägige Treffer. So schreibt Michael Schulze von Glaßer in Bezug auf den G8-Gipfel:

Nach dem Fall der Mauer Ende 1989 sollte es nie wieder eine solche Mauer in der wiedervereinten Bundesrepublik geben. Doch das war ein Trugschluss.

Die FAZ hingegen kritisiert das Projekt Art goes Heiligendamm, das zur „Deeskalation vor Ort“ beitragen möchte. Ihre Argumentation gegen dieses politische Kunstverständnis stützt die Zeitung auf Joseph Beuys, der einst ziemlich provokant und scheinbar unpolitisch gefordert hatte, die Berliner Mauer aus Proportionsgründen um einige Zentimeter zu erhöhen.

So stereotyp die meisten Mauervergleiche sind, so vorhersehbar sind ihre Konjunkturen: Die kommende Zeit wird noch einige Revivals der „Berliner Mauer“ in unseren öffentlichen Debatten mit sich bringen. Es geht wohl auch gar nicht anders: Unsere Welt steckt weiterhin voller hoch umstrittener Grenzprojekte. Und solange das so ist, hat der Erinnerungsort „Berliner Mauer“ nicht ausgedient.

Ludwig Boltzmann Institut für Europäische Geschichte und Öffentlichkeit

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