Berliner Weihnachtsmarkt: Ein Anschlag oder ein Unfall?

9 Tote, Dutzende Verletzte: Widerlich sind jetzt schon die Äußerungen mancher im Internet, AfD-Pretzell tut sich besonders hervor

Ob es ein Anschlag war, ist noch unbekannt, mit großer Wahrscheinlichkeit aber war es so. Ein Sattelschlepper fuhr am Abend in den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz bei der Gedächtniskirche in Berlin. Die Polizei berichtet von 9 Toten und 50 Verletzten. Offenbar gibt es genügend Schaulustige: "Bitte helfen Sie uns. Bleiben Sie zu Hause & verbreiten Sie keine Gerüchte."

Berlin und Weihnachtsmärkte wären Ziele für Terroranschläge von Islamisten. Der Vorfall gleicht dem in Nizza. Allerdings scheint es sich um keinen beabsichtigten Selbstmordanschlag gehandelt zu haben, auch Sprengstoff scheint nicht im Spiel gewesen zu sein. Aber all das ist Spekulation, es könnte theoretisch auch ein betrunkener oder unvorsichtiger Fahrer gewesen sein, der Fahrerflucht begangen hat. Der Fahrer soll inzwischen gefasst worden sein, der Beifahrer soll tot sein.

Erschreckend sind jedoch die Äußerungen, die manche über das Internet jagen. Allen voran AfD-Politiker Marcus Pretzell, Landesvorsitzender in NRW und EU-Abgeordneter. Hemmungslos sucht er den schrecklichen Vorfall politisch auszubeuten, auch wenn er selbst nichts Näheres wissen konnte. Sein Tweet: "Wann schlägt der deutsche Rechtsstaat zurück? Wann hört diese verfluchte Heuchelei endlich auf? Es sind Merkels Tote!"

Der AfD-Politiker will offenbar die Flüchtlinge, die letztes Jahr nach Deutschland kamen, mit dem Ereignis verbinden, das als Anschlag unterstellt wird. Der Vorwurf der Heuchelei soll diejenigen treffen, die nicht Flüchtlinge mit Terroristen gleichsetzen, was Pretzell, der Demagoge, macht. Aus der Hüfte geschossen, zeigt die Reflexgeleitetheit des Mannes, die vorangestellte Forderung nach einem Zurückschlagen des Rechtsstaats. Was meint der Politiker damit?

Aber Pretzell weiß, dass er mit solchen Parolen Menschen locken kann, die nun mit der üblichen Breitseite auf alle Flüchtlinge, Ausländer und Muslime schießen. Miriam Oezen schreibt: "Wer jetzt noch Welcome schreit,und Merkel und ihre Vasallen wählt,hat Blut an den Händen! " Dass derjenige, der Bürgerkriegsflüchtlinge mit Mauern und womöglich Schießbefehl abweist, auch Blut an den Händen hat, ist der Dame natürlich ferne, die ohne zu wissen schon weiß, was Sache ist.

Ein Harald Maier ist auf Kriegszug. Weil die Situation noch nicht klar ist, spricht er nicht nur schon vom Vertuschen: "#Lügenpresse versucht den #Berlin #Cardschihad als Unfall darzustellen! Das ist ein widerliche Sauerei in diesem Land! Presseabschaum". Merkel müsse nicht nur weg, er wünscht auch: "#blutweihnachten Warum ist der nicht in #kanzleramt gerast?" Und, klar, die Lösung der Probleme: "Einsammeln und aus dem Land schaffen! Basta!"

Frauke Petry, die es mit der Lügenpresse angeblich nicht hat, retweeted eifrig einen Tweet ihres Freundes Pretzell mit der Meldung der rechtslastigen Washington Times, dass der Islamische Staat die Verantwortung für Berlin übernommen habe. Bei der Washington Times fehlt dazu jeder Nachweis. Quellenkritisch ist man natürlich bei den Lügenpresse-Propagandeuren nicht. Möglicherweise griff die Zeitung auf Breitbart.com zurück, wo - "exklusiv" - die Botschaften einiger Islamisten-Anhänger übersetzt und verbreitet wurden. Selbst hier war nur von "Anhängern" des IS die Rede. Der Petry-Freund gibt sich medienkundig und aufklärerisch: "Feindsender hören macht schlau. Deutsche Presse schweigt." Dabei hat die offizielle "Nachrichtenagentur" des IS, Amaq, noch nichts über Berlin gemeldet. Und selbst wenn, wäre dies kein Beleg dafür, dass dies vom IS geplant worden wäre, schließlich ist Amaq die Propaganda-Abteilung des IS. Ist für die AfD-Politiker aber egal, für die Lüge und Wahrheit schon ausgemacht sind. (Florian Rötzer)