Beschönigen, diskutieren, ermahnen

Manfred Bruns über die Ungleichbehandlung von Pfarrern bei Kreuz.net und homosexuellen Mitarbeitern in der katholischen Kirche

In der katholischen Kirche herrscht eine offensichtliche Diskrepanz in der Behandlung ihrer Angestellten: In puncto arbeitsrechtlicher Konsequenzen für die Mitarbeit des Pfarrers Hendrick Jolie am Portal Kreuz.net übt sie sich in einer christlichen Milde und vornehmen Zurückhaltung, von der homosexuelle Mitarbeiter in der Kirche oder in kirchlichen Sozialeinrichtungen nur träumen können. Ein Gespräch mit Manfred Bruns, dem Sprecher des Lesben- und Schwulenverbandes in Deutschland und ehemaligen Bundesanwalt am Bundesgerichtshof.

Wie erklären Sie sich die Ungleichbehandlung von Priestern und homosexuellen Angestellten innerhalb der katholischen Kirche?
Manfred Bruns: Ihre Frage berührt verschiedene Ebenen: Das eine sind Verfehlungen der Priester. Hier hat die katholische Kirche das Gefühl, dass das Bekannt werden der Verfehlungen ihr schadet und so ist das oberste Gebot, einen Skandal zu verhindern. Das heißt, man beschönigt die Vergehen, man diskutiert, ermahnt den Betroffenen und alles Weitere fällt unter den Tisch. Bei den kirchlichen Mitarbeiten ist es so, dass die Kirchen von ihnen die Befolgung ihrer wesentlichen Grundsätze zur Arbeitspflicht machen können.
Dabei ist die katholische Kirche besonders ablehnend gegenüber Anerkennungsbestrebungen von Homosexuellen überhaupt. Sie betont zwar immer, dass Homosexuelle nicht diskriminiert werden dürfen, aber das betrifft nur Homosexuelle, die keusch leben, also ihr Leben lang keinen Sex haben. Wenn sie wie normale Menschen leben, gibt es kein Pardon und die Leute werden entlassen. Beispielsweise entlässt die katholische Kirche alle Mitarbeiter, die eine eingetragene Lebenspartnerschaft eingehen, während sie andererseits wieder bei ihren Mitarbeitern duldet, dass sie in nichtehelichen Gemeinschaften leben. Wenn man zum Beispiel nach einer Scheidung wieder heiratet, wird man nicht auf die Straße gesetzt.
Das kann die katholische Kirche auch nicht, denn sie hat ihren sozialen Bereich so ausgedehnt, dass sie ihn gar nicht nur mit treuen kirchlichen Mitarbeitern besetzten kann. Nichtsdestotrotz greift sie Lesben und Schwule heraus. Die werden entlassen.
Also bei Priestern wird vertuscht, bei der Caritas entlassen?
Manfred Bruns: Das Muster, das bei den Missbrauchsfällen zutage getreten ist, wiederholt sich immer wieder, wenn Mitglieder der zölibatären Gemeinschaft sich verfehlen. Die Priester werden versetzt, ihre Verfehlungen vertuscht.

"Es geht nicht, dass die Kirche Straftäter deckt"

Haben Sie die zuständigen Stellen in der katholischen Kirche über diese Diskrepanz in Kenntnis gesetzt und hat man darauf schon reagiert?
Manfred Bruns: Wir haben die Bischöfe Lehman und Zollitsch aufgefordert, die Mitarbeiter des Hassportals Kreuz.net zu identifizieren und mitzuhelfen, dass sie wegen Volksverhetzung angezeigt werden. Die Aktion Stoppt Kreuz.net hat den Bischof Lehmann direkt angeschrieben. Aber der hat den Priester Jolie, nachdem herausgekommen ist, dass er bei Kreuz.net eifrig mitgearbeitet hat, nach einem Gespräch, in dem dieser seine Verfehlung eingestanden hat, verziehen. Er hat in einem Artikel in einer Kirchenzeitung erklärt, dass sich damit die Sache für ihn erledigt hat. Sie ist aber noch keineswegs erledigt: Es gibt ja noch sehr viele andere kirchliche Mitarbeiter, die bei Kreuz.net tätig waren und die mit Hilfe der Kirche identifiziert werden müssen. Es geht nicht, dass die Kirche Straftäter deckt. Aber bisher tut sie es.
Gibt es in der katholischen Kirche überhaupt Personen, die hier Handlungsbedarf erblicken?
Manfred Bruns: Ich denke, dass sehr viele Gläubige hier Reaktionen von Seiten der Kirche einfordern. Aber innerhalb der Hierarchie herrscht auch weiterhin die Meinung vor, dass das Ansehen der katholischen Kirche nicht befleckt werden darf und dass das Allerschlimmste ein Skandal ist.
Wie wird es Ihrer Einschätzung nach mit dem katholischen Hetzportal Kreuz.net weiter gehen?
Manfred Bruns: Es gibt inzwischen schon wieder eine Blog-Seite, auf der die Hetz-Artikel gegen Dirk Bach, die ja Anlass für die Strafanzeige waren, mit anderen volksverhetzenden Artikeln von Kreuz.net wieder in das Netz gestellt wurden. Ich habe gegen den Betreiber, wer immer dahinter steckt, Strafanzeige erstattet. Da es ein deutscher Blog ist, müsste der Betreiber ja ermittelt werden können. Dass Kreuz.net als solches wieder erscheint, bezweifle ich, da es keine Mitarbeiter mehr finden wird. Das war ja ein Portal, das von konservativen Pfarrern und Mitarbeitern der Katholischen Kirche betrieben wurde und die Information aus dem internen Kreis der Kirche, dem Vatikan und so weiter weitergegeben haben. Diese Mitarbeiter sind wahrscheinlich jetzt so verunsichert, dass sie bei Kreuz.net nicht mehr mitarbeiten werden.
Wenn ich als jemand, der keine große Leidenschaft in Kirchensachen entwickelt, Kreuz.net lese, ist das für mich sehr nah an Realsatire...
Manfred Bruns: Das ist keine Realsatire, sondern war von den Betreibern sehr ernst gemeint. Zwar haben sie es so sehr übertrieben, dass ein normaler Beobachter, tatsächlich den Eindruck haben konnte, dass die spinnen. Wir haben deshalb lange Zeit gegen diese Webseite nichts unternommen. Als aber dann diese wirklich schlimmen Artikel über den verstorbenen Dirk Bach veröffentlicht wurden, hat es uns gereicht. Es scheint so zu sein, dass dieses Portal ein Kristallisationspunkt der Superkonservativen in der katholischen Kirche ist. Das hat nicht so sehr eine Bedeutung für die allgemeine Bevölkerung, aber für die Kämpfe innerhalb der katholischen Kirche ist es wichtig.
Es gibt - leider! - so viele Arschlöcher auf der Welt. Es gibt Betrüger, Korruption, Nazi-Netzwerke etcetera auf der Welt. Warum musste sich die katholische Kirche ausgerechnet auf Lesben und Schwule einschießen?
Manfred Bruns: Da fragen sie mich etwas, was ich ihnen nicht beantworten kann. Nach den Erkenntnissen der Psychoanalyse gibt es besonders heftige Abwehrreaktionen gegen Homosexuelle bei Menschen, die selber homosexuelle Anteile haben und diese unterdrücken. Wenn man dann über Homosexuelle herfällt, fällt man über etwas her, was man bei sich selbst nicht dulden will. Ich denke, dieses Strickmuster ist bei vielen innerhalb der katholischen Kirche wirksam. Ich will jetzt nichts Negatives über den Papst sagen, der ist sicher jenseits von Gut und Böse, einer der nur seine Dogmen kennt, die er herunterbetet, aber sehen Sie, auch er umgibt sich immer mit schönen jungen Männern.
Mit der Bibel hat der Lesben- und Schwulenhass nichts zu tun?
Manfred Bruns: Nein. Es gibt zwei oder drei Stellen in der Bibel, wo Homosexualität verurteilt wird. Man ist sich aber längst darüber einig, dass an diesen Stellen etwas anderes gemeint als das, was wir heutzutage unter Homosexualität verstehen. Damit war homosexuelle Tempelprostitution gemeint und möglicherweise auch das Ausbrechen aus den heterosexuellen Ordnungen. Die katholische Lehre, dass Sexualität immer auf Zeugung gerichtet sein muss, weil sie ansonsten unnatürlich wäre, wird nicht aus der Bibel abgeleitet, sondern ist aus der antiken griechischen Philosophie übernommen worden. Wenn man nun aber die Lebensgemeinschaft von Homosexuellen anerkennen würde, würde dies das Dogma von der Unfehlbarkeit der Päpste in Frage stellen, weil sie ja bisher so etwas immer als schwer sündig verurteilt haben.
Isoliert sich die katholische Kirche mit ihrer Homophobie von der Bevölkerungsmehrheit?
Manfred Bruns: Ich denke, dass für uns dieser Papst ein Glücksfall ist: Weil er seine Dogmen knallhart durchzieht und überhaupt nicht mehr reflektiert, was dies mit den Menschen anrichtet, stößt er die Leute so sehr vor dem Kopf, dass die katholische Kirche immer weniger Zuspruch bekommt: Wenn er etwa von Menschen, deren Ehe gescheitert ist, nach der Scheidung verlangt dass sie für den Rest ihres Lebens keusch und allein leben müssen, dann akzeptieren das die Leute nicht mehr. Die Leute verlassen die Kirche und es bleibt der harte, konservative Bodensatz von etwa zwanzig bis dreißig Prozent, die mit solchen Dingen wie Kreuz.net durchaus einverstanden sind. (Reinhard Jellen)