Besondere Vorsicht im Osten

Der Afrika-Rat und die Internationale Liga für Menschenrechte haben zur Fußball-WM die angekündigten "Ratschläge zum Verhalten bei rassistischen Übergriffen" veröffentlicht

Wie vor einigen Wochen angekündigt, haben der Afrika-Rat und die Internationale Liga für Menschenrechte jetzt kurz vor Beginn der Fußball-WM ihre Ratschläge zum Verhalten bei rassistischen Übergriffen veröffentlicht. Unter dem Titel "Zuhause bei Feinden?" hatten die beiden Organisationen nach der Gewalttat gegen Ermyas M. in Potsdam die Politik aufgefordert, gegen den von rechter Seite betriebenen Rassismus endlich entschiedener vorzugehen, und vor weiteren rassistischen Taten im Kontext der WM gewarnt (Zu Gast bei Feinden). In der Pressemitteilung wurde zwar von No-Go-Areas gesprochen, allerdings hatten die Organisationen nicht, wie vielfach kolportiert, erklärt, eine Karte mit solchen gefährlichen Gebieten vorzulegen.

In den nun in fünf Sprachen veröffentlichten "Ratschlägen" heißt es allgemein, die Wahrscheinlichkeit, dass Ausländer aufgrund ihrer äußeren Erscheinung, insbesondere gegenüber Schwarzen, zum Opfer rassistischer und rechtsextremer Gewalt werden können, sei in Ostdeutschland und in Teilen Ost-Berlins "um ein Vielfaches höher als in Westdeutschland". Daher wird zur "besonderen Vorsicht" bei einem Aufenthalt dort gewarnt, allerdings auch hinzugefügt, dass auch in Westdeutschland rassistische Überfälle möglich sind.

Mögliche Täter müssen nicht wie durch Kleidung, Frisur oder andere Symbole identifizierbare Skinheads oder Rechtsextremisten aussehen, schreiben die Organisationen. Geraten wird, sich möglichst in einer Gruppe zu bewegen, besonders an Haltestellen aufmerksam und Nachts vorsichtig zu sein. Gefährlich könne es auch dort sein, wo sich Menschenmassen befinden, da hier die Wahrscheinlichkeit größer sei, "dass niemand helfend eingreift". Ansonsten wird empfohlen, ruhig zu bleiben, einzelne Personen um Hilfe zu bitten, in öffentlichen Verkehrsmitteln sich an den Fahrer zu wenden oder die Notbremse zu ziehen, um Hilfe zu rufen und mit dem Handy die Polizei zu rufen.

Am besten sei, das "Unerwartete" zu machen, weil das die Angreifer überrasche oder ablenke. Allerdings werden die Ratschläge selbst "bescheiden" genannt. Man hätte gerne bessere und mehr Informationen geboten, habe dies aber ehrenamtlich und ohne Förderung machen müssen. Tatsächlich wäre es wohl durchaus möglich und eine gute Geste gewesen, wenn der Veranstalter der WM oder die Bundesregierung sich hier finanziell beteiligt hätten. Die Organisationen machen auch deutlich, dass es ihnen nicht ums Schlechtmachen oder gar Vergraulen von Besuchern geht, sondern nur um eine Anerkennung der Tatsache, dass fremdenfeindliche Übergriffe in Deutschland geschehen können.

Der Berliner Verfassungsschutz hat in seiner Publikation Im Fokus: Rechte Gewalt in Berlin "No-Go-Areas" bzw. "verdichtete Räume rechter Gewalt" benannt: Wohngebiete in Friedrichshain, Lichtenberg und Friedrichsfelde an der Frankfurter Allee, in Johannisthal-Adlershof und Rudow sowie am Prenzlauer Berg, in Pankow und Weißensee

Nach einer Emnid-Umfrage für die Berliner Morgenpost sind 71% der befragten Berliner dafür, rechtsextreme Parteien und Organisationen zu verbieten. Zwei Drittel glauben, dass rechte Gewalt verbreitet sei und es Gebiete in Berlin und Brandenburg gebe, die zu betreten für Ausländer möglicherweise gefährlich sein könnte. Allerdings ist interessant, dass die Wahrnehmung des Risikos sehr unterschiedlich ausfällt (vgl. Gefährliche Stadtviertel). Frauen sind sehr viel häufiger der Meinung als Männer, dass es gefährliche Gebiete gibt. Auch im Westen Berlins gehen die Menschen (71%) sehr viel eher davon aus, dass es solche No-Go-Areas gibt, im Osten Berlins sagen das "nur" 55%. Wenig verwunderlich ist, dass Westdeutsche fremdenfeindliche Gewalt auch eher für ein ostdeutsches Problem halten.

Im Kontrast dazu steht allerdings, dass nur 10% das "gesellschaftliche Klima in der Stadt als ausländerfeindlich" bezeichnen, für zwei Drittel ist die Stadt weder ausländerfeindlich noch -freundlich, 25% sehen Berlin hingegen als besonders ausländerfreundlich an. (Florian Rötzer)

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