Besonders Covid-19 gefährdet: Beschäftigte im Gesundheitsbereich

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Das Ergebnis der britischen Studie kollidiert mit der Impf-Priorisierung in Großbritannien, die das Alter als primäres Kriterium setzt

Seit der Coronaviruspandemie wird zwischen systemrelevanten Tätigkeiten oder Berufen und solchen unterschieden, die letztlich auch mal ausfallen können oder die zumindest zeitweise verzichtbar zu sein scheinen. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales hat eine Liste der systemrelevanten Bereiche zusammengestellt, die ziemlich umfangreich ist und vom Energie - und Wasser-/Entsorgungssektor über die Ernährung (mit Bauern und Verkäufer*innen) und den Gesundheitssektor bis zu Kernbereichen der Verwaltung oder Schulen und Kinderbetreuung reicht. Auch Informationsmedien sind wichtig, nicht aber Kultur, Unterhaltung oder Wissenschaft.

Nach einer in der Zeitschrift Occupational & Environmental Medicine veröffentlichten Studie über die besonders durch schwere Covid-19-Infektionen gefährdeten systemrelevanten Jobs in Großbritannien macht deutlich, dass vor allem die im Gesundheitsbereich Tätigen am stärksten gefährdet sind. Sie haben ein siebenmal so hohes Risiko wie die Menschen, die nicht-systemrelevanten Jobs nachgehen. Ein doppelt so hohes Risiko haben Menschen, die im Pflege- und Transportbereich arbeiten. Menschen, die in Geschäften arbeiten, sind nach dieser Studie weniger gefährdet.

Die Wissenschaftler haben das Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken, mit Daten der großen Biobank-Studie(2006-2010) über Faktoren, die die Entwicklung von Erkrankungen bei Erwachsenen beeinflussen, Corona-Testergebnisse und der Todesfälle zwischen dem 16. März und dem 26. Juli verglichen. Als schwere Erkrankung galt ein positives Testergebnis bei Patienten in Krankenhäusern oder mit dem Virus verbundenen Todesfällen. Erfasst wurden über 120.000 Beschäftigte im Alter von 49-64 Jahren, von denen 29 Prozent systemrelevante Jobs hatten. Frauen haben ebenso wie Schwarze oder Asiaten eher solche Jobs. Die empirische Basis ist allerdings relativ klein, die Biobank-Studie nicht repräsentativ, von den untersuchten 120.000 Beschäftigten erkrankten 271 schwer an einer Covid-19-Infektion.

Es spielt aber nicht nur die Tätigkeit eine Rolle. So waren nicht systemrelevant beschäftigte Schwarze und Asiaten ähnlich gefährdet wie weiße systemrelevant Beschäftigte bzw. dreimal so stark gefährdet wie weiße nicht systemrelevant Beschäftigte. Das dürfte allerdings wenig mit dem ethnischen Hintergrund als mit der Zugehörigkeit zu einer schlechter gestellten sozio-ökonomischen Schicht zu tu haben.

Bei allen Schwächen der Studie bestätigt sie die Ergebnisse anderer Studien und zeigt nach den Wissenschaftlern noch einmal die Notwendigkeit, systemrelevant Beschäftigte vor allem im Gesundheits- und Pflegebereich in besonderem Maße zu schützen, um die Verbreitung der Pandemie einzudämmen.

Großbritannien hat bereits mit der Impfung begonnen. Weil aber zunächst nur 800.000 Dosen des Biontech/Pfizer-Impfstoffs zur Verfügung stehen, wurde die Priorisierung verändert. Das Joint Committee on Vaccination and Immunisation (JCVI) hat beschlossen, dass die Verhinderung von Todesfällen höchste Priorität haben soll. Und weil das Risiko mit zunehmendem Alter über 50 Jahren steigt, setzt man auf die Impfung nach Alter und vor allem auf die von alten Menschen in Pflegeheimen. Mit der Impfung der Menschen im Alter von über 50 Jahren soll 99 Prozent der verhinderbaren Mortalität vermieden werden.

Auch Menschen mit riskanten Vorerkrankungen sollen in der ersten Phase bevorzugt werden. Dazu soll auch das Personal in den Pflegeheimen geimpft werden, das die vulnerablen alten Menschen infizieren könnte, während die übrigen Beschäftigten im Gesundheitsbereich, die nach der oben beschriebenen Studie besonders gefährdet sind, hintanstehen müssen. Die sollen dann, wenn nicht Impfdosen übrigbleiben, in der zweiten Phase geimpft werden, was natürlich schon zu berechtigter Kritik geführt hat, danach kommen schon Soldaten und Beschäftigte im Justizsystem, gefolgt von Lehrern und im Transport Beschäftigtn sowie schließlich Angestellte im öffentlichen Dienst, die wichtig für die Bekämpfung der Pandemie sind.

Politiker und Regierungsangehörige werden nicht explizit erwähnt. Sind sie systemrelevant? Ist auch die parlamentarische Opposition systemrelevant? (Florian Rötzer)