Bestandsgarantie für Kohlekraftwerke

Die Urananreicherungsanlage Gronau und die atomare Option

Da verhält es sich mit der Atomkraft schon etwas anders. Dort geht es meist um relativ konkrete, übersichtliche Projekte und Fragen und immer wieder gab es auch Anlässe, die den öffentlichen Unmut kulminieren ließen. So zuletzt die dreifache Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima im März 2011. Die nachfolgenden hiesigen Proteste brachten schließlich - gemeinsam mit einigen anderen Faktoren wie den wackeligen wirtschaftlichen Aussichten und den massiven Protesten gegen das Stuttgarter Milliardengrab - die Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke zu Fall, die die Regierung Merkel-Rösler wenige Monate zuvor durchgedrückt hatte.

Seitdem denken alle, dass Deutschland den Ausstieg aus der Atomenergienutzung beschlossen hätte, weil die kommerziellen AKW halbwegs restriktive Restlaufzeiten vorgeschrieben bekamen. Spätestens zum 31.12. 2022 sollen die drei letzten der noch laufenden acht Reaktoren vom Netz gehen, aber aufgrund des Konzepts der Reststrommengen wird dies vermutlich schon deutlich früher der Fall sein.

Zentrifugen zur Uran-Anreicherung in Ohio. Bild: US Department of Energy

In Gronau haben allerdings zu Beginn der Woche Sitzblockaden vor der dortigen Atomfabrik, einer Urananreicherungsanlage, ein Schlaglicht auf die Tatsache geworfen, dass seinerzeit 2011 keinesfalls ein umfassender Ausstieg aus der Atomkraftnutzung beschlossen wurde. So ist Deutschland, wie kürzlich berichtet, weiter Mitglied in Euratom. Außerdem werden weiter Forschungsreaktoren betrieben, wie zum Beispiel in Berlin und in Garching bei München.

Letzterer sogar mit hochangereichertem Uran, etwas, das die NATO-Staaten dem Iran unbedingt verwehren wollen und das Land deshalb über viele Jahre implizit mit einem Angriffskrieg bedroht haben.

In Gronau wird derweil weiter das hochgiftige und radioaktive Uranhexafluorid produziert, dass für die Herstellung von Brennstäben benötigt wird. Brennstäbe, für die es in Deutschland gar keine Verwendung mehr gibt. Aber wir sind ja schließlich Exportweltmeister oder wollen den Chinesen diesen Titel zumindest wieder abjagen. Also können wir neben jeder Menge militärischen Mordinstrumenten ja auch ein wenig nuklearen Brennstoff für die umliegenden Länder produzieren. Die Winde werden gegebenenfalls schon richtig stehen, wenn in Belgien, Frankreich oder der tschechischen Republik ein von deutschen Fabriken ausgerüstetes AKW havariert.

Die Atomkraftgegner berichteten in einer Pressemitteilung von einem harschen Vorgehen der Polizei gegen ihre friedlichen Sitzblockaden. Das passt ja irgendwie zu dem unfriedlichen Zweck der Anlage. Urananreicherung kann nämlich auch der Herstellung von Bombenstoff dienen, und das dürfte auch der Grund sein, weshalb es der Bundesregierung so schwer fällt, sich von der Anlage in Gronau zu trennen.

Die Option des Atombombenbesitzes war in den 1950er und 60er Jahren das Motiv für die westdeutschen Regierungen, den seinerzeit noch viel kleineren und zögerlichen Stromkonzernen die Atomenergie schmackhaft zu machen. Der Betrieb von Garching zeigt, dass diese Träume noch nicht ganz ad acta gelegt sind. Schließlich wird heute ja von der AfD - ein Blick in deren Programm lohnt sich wirklich - bis zur SPD die Aufrüstung und die weltweite militärische Durchsetzung der Interessen deutscher Unternehmen gefordert. Und wer im Konzert der Großmächte ganz vorne mitspielen will, muss sich auch die atomare Option offen halten. (Wolfgang Pomrehn)

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