Bewaffnete Polizeiroboter: "Hey, diese Dinger sind wirklich nützlich"

Ein Northrop-Grumman Remotec Andros F-6A, der wie in Dallas mit einem Sprengsatz zu einem bewaffneten Roboter umfunktioniert werden kann. Bild: dvids/gemeinfrei

Nach dem Auftakt in Dallas werden bewaffnete Roboter in den USA und anderswo in den Polizeialltag einziehen - mit unübersehbaren Folgen

Die vermutlich erste Verwendung eines Roboters in den USA zum Ausschalten eines Menschen durch eine SWAT-Einheit der Polizei in Dallas hat die Tür für bewaffnete Roboter weiter geöffnet. In Dallas setzte die Polizei auf den Angreifer, der sich in einem Parkhaus verbarrikadiert hatte, nachdem er 5 Polizisten kaltblütig erschossen und 9 verwundet hat, einen fernsteuerbaren, aber eigentlich unbewaffneten Roboter mit Greifarmen ein. Er wurde mit einem Sprengsatz ausgerüstet und zum dem Täter manövriert, in dessen Nähe dann der Sprengsatz gezündet wurde und Johnsohn an den Folgen der Verletzungen starb.

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Nach stundenlangen Verhandlungen und Schusswechseln entschloss sich die Polizei, um die eigenen Leute nicht zu gefährden, den Roboter, der normalerweise etwa dazu dient, Sprengsätze zu entschärfen oder gefährliche Situationen auszukundschaften, zu einer Waffe umzufunktionieren. Damit wurde, wie es in den amerikanischen Medien hieß, erstmals ein fernsteuerbarer Roboter zu einer "gezielten Tötung" verwendet, wie dies vor allem seit Amtsbeginn von Barack Obama im amerikanischen Drohnenkrieg schon Routine geworden ist.

Der Rubikon ist also durchschritten, die kriegserprobte militärische Technik wird nun auch vermehrt in die USA (und wahrscheinlich andere Staaten) einziehen, wie dies bereits mit anderer Militärtechnik geschehen ist, mit der die Polizei aufgerüstet und militarisiert wurde: von entsprechend geschulten und bewaffneten SWAT-Teams über gepanzerte und bewaffnete Fahrzeuge bis hin zu Granatwerfern oder Sturmgewehren. US-Präsident Obama konnte 2015 noch ein Gesetz durchsetzen, um das Weiterreichen von Waffensystemen vom Militär zur Polizei zu begrenzen. So dürfen jetzt Bajonette, gepanzerte Fahrzeuge oder Granatwerfer nicht mehr der Polizei übergeben werden. Roboter, inklusive Drohnen, allerdings weiterhin. Letztes Jahr wurde bereits, wenn auch vermutlich aus Versehen, in North Dakota als erstem Bundesstaat der Polizei erlaubt, Drohnen mit allen Waffen einzusetzen, die als nichttödlich gelten (Bewaffnete Drohnen: Die Jagd ist eröffnet).

Nach Dallas ist der erste Schritt für letale Bewaffnung von Robotern gemacht. Die Argumentation geht dahin, dass Polizisten in Notwehr oder bei unmittelbarer Bedrohung eines Menschen bereits tödliche Gewalt anwenden können. Dabei, so heißt es, sei es letztlich egal, mit welcher Waffe dies geschieht. Die pragmatische Argumentation ist vielleicht auf den ersten Blick einleuchtend, aber schon der Fall Dallas zeigt, dass der fernsteuerbare Roboter nicht in unmittelbarer Notwehr eingesetzt wurde, sondern zu dem Zweck, eine Gefährdung der Polizisten auszuschließen. Der fernsteuerbare Roboter erhöht die Distanz, ist also gegenüber der Schusswaffe eine verstärkte Distanzwaffe, weil derjenige, der den Roboter steuert, keiner Gefahr mehr ausgesetzt ist, was selbst der Scharfschütze hinter einem Schutz noch ist.

Sean Bielat, der CEO von Endeavor Robotics, einer ausgegliederten Firma, die Militärroboter herstellt und bis vor kurzem Teil von iRobot war, meint lapidar zu Defense One, dass der Roboter in Dallas dazu diente, Menschen in einer extremen Situation zu schützen: "Das ist der Zweck, wie Roboter eingesetzt werden sollen." Auch der Bürgermeister von Dallas stellte sich hinter den Polizeichef. Den Roboter einzusetzen, sei der sicherste Weg gewesen, aber natürlich auch der tödlichste, was den Täter betrifft.

Das auf der Hand liegende Problem beim Einsatz von bewaffneten Robotern in der Polizeiarbeit ist dasselbe wie beim militärischen Einsatz. Da das Leben des eigenen Personals nicht mehr gefährdet ist und man schnell und vor allem auch präventiv reagieren kann, wird wohl noch öfter tödliche Gewalt eingesetzt werden. Zumal in einer Situation wie in den USA, wo der Rassenkonflikt wieder zu mehr Gewalt führen kann, als sie bislang schon herrscht, und wo wegen der Waffenüberflutung die Neigung hoch sein dürfte, Roboter vorzuschicken.

In Dallas nutzte die Polizei einen Remotec Andros F5 von Northrop Grumman, der noch um die 150.000 Euro kostete, wie Polizeichef Anderson am Montag mitteilte. Der Preis könnte verhindern, dass sich der Einsatz solcher Roboter bei der Polizei häuft. Der Greifarm des Roboters wurde beschädigt, er sei aber noch verwendungsfähig für "andere Operationen". Allerdings dürften die Preise für Militärroboter und deren Komponenten ähnlich wie für Drohnen fallen, vor allem wenn es Fortschritte beim 3D-Druck gibt und überhaupt die Nachfrage wächst.

Bielat sagt schon aus eigenem Interesse voraus, dass dann, wenn Roboter von den Bombenentschärfern zur Infantrie wechseln, die Menschen sagen werden: "Hey, diese Dinger sind wirklich nützlich. Was sie noch nützlicher machen würde, wäre x, y und z, und das schließt wahrscheinlich Bewaffnung mit ein. So wie man jetzt in jedem Polizeifahrzeug einen Laptop und Kameras hat, wird man bald einen kleinen Roboter haben, der vielleicht eine Taserwaffe besitzt." Dann würde kein Polizist mehr selbst ein Fahrzeug in der Nacht anhalten und die Insassen überprüfen, sondern ein Roboter vorschicken. Eine Schusswaffe sei nicht unbedingt notwendig. Während ein Polizist oder Soldat oft keine Taser-Waffe nutzen könne, wenn er sein Leben schützen will, könnte dies ein Roboter machen.

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Aber auch wenn sie "nur" mit Taserwaffen ausgerüstet wären, könnte das auch schon reichen, die Gewalt weiter einzuheizen. Nicht nur sterben auch nach deren Einsatz Menschen, gerne werden sie auch eingesetzt, um Menschen zu unterwerfen - und weil sie als Distanzwaffen angeblich nichttödlich sind, setzt man sie häufiger ein, um überhaupt nicht in ein körperliches Gerangel zu kommen.

Wenig beachtet wird, dass nicht nur Regeln über den Einsatz von bewaffneten Polizeirobotern dringend ausgearbeitet werden müssen, mithin auch eine Maschinenethik, sondern dass man damit auch in ein Wettrüsten eintritt. Schließlich werden dann auch Polizisten mit bewaffneten Robotern konfrontiert sein, diese werden vermutlich auch für Raubzüge und andere kriminelle Zwecke eingesetzt werden. (Florian Rötzer)

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