Bewegung im Streit um den Yuan

US-Regierung nimmt Dampf aus dem Kessel, um China Zeit zum Handeln zu geben

Es sieht danach aus, als ob Bewegung in den Streit zwischen den USA und China um die Bewertung der chinesischen Währung kommt. Die Volksrepublik hat seit Mitte der 1990er Jahre sein "Volksgeld" Renminbi, die Einheit heißt Yuan, fest an den US-Dollar gekoppelt. Während der Asienkrise 1997/98 sorgte das in der Region für Stabilisierung, während ringsum die Währungen stark abwerteten. Entsprechend erhielt Beijing (Peking) seinerzeit viel Lob aus den Metropolen.

Seit Mitte des letzten Jahrzehnts, seit dem China begann, einen schnell wachsenden Handelsbilanzüberschuss zu erwirtschaften, hat sich das allerdings drastisch geändert. Nun hagelt es heftige Kritik, vor allem aus den USA, aber auch aus Westeuropa. Die meisten Entwicklungsländer und Nachbarn Chinas haben hingegen wenig Grund zu Klage, da sie oft mehr nach China exportieren, als sie von dort importieren. China reagierte auf die Kritik aus Washington, indem es im Sommer 2005 begann, den Yuan in einem engen Band gegenüber dem US-Dollar aufwerten zu lassen. Von 8,2865 ist er seitdem auf 6,82665 Yuan pro Dollar geklettert. Mit Beginn der jüngsten Krise ist der Kurs jedoch auf dem letztgenannten Niveau eingefroren worden.

In den USA, wo für ein parteiübergreifendes Bündnis aus Gewerkschaftern und Populisten China ohnehin ein beliebter Sündenbock ist, der gerne für die Strukturprobleme der dortigen Wirtschaft verantwortlich gemacht wird, kochen derzeit die Gemüter über. Die Regierung wird nicht zuletzt im Kongress unter Druck gesetzt, China offiziell "Währungsmanipulation" vorzuwerfen. Dann wäre nach Beschlusslage des Parlaments der Weg für Handelssanktionen gegen die Volksrepublik frei.

Die US-Regierung scheint hingegen bemüht, die Wogen zu glätten. Das US-Finanzministerium hat am Wochenende bekannt gegeben, dass sein Halbjahresbericht über die chinesische Währungspolitik nicht am 15. April, sondern später veröffentlicht werden wird, wie die Straits Times aus Singapur berichtet. Offensichtlich, um sich zum einen keinen Affront gegenüber Chinas Präsidenten Hu Jintao zu leisten, der am 12. und 13. April in Washington an einem Gipfel über atomare Sicherheit teilnehmen wird. Zum anderen vermutlich aber auch, um Beijing Zeit zu geben. In China tobt nämlich bereits seit Monaten eine heftige Auseinandersetzung zwischen Fachleuten, wie in der Frage der Wechselkurse weiter zu verfahren sei.

Beijing soll, so Reuters, Signale ausgesendet haben, dass eventuell noch in diesem Quartal der Yuan wieder aufgewertet werde. Die Reihenfolge ist wichtig, denn die chinesische Regierung muss schon allein aus innenpolitischen Erwägungen jeden Eindruck vermeiden, sie gebe gegenüber Druck aus Washington nach. Wie die Aufwertung vonstatten gehen wird, ist unklar. Möglich ist eine geringe einmalige Aufwertung. Auf jeden Fall wird man wohl aber das vor 20 Monaten suspendierte Verfahren wieder aufnehmen, wonach dem Yuan im stark reglementierten Devisenhandel eine Bewegung in Minischritten gewährt wird. Laut Reuters sei mit drei bis vier Prozent Aufwertung in 12 Monaten zu rechnen.

So what, mag man da fragen. Selbst wenn die US-Vorwürfe richtig sind, wenn die chinesische Währungspolitik tatsächlich der Hauptgrund für das US-Handelsbilanzdefizit mit der Volksrepublik sein sollte, wäre das tatsächlich so verwerflich? Immerhin ist China bei einem Pro-Kopf-Bruttonationaleinkommen von 2.370 US-Dollar pro Einwohner in 2007 (5.420 in Kaufparitäten) noch immer ein Entwicklungsland, und zwar kein besonders wohlhabendes, sondern eines aus dem oberen Mittelfeld (zum Vergleich: Brasilien, 5.860 (9.270) USD pro Kopf, Türkei 8.030 (12.810) USD, Deutschland 38.990 (34.740) USD, USA 46.040 (45.840) USD, alle Zahlen für 2007 nach "Fischer Weltalmanach 2010", in Klammern jeweils die Angaben in Kaufkraftparitäten).

Angesichts dieser Verhältnisse ist es eigentlich verständlich, wenn sich China vor allem darum kümmert, das eigene Land zu entwickeln und seiner Bevölkerung Aussicht auf ein wenig Wohlstand zu verschaffen. Immerhin haben Westeuropa und Nordamerika 200 Jahre lang ihre industrielle Entwicklung mit Reichtümern finanziert, die sie aus Sklavenhandel, kolonialer Ausbeutung Asiens, Afrikas und Lateinamerikas sowie ungleichen Handelsbeziehungen mit den dortigen Ländern zogen. Unter anderem haben die Europäer, auch Deutschland), zu diesem Zweck im 19. Jahrhundert mehrere Kriege gegen China geführt, was man vielleicht hier, aber keinesfalls in der Volksrepublik vergessen hat.

Mal ganz von all dem abgesehen, gibt es auch aus chinesischer Sicht ein paar Gründe, die für eine Aufwertung des Yuans sprechen, zum Beispiel die Bekämpfung der heimischen Inflation. Außerdem ist die Führung in Beijing ohnehin bemüht, die Abhängigkeit von der Exportwirtschaft zu verringern und den Binnenmarkt zu entwickeln. Eine Aufwertung würde also vielleicht die Exporteure treffen, aber zugleich die Importe verbilligen und so Investitionen und Konsum im Inland stimulieren. (Wolfgang Pomrehn)